Wer die Belege verwaltet: Anatomie einer Reaktion

Wenige Stunden nach Erscheinen meines Essays über Ehl-i Kıble kam eine ausführliche Kritik, in zwei Fassungen für zwei Publika. Eine soziologische Lektüre der Mechanik dahinter, die den eigenen Text nicht ausnimmt.
Praevention-Resilienz
Gesellschaft-Politik
Autor:in

Engin Karahan

Veröffentlichungsdatum

30. September 2026

Wer die Belege verwaltet: Anatomie einer Reaktion

Am 28. September 2026 ist mein Essay „Ehl-i Kıble: Ein Verfahren, um Differenz auszuhalten” erschienen. Noch am selben Tag veröffentlichte ein Leser eine ausführliche Kritik, als Kommentar unter meinem Facebook-Beitrag und in erweiterter Form auf seiner eigenen Facebook-Seite. Dieser Text antwortet nicht auf die theologischen Einwände. Er fragt, wie die Kritik gebaut ist und was sie bewirkt. Den Namen des Autors nenne ich nicht. Mich interessiert die Mechanik, weil sie zu dem künstlichen Biotop passt, das ich im Essay als vierte Pathologie beschrieben habe.

Kritik an einem Text ist ein Gewinn. Sie zwingt dazu, genauer zu werden, und sie zeigt, wo ein Argument nicht trägt. Manche Kritik hat daneben eine zweite Funktion, die mit dem kritisierten Text wenig zu tun hat. Sie markiert eine Grenze und zeigt einem Publikum, dass diese Grenze hält. An der Reaktion auf meinen Essay lässt sich das gut beobachten, weil sie in zwei Fassungen vorliegt.

Zwei Fassungen für zwei Publika

Unter meinem Beitrag beginnt die Kritik mit einem Friedensgruß und spricht mich mit Du an. Der Ton ist kollegial. Der Autor „würde hier unterscheiden”, er „fragt sich”, ob die Begriffe nicht zu viel tragen. Das ist die Sprache eines Gesprächs unter Lesenden.

Bildschirmausschnitt eines Facebook-Kommentars mit geschwärztem Namen und Profilbild. Er beginnt mit „Salamun alaykum“ und zwei nummerierten Punkten, die den Autor des Essays mit Du ansprechen.

Der Anfang der Kritik als Kommentar unter meinem Facebook-Beitrag vom 28. September 2026. Name und Profilbild habe ich unkenntlich gemacht (eigenes Bildschirmfoto).

Auf seiner eigenen Seite steht derselbe Inhalt in anderer Form. Dort heißt es „Karahan schreibt” und „Er behauptet”. Jeder Punkt ist dreigeteilt, erst ein Zitat aus meinem Text, dann die Kritik, am Ende ein Urteil mit dem Etikett „Fazit”. Die Etiketten lauten „Begriffsvermengung”, „Analogieschluss ohne gemeinsamen Grund”, „Fehlschluss und Argument aus dem Schweigen”, „Vermischung der Disziplinen”, „Verwechslung von Zweck und Wirkung” und „Belegmängel und Deutung als Befund”. Darunter stehen Hashtags mit meinem Namen und ein Bild mit dem Reihentitel „Neue Deutsche Befreiungstheologie. Muslimische Akademiker im Spiegel der Realität”.

Bildschirmausschnitt eines Facebook-Beitrags mit geschwärztem Namen und Profilbild und dem Hinweis „KI-Inhalt“. Darunter die Überschrift „Ein innerislamisches Prinzip in fremdem Rahmen“, ein Zitat aus dem Essay, der Punkt „Karahan schreibt …“ und die Zeile „Fazit: Begriffsvermengung im Recht des Takfīr“.

Der Anfang derselben Kritik auf der Facebook-Seite des Kritikers mit Überschrift, erstem Zitat und erstem „Fazit“. Name und Profilbild habe ich unkenntlich gemacht (eigenes Bildschirmfoto).

Erving Goffman hat beschrieben, wie derselbe Vorgang je nach Rahmung etwas anderes bedeutet1. Die zweite Fassung ist ein Gutachten, fast ein Urteil. Ihr Publikum bin nicht ich. Ihr Publikum ist die eigene Gemeinschaft, der vorgeführt wird, dass ein „muslimischer Akademiker” geprüft und für mangelhaft befunden wurde. Die Du-Fassung lädt zum Gespräch ein, die Er-Fassung verkündet dessen Ergebnis.

Der Rahmen wird vor dem Argument verhandelt

Die Überschrift auf der Seite des Kritikers lautet „Ein innerislamisches Prinzip in fremdem Rahmen”. Bevor ein einziges Argument geprüft ist, steht fest, dass der Rahmen des Textes illegitim ist. Alles Weitere folgt daraus. Was in diesem Rahmen gesagt wird, gilt als „Deutung”, was der Kritiker dagegenhält, als „Befund”.

Pierre Bourdieu hat das religiöse Feld als Raum beschrieben, in dem Spezialisten um das Monopol auf den legitimen Umgang mit dem Heiligen konkurrieren2. Die wirksamste Waffe in diesem Wettbewerb ist nicht das einzelne Argument. Es ist die Festlegung, welche Art von Argument überhaupt zählt. Wer diese Festlegung durchsetzt, muss die Gegenseite nicht widerlegen. Er kann sie für unzuständig erklären.

Daran lässt sich auch ablesen, was die Kritik nicht zitiert. Der Essay beschreibt Liturgie als Arbeit am Habitus, die Verzögerung zwischen überlieferter Form und gelebter Wirklichkeit und vier Pathologien, die daraus entstehen. Die vierte davon, das künstliche Biotop, ist der Teil, den ich selbst für den wichtigsten halte. Die Kritik zitiert aus dem Absatz über den Neo-Traditionalismus die Formel von der „ḥanbalitisch-ašʿarītischen Synthese mit salafistischen Einschlägen“ und bestreitet sie. Den Satz, mit dem dieser Absatz endet, übergeht sie. Er beschreibt das abgedichtete Biotop. Dass eine Kritik aus diesem Milieu gerade dort aufhört zu zitieren, überrascht nicht. Die Abschnitte über Liturgie, Verzögerung und Pathologien kommen in der Kritik nicht vor. Zitiert werden ausschließlich Sätze, an denen sich eine Schulzugehörigkeit, eine Fundstelle oder eine Zuschreibung abfragen lässt. Was nicht in der Währung des eigenen Feldes formuliert ist, gilt als nicht gesagt.

Belege als Grenzarbeit

Der Soziologe Thomas Gieryn hat 1983 untersucht, wie Wissenschaftler die Grenze zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft ziehen3. Er nannte das boundary-work. Seine Beobachtung war, dass diese Grenzen je nach Gegner verschieden gezogen werden, und zwar so, wie es den Interessen der eigenen Profession dient. Die Kriterien sind beweglich, stabil bleibt der Anspruch, sie festzulegen.

Die Kritik trägt das Hashtag „Quellenprüfung”. Sie verlangt an sechs Stellen Belege. Zugleich schreibt sie selbst „die Nummer bitte gegenprüfen”, „meines Wissens” und „müsste man an der Quelle prüfen”. Die Prüfung, die sie fordert, erledigt sie selbst nicht. Das ist kein Widerspruch, wenn man die Funktion der Forderung betrachtet. Der Beleg dient hier weniger der Klärung einer Sachfrage. Er entscheidet darüber, wer mitreden darf. Wer die Belege verwaltet, verwaltet den Zugang zum Gespräch.

Hinzu kommt ein Ungleichgewicht im Aufwand. Sechs Einwände lassen sich schnell formulieren, mit maschineller Hilfe noch schneller. Jeden davon zu beantworten, kostet Stunden. Wer antwortet, akzeptiert die Spielregeln des anderen. Wer nicht antwortet, gilt vor dem eigenen Publikum des Kritikers als widerlegt. Diese Asymmetrie ist aus Debatten über Desinformation bekannt, sie funktioniert im religiösen Diskurs genauso.

Zerlegen, etikettieren, urteilen

Die Kritik zerlegt den Text in sechs Einzelpunkte und versieht jeden mit dem Namen eines Denkfehlers. So entsteht ein Katalog, der nach Methode aussieht. Das abschließende Urteil lautet, der Text „belegt seine zentralen Behauptungen kaum”. Über die zentralen Behauptungen des Essays sagt die Kritik aber nichts, weil sie sie nicht zitiert. Das Urteil verallgemeinert von den Rändern auf die Mitte.

Bildschirmausschnitt mit dem sechsten Kritikpunkt, der Zeile „Fazit: Belegmängel und Deutung als Befund“, dem Schlussurteil, Hashtags wie #Quellenprüfung und einem Bild mit der Unterschrift „Neue Deutsche Befreiungstheologie – Muslimische Akademiker im Spiegel der Realität“.

Der Schluss der Fassung auf der Seite des Kritikers mit dem sechsten Punkt, dem Gesamturteil, den Hashtags und dem Reihenbild (eigenes Bildschirmfoto).

Auf der eigenen Seite des Kritikers lesen die meisten Menschen vermutlich nur die Fazit-Zeilen. Die Etiketten tragen dort die Last der Argumentation. Wer „Fehlschluss” liest, übernimmt den Befund, ohne den Schluss geprüft zu haben.

Eine Grenzziehung als Antwort auf ein Plädoyer gegen Grenzziehung

Der Essay endet mit dem Gedanken, dass Gespräche über Traditionsgrenzen hinweg von der Disziplin abhängen, dem anderen den Ausschluss zu verweigern. Die Kritik schließt mit der Feststellung, das Verfahren werde auf einen Rahmen übertragen, „für den es nie gedacht war”. Die Antwort auf ein Plädoyer gegen Grenzziehung ist eine Grenzziehung.

Ich lese das nicht als persönliches Versagen. Die vierte Pathologie, die der Essay beschreibt, ist ein abgedichtetes Biotop, das nur eine kleine Gruppe tatsächlich bewohnen kann. Solche Biotope brauchen Grenzarbeit, um zu bestehen. Wer sie leistet, erfüllt eine Funktion, die das Milieu von ihm erwartet. Die übrigen Beiträge auf derselben Seite zeigen das Muster. Es gibt eine eigene Reihe, die Predigten und Lehrinhalte anderer muslimischer Akteure auf methodische „Irrwege” prüft, und eine öffentliche Warnung vor einem universitären Zentrum für islamische Theologie. Die Kritik an meinem Text reiht sich dort ein.

Was sich daraus lernen lässt

Die Forschung zur psychologischen Inokulation zeigt, dass Menschen Manipulation besser widerstehen, wenn sie die Techniken dahinter kennen, unabhängig vom jeweiligen Inhalt4. Das gilt auch für theologische Auseinandersetzungen in sozialen Medien, die für viele Leserinnen und Leser kaum zu beurteilen sind, weil sie die Quellen nicht selbst prüfen können. Einige Fragen helfen trotzdem weiter.

  • Welche Teile des kritisierten Textes werden zitiert, und welche fehlen?
  • Wer legt fest, was als Beleg zählt, und erfüllt die Kritik ihren eigenen Maßstab?
  • An wen richtet sich die Kritik, und gibt es sie in mehreren Fassungen?
  • Geht das Schlussurteil über das hinaus, was die Einzelpunkte tragen?
  • Soll der Einwand ein Argument verbessern oder einen Sprecher aus dem Gespräch nehmen?

Keine dieser Fragen entscheidet, wer theologisch recht hat. Sie zeigen, was eine Kritik tut, während sie über etwas anderes zu sprechen scheint. Dem Autor der Kritik danke ich für das Material. Es hat mir mehr über den Gegenstand meines Essays gezeigt, als eine weitere Fußnote es gekonnt hätte.

Fußnoten

  1. Goffman, Erving (1977): Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp (engl. Original 1974).↩︎

  2. Bourdieu, Pierre (2000): Genese und Struktur des religiösen Feldes. In: ders.: Das religiöse Feld. Texte zur Ökonomie des Heilsgeschehens. Konstanz: UVK (frz. Original 1971).↩︎

  3. Gieryn, Thomas F. (1983): Boundary-Work and the Demarcation of Science from Non-Science. Strains and Interests in Professional Ideologies of Scientists. In: American Sociological Review 48 (6), S. 781–795. DOI: 10.2307/2095325.↩︎

  4. Roozenbeek, Jon; van der Linden, Sander; Goldberg, Beth; Rathje, Steve; Lewandowsky, Stephan (2022): Psychological inoculation improves resilience against misinformation on social media. In: Science Advances 8 (34). DOI: 10.1126/sciadv.abo6254.↩︎