<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss  xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" 
      xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/" 
      xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" 
      xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" 
      version="2.0">
<channel>
<title>Ethos &amp; Polis</title>
<link>https://ethos-polis.info/publikationen/</link>
<atom:link href="https://ethos-polis.info/publikationen/index.xml" rel="self" type="application/rss+xml"/>
<description>Fachbeiträge zu Radikalisierungsprävention, Männlichkeitsbildern, Antisemitismus, KI-Aufsicht und Integrationspolitik.</description>
<image>
<url>https://ethos-polis.info/assets/img/banner.jpg</url>
<title>Ethos &amp; Polis</title>
<link>https://ethos-polis.info/publikationen/</link>
</image>
<generator>quarto-1.10.18</generator>
<lastBuildDate>Sat, 08 Aug 2026 00:00:00 GMT</lastBuildDate>
<item>
  <title>Prävention ist keine Gesinnungsprüfung</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/islamistische-radikalisierung-praevention-csd-anschlag.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/beratungsraum-praevention-digitaler-raum.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Prävention ist keine Gesinnungsprüfung"></p>
<p>Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day hat eine Frage zurück in die öffentliche Debatte gebracht, die nach beinahe jeder islamistisch begründeten Gewalttat gestellt wird. Warum wurde die Radikalisierung nicht rechtzeitig erkannt?</p>
<p>Die Frage ist verständlich. Sie enthält allerdings eine herausfordernde Erwartung. Präventionsarbeit erscheint darin als eine Art Frühwarnsystem, das zuverlässig erkennen soll, welcher radikalisierte Mensch tatsächlich Gewalt ausüben wird. Bleibt eine solche Warnung aus, gilt das Programm schnell als gescheitert. Kommt es trotz Beratung zu einer Tat, wird aus einem konkreten Fall ein pauschales Urteil über die Wirkungslosigkeit von Deradikalisierung.</p>
<p>Der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/islamistische-radikalisierung-praevention-100.html">Deutschlandfunk hat den Anschlag zum Anlass genommen</a><sup>1</sup>, in seiner Sendung „Der Tag“ erneut nach den Möglichkeiten islamistischer Radikalisierungsprävention zu fragen. Zu Gast war <a href="https://180gradwende.de/wer-wir-sind/">Mimoun Berrissoun</a>, der die Organisation <a href="https://180gradwende.de/">180 Grad Wende</a><sup>2</sup> 2012 gegründet hat und bis heute leitet. Die Sendung stellt seine Antworten den Forderungen gegenüber, die in den Tagen nach der Tat aus unterschiedlichen Kreisen kamen. Verlangt wurden Präventivhaft für Gefährder, der Ausschluss vom Jugendstrafrecht und der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft bei doppelter Staatsangehörigkeit. Die folgenden Bezüge stammen aus der Audiofassung.</p>
<p>Berrissouns zentrale Beobachtung widerspricht dabei der Erwartung, die in der öffentlichen Debatte den meisten Raum einnimmt. Auf die Frage, ob nicht reale Orte und reale Personen den Ausschlag gäben, antwortet er, Radikalisierung passiere „primär digital“ (ab Minute 8). Beim Anschlag von Solingen habe der Attentäter über das Internet Kontakt zum sogenannten Islamischen Staat gehabt, nicht über seine Unterkunft und nicht über eine Gemeinde. Einzelne radikalisierende Mentoren gebe es durchaus, sie ließen sich aber keiner bestimmten Moschee zuordnen. Diese Zuspitzung auf den digitalen Raum trifft einen realen Befund. Sie beantwortet allerdings nicht, warum eine Botschaft ausgerechnet bei einem bestimmten jungen Mann ankommt.</p>
<p>Vor der Frage nach Beratung und Deradikalisierung steht eine andere Aufgabe. Muslimische Verbände und Communities müssen sich dazu verhalten, welches Menschenbild sie vertreten und welche Abwertungen sie in ihren eigenen Räumen dulden. In derselben Sendung benennt Eren Güvercin von der <a href="https://alhambra-gesellschaft.de">Alhambra Gesellschaft</a>, dass es in Teilen der muslimischen Community Akteure gibt, die queeres Leben ablehnen und Ressentiments schüren, und dass große Teile dieser Community das Thema tabuisieren.</p>
<p>In meinem Beitrag <a href="https://karahan.net/de/blog/der-mensch-von-dem-wir-sprechen/">„Der Mensch, von dem wir sprechen“</a> habe ich nach dem CSD-Anschlag versucht, diese Auseinandersetzung nicht als äußere Belehrung, sondern mit Begriffen aus der eigenen Ideen- und Begriffswelt zu führen. Der Beitrag richtet sich dabei an die Gemeinden und Verbände selbst. Sie beanspruchen die Deutungshoheit darüber, was der Islam ist, und weisen zugleich jede Zuständigkeit dafür zurück, was nicht dazugehört. Queere Muslime berichten, dass sie wegen queerfeindlicher Aussagen nicht mehr in jeder Gemeinde beten können. Es fehlt die Bereitschaft, die Sache an dem Ort zu sagen, an dem sie wehtut, also in der Gemeinde, im Vorstand, in der Ausbildung der Imame und im Religionsunterricht. Diese Auseinandersetzung ersetzt Präventionsarbeit nicht, sie entscheidet aber mit darüber, ob Präventionsarbeit in muslimischen Räumen auf eine tragfähige Haltung trifft oder an einer Leerstelle arbeitet.</p>
<section id="prävention-kann-risiken-bearbeiten-aber-keine-zukunft-vorhersagen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="prävention-kann-risiken-bearbeiten-aber-keine-zukunft-vorhersagen">Prävention kann Risiken bearbeiten, aber keine Zukunft vorhersagen</h2>
<p>Radikalisierung ist kein linearer Prozess, an dessen Ende zwangsläufig Gewalt steht. Menschen können rigide religiöse oder politische Positionen vertreten, ohne eine Gewalttat zu planen. Umgekehrt können Personen in Beratungsgesprächen kontrolliert und unauffällig wirken, obwohl sie ihre Gewaltabsicht verbergen. Wer aus einzelnen Äußerungen unmittelbar eine sichere Prognose ableiten will, überschätzt die diagnostischen Möglichkeiten von Pädagogik und Sozialarbeit.</p>
<p>Berrissoun zieht diese Grenze im Deutschlandfunk von der anderen Seite. Er sagt ausdrücklich, er spreche nicht über Profile wie den Täter vom Samstagabend, die so verfestigt seien, dass sie nicht mehr erreichbar sind, sondern über eine sehr viel größere und vulnerable Gruppe von Mitläufern am Anfang einer Radikalisierung (ab Minute 11). Wer diese Unterscheidung zieht, sagt damit auch, wofür Präventionsarbeit nicht zuständig ist. Genau diese Selbstbegrenzung fehlt in der politischen Erwartung, die nach jedem Anschlag an die Präventionsarbeit herangetragen wird.</p>
<p>Das bedeutet nicht, dass Prävention im Ungefähren arbeiten darf. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verweist für die Beratung bei islamistisch begründeter Radikalisierung auf das Instrument <a href="https://www.bamf.de/DE/Behoerde/Beratungsstelle/beratungsstelle-node.html">ZiVI-Extremismus</a><sup>3</sup>, mit dem Beratungsverläufe strukturiert und anhand relevanter Kriterien ausgewertet werden sollen. Solche Instrumente ersetzen kein fachliches Urteil, können aber verhindern, dass Beobachtungen unsystematisch bleiben oder Warnzeichen zwischen verschiedenen Stellen verloren gehen.</p>
<p>Darin liegt eine notwendige Unterscheidung. Prävention soll Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen, ideologische Bindungen irritieren und soziale Alternativen stärken. Sicherheitsbehörden müssen dagegen konkrete Gefahren aufklären und gegebenenfalls eingreifen. Beide Bereiche brauchen einen geregelten Informationsaustausch, dürfen aber nicht miteinander verschmolzen werden. Wird jede pädagogische Beziehung zu einer verdeckten Sicherheitsmaßnahme, verlieren Beratungsstellen gerade den Zugang, den sie für ihre Arbeit benötigen. Werden konkrete Gefahrenhinweise dagegen mit Verweis auf Vertraulichkeit ignoriert, wird aus Beziehungsarbeit Verantwortungslosigkeit.</p>
</section>
<section id="deradikalisierung-beginnt-vor-der-fallarbeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="deradikalisierung-beginnt-vor-der-fallarbeit">Deradikalisierung beginnt vor der Fallarbeit</h2>
<p>Die öffentliche Debatte konzentriert sich nach einem Anschlag fast vollständig auf bereits radikalisierte und möglicherweise gewaltbereite Personen. Damit beginnt sie an dem Punkt, an dem die Handlungsmöglichkeiten am begrenztesten sind.</p>
<p>Davor liegt der digitale Raum, in dem junge Menschen auf propagandistische Angebote treffen, lange bevor eine Beratungsstelle mit ihnen in Kontakt kommt. Das von mir geleitete Projekt <a href="https://behind-the-feed.de/">Behind the Feed</a><sup>4</sup> der Alhambra Gesellschaft arbeitet deshalb mit einem inokulationsbasierten Ansatz. Inokulation oder Prebunking bedeutet, Manipulationstechniken vor einer unvorbereiteten Exposition sichtbar zu machen. Jugendliche und Fachkräfte sehen dann nicht bloß eine Behauptung, sondern können die emotionalen Trigger, die Wir-Ihr-Konstruktion, die Inszenierung religiöser Autorität und die Plattformästhetik erkennen, mit denen Propaganda arbeitet.</p>
<p>Das Projekt soll die Urteilskraft stärken, bevor sich eine ideologische Bindung verfestigt. Es fragt, wie politische Ideologie als religiöse Wahrheit ausgegeben wird und wie sich diese Technik durchschauen lässt. Wenn Berrissoun beschreibt, wie Jugendliche bei TikTok ein Video nach dem anderen erhalten, bis sich ein Feindbild verfestigt hat, dann beschreibt er die Exposition, für die dieser Ansatz die Vorbereitung liefern soll.</p>
<p>Islamistische Radikalisierung kann an sehr unterschiedlichen sozialen Orten stattfinden. Die <a href="https://www.bpb.de/themen/islamismus/dossier-islamismus/268726/orte-der-islamistischen-radikalisierung/">Bundeszentrale für politische Bildung nennt</a><sup>5</sup> unter anderem Schulen, Freundeskreise, das Internet, die Straße, Moscheen und Haftanstalten. Diese Aufzählung zeigt zugleich, weshalb eine pauschale Suche nach dem einen Radikalisierungsort in die Irre führt. Weder die Moschee noch das Internet noch die Haftanstalt erklärt für sich genommen einen individuellen Verlauf.</p>
</section>
<section id="gemeinden-sind-kein-schutzfaktor-an-sich" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gemeinden-sind-kein-schutzfaktor-an-sich">Gemeinden sind kein Schutzfaktor an sich</h2>
<p>Berrissoun fügt der Aufzählung möglicher Radikalisierungsorte ein Argument hinzu, das in der Debatte über Moscheegemeinden meist fehlt. Die islamistische Ideologie richtet sich auch gegen Muslime, die aus Sicht ihrer Anhänger keine richtigen Muslime sind. Wer sie übernommen hat, distanziert sich von den Gemeinden und ist über sie gerade nicht mehr erreichbar (ab Minute 9). Die Erwartung, Moscheen müssten die bereits Radikalisierten bemerken und melden, geht damit an der Wirklichkeit vorbei.</p>
<p>Aus dieser Beobachtung zieht Berrissoun allerdings einen Schluss, dem ich nicht folge. Er sieht in den Gemeinden den geeigneten Zugang zu jenen Jugendlichen, bei denen sich die Ideologie noch nicht verfestigt hat, und arbeitet deshalb mit geschulten Schlüsselpersonen aus den Communities, die Jugendliche im Sozialraum, im Sportverein oder in der Moschee ansprechen und an die Beratung vermitteln. Das setzt voraus, dass die Gemeinde selbst ein Ort ist, an dem eine plurale Auslegung des Glaubens vermittelt wird. Genau darüber wird in der Debatte zu wenig gestritten.</p>
<p><a href="https://murat-kayman.de/2026/08/07/unterschaetzte-player/">Murat Kayman stellt diese Prämisse</a><sup>6</sup> in Frage. Seit rund zwanzig Jahren stützt sich die deutsche Religionspolitik auf die Annahme, Moscheegemeinden wirkten gegen Radikalisierung. Sein Anlass sind zwei Interviews des Extremismusforschers Özgür Özvatan. Im <a href="https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/extremismusforscher-oezguer-oezvatan-ueber-abdul-b-am-anfang-steht-einsamkeit">Freitag</a><sup>7</sup> beschreibt Özvatan Radikalisierung als Beziehungsgeschehen, an dessen Anfang Einsamkeit steht und sieht in der Religion nicht den Antrieb. Fünf Tage später ist im Deutschlandfunk religiöse Bildung das zentrale Präventionsmittel und die muslimischen Communities sind die unterschätzten Akteure. Kayman legt beide Interviews nebeneinander und hält fest, welche Frage dabei ausbleibt. Womit werden junge Männer religiös gebildet? Wer religiöse Bildung als Heilmittel empfiehlt, ohne ihre Inhalte zu benennen, umgeht die eigentliche Auseinandersetzung.</p>
<p>Kayman hält dieser Darstellung Befunde von Peter Wetzels und Katrin Brettfeld aus dem Forschungsverbund MOTRA entgegen. Danach ist nicht die Frömmigkeit als solche ausschlaggebend, sondern das vermittelte Glaubensverständnis. Wo gelehrt wird, es gebe nur eine gültige Auslegung des Islam, finden sich islamistische Einstellungen bei annähernd jedem Dritten. In traditionalistisch geprägten Gruppen trifft das auf etwa jeden Siebten zu. Dort, wo andere Auslegungen zugelassen werden, sinkt der Anteil auf einen von zweihundert Befragten. Religiöse Bindung schützt demnach nicht von selbst. Sie kann je nach vermitteltem Inhalt auch verstärkend wirken.</p>
<p>Kaymans Zuspitzung trifft den Kern. Wer von der liberalen Mehrheit in den Gemeinden spricht, beschreibt nicht die Gemeinden, sondern wie sie sein müssten. Kayman verweist auf zentral vorgegebene Freitagspredigten, auf das Ausbleiben einer Predigt zum Berliner Anschlag und darauf, dass Homosexualität tabuisiert statt bearbeitet wird.</p>
<p>Das deckt sich mit dem, was ich seit Jahren beschreibe. Bereits 2018 habe ich in <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wer-stehen-bleibt-kommt-nicht-voran.html">„Wer stehen bleibt, kommt nicht voran“</a> festgehalten, dass die selbstkritische Bestandsaufnahme in den Verbänden nicht als struktureller Diskurs geführt, sondern als Infragestellung der jeweiligen Autorität behandelt wird und dass Kritiker regelmäßig nach außen gedrängt werden. Eine Institution, die diesen Mechanismus nicht bearbeitet hat, ist kein verlässlicher Präventionsakteur. Sie kann einer werden, wenn sie plurale Auslegungen tatsächlich vermittelt und andere Positionen anerkennt. Bis dahin bleibt die Zuschreibung eine Erwartung an die Gemeinden und keine Beschreibung ihrer Praxis.</p>
</section>
<section id="wo-frühe-prävention-ansetzt" class="level2">
<h2 data-anchor-id="wo-frühe-prävention-ansetzt">Wo frühe Prävention ansetzt</h2>
<p>Frühe Prävention muss dort ansetzen, wo Jugendliche Zugehörigkeit, Anerkennung und Orientierung suchen. Islamistische Akteure bieten nicht lediglich religiöse Lehren an. Sie verbinden religiöse Versatzstücke mit einfachen Feindbildern, männlichen Überlegenheitsvorstellungen und dem Versprechen einer widerspruchsfreien Identität. Gesellschaftliche Ausgrenzung erzeugt diesen Islamismus nicht automatisch. Sie kann jedoch den Resonanzraum vergrößern, in dem islamistische Deutungen plausibel erscheinen.</p>
<p>Daraus folgt keine Entschuldigung für ideologische Entscheidungen. Es folgt vielmehr ein professioneller Auftrag. Wer Radikalisierung verhindern will, muss sowohl die islamistische Ideologie klar benennen als auch verstehen, welche sozialen und biografischen Konflikte sie für einen Menschen scheinbar löst.</p>
<p>In der Frage nach dem Elternhaus folge ich Berrissoun wieder. Er widerspricht dort einer verbreiteten Annahme. In den radikalisierten Fällen seiner Beratungsarbeit sei die konservative Erziehung nicht der ausschlaggebende Faktor gewesen, sondern erfahrene Gewalt, erlebte Abneigung oder ein abgebrochener Kontakt zur Familie. Umgekehrt wirke eine tragfähige und gewaltfreie Familienbindung als Schutzfaktor (ab Minute 13). Das entlastet Eltern nicht von Verantwortung. Es verschiebt die Frage von der Religiosität einer Familie auf die Qualität ihrer Beziehungen. Auch muslimische Eltern kennen dabei die Details dieser Ideologie in der Regel nicht und brauchen selbst Zugang zu den Warnsignalen.</p>
</section>
<section id="queerfeindlichkeit-ist-kein-nebenschauplatz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="queerfeindlichkeit-ist-kein-nebenschauplatz">Queerfeindlichkeit ist kein Nebenschauplatz</h2>
<p>Nach einem Angriff auf einen CSD darf die Auseinandersetzung mit Islamismus nicht so geführt werden, als sei die Auswahl des Ziels nebensächlich. Antifeministische und queerfeindliche Narrative gehören zum ideologischen Angebot islamistischer Online-Milieus. In meinem Beitrag <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html">„Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind“</a> habe ich beschrieben, wie eng Radikalisierung im Netz mit der Herstellung von Männlichkeit verbunden ist. Wer diese Verbindung ausblendet, übersieht, warum sich der Hass so verlässlich gegen queere Menschen richtet.</p>
<p>Diese Erzählungen zirkulieren nicht nur in ausdrücklich islamistischen Milieus. In meinem Beitrag <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html">über digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</a> habe ich beschrieben, wie Manosphere-Narrative in muslimischen Kontexten religiös umgerahmt werden können. Der frühere <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/warum-waehlen-tuerkeistaemmige-und-migrantische-waehler-die-afd.html">AfD-Beitrag</a> verweist auf eine weitere Anschlussstelle: Queerfeindlichkeit kann zum Brückennarrativ zwischen unterschiedlichen autoritären und ultranationalistischen Milieus werden. Das erklärt weder islamistische Gewalt noch macht es jede konservative Position zu Extremismus. Es zeigt, warum Prävention die Abwertung queerer Menschen als politische Ideologie und nicht als bloße Privatmeinung behandeln muss.</p>
<p>Prävention muss deshalb mehr leisten, als junge Menschen allgemein vor Gewalt zu warnen. Sie muss die Abwertung queerer Menschen, autoritäre Geschlechterbilder und religiös begründete Herrschaftsansprüche inhaltlich bearbeiten. Dabei genügt es nicht, abstrakt auf Menschenwürde oder Toleranz zu verweisen. Jugendliche brauchen Räume, in denen religiöse Überzeugungen, Sexualität, Geschlechterrollen und Zugehörigkeit ohne islamistische Eindeutigkeitszwänge verhandelt werden können.</p>
<p>Wie das praktisch aussehen kann, beschreibt Berrissoun an einem Umweg über die eigene Betroffenheit. Seine Teams bearbeiten mit Jugendlichen zunächst antimuslimischen Rassismus, weil sie dessen Mechanik aus eigener Erfahrung kennen, und wechseln anschließend zum Antisemitismus. Die Einsicht, dass dahinter dasselbe Muster steckt, lässt sich dann auf weitere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit übertragen (ab Minute 19). Der Ansatz setzt voraus, dass Fachkräfte die Abwertungserfahrung der Jugendlichen ernst nehmen, ohne sie gegen die Abwertung anderer aufzurechnen.</p>
<p>Gegen diese Kopplung habe ich allerdings Vorbehalte, die ich in <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-komfortzone-der-symmetrie.html">„Die Komfortzone der Symmetrie“</a> ausführlicher begründet habe. Wird Antisemitismus vor allem über die eigene Diskriminierungserfahrung zugänglich gemacht, erscheint er als Schwesterphänomen der Islamfeindlichkeit. Aus dem Blick gerät dabei der Antisemitismus, der in muslimisch geprägten Milieus selbst hervorgebracht wird, in Predigten, auf Schulhöfen und in transnationalen Onlinenetzwerken. Die Opfererfahrung wird zur Eintrittskarte in ein Thema, bei dem irgendwann auch die Täterperspektive verhandelt werden müsste. Hinzu kommt, dass beide Phänomene sich in Genese, Trägerschaft und Staatsnähe unterscheiden. Zusammen denken darf deshalb nicht heißen, sie gleich zu behandeln.</p>
<p>Für den Einstieg in ein Gespräch mit Jugendlichen mag der Weg über die eigene Erfahrung trotzdem der gangbare sein. Entscheidend ist, ob es beim Einstieg bleibt. Endet die Arbeit dort, wo die Symmetrie hergestellt ist, hat sie den schwierigeren Teil ausgelassen.</p>
<p>Gerade muslimische Pädagoginnen und Pädagogen, Theologinnen und Theologen sowie glaubwürdige Bezugspersonen können dabei Zugänge eröffnen, die staatlichen Stellen häufig fehlen. Das sind Personen und keine Institutionen. Dass muslimische Einrichtungen seit Jahren in Teilbereichen der Präventionsarbeit vorkommen, dokumentiert der <a href="https://www.bpb.de/themen/infodienst/265779/muslimische-institutionen-und-moscheegemeinden/">Infodienst Radikalisierungsprävention</a><sup>8</sup>. Über das Glaubensverständnis, das in der Fläche vermittelt wird, sagt diese Beteiligung nichts.</p>
<p>Zugleich darf der Staat die Auseinandersetzung mit Islamismus nicht an muslimische Gemeinden delegieren. Moscheegemeinden sind weder Hilfspolizei noch kollektiv für die Radikalisierung einzelner Muslime verantwortlich. Eine Förderpolitik, die sie ohne Blick auf die vermittelten Inhalte als Präventionsakteure einsetzt, stützt allerdings unter Umständen genau die Deutungen, die sie eindämmen will.</p>
</section>
<section id="programme-brauchen-kontinuität-und-überprüfbare-ziele" class="level2">
<h2 data-anchor-id="programme-brauchen-kontinuität-und-überprüfbare-ziele">Programme brauchen Kontinuität und überprüfbare Ziele</h2>
<p>Nach Anschlägen wird regelmäßig mehr Prävention verlangt. In ruhigeren Zeiten geraten dieselben Angebote unter Rechtfertigungs- und Finanzierungsdruck. Diese kurzfristige politische Logik widerspricht der Arbeitsweise von Prävention. Vertrauensbeziehungen, qualifiziertes Personal und lokale Kooperationen lassen sich nicht innerhalb weniger Monate aufbauen und nach Ende einer Projektförderung folgenlos wieder auflösen.</p>
<p>Eine dauerhafte Finanzierung allein genügt jedoch ebenfalls nicht. Programme müssen erklären können, welche Veränderungen sie erreichen wollen. Der Abbruch extremistischer Kontakte, eine sinkende Gewaltbereitschaft, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und eine stabilere Alltagsstruktur sind unterschiedliche Ziele. Sie können sich gegenseitig unterstützen, sind aber nicht identisch. Wer alle diese Entwicklungen unter dem Begriff Deradikalisierung zusammenfasst, erschwert eine seriöse Bewertung.</p>
<p>Berrissoun nennt es einen großen Fehler, Deradikalisierung über Aufklärungsseminare erreichen zu wollen. Aufklärung müsse stattfinden, parallel dazu aber die soziale Integration organisiert werden, vom nachgeholten Schulabschluss über die Vorbereitung auf die Berufsschule bis zur Ausbildung im Wunschberuf (ab Minute 17). Sein Argument dafür ist ein praktisches. Wer eine Ausbildung bekommt, hat etwas, wofür sich das Leben lohnt. Damit benennt er zugleich Ziele, deren Erreichen sich überprüfen lässt, während der Begriff Deradikalisierung selbst kaum messbar bleibt.</p>
<p>An dieser Stelle habe ich eine Frage, die ich an die eigene Arbeit genauso richte wie an die anderer. Wie viel Kraft fließt in die Aufgabe, der Öffentlichkeit zu erklären, was der Islam eigentlich sei, und wie viel in die Arbeit mit denen, bei denen sich tatsächlich etwas zusammenbraut?</p>
<p>Dass diese Erklärarbeit anfällt, bestreite ich nicht. Sie gehört allerdings zu den muslimischen Verbänden und Gemeinden. Dass diese sie kaum leisten, hat Gründe, die ich in <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/islamverbaende-und-deutsche-religionspolitik-fes-seminar-bonn.html">„Wessen Religion, wessen Gemeinschaft?“</a> ausgeführt habe. Die Strukturen sind historisch auf andere Zwecke hin gewachsen, ihre Repräsentation deckt einen schrumpfenden Teil der Muslime ab, und ihre religiöse Deutungsarbeit ist in Teilen an Interessen gebunden, die nicht hier verhandelt werden. Viele Fachkräfte in der Präventionsarbeit sehen das ähnlich.</p>
<p>Daraus folgt allerdings keine Zuständigkeit. Ein Präventionsprojekt kann diese Lücke bei allem guten Willen nicht füllen. Es hat dafür weder das Mandat noch die Reichweite, und wenn es die Aufgabe dennoch übernimmt, verschiebt sich sein Auftrag von der Prävention hin zur Richtigstellung eines Bildes. Die Arbeit an der eigenen religiösen Selbstverständigung bleibt Sache derer, die für sich in Anspruch nehmen, den Islam zu vertreten.</p>
<p>Ähnlich frage ich mich, in welchem Verhältnis in Fallbesprechungen und Sachberichten das Verständnis für die Lebenslage einer Person zu der Frage steht, welche Gefahr von ihr ausgehen könnte. Biografische Brüche zu verstehen, ist die Voraussetzung jeder Beziehungsarbeit. Es ersetzt aber nicht die nüchterne Einschätzung, ob jemand für andere gefährlich wird. Ich habe für diesen Eindruck keine Belege und formuliere ihn deshalb als Zweifel und nicht als Feststellung. Dass er sich so schwer ausräumen lässt, hat allerdings mit dem zu tun, was ich oben beschrieben habe. Solange kaum jemand systematisch erhebt, worauf Programme tatsächlich hinarbeiten, bleibt für solche Zweifel viel Raum.</p>
<p>Zur Qualitätsfrage gehört auch Kontextwissen. Muslimische Mitarbeitende und Sprachkenntnisse in den Teams sind ein Gewinn, sie vermitteln aber nicht automatisch Kenntnis digitaler Codes, Akteursnetzwerke oder der Plattformästhetik, in der sich Ideologie als bloße Frömmigkeit ausgeben kann. Diese Unterscheidung darf nicht vom Bauchgefühl einzelner Fachkräfte abhängen. Gemeinsame Kriterien und Fortbildungen helfen, normale Religiosität weder zu pathologisieren noch politische Ideologisierung zu übersehen.</p>
<p>Auch ein äußerlich angepasstes Verhalten beweist noch keine ideologische Distanzierung. Umgekehrt ist eine fortbestehende konservative oder fundamentalistische Religiosität nicht automatisch ein Beleg für Gewaltbereitschaft. Prävention braucht daher Kriterien, die weder naiv noch gesinnungspolizeilich sind.</p>
</section>
<section id="verantwortung-lässt-sich-nicht-an-ein-programm-abgeben" class="level2">
<h2 data-anchor-id="verantwortung-lässt-sich-nicht-an-ein-programm-abgeben">Verantwortung lässt sich nicht an ein Programm abgeben</h2>
<p>Der Wunsch nach einer Methode, die jeden künftigen Täter rechtzeitig erkennt, wird unerfüllt bleiben. Daraus folgt nicht, dass Deradikalisierungsarbeit wirkungslos wäre. Es folgt, dass ihr Auftrag realistischer und ihre Einbindung verbindlicher werden muss.</p>
<p>Wenn konkrete Gefahrenhinweise vorliegen, braucht es sicherheitsbehördliches Handeln. Wenn Menschen ansprechbar sind, braucht es professionelle Beratung und belastbare Beziehungen. Wenn islamistische Akteure soziale Konflikte, Muslimfeindlichkeit oder religiöse Orientierungslosigkeit instrumentalisieren, braucht es politische Bildung und glaubwürdige muslimische Gegenstimmen. Wenn queerfeindliche Ideologie ein Tatmotiv prägt, müssen Schutz und Solidarität mit den Betroffenen den Ausgangspunkt bilden und dürfen nicht zur nachgereichten Geste werden.</p>
<p>Prävention scheitert nicht erst dann, wenn eine beratene Person eine Straftat begeht. Sie scheitert auch, wenn Zuständigkeiten unklar bleiben, Erkenntnisse nicht zusammengeführt werden, Projekte nach kurzer Laufzeit verschwinden oder muslimische Akteure nur nach Anschlägen als Ansprechpartner entdeckt werden. Sie scheitert ebenso, wenn Gemeinden pauschal als Schutzfaktor verbucht werden, ohne dass jemand fragt, welches Glaubensverständnis dort tatsächlich vermittelt wird. Kein einzelnes Programm kann diese Versäumnisse auffangen.</p>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/99787578588348afae748cf02a500041.png" class="img-fluid"></p>


</section>


<div id="quarto-appendix" class="default"><section id="footnotes" class="footnotes footnotes-end-of-document"><h2 class="anchored quarto-appendix-heading">Fußnoten</h2>

<ol>
<li id="fn1"><p>Deutschlandfunk, Sendung „Der Tag”: „Nach CSD-Anschlag: Wie kann Radikalisierung gestoppt werden?“, 28.07.2026, mit Mimoun Berrissoun (180 Grad Wende e. V.), Moderation Josephine Schulz. Die Aussagen sind sinngemäß nach der Audiofassung wiedergegeben, die Minutenangaben beziehen sich auf diese Fassung. Abgerufen am 07.08.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn2"><p>180 Grad Wende e. V., Köln. Mimoun Berrissoun ist Gründer und Geschäftsführer der Organisation. Abgerufen am 08.08.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn3"><p>Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Beratungsstelle Radikalisierung, mit dem Zielerreichungs- und Verlaufsbewertungsinstrument zur Einschätzung des Handlungs- und Interventionsbedarfs bei islamistisch begründeter Radikalisierung (ZiVI-Extremismus). Abgerufen am 29.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn4"><p>Alhambra Gesellschaft e. V.: Behind the Feed – Digitale Resilienz. Abgerufen am 29.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn5"><p>Bundeszentrale für politische Bildung: „Orte der islamistischen Radikalisierung” (Hans-Gerd Jaschke), Dossier Islamismus, 04.05.2018. Abgerufen am 29.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn6"><p>Murat Kayman: „Unterschätzte Player”, murat-kayman.de, 07.08.2026. Der Titel nimmt den Titel des Deutschlandfunk-Beitrags mit Özgür Özvatan vom 03.08.2026 auf. Kayman stützt sich auf Befunde von Peter Wetzels und Katrin Brettfeld (Universität Hamburg) aus dem Forschungsverbund MOTRA, ohne eine formale Quellenangabe zu nennen. Abgerufen am 07.08.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn7"><p>Der Freitag: „Extremismusforscher Özgür Özvatan über Abdul B.: ‚Am Anfang steht Einsamkeit’“, 28.07.2026. Abgerufen am 08.08.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn8"><p>Bundeszentrale für politische Bildung, Infodienst Radikalisierungsprävention: „Muslimische Institutionen und Moscheegemeinden” (Samy Charchira), 05.03.2018. Abgerufen am 29.07.2026.↩︎</p></li>
</ol>
</section></div> ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/islamistische-radikalisierung-praevention-csd-anschlag.html</guid>
  <pubDate>Sat, 08 Aug 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/beratungsraum-praevention-digitaler-raum.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>KI darf kein Vorsprung für die ohnehin Starken bleiben</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-darf-kein-vorsprung-fuer-die-ohnehin-starken-bleiben.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260718-ki-buergeramt-ki-assistenz.png" class="img-fluid feature-image" alt="KI darf kein Vorsprung für die ohnehin Starken bleiben"></p>
<p>Bei meiner ersten Begegnung mit KI kam mir nicht der Terminator in den Sinn, sondern der Bordcomputer der Enterprise. In Star Trek hilft er der Besatzung, Informationen zu finden, Möglichkeiten durchzuspielen und unter Zeitdruck handlungsfähig zu bleiben. Das Kommando und die Verantwortung für Entscheidungen bleiben bei der Besatzung. Dieses Bild prägt bis heute meine Vorstellung davon, welche Rolle Künstliche Intelligenz im Alltag, in Unternehmen und in der Verwaltung einnehmen kann.</p>
<p>Ein <a href="https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/ki-klagen-belasten-sozialgerichte-rlp-100.html">Bericht des SWR vom 17. Juli 2026</a><sup>1</sup> zeigt allerdings, was geschieht, wenn ein leichter technischer Zugang ohne ausreichende Qualitätskontrolle und Unterstützung auf ein ohnehin belastetes System trifft. An den Sozialgerichten in Rheinland-Pfalz reichen Menschen Schriftsätze ein, die offenbar mit frei zugänglichen KI-Anwendungen erstellt wurden. In den unteren Instanzen können Betroffene ohne Anwalt klagen. Die KI erleichtert ihnen, ihr Anliegen in eine juristisch klingende Form zu bringen.</p>
<p>Manche dieser Schriftsätze sollen jedoch erheblich länger als üblich sein. Sie enthalten Wiederholungen, gehen am konkreten Sachverhalt vorbei oder verweisen auf unpassende Paragraphen. Teilweise werden bestehende Urteile falsch dargestellt oder Gerichtsentscheidungen genannt, die es gar nicht gibt. Die Gerichte müssen die Eingaben trotzdem vollständig prüfen.</p>
<p>Das Beispiel der Sozialgerichte lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Gerichte ausweiten. Für die Annahme einer bundesweiten KI-Klagewelle gibt es auch keine belastbaren Daten. Der Bericht macht aber einen politischen und praktischen Konflikt sichtbar. Ein Werkzeug kann den Zugang zum Recht erleichtern und zugleich zusätzliche Arbeit erzeugen, wenn Menschen dessen Ergebnisse kaum beurteilen können. Die Antwort darauf ist weder ein Verbot noch ein Achselzucken. Menschen brauchen vielmehr bessere Assistenz, verlässliche Qualitätsgrenzen und erreichbare fachliche Beratung.</p>
<section id="zwischen-zugang-und-wirksamer-nutzung-liegt-eine-soziale-kluft" class="level2">
<h2 data-anchor-id="zwischen-zugang-und-wirksamer-nutzung-liegt-eine-soziale-kluft">Zwischen Zugang und wirksamer Nutzung liegt eine soziale Kluft</h2>
<p>Wer über den Zugang zu KI spricht, darf Nutzung und kompetente Nutzung nicht verwechseln. Einen Chatbot öffnen zu können, sagt wenig darüber aus, ob jemand eine geeignete Frage formuliert, die Antwort überprüft und Fehler erkennt. Ebenso wichtig ist, ob die Anwendung für den jeweiligen Zweck geeignet ist und wie mit eingegebenen Daten umgegangen wird.</p>
<p>Der <a href="https://initiatived21.de/publikationen/d21-digital-index/2024-25">D21-Digital-Index 2024/25</a><sup>2</sup> zeigt eine deutliche Bildungskluft beim Einsatz von KI. 60 Prozent der Menschen mit hohem Bildungsniveau nutzen bewusst KI-Anwendungen. Bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau sind es nur 17 Prozent. Schon der erste Schritt in die Nutzung ist also sehr ungleich verteilt. Bei der Qualität der Nutzung dürften weitere Unterschiede hinzukommen.</p>
<p>Der Zugang hängt auch vom verfügbaren Funktionsumfang, von Nutzungslimits und möglichen Integrationen in andere Programme ab. Dazu kommen Kenntnisse über Datenverarbeitung und die Zeit, Ergebnisse sorgfältig prüfen zu können. Bezahlangebote sind dabei nicht pauschal besser. Ein größerer Funktionsumfang kann hilfreich sein, ersetzt aber weder Fachwissen noch Urteilskraft. Umgekehrt kann ein frei zugängliches Angebot für viele alltägliche Aufgaben völlig ausreichen, sofern seine Grenzen bekannt sind.</p>
<p>KI-Kompetenz bedeutet deshalb mehr als Prompttechniken. Menschen müssen einschätzen können, wann eine Antwort plausibel ist, wann eine Quelle geprüft werden muss und welche Daten sie besser nicht eingeben. Sie brauchen außerdem ein Verständnis dafür, wer für den Einsatz verantwortlich bleibt. Diese Sicht findet sich bereits in <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32024R1689">Artikel 4 der europäischen KI-Verordnung</a><sup>3</sup>. Danach sollen Anbieter und Betreiber nach besten Kräften für ausreichende KI-Kompetenz sorgen. Dabei sind technische Kenntnisse, Erfahrung, Ausbildung und der jeweilige Nutzungskontext zu berücksichtigen.</p>
<p>Der Gesetzgeber behandelt die Kompetenz zur KI-Nutzung damit zu Recht als Voraussetzung eines verantwortbaren Einsatzes. Diese Aufgabe aber alleine den Nutzerinnen und Nutzern als Selbstverantwortung zu delegieren, lässt das Ungleichgewicht der Zugänge und Möglichkeiten außer Acht. Schulen, Weiterbildungsträger, Arbeitgeber, Verwaltungen und soziale Einrichtungen müssen Gelegenheiten schaffen, in denen Menschen KI praktisch erproben und ihre Ergebnisse gemeinsam prüfen können.</p>
</section>
<section id="gute-assistenz-kann-erfahrung-schneller-zugänglich-machen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gute-assistenz-kann-erfahrung-schneller-zugänglich-machen">Gute Assistenz kann Erfahrung schneller zugänglich machen</h2>
<p>Die politische Chance liegt gerade darin, dass KI Unterschiede bei Wissen, Sprache und Erfahrung verringern kann. Eine Feldstudie von Erik Brynjolfsson, Danielle Li und Lindsey Raymond über <a href="https://academic.oup.com/qje/article/140/2/889/7990658">generative KI im Kundenservice</a><sup>4</sup> kommt zu dem Ergebnis, dass weniger erfahrene Beschäftigte besonders von einer KI-Assistenz profitieren können. Denn sie erhalten der Studie zufolge während der Arbeit Zugang zu Lösungswegen und Erfahrungswissen, das sonst oft erst über längere Zeit informell erworben wird. Die Produktivität, gemessen an gelösten Fällen pro Stunde, stieg im Durchschnitt um 14 Prozent, bei den unerfahrenen und gering qualifizierten Beschäftigten jedoch um 34 Prozent, während erfahrene Kräfte kaum profitierten.</p>
<div id="cell-fig-brynjolfsson" class="cell" data-execution_count="2">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-brynjolfsson" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm des Produktivitätsgewinns durch KI-Assistenz. Unerfahrene und gering qualifizierte Beschäftigte plus 34 Prozent, alle Beschäftigten im Durchschnitt plus 14 Prozent, erfahrene und hoch qualifizierte Beschäftigte nahezu kein Effekt.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-brynjolfsson-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-darf-kein-vorsprung-fuer-die-ohnehin-starken-bleiben_files/figure-html/fig-brynjolfsson-output-1.png" alt="Balkendiagramm des Produktivitätsgewinns durch KI-Assistenz. Unerfahrene und gering qualifizierte Beschäftigte plus 34 Prozent, alle Beschäftigten im Durchschnitt plus 14 Prozent, erfahrene und hoch qualifizierte Beschäftigte nahezu kein Effekt." width="918" height="424" class="figure-img">
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-brynjolfsson-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;1: Produktivitätsgewinn durch KI-Assistenz im Kundenservice, gemessen an gelösten Fällen pro Stunde. Eigene Darstellung nach Brynjolfsson, Li und Raymond 2025. Unerfahrene Beschäftigte gewinnen am stärksten, erfahrene kaum.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
</div>
<p>Dieser Befund lässt sich nicht beliebig auf jeden Beruf übertragen. Er zeigt dennoch, weshalb eine potenzialorientierte Politik mehr leisten muss als Gefahrenabwehr. Gute Assistenz kann Menschen helfen, schneller in eine Aufgabe hineinzufinden. Sie kann Fachsprache erklären, einen Text strukturieren oder auf einen übersehenen Arbeitsschritt hinweisen. Davon profitieren häufig diejenigen, die noch keine jahrelange Routine aufgebaut haben.</p>
<p>Auch die Verteilung zwischen Unternehmen ist ungleich. Nach <a href="https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Unternehmen/IKT-in-Unternehmen-IKT-Branche/IKT-U-Erhebung/info.html">Angaben des Statistischen Bundesamtes</a><sup>5</sup> nutzten 2025 insgesamt 26 Prozent der deutschen Unternehmen KI. Bei Unternehmen ab 250 Beschäftigten waren es dagegen 57 Prozent. Dieser Abstand erklärt sich zum Teil daraus, dass große Organisationen häufiger eigenes IT-Personal einsetzen und rechtliche Fragen intern bearbeiten können. Zudem haben sie meist mehr Spielraum für Pilotprojekte und können Beschäftigte während der Einführung schulen.</p>
<div id="cell-fig-zugangskluft" class="cell" data-execution_count="3">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-zugangskluft" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm zur KI-Nutzung. Nach Bildungsniveau nutzen 60 Prozent der Menschen mit hohem und 17 Prozent mit niedrigem Bildungsniveau bewusst KI, ein Abstand von 43 Prozentpunkten. Nach Unternehmensgröße nutzen 57 Prozent der Unternehmen ab 250 Beschäftigten und 26 Prozent aller Unternehmen KI, ein Abstand von 31 Prozentpunkten.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-zugangskluft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-darf-kein-vorsprung-fuer-die-ohnehin-starken-bleiben_files/figure-html/fig-zugangskluft-output-1.png" alt="Balkendiagramm zur KI-Nutzung. Nach Bildungsniveau nutzen 60 Prozent der Menschen mit hohem und 17 Prozent mit niedrigem Bildungsniveau bewusst KI, ein Abstand von 43 Prozentpunkten. Nach Unternehmensgröße nutzen 57 Prozent der Unternehmen ab 250 Beschäftigten und 26 Prozent aller Unternehmen KI, ein Abstand von 31 Prozentpunkten." width="915" height="502" class="figure-img">
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-zugangskluft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;2: Anteil, der KI bewusst nutzt, nach Bildungsniveau (D21-Digital-Index 2024/25) und nach Unternehmensgröße (Statistisches Bundesamt 2025). Beide Klüfte zeigen dieselbe Richtung, die besser Ausgestatteten liegen vorn.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
</div>
<p>Kleinere Betriebe handeln keineswegs rückständig, wenn sie vorsichtiger vorgehen. Denn für sie kann eine Fehlentscheidung einen erheblich größeren Teil ihrer Ressourcen binden. Der Bericht der Bundesnetzagentur über <a href="https://data.bundesnetzagentur.de/Bundesnetzagentur/SharedDocs/Mediathek/Berichte/2025/250703_KI_Umfrage_Bericht.pdf">Einsatz, Ressourcen und Herausforderungen von KI in Unternehmen</a><sup>6</sup> bietet hierfür einen hilfreichen Kontext. Danach hängt die Umsetzung von verfügbaren Kompetenzen und tragfähigen betrieblichen Bedingungen ab.</p>
<p>Die politische Antwort liegt in gemeinsam nutzbaren technischen Angeboten und praxisnaher Weiterbildung. Kammern, Branchenverbände und öffentliche Förderstrukturen können geprüfte Anwendungen zugänglich machen und bei Datenschutzfragen unterstützen. So muss nicht jeder Handwerksbetrieb eine eigene Rechtsabteilung beschäftigen, bevor er KI für Dokumentation, Terminplanung oder die Vorbereitung eines Angebots einsetzen kann.</p>
<p>Daron Acemoglu liefert mit seiner Studie über die <a href="https://economics.mit.edu/sites/default/files/2024-04/The%20Simple%20Macroeconomics%20of%20AI.pdf">gesamtwirtschaftlichen Wirkungen von KI</a><sup>7</sup> ein notwendiges Korrektiv. Seine Analyse zeigt, dass technischer Fortschritt keine automatischen Produktivitätsgewinne für alle erzeugt und erst recht nicht von selbst für eine gerechtere Verteilung sorgt. Wer Zugang, Qualifizierung und betriebliche Umsetzung dem Markt überlässt, darf sich deshalb über ungleiche Ergebnisse nicht wundern.</p>
</section>
<section id="bürgernahe-verwaltung-braucht-bessere-assistenz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="bürgernahe-verwaltung-braucht-bessere-assistenz">Bürgernahe Verwaltung braucht bessere Assistenz</h2>
<p>Die Erfahrungen der Sozialgerichte zeigen, wie groß der Bedarf an verlässlicher Unterstützung ist. Menschen wollen verstehen, warum eine Leistung abgelehnt wurde oder welche Unterlagen noch fehlen. Viele kämpfen dabei mit Fachsprache, komplizierten Formularen und unübersichtlichen Zuständigkeiten. Eine frei zugängliche KI füllt diese Lücke bereits heute, allerdings ohne gesicherte Verbindung zur zuständigen Behörde und ohne Gewähr, dass ihre rechtlichen Hinweise stimmen.</p>
<p>Diese Lücke besser zu füllen bedeutet nicht, Bürgerinnen und Bürger zu Ersatzjuristen oder Ersatzsachbearbeitern auszubilden. Gefragt ist stattdessen eine öffentliche KI-Assistenz, die einen Bescheid verständlich erklärt, Dokumente für einen Antrag sortiert und beim Formulieren des eigenen Anliegens hilft. Sie sollte außerdem erkennen, wann eine menschliche Beratung erforderlich ist, und den passenden Kontakt vermitteln.</p>
<p>Der Deutsche Städtetag beschreibt als <a href="https://www.staedtetag.de/publikationen/staedtetag-aktuell/2025/heft-5/ki-stadtverwaltung-und-buergeramt">kommunale Vision</a><sup>8</sup> Auskünfte außerhalb der Öffnungszeiten, Übersetzungen und Übertragungen in leichte Sprache sowie Unterstützung bei Anträgen. Von einer flächendeckend verwirklichten Praxis sind wir weit entfernt. Die Richtung ist dennoch richtig, denn Verwaltung kann mit KI verständlicher und leichter erreichbar werden.</p>
<p>Erste Erprobungsräume entstehen bereits. Im <a href="https://bmds.bund.de/themen/kuenstliche-intelligenz/ki-in-der-verwaltung/agentic-ai-hub">Agentic AI Hub des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung</a><sup>9</sup> entwickeln Kommunen und Start-ups sichere Prototypen für bürgernahe Verwaltungsprozesse und die Interaktion mit Bürgerinnen und Bürgern. Solche Projekte sind sinnvoll, wenn ihre Ergebnisse überprüfbar bleiben und erfolgreiche Lösungen anschließend auch kleineren Kommunen zur Verfügung stehen.</p>
<p>Für Arbeitsagenturen, Sozialbehörden und andere sensible Bereiche beginnt die Debatte ebenfalls nicht bei null. Die <a href="https://www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/Broschueren/a862-leitlinien-ki-einsatz-behoerdliche-praxis-arbeits-sozialverwaltung.html">Leitlinien des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales</a><sup>10</sup> behandeln den verantwortungsvollen, menschenzentrierten und diskriminierungsfreien Einsatz von KI in der Arbeits- und Sozialverwaltung bereits als konkrete fachliche Gestaltungsaufgabe.</p>
<p>Eine sinnvolle Grenze bleibt dabei bestehen. KI kann vorbereiten, erklären und auf fehlende Angaben hinweisen, aber Entscheidungen über Ansprüche, Sanktionen oder andere erhebliche Eingriffe müssen menschlich verantwortet und anfechtbar bleiben. Der Datenschutz stützt dieses Modell, sofern Zwecke klar festgelegt, Datenflüsse begrenzt und Zugriffsrechte kontrolliert werden. Beschwerdewege und eine nachvollziehbare Dokumentation gehören deshalb von Beginn an in die technische und organisatorische Gestaltung.</p>
</section>
<section id="öffentliche-infrastruktur-entscheidet-über-die-verteilung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="öffentliche-infrastruktur-entscheidet-über-die-verteilung">Öffentliche Infrastruktur entscheidet über die Verteilung</h2>
<p>Yuval Noah Harari vertritt eine deutlich skeptischere Position als ich. Seine Überlegungen zu Macht und demokratischer Kontrolle nehme ich trotzdem ernst. Im <a href="https://www.wired.com/story/questions-answered-by-yuval-noah-harari-for-wired-ai-artificial-intelligence-singularity/">Gespräch mit WIRED</a><sup>11</sup> spricht er über die Bedeutung selbstkorrigierender Mechanismen und die Frage, wie demokratische Systeme mit sehr mächtigen KI-Systemen umgehen können. Sein Kernpunkt lässt sich auch ohne seine Dramatik übernehmen. Technik braucht demnach Institutionen, die Fehler erkennen und korrigieren können, und Betroffene müssen Entscheidungen verstehen, beanstanden und verändern lassen können.</p>
<p>Eine positive Haltung zu KI wird durch diese Rückbindung an Kontrolle und Korrektur belastbarer. Sie misst Fortschritt daran, ob Menschen mehr Handlungsmöglichkeiten erhalten und Institutionen besser arbeiten. Dazu braucht es öffentliche Infrastruktur, die sich an gesellschaftlichen Aufgaben orientiert. Der Staat darf seine Beschäftigten und die Bürgerinnen und Bürger deshalb nicht dauerhaft auf beliebige frei zugängliche Systeme verweisen, deren Datenverarbeitung, Geschäftsmodell und Qualitätsstandards sie kaum beeinflussen können.</p>
<p>Bund, Länder, Kommunen und Wohlfahrtsverbände sollten überprüfbare und datenschutzgerechte KI-Zugänge aufbauen. Diese Angebote brauchen fachliche Begleitung, verständliche Schulungen und eine verlässliche menschliche Beratung. Erfolgreiche kommunale Lösungen müssen gemeinsam genutzt werden können, damit finanzstarke Städte keinen dauerhaften Vorsprung vor kleineren Gemeinden erhalten. Für Unternehmen sind geteilte Infrastruktur und anwendungsnahe Unterstützung erforderlich, damit die Betriebsgröße nicht über den Zugang zu produktiver Assistenz entscheidet.</p>
<p>Analoge Zugänge müssen erhalten bleiben, damit Menschen staatliche Leistungen, Beratung und Rechtsschutz weiterhin ohne KI in Anspruch nehmen können. Zugleich wäre es politisch fahrlässig, aus Angst vor Fehlanwendungen auf gute öffentliche Angebote zu verzichten. Dann bliebe wirksame KI-Assistenz vor allem jenen vorbehalten, die schon heute über Bildung, Geld und professionelle Unterstützung verfügen.</p>
<p>Damit wirksame Assistenz nicht den ohnehin Bevorzugten vorbehalten bleibt, müssen öffentliche Stellen KI so bereitstellen, dass sie Menschen beim Verstehen, Vorbereiten und Handeln unterstützt. Fachkräfte brauchen Werkzeuge, die Routinearbeit reduzieren und mehr Zeit für schwierige Fälle schaffen. Jede sensible Entscheidung braucht weiterhin einen verantwortlichen Menschen und einen wirksamen Weg zum Widerspruch. So können die Potenziale der KI breiter ankommen, ohne Bürgerinnen und Bürger mit den Fehlern der Technik allein zu lassen.</p>
</section>
<section id="siehe-auch" class="level2">
<h2 data-anchor-id="siehe-auch">Siehe auch</h2>
<ul>
<li><a href="../../ki-aufsicht-entscheidet-sich-im-alltag/">KI-Aufsicht entscheidet sich im Alltag</a></li>
<li><a href="../../ki-gut-genug-soziale-arbeit-europa/">KI muss nicht glänzen, aber verantwortbar funktionieren</a></li>
</ul>
<div class="section-tint">
<p><strong>Vortrag oder Workshop zum Thema?</strong> KI verantwortbar in Verwaltung, Bildung und Sozialwesen einsetzen — als Impuls, Fortbildung oder Beratung.</p>
<p><a href="../../kontakt.html" class="btn btn-primary btn-sm">Anfrage stellen</a></p>
</div>


</section>


<div id="quarto-appendix" class="default"><section id="footnotes" class="footnotes footnotes-end-of-document"><h2 class="anchored quarto-appendix-heading">Fußnoten</h2>

<ol>
<li id="fn1"><p>SWR Aktuell (Rheinland-Pfalz): „KI-Klagen belasten Sozialgerichte in Rheinland-Pfalz”, 17.07.2026. Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn2"><p>Initiative D21 / Kantar: D21-Digital-Index 2024/2025. Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn3"><p>Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Artikel 4 (KI-Kompetenz). Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn4"><p>Brynjolfsson, E.; Li, D.; Raymond, L. R.: Generative AI at Work. The Quarterly Journal of Economics 140 (2), 2025, S. 889–942. Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn5"><p>Statistisches Bundesamt (Destatis): IKT-Erhebung in Unternehmen 2025. Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn6"><p>Bundesnetzagentur: KI in Unternehmen – Einsatz, Ressourcen und Herausforderungen (Bericht, 2025). Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn7"><p>Acemoglu, D.: The Simple Macroeconomics of AI, 2024. Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn8"><p>Deutscher Städtetag: KI in der Stadtverwaltung und beim Bürgeramt (Städtetag aktuell 2025, Heft 5). Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn9"><p>Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung: Agentic AI Hub. Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn10"><p>Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Selbstverpflichtende Leitlinien für den KI-Einsatz in der behördlichen Praxis der Arbeits- und Sozialverwaltung. Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
<li id="fn11"><p>WIRED: Yuval Noah Harari über KI (Q&amp;A). Abgerufen am 20.07.2026.↩︎</p></li>
</ol>
</section></div> ]]></description>
  <category>KI-Digital</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-darf-kein-vorsprung-fuer-die-ohnehin-starken-bleiben.html</guid>
  <pubDate>Sat, 18 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260718-ki-buergeramt-ki-assistenz.png" medium="image" type="image/png" height="81" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Funktionserhalt statt Diversitäts-Lyrik</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/funktionserhalt-rettungsdienst-team.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Funktionserhalt statt Diversitäts-Lyrik"></p>
<p>Die Debatte über Diversität ist fast immer eine moralische. Sie dreht sich um Repräsentanz und Gerechtigkeit. Ich halte diesen Zugang nicht für falsch, aber für unvollständig, weil er eine Frage verdeckt, die für jede Institution existenziell ist: Kann sie ihren Auftrag in zehn Jahren noch erfüllen? Diese Frage ist nicht moralisch, sondern funktional. Beantworten lässt sie sich nicht mit Appellen, sondern nur mit einem nüchternen Blick auf die Rekrutierungsbasis.</p>
<div class="post-note">
<p>Dieser Beitrag greift die Argumentation eines Impulses auf, den ich im Mai 2026 beim Online-Lunch der <a href="https://fexbw.de/event/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-die-materielle-basis-der-institutionen/">FEX-Reihe</a> gehalten habe. Die längere Fassung mit dem vollständigen Datenmaterial findet sich in meinem Beitrag <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a>.</p>
</div>
<p>Fast 30 Prozent der Menschen in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte (<a href="https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/_inhalt.html">Mikrozensus 2024</a>)<sup>1</sup>. In den Schulen Nordrhein-Westfalens sind es 44,3 Prozent (<a href="https://www.it.nrw/nrw-anteil-der-schuelerinnen-und-schueler-mit-zuwanderungsgeschichte-steigt-weiter-127215">IT.NRW 2024/25</a>)<sup>2</sup>. Das ist keine Prognose und keine Drohung, sondern die Gegenwart. In NRW hat fast jedes zweite Kind eine Zuwanderungsgeschichte. Das sind auch die Fachkräfte und Ehrenamtlichen der kommenden Jahre.</p>
<p>Die Gesellschaft hat sich verändert. Die Frage ist, ob die Institutionen darauf reagieren oder ob sie mit einem Bild von Bevölkerung planen, das es so nicht mehr gibt.</p>
<section id="der-deutsche-pass-ist-keine-kategorie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-deutsche-pass-ist-keine-kategorie">Der deutsche Pass ist keine Kategorie</h2>
<p>Hier lohnt der Blick auf eine Zahl, die für manche beruhigend wirken könnte, die aber mit der Realität wenig zu tun hat. In den Schulen Baden-Württembergs liegt der Anteil mit Zuwanderungsgeschichte nach der offiziellen Landesstatistik bei 20,3 Prozent, in NRW bei 44,3 Prozent (<a href="https://www.statistik-bw.de/leben-und-arbeiten/bildung-und-kultur/allgemeinbildende-schulen/">Statistisches Landesamt Baden-Württemberg</a><sup>3</sup>; <a href="https://www.it.nrw/nrw-anteil-der-schuelerinnen-und-schueler-mit-zuwanderungsgeschichte-steigt-weiter-127215">IT.NRW</a><sup>4</sup>). Der reflexhafte Gedanke lautet: „Bei uns ist das halb so wild.” Genau dieser Gedanke ist falsch, und er wird zum Problem, wenn Behörden mit ihm planen.</p>
<p>Der Unterschied ist kein Unterschied in der Wirklichkeit. Es ist ein Unterschied in der Definition.</p>
<table class="caption-top table">
<thead>
<tr class="header">
<th>Merkmal</th>
<th>NRW</th>
<th>BW</th>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr class="odd">
<td>Kind selbst zugewandert</td>
<td>zählt</td>
<td>zählt</td>
</tr>
<tr class="even">
<td>Kind nichtdeutsches Geburtsland</td>
<td>zählt</td>
<td>zählt</td>
</tr>
<tr class="odd">
<td><strong>Ein Elternteil zugewandert</strong></td>
<td><strong>zählt</strong></td>
<td><strong>zählt nicht</strong></td>
</tr>
<tr class="even">
<td>Familiensprache nicht Deutsch</td>
<td>zählt</td>
<td>zählt</td>
</tr>
<tr class="odd">
<td>Staatsangehörigkeit</td>
<td>irrelevant</td>
<td>nichtdeutsch zählt</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><em>Quellen: IT.NRW; Statistisches Landesamt BW, Schulstatistik 2024/25</em></p>
<p>Der entscheidende Unterschied steht in einer einzigen Zeile. NRW zählt ein Kind, wenn ein Elternteil zugewandert ist. Baden-Württemberg tut das nicht. Das ist keine Schlamperei, sondern eine politische Definitionsentscheidung. Sie hat aber Folgen.</p>
<p>Gehen wir von einem Kind aus, geboren in Stuttgart, mit deutschem Pass, Eltern aus der Türkei zugewandert, zuhause inzwischen Deutsch: In der NRW-Statistik taucht dieses Kind auf. In der baden-württembergischen ist es unsichtbar. Präsent in der Schule, aktiv im Leben, unsichtbar allein in der Tabelle. Und genau dieses Kind ist der Normalfall der zweiten und teilweise der dritten Zuwanderergeneration.</p>
<p>Nach dem weiten Begriff des Mikrozensus liegt der Anteil der Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte in Baden-Württemberg bei rund 38 Prozent (<a href="https://www.gesellschaftsmonitoring-bw.de/themenfelder/integration/bevoelkerung_demografie/">FamilienForschung Baden-Württemberg</a>), nicht bei den gut 20 Prozent der Schulstatistik.<sup>5</sup> Diese Bevölkerung ist zudem deutlich jünger als der Durchschnitt. Die 20 Prozent markieren damit nicht die Obergrenze des Themas, sondern die Untergrenze dessen, was die enge Schuldefinition überhaupt sichtbar macht.</p>
</section>
<section id="unsichtbarkeit-ist-kein-fortschritt" class="level2">
<h2 data-anchor-id="unsichtbarkeit-ist-kein-fortschritt">Unsichtbarkeit ist kein Fortschritt</h2>
<p>Ein Einwand liegt hier nahe: Ist es nicht sogar integrativer, wenn nicht mehr nach Herkunft gezählt wird? Wer nicht sortiert, diskriminiert auch nicht. Dieser Einwand trägt allerdings nur unter einer Bedingung: dass die Gesellschaft aufhört zu sortieren, sobald die Statistik es tut.</p>
<p>Der Elitenforscher Michael Hartmann<sup>6</sup> hat über Jahrzehnte gezeigt, dass sich der Zugang zu Spitzenpositionen weniger über die Leistung entscheidet als über den klassenspezifischen Habitus, also über das souveräne Auftreten und die Vertrautheit mit den richtigen Codes. Rekrutiert wird nach dem Ähnlichkeitsprinzip. Man holt, wer einem ähnelt, weil Ähnlichkeit Vertrauen erzeugt. Das ist kein Vorwurf böser Absicht, sondern ein Mechanismus, der weitgehend unbewusst läuft. Seit 1970 stammen stabil rund 80 Prozent der Top-Positionen aus den oberen drei bis fünf Prozent der Gesellschaft.</p>
<p>Was Hartmann für die Klassenherkunft beschreibt, trifft in der Migrationsfrage genau jene, die der Pass unsichtbar macht. Das WZB-Feldexperiment von <a href="https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2018/vi18-104.pdf">Koopmans, Veit und Yemane (2018)</a><sup>7</sup> mit über 6.000 Bewerbungen zeigt: Bei identischer Qualifikation fallen die Rückmeldungen systematisch schlechter aus, besonders bei muslimischer und außereuropäischer Herkunft, und zwar auch bei in Deutschland Geborenen. Der deutsche Pass schützt nicht. Eine Untersuchung des SVR und der Robert Bosch Stiftung an knapp 1.800 Betrieben (<a href="https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2014/03/SVR-FB_Diskriminierung-am-Ausbildungsmarkt.pdf">Schneider u. a. 2014</a>)<sup>8</sup> kommt zum selben Befund: Schon der türkische Name genügt als Ausschlusscode. Mit deutschem Namen wird jede fünfte Person zum Gespräch eingeladen, mit türkischem Namen nur jede siebte.</p>
<p>Die Unsichtbarkeit beendet die Ausgrenzung nicht, sie verbirgt sie nur. Was die Statistik nicht misst, sortiert die Gesellschaft weiter nach Namen, Habitus und Phänotyp. Und eine Ausgrenzung, die niemand mehr in der Tabelle sieht, kann auch niemand mehr steuern.</p>
</section>
<section id="es-geht-nicht-um-goodwill" class="level2">
<h2 data-anchor-id="es-geht-nicht-um-goodwill">Es geht nicht um Goodwill</h2>
<p>Wenn ich für eine breitere Rekrutierung plädiere, geht es nicht darum, „etwas für Migranten zu tun”, ein Bild aufzuhübschen oder eine moralische Pflicht der Mehrheit gegenüber einer Minderheit einzulösen. Es geht um den Bestand der Institutionen, die unser Gemeinwesen tragen und um ihre Handlungsfähigkeit in zehn oder zwanzig Jahren.</p>
<p>Das Problem durchzieht das gesamte institutionelle Gefüge:</p>
<table class="caption-top table">
<colgroup>
<col style="width: 33%">
<col style="width: 33%">
<col style="width: 33%">
</colgroup>
<thead>
<tr class="header">
<th></th>
<th><strong>Staatlich</strong></th>
<th><strong>Zivilgesellschaftlich</strong></th>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr class="odd">
<td><strong>Hauptamtlich</strong></td>
<td>Polizei, Bundeswehr, Verwaltung, Justiz, Schule</td>
<td>Wohlfahrtsverbände, Kliniken, Pflegedienste</td>
</tr>
<tr class="even">
<td><strong>Ehrenamtlich</strong></td>
<td>Freiwillige Feuerwehr, THW, Schöffinnen und Schöffen</td>
<td>Sportvereine, Sozialinitiativen, Religionsgemeinschaften</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Jede dieser Institutionen rekrutiert aus derselben Bevölkerung. Der traditionelle Rekrutierungspool, grob gesagt die „biodeutsche” Mittelschicht, schrumpft demografisch. Der einzige noch wachsende Pool sind Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Eine Institution, die an ihren alten Zugangscodes festhält, schneidet sich damit von der einzigen wachsenden Ressource ab. Kein Quadrant kann sich aus dem schrumpfenden Pool allein speisen. Am Ende braucht es physisch anwesende Menschen, um Schläuche zu rollen, Patienten zu pflegen und Jugendarbeit zu leisten.</p>
</section>
<section id="derselbe-messfehler-mehrfach" class="level2">
<h2 data-anchor-id="derselbe-messfehler-mehrfach">Derselbe Messfehler, mehrfach</h2>
<p>Wie schief die Debatte geführt wird, zeigt sich an Bundeswehr und Polizei. Beide gelten als Referenzfälle und beide rechnen mit der falschen Bezugsgröße. Die Bundeswehr liest ihre Zahlen als Beleg dafür, „auf gutem Weg zur Abbildung der Gesellschaft” zu sein. Eine Studie der <a href="https://www.baks.bund.de/de/arbeitspapiere/2016/diversity-management-wie-die-bundeswehr-bunter-und-fitter-wird">Bundesakademie für Sicherheitspolitik (2016)</a><sup>9</sup> zeigt jedoch, dass Musliminnen und Muslime unterproportional vertreten sind, Spätaussiedler dagegen überproportional. Erfolgreich rekrutiert wurde also aus dem kulturell anschlussfähigen, vertrauten Pool, nicht aus dem neuen.</p>
<p>Bei der Polizei wiederholt sich das Muster. Sie rekrutiert aus jungen Jahrgängen, und die werden diverser. Wohin das läuft, zeigen die Jüngsten: Unter den unter Fünfjährigen in Deutschland haben bereits 38 Prozent einen Migrationshintergrund (<a href="https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/migration-und-sicherheit/303141/die-polizei-in-der-einwanderungsgesellschaft/">bpb 2020</a>)<sup>10</sup>. Der klassische Bewerberpool ohne Migrationshintergrund schrumpft also absehbar. Die Auswahl aber folgt einem Kooptationsprinzip: altgediente Praktikerinnen und Praktiker wählen aus, wer als „passend” gilt. Zwischen Bewerbung und Einstellung sinkt der Anteil mit Migrationshintergrund durchgängig. Die Bewerber sind also da. Die Institution lässt sie nicht durch. Es ist derselbe Habitus-Filter wie bei Hartmann, nur in einer Sicherheitsbehörde.</p>
<p>Der Fehler ist in beiden Fällen der gleiche. Verglichen wird mit dem Bevölkerungsdurchschnitt, obwohl der Pool die junge Kohorte ist. Wer „vier von acht Prozent” als Erfolg feiert, misst gegen eine Größe, die für die Personalgewinnung irrelevant ist. Der Durchschnitt bildet zudem einen Bevölkerungsstand ab, der eher dem Bewerberpool von vor zehn oder zwanzig Jahren entspricht als dem heutigen. Eine Vorausschau auf die nachwachsenden Jahrgänge fehlt in dieser Rechnung ganz, auch mittelfristig.</p>
</section>
<section id="systemrelevant-an-der-basis-unsichtbar-an-der-spitze" class="level2">
<h2 data-anchor-id="systemrelevant-an-der-basis-unsichtbar-an-der-spitze">Systemrelevant an der Basis, unsichtbar an der Spitze</h2>
<p>In Pflege und Gesundheit sind Menschen mit Migrationshintergrund an der Basis längst nicht mehr wegzudenken. Nur endet die Karriere oft vor der Stationsleitung. Kompetenz übersetzt sich zu selten in Führungsverantwortung. Das ist nicht nur für die Betroffenen frustrierend, es raubt den Institutionen Perspektiven.</p>
<p>Einem verbreiteten Gegenargument sollte man dabei zuvorkommen. Der Satz „Migranten engagieren sich weniger” hält den neuen Zahlen nicht stand. Der <a href="https://www.publikationen-bundesregierung.de/pp-de/publikationssuche/freiwilligensurvey-6-2393642">Freiwilligensurvey 2024</a><sup>11</sup> zeigt, dass der Rückgang beim Engagement allein auf die Gruppe ohne Migrationshintergrund zurückgeht. Bei Menschen mit Migrationshintergrund ist die Quote stabil, die zweite Generation liegt mit 36,3 Prozent fast auf dem Niveau der Gesamtbevölkerung. Das ist kein Kulturproblem, sondern ein Struktur- und Generationenproblem.</p>
<p>Auch das vermeintlich beruhigende Beispiel hilft nicht weiter. Baden-Württemberg hatte 2017 mit 15,4 Prozent den bundesweit höchsten Anteil mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst, bei einem mehr als doppelt so hohen Bevölkerungsanteil (<a href="https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/integration/forschung-und-wissenschaft/integrationsmonitoring-der-laender/">Integrationsmonitoring der Länder 2019</a>)<sup>12</sup>. Auf Bundesebene bestätigt der <a href="https://www.bib.bund.de/Publikation/2025/pdf/Diversitaet-und-Chancengleichheit-Survey-2024.pdf">Diversität und Chancengleichheit Survey 2024</a><sup>13</sup> das Bild: 16,2 Prozent der Beschäftigten der Bundesverwaltung stehen 31,9 Prozent in der Erwerbsbevölkerung gegenüber. Selbst das beste Bundesland erreicht nur die Hälfte des Potenzials. Verantwortlich dafür sind strukturelle Barrieren, nicht nur einzelne Vorurteile.</p>
</section>
<section id="was-folgt-daraus" class="level2">
<h2 data-anchor-id="was-folgt-daraus">Was folgt daraus</h2>
<p>Die notwendigen Schritte sind unspektakulär und aus dem Eigeninteresse der Institution begründet. Rekrutierung über die klassischen Kanäle hinaus denken. Systematisch prüfen, welche Regeln unbeabsichtigt ausschließen. Fachliche Eignung über kulturelle Passung stellen. Ziele setzen und ihre Erreichung messen, denn ohne Daten gibt es keine Steuerung.</p>
<p>Am Anfang steht die richtige Statistik. Eine Kategorie, die die zweite Generation herausdefiniert, steuert blind. Funktionserhalt beginnt damit, das Problem überhaupt sehen zu können. Wer mit 20 Prozent plant, wo 38 stehen, optimiert die falsche Zahl.</p>
<p>Drei Einsichten bleiben. Erstens: Der Pass ist keine ausreichende Kategorie; was die Statistik nicht zählt, sortiert die Gesellschaft nach Habitus weiter. Zweitens: Der Rekrutierungspool hat sich verschoben, die Rekrutierung muss folgen. Drittens: Ein systemrelevanter Teil der Beschäftigten bleibt an der Spitze unsichtbar, während die Engpässe wachsen. Die Frage dahinter ist nicht ideologisch. Sie ist funktional.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/7bf02bb4367243bdb1d5d66b0bea3c9f.png" class="img-fluid"></p>


</section>


<div id="quarto-appendix" class="default"><section id="footnotes" class="footnotes footnotes-end-of-document"><h2 class="anchored quarto-appendix-heading">Fußnoten</h2>

<ol>
<li id="fn1"><p>Statistisches Bundesamt (Destatis): Mikrozensus 2024, Bevölkerung nach Einwanderungsgeschichte. Wiesbaden 2025. Der eng definierte Wert der Einwanderungsgeschichte liegt 2024 bei 25,6 Prozent; die hier genannten knapp 30 Prozent folgen einer weiter gefassten Abgrenzung. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn2"><p>IT.NRW (Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen): NRW – Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte steigt weiter. Pressemitteilung vom 5. März 2025. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn3"><p>Statistisches Landesamt Baden-Württemberg: Allgemeinbildende Schulen 2024/25 (Artikel-Nr. 3231 24001). Stuttgart 2025. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn4"><p>IT.NRW (Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen): NRW – Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte steigt weiter. Pressemitteilung vom 5. März 2025. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn5"><p>Der Mikrozensus zählt mit dem weiten Begriff auch Kinder mit, bei denen nur ein Elternteil zugewandert ist; die baden-württembergische Schulstatistik lässt dieses Kriterium weg. Der Bevölkerungsanteil in Baden-Württemberg liegt entsprechend bei 37,9 Prozent (FamilienForschung Baden-Württemberg / Statistisches Landesamt BW: Gesellschaftsmonitoring, Mikrozensus 2024; abgerufen am 10. Juli 2026). Zu den Folgen uneinheitlicher Klassifikationen: Kemper u. a. 2021.↩︎</p></li>
<li id="fn6"><p>Hartmann, Michael: Der Mythos von den Leistungseliten. Frankfurt am Main: Campus 2002 (fortgeführt in: Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden, 2018).↩︎</p></li>
<li id="fn7"><p>Koopmans, Ruud / Veit, Susanne / Yemane, Ruta: Ethnische Hierarchien in der Bewerberauswahl. Ein Feldexperiment zu den Ursachen von Arbeitsmarktdiskriminierung. WZB Discussion Paper SP VI 2018-104. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2018. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn8"><p>Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration / Robert Bosch Stiftung: Diskriminierung am Ausbildungsmarkt. Ausmaß, Ursachen und Handlungsperspektiven. Berlin 2014. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn9"><p>Wullers, Dominik: Diversity Management – Wie die Bundeswehr bunter und fitter wird. Arbeitspapier Sicherheitspolitik 13/2016. Berlin: Bundesakademie für Sicherheitspolitik 2016. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn10"><p>Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Die Polizei in der Einwanderungsgesellschaft. Bonn, 13. Januar 2020. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn11"><p>Sechster Deutscher Freiwilligensurvey (FWS 2024). Kurzbericht (Fritzsche u. a.). Hrsg. Bundesregierung / Staatsministerin für Sport und Ehrenamt. Berlin, 14. November 2025. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn12"><p>Integrationsmonitoring der Länder: Fünfter Bericht zum Integrationsmonitoring der Länder (Berichtsjahr 2019), Indikator öffentlicher Dienst. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
<li id="fn13"><p>Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB): Diversität und Chancengleichheit Survey 2024. Beschäftigtenbefragung in den Behörden und Einrichtungen im öffentlichen Dienst des Bundes. Wiesbaden 2025. Über 50.000 Antworten; die 16,2 Prozent beziehen sich auf die Bundesverwaltung, die 31,9 Prozent auf die Erwerbsbevölkerung mit Migrationshintergrund. Abgerufen am 10. Juli 2026.↩︎</p></li>
</ol>
</section></div> ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik.html</guid>
  <pubDate>Fri, 10 Jul 2026 12:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/funktionserhalt-rettungsdienst-team.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Projektwebseite Digitale Resilienz ist online</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/projektwebseite-digitale-resilienz-ist-online.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/behind-the-feed-startseite-teaser.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Projektwebseite Digitale Resilienz ist online"></p>
<p>Die Projektwebseite von <strong>Digitale Resilienz</strong> ist online:</p>
<p><a href="https://behind-the-feed.de">behind-the-feed.de</a></p>
<p>Das Projekt der <a href="https://www.alhambra-gesellschaft.de">Alhambra Gesellschaft e.V.</a> befasst sich mit islamistischer Propaganda in sozialen Medien. Im Mittelpunkt stehen die Analyse von Akteuren, Plattformen, Narrativen und Manipulationstechniken sowie die Entwicklung von Bildungs- und Transferformaten zur Stärkung digitaler Resilienz.</p>
<p>Die Webseite stellt den Projektansatz vor und bündelt die zentralen Handlungsfelder: systematische Analyse und Kontextualisierung, digitale Intervention sowie Transfer in schulische und pädagogische Bildung. Damit verbindet das Projekt fachliche Auswertung mit praxisnahen Formaten für diejenigen, die in Bildung, Prävention und Jugendarbeit mit digitalen Radikalisierungsdynamiken konfrontiert sind.</p>
<p>Auf der Seite finden sich zudem aktuelle Publikationen des Projekts. Dazu gehören unter anderem ein Thesenpapier zum inokulationsbasierten Präventionsansatz sowie erste Veröffentlichungen zur islamistischen Online-Szene 2026. Die Materialien sollen dazu beitragen, Entwicklungen im digitalen Raum nachvollziehbar zu machen und fachlich einzuordnen.</p>
<p>Ziel ist es, islamistische Propaganda im digitalen Raum methodisch zu analysieren, ihre Wirkmechanismen sichtbar zu machen und Fachpraxis, Bildung und Öffentlichkeit im Umgang mit diesen Dynamiken handlungsfähiger zu machen.</p>
<section id="im-überblick" class="level2">
<h2 data-anchor-id="im-überblick">Im Überblick</h2>
<p>Projektwebseite: <a href="https://behind-the-feed.de">behind-the-feed.de</a></p>
<p>Aktuelle Publikationen:</p>
<ul>
<li><a href="https://behind-the-feed.de/berichte/">Thesenpapier: Digitale Resilienz – Entlarvung islamistischer Propaganda online</a></li>
<li><a href="https://behind-the-feed.de/berichte/">Trendreport 01/2026: Islamistische Online-Szene 2026</a></li>
<li><a href="https://behind-the-feed.de/berichte/">Lagebild 01/2026: Islamistische Online-Szene 2026</a></li>
</ul>
<div class="section-tint">
<p><strong>Passende Leistung:</strong> <a href="../../leistungen/digitale-resilienz-islamistischer-propaganda-auf-tiktok-co-begegnen.html">Islamismus im Netz – Propaganda auf TikTok &amp; Co.&nbsp;begegnen</a> als Fortbildung für Schule, Jugendarbeit und Prävention.</p>
<p><a href="../../kontakt.html" class="btn btn-primary btn-sm">Als Workshop oder Vortrag anfragen</a></p>
</div>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge, wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/aca85f8fab574036ae730871ab0c01cb.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>KI-Digital</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/projektwebseite-digitale-resilienz-ist-online.html</guid>
  <pubDate>Fri, 10 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/behind-the-feed-startseite-teaser.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Warum die Pflege klappt und die Feuerwehr nicht</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-gespaltene-realitaet.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260709-die-gespaltene-realitaet.png" class="img-fluid feature-image" alt="Warum die Pflege klappt und die Feuerwehr nicht"></p>
<p>Veranstaltungsbericht zum FEX-Online-Lunch</p>
<p>Am 9. Juli 2026 war Engin Karahan erneut zu Gast beim Online-Lunch der <a href="https://fexbw.de/event/die-gespaltene-realitaet-strukturelle-divergenzen-im-staatsverstaendnis/">FEX-Reihe</a>. Teil 2 knüpfte an den <a href="../../publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-2.html">Auftakt im Mai</a> an. Klärte Teil 1 das Ob und das Wie viel, ging es diesmal um das Warum: Warum bleiben Menschen mit Einwanderungsgeschichte in klassischen Institutionen unterrepräsentiert, obwohl sie an der Basis längst systemtragend sind?</p>
<p>Karahan setzte am verbreiteten Reflex an, wonach diese Gruppe sich weniger engagiere und dem Staat weniger vertraue. Der <a href="https://www.publikationen-bundesregierung.de/pp-de/publikationssuche/freiwilligensurvey-6-2393642">Sechste Freiwilligensurvey 2024</a> dreht dieses Bild um. Der Rückgang des Engagements geht allein auf die Mehrheit ohne Migrationshintergrund zurück; bei Menschen mit Migrationshintergrund ist die Quote stabil, die zweite Generation liegt fast auf dem Niveau der Gesamtbevölkerung. Auch beim Vertrauen zeigt das <a href="https://www.svr-migration.de/publikationen/barometer/integrationsbarometer-2024/">SVR-Integrationsbarometer 2024</a> das Gegenteil des Reflexes: Menschen mit Migrationshintergrund vertrauen staatlichen Institutionen im Schnitt eher mehr.</p>
<p>Wenn es also weder am Willen noch am Vertrauen liegt, bleibt die Form. Informell, in Nachbarschaft und Projekten, sind Menschen mit Migrationshintergrund sogar überrepräsentiert. Die Lücke entsteht erst beim vereinsförmig organisierten Ehrenamt. Das führte Karahan am Kontrast von Pflege und Feuerwehr vor: Die Pflege ist Existenzsicherung mit klarem Zugang über Ausbildung und Vertrag und funktioniert quer durch alle Herkünfte. Die Freiwillige Feuerwehr verlangt unbezahltes Engagement in der Freizeit, Zugang über Vereinscodes und eine bestimmte Sozialisation.</p>
<p>Dahinter stehen unterschiedliche Staatsbilder. Wo Sicherheit historisch als exklusive Staatsaufgabe galt, ist das deutsche Modell „Bürger löscht in der Freizeit” keine Selbstverständlichkeit. Karahan zeigte zwei Wege in dieselbe Lücke: die Türkei, wo der Staat Selbstorganisation lange verdrängte, und Italien, wo Solidarität eher über Familie und informelle Netze läuft als über den Verein. Alte Demokratie oder autoritäre Prägung, katholisch oder muslimisch – die niedrige Quote im formalen Ehrenamt hat verschiedene Wurzeln, aber dieselbe Gestalt. Das vereinsförmige Ehrenamt ist damit eine kulturell spezifische Form, kein universeller Maßstab für Bürgersinn.</p>
<p>Die Spaltung läuft in beide Richtungen. Auch der Staat sortiert nach Codes. In der Bundesverwaltung liegt der Anteil mit Migrationshintergrund bei rund zwölf Prozent, bei etwa achtundzwanzig Prozent in der Erwerbsbevölkerung, und mit jeder Hierarchieebene wird er kleiner. Der ministerielle Habitus mit seinen Kürzeln und ungeschriebenen Regeln hält Distanz. Es ist derselbe Filter, den Teil 1 in der Wirtschaft beschrieben hatte, nur in der Behörde.</p>
<p>Daraus folgt für Karahan eine praktische Linie: übersetzen statt fordern. Informelles Engagement mitzählen statt nur Vereinsquoten, die Form Ehrenamt erklären und öffnen, den eigenen Habitus im Zugang und Aufstieg prüfen, fachliche Eignung über kulturelle Passung stellen. Beide Seiten müssen sich bewegen. Teil 3 der Reihe richtet den Blick am 23. September „Jenseits der Verbände” auf neue Akteure und die Frage, wie Politik und Verwaltung deren Potenziale nutzen können.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/9dc8928a807f40f0812a71f271f89730.png" class="img-fluid"></p>



 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-gespaltene-realitaet.html</guid>
  <pubDate>Thu, 09 Jul 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260709-die-gespaltene-realitaet.png" medium="image" type="image/png" height="73" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Wenn Männlichkeit zur bedrohten Identität wird</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-maennlichkeit-zur-bedrohten-identitaet-wird.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/maennlichkeit-junger-mann-urban.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Wenn Männlichkeit zur bedrohten Identität wird"></p>
<p>Der Forschungsbericht <a href="https://www.jacobscenter.uzh.ch/dam/jcr:ea186cf6-13b4-4e98-87f8-5f6d9bbcc2e7/Maennlichkeit_im_Wandel-Studienbericht.pdf">„Männlichkeit im Wandel”</a> des Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich ist deutlich mehr als ein weiterer Kommentar zur angeblich toxischen Männlichkeit. Er umfasst 122 Seiten, beruht auf 6.138 auswertbaren Datensätzen und untersucht Männlichkeitsbilder, Gewaltakzeptanz, Partnerschaft, Sexualität, Herkunft, Bildung und soziale Lage in einer Breite, die in der deutschsprachigen Debatte selten ist.</p>
<p>Gerade deshalb lohnt sich eine genaue Lektüre. Die Studie zeigt nicht, dass Männlichkeit als solche ein Problem wäre. Sie zeigt, welche Vorstellungen von Männlichkeit problematisch werden können. Gefährlich wird es dort, wo Männlichkeit als bedrohte Identität erlebt wird, wo Dominanz als Schutz erscheint, wo Gewalt als legitime Wiederherstellung von Status gilt und Gleichstellung als Entwertung gedeutet wird.</p>
<p>Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wenn Männer nur als Risiko beschrieben werden, suchen viele junge Männer andere Orte, an denen sie als Lösung angesprochen werden. Diesen Punkt habe ich bereits im Beitrag <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html">„Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger”</a> aufgegriffen, dort ausgehend vom <a href="https://bundesforum-maenner.de/mitgliederinterview-pathforge/">Bundesforum-Männer-Interview mit Simon Fokt</a> von <a href="https://path-forge.org/">PathForge</a>. Wer die Manosphere verstehen will, muss bei dieser Funktion anfangen. Sie ist erfolgreich, weil sie Ordnung, Anerkennung, Disziplin, sexuelle Orientierung und Zugehörigkeit anbietet. Das macht sie nicht harmlos. Es macht sie funktional.</p>
<section id="der-faktor-m-beschreibt-ein-muster-keine-männernatur" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-faktor-m-beschreibt-ein-muster-keine-männernatur">Der Faktor M beschreibt ein Muster, keine Männernatur</h2>
<p>Die Zürcher Studie arbeitet mit mehreren etablierten Skalen. Erfasst wurden unter anderem Konformität mit Männlichkeitsnormen, Manbox-Vorstellungen, maskulistische Bedrohungsgefühle, gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen, Anti-Egalitarismus, Misogynie, Sexismus, Homophobie und Queerfeindlichkeit. Aus diesen Dimensionen leiten die Autorinnen und Autoren den sogenannten Faktor M ab.</p>
<p>Dieser Faktor M bündelt ein Einstellungsmuster. In ihm erscheinen „echte Männer” als bedroht. Männlichkeit wird mit Überlegenheit, Härte, Abgrenzung und Verteidigung verbunden. Gleichstellung, weibliche Selbstbestimmung und queere Sichtbarkeit wirken in diesem Muster wie ein Angriff auf den eigenen Status.</p>
<p>In der <a href="https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/Maennlichkeit.html">UZH-Meldung zur Studie</a> beschreibt Ribeaud diesen Faktor als Haltung, die „echte Männlichkeit” bedroht sieht und mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, Verachtung sexueller Minderheiten und Ablehnung von Gleichstellung verbunden ist. Der Forschungsbericht begründet diese Verdichtung empirisch, weil die untersuchten Einstellungen nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern statistisch eng miteinander zusammenhängen.</p>
<p>In meinem Beitrag <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html">„Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind”</a> habe ich Männlichkeit als wirksames Orientierungsangebot beschrieben. Auch die Zürcher Studie lässt sich so lesen. Männlichkeit beantwortet Fragen, die für viele Jungen und Männer nicht theoretisch sind. Was ist Stärke? Wie gehe ich mit Kränkung um? Wann bekomme ich Respekt? Darf ich verletzlich sein? Muss ich Kontrolle ausüben, um mich sicher zu fühlen?</p>
<p>Wenn diese Fragen schlecht beantwortet werden, entsteht ein riskantes Muster. Wenn sie gut beantwortet werden, kann Männlichkeit eine Ressource für Verantwortung, Bindung, Mut und Selbstachtung sein.</p>
</section>
<section id="junge-männer-fallen-besonders-auf" class="level2">
<h2 data-anchor-id="junge-männer-fallen-besonders-auf">Junge Männer fallen besonders auf</h2>
<p>Die stärksten Befunde betreffen junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren. Fast jeder zweite junge Mann in der Schweiz sieht Männlichkeit bedroht und an den Rand gedrängt. 47,7 Prozent dieser Altersgruppe stimmen der Aussage zu, manchmal sei Gewalt notwendig. Bei Männern über 25 Jahren sind es 25,5 Prozent.</p>
<p>Auch die Bedrohungsgefühle sind deutlich. 57,2 Prozent der jungen Männer stimmen der Aussage zu, männliche Werte wie Stärke, Mut und Ehre verlören an Bedeutung. 50,5 Prozent meinen, richtige Männer würden immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt. 50,3 Prozent sorgen sich darüber, dass viele Männer sich mittlerweile immer weiblicher verhielten.</p>
<div id="cell-fig-bedrohung" class="cell" data-execution_count="2">
<div id="fig-bedrohung" class="cell-output cell-output-display quarto-float quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-bedrohung-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<div style="height:457px; width:100%;">            <script src="https://cdnjs.cloudflare.com/ajax/libs/mathjax/2.7.5/MathJax.js?config=TeX-AMS-MML_SVG"></script><script>if (window.MathJax && window.MathJax.Hub && window.MathJax.Hub.Config) {window.MathJax.Hub.Config({SVG: {font: "STIX-Web"}});}</script>                <script>window.PlotlyConfig = {MathJaxConfig: 'local'};</script>
        <script charset="utf-8" src="https://cdn.plot.ly/plotly-3.7.0.min.js" integrity="sha256-jvTGqxNp8AGWEcvNLVuKr+8j5dGe9Yw51LQkmDH+IYA=" crossorigin="anonymous"></script>                <div id="7e2317e3-f240-48b9-a3ca-6027eb585550" class="plotly-graph-div" style="height:100%; width:100%;"></div>            <script>                window.PLOTLYENV=window.PLOTLYENV || {};                                if (document.getElementById("7e2317e3-f240-48b9-a3ca-6027eb585550")) {                    Plotly.newPlot(                        "7e2317e3-f240-48b9-a3ca-6027eb585550",                        [{"cliponaxis":false,"marker":{"color":["#1C4770","#1C4770","#1C4770","#8B3A2F"]},"orientation":"h","text":["\u003cb\u003e57.2%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e50.5%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e50.3%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e47.7%\u003c\u002fb\u003e"],"textfont":{"color":"#1a1a2e","size":13},"textposition":"outside","x":[57.2,50.5,50.3,47.7],"y":["St\u00e4rke, Mut und Ehre verlieren an Bedeutung","\u201eRichtige M\u00e4nner\" werden verdr\u00e4ngt","M\u00e4nner verhalten sich weiblicher","Manchmal ist Gewalt notwendig"],"type":"bar"}],                        {"template":{"data":{"histogram2dcontour":[{"type":"histogram2dcontour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"choropleth":[{"type":"choropleth","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"histogram2d":[{"type":"histogram2d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"heatmap":[{"type":"heatmap","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"contourcarpet":[{"type":"contourcarpet","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"contour":[{"type":"contour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"surface":[{"type":"surface","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"mesh3d":[{"type":"mesh3d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"scatter":[{"fillpattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2},"type":"scatter"}],"parcoords":[{"type":"parcoords","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolargl":[{"type":"scatterpolargl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"bar":[{"error_x":{"color":"#2a3f5f"},"error_y":{"color":"#2a3f5f"},"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"bar"}],"scattergeo":[{"type":"scattergeo","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolar":[{"type":"scatterpolar","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"histogram":[{"marker":{"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"histogram"}],"scattergl":[{"type":"scattergl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatter3d":[{"type":"scatter3d","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermap":[{"type":"scattermap","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermapbox":[{"type":"scattermapbox","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterternary":[{"type":"scatterternary","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattercarpet":[{"type":"scattercarpet","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"carpet":[{"aaxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"baxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"type":"carpet"}],"table":[{"cells":{"fill":{"color":"#EBF0F8"},"line":{"color":"white"}},"header":{"fill":{"color":"#C8D4E3"},"line":{"color":"white"}},"type":"table"}],"barpolar":[{"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"barpolar"}],"pie":[{"automargin":true,"type":"pie"}]},"layout":{"autotypenumbers":"strict","colorway":["#636efa","#EF553B","#00cc96","#ab63fa","#FFA15A","#19d3f3","#FF6692","#B6E880","#FF97FF","#FECB52"],"font":{"color":"#2a3f5f"},"hovermode":"closest","hoverlabel":{"align":"left"},"paper_bgcolor":"white","plot_bgcolor":"#E5ECF6","polar":{"bgcolor":"#E5ECF6","angularaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"radialaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"ternary":{"bgcolor":"#E5ECF6","aaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"baxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"caxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"coloraxis":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"colorscale":{"sequential":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"sequentialminus":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"diverging":[[0,"#8e0152"],[0.1,"#c51b7d"],[0.2,"#de77ae"],[0.3,"#f1b6da"],[0.4,"#fde0ef"],[0.5,"#f7f7f7"],[0.6,"#e6f5d0"],[0.7,"#b8e186"],[0.8,"#7fbc41"],[0.9,"#4d9221"],[1,"#276419"]]},"xaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"yaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"scene":{"xaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"yaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"zaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2}},"shapedefaults":{"line":{"color":"#2a3f5f"}},"annotationdefaults":{"arrowcolor":"#2a3f5f","arrowhead":0,"arrowwidth":1},"geo":{"bgcolor":"white","landcolor":"#E5ECF6","subunitcolor":"white","showland":true,"showlakes":true,"lakecolor":"white"},"title":{"x":0.05},"mapbox":{"style":"light"},"margin":{"b":0,"l":0,"r":0,"t":30}}},"margin":{"l":10,"r":65,"t":120,"b":58},"xaxis":{"tickfont":{"size":11,"color":"#555555"},"range":[0,68],"ticksuffix":"%","gridcolor":"#CCCCCC","showline":false,"zeroline":false},"yaxis":{"tickfont":{"size":12,"color":"#333333"},"autorange":"reversed","showgrid":false,"showline":false,"ticklen":0},"title":{"font":{"size":18,"color":"#1a1a2e","family":"Georgia, serif"},"text":"\u003cb\u003eBedrohungsgef\u00fchle und Gewaltakzeptanz bei jungen M\u00e4nnern\u003c\u002fb\u003e","x":0,"xanchor":"left"},"paper_bgcolor":"#F5F0E8","plot_bgcolor":"#F5F0E8","height":457,"bargap":0.38,"showlegend":false,"annotations":[{"font":{"color":"#666666","size":11},"showarrow":false,"text":"Zustimmung 18- bis 24-j\u00e4hriger M\u00e4nner zu ausgew\u00e4hlten Aussagen.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":1,"yanchor":"top","yref":"paper","yshift":-38},{"font":{"color":"#888888","size":9},"showarrow":false,"text":"Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi & Theunert 2026.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":0,"yanchor":"bottom","yref":"paper","yshift":-44}]},                        {"responsive": true}                    ).then(function(){
                            
var gd = document.getElementById('7e2317e3-f240-48b9-a3ca-6027eb585550');
var x = new MutationObserver(function (mutations, observer) {{
        var display = window.getComputedStyle(gd).display;
        if (!display || display === 'none') {{
            console.log([gd, 'removed!']);
            Plotly.purge(gd);
            observer.disconnect();
        }}
}});

// Listen for the removal of the full notebook cells
var notebookContainer = gd.closest('#notebook-container');
if (notebookContainer) {{
    x.observe(notebookContainer, {childList: true});
}}

// Listen for the clearing of the current output cell
var outputEl = gd.closest('.output');
if (outputEl) {{
    x.observe(outputEl, {childList: true});
}}

                        })                };            </script>        </div>
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-bedrohung-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;1: Bedrohungsgefühle und Gewaltakzeptanz bei jungen Männern. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
<p>Man kann diese Zahlen leicht skandalisieren. Man sollte sie aber zuerst verstehen. Sie zeigen einen Geschlechtergraben in einer jungen Generation, in der viele Frauen egalitärer und offener geworden sind, während ein relevanter Teil junger Männer auf Rückzug, Abgrenzung und Verteidigung setzt. Die Studie spricht vorsichtig von einer möglichen disruptiven Entwicklung in der Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Geschlechterfragen.</p>
<p>Dabei bleibt offen, ob es sich um einen Alterseffekt oder einen Kohorteneffekt handelt. Vielleicht relativieren sich manche Einstellungen mit Beruf, Partnerschaft, Krisenerfahrungen oder Elternschaft. Vielleicht trägt die heutige Generation junger Männer bestimmte Muster aber auch länger mit sich. Die Studie ist eine Querschnittserhebung und kann diese Frage nicht abschließend beantworten. Für Prävention ist trotzdem relevant, dass ein Teil junger Männer bereits heute über Bedrohung, Abgrenzung und Gewaltakzeptanz erreichbar ist. Damit muss pädagogische, politische und zivilgesellschaftliche Arbeit umgehen, ohne aus Korrelationen vorschnell Ursachen zu machen.</p>
</section>
<section id="bildung-schützt-aber-sie-erklärt-nicht-alles" class="level2">
<h2 data-anchor-id="bildung-schützt-aber-sie-erklärt-nicht-alles">Bildung schützt, aber sie erklärt nicht alles</h2>
<p>Besonders interessant ist der Zusammenhang mit Bildung und sozialem Status. Männer mit niedriger Bildung, geringem Berufsstatus und wenig Einkommen sind in der Faktor-M-High-Score-Gruppe deutlich überrepräsentiert. Bei Männern mit höchstens obligatorischer Schulbildung liegt der Anteil bei 33 Prozent, bei Männern mit Berufslehre bei 30 Prozent, bei Hochschulabsolventen bei 11 Prozent.</p>
<div id="cell-fig-bildung" class="cell" data-execution_count="3">
<div id="fig-bildung" class="cell-output cell-output-display quarto-float quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-bildung-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<div style="height:535px; width:100%;">            <script src="https://cdnjs.cloudflare.com/ajax/libs/mathjax/2.7.5/MathJax.js?config=TeX-AMS-MML_SVG"></script><script>if (window.MathJax && window.MathJax.Hub && window.MathJax.Hub.Config) {window.MathJax.Hub.Config({SVG: {font: "STIX-Web"}});}</script>                <script>window.PlotlyConfig = {MathJaxConfig: 'local'};</script>
        <script charset="utf-8" src="https://cdn.plot.ly/plotly-3.7.0.min.js" integrity="sha256-jvTGqxNp8AGWEcvNLVuKr+8j5dGe9Yw51LQkmDH+IYA=" crossorigin="anonymous"></script>                <div id="477d5b0d-a75a-4d7e-a085-0e6790b4410c" class="plotly-graph-div" style="height:100%; width:100%;"></div>            <script>                window.PLOTLYENV=window.PLOTLYENV || {};                                if (document.getElementById("477d5b0d-a75a-4d7e-a085-0e6790b4410c")) {                    Plotly.newPlot(                        "477d5b0d-a75a-4d7e-a085-0e6790b4410c",                        [{"cliponaxis":false,"marker":{"color":["#8B3A2F","#8B3A2F","#9B7E2E","#1C4770","#3A6B5A"]},"orientation":"h","text":["\u003cb\u003e33%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e30%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e25%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e18%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e11%\u003c\u002fb\u003e"],"textfont":{"color":"#1a1a2e","size":13},"textposition":"outside","x":[33,30,25,18,11],"y":["Obligatorische Schule","Berufslehre","H\u00f6here Berufsbildung","Mittelschule\u002fGymnasium","Hochschule"],"type":"bar"}],                        {"template":{"data":{"histogram2dcontour":[{"type":"histogram2dcontour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"choropleth":[{"type":"choropleth","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"histogram2d":[{"type":"histogram2d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"heatmap":[{"type":"heatmap","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"contourcarpet":[{"type":"contourcarpet","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"contour":[{"type":"contour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"surface":[{"type":"surface","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"mesh3d":[{"type":"mesh3d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"scatter":[{"fillpattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2},"type":"scatter"}],"parcoords":[{"type":"parcoords","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolargl":[{"type":"scatterpolargl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"bar":[{"error_x":{"color":"#2a3f5f"},"error_y":{"color":"#2a3f5f"},"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"bar"}],"scattergeo":[{"type":"scattergeo","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolar":[{"type":"scatterpolar","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"histogram":[{"marker":{"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"histogram"}],"scattergl":[{"type":"scattergl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatter3d":[{"type":"scatter3d","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermap":[{"type":"scattermap","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermapbox":[{"type":"scattermapbox","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterternary":[{"type":"scatterternary","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattercarpet":[{"type":"scattercarpet","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"carpet":[{"aaxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"baxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"type":"carpet"}],"table":[{"cells":{"fill":{"color":"#EBF0F8"},"line":{"color":"white"}},"header":{"fill":{"color":"#C8D4E3"},"line":{"color":"white"}},"type":"table"}],"barpolar":[{"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"barpolar"}],"pie":[{"automargin":true,"type":"pie"}]},"layout":{"autotypenumbers":"strict","colorway":["#636efa","#EF553B","#00cc96","#ab63fa","#FFA15A","#19d3f3","#FF6692","#B6E880","#FF97FF","#FECB52"],"font":{"color":"#2a3f5f"},"hovermode":"closest","hoverlabel":{"align":"left"},"paper_bgcolor":"white","plot_bgcolor":"#E5ECF6","polar":{"bgcolor":"#E5ECF6","angularaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"radialaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"ternary":{"bgcolor":"#E5ECF6","aaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"baxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"caxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"coloraxis":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"colorscale":{"sequential":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"sequentialminus":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"diverging":[[0,"#8e0152"],[0.1,"#c51b7d"],[0.2,"#de77ae"],[0.3,"#f1b6da"],[0.4,"#fde0ef"],[0.5,"#f7f7f7"],[0.6,"#e6f5d0"],[0.7,"#b8e186"],[0.8,"#7fbc41"],[0.9,"#4d9221"],[1,"#276419"]]},"xaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"yaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"scene":{"xaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"yaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"zaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2}},"shapedefaults":{"line":{"color":"#2a3f5f"}},"annotationdefaults":{"arrowcolor":"#2a3f5f","arrowhead":0,"arrowwidth":1},"geo":{"bgcolor":"white","landcolor":"#E5ECF6","subunitcolor":"white","showland":true,"showlakes":true,"lakecolor":"white"},"title":{"x":0.05},"mapbox":{"style":"light"},"margin":{"b":0,"l":0,"r":0,"t":30}}},"margin":{"l":10,"r":65,"t":120,"b":58},"xaxis":{"tickfont":{"size":11,"color":"#555555"},"range":[0,42],"ticksuffix":"%","gridcolor":"#CCCCCC","showline":false,"zeroline":false},"yaxis":{"tickfont":{"size":12,"color":"#333333"},"autorange":"reversed","showgrid":false,"showline":false,"ticklen":0},"title":{"font":{"size":18,"color":"#1a1a2e","family":"Georgia, serif"},"text":"\u003cb\u003eFaktor-M-High-Score nach Bildung\u003c\u002fb\u003e","x":0,"xanchor":"left"},"paper_bgcolor":"#F5F0E8","plot_bgcolor":"#F5F0E8","height":535,"bargap":0.38,"showlegend":false,"annotations":[{"font":{"color":"#666666","size":11},"showarrow":false,"text":"Anteil der M\u00e4nner in der High-Score-Gruppe. H\u00f6here Bildung geht mit niedrigeren Faktor-M-Werten einher.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":1,"yanchor":"top","yref":"paper","yshift":-38},{"font":{"color":"#888888","size":9},"showarrow":false,"text":"Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi & Theunert 2026.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":0,"yanchor":"bottom","yref":"paper","yshift":-44}]},                        {"responsive": true}                    ).then(function(){
                            
var gd = document.getElementById('477d5b0d-a75a-4d7e-a085-0e6790b4410c');
var x = new MutationObserver(function (mutations, observer) {{
        var display = window.getComputedStyle(gd).display;
        if (!display || display === 'none') {{
            console.log([gd, 'removed!']);
            Plotly.purge(gd);
            observer.disconnect();
        }}
}});

// Listen for the removal of the full notebook cells
var notebookContainer = gd.closest('#notebook-container');
if (notebookContainer) {{
    x.observe(notebookContainer, {childList: true});
}}

// Listen for the clearing of the current output cell
var outputEl = gd.closest('.output');
if (outputEl) {{
    x.observe(outputEl, {childList: true});
}}

                        })                };            </script>        </div>
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-bildung-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;2: Faktor-M-High-Score nach Bildungsniveau. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
<p>Noch auffälliger ist der Befund bei jungen Männern mit Berufslehre. Fast jeder zweite 18 bis 24 Jahre alte Mann in dieser Gruppe gehört zur High-Score-Gruppe. Der Jugendeffekt zeigt sich also vor allem bei Männern ohne höheren Bildungsabschluss. Bei Gymnasiasten und Hochschulabsolventen ist er deutlich schwächer.</p>
<p>Dieser Befund setzt beruflich gebildete junge Männer nicht herab. Er verweist auf soziale Räume, in denen Statusunsicherheit, Zukunftsdruck und traditionelle Anerkennungsmodelle stärker ineinandergreifen können. Wer wenig gesellschaftliche Aufstiegserzählung angeboten bekommt, hält sich leichter an ein Männlichkeitsmodell, das wenigstens Respekt, Härte und Überlegenheit verspricht.</p>
<p>Für die Praxis heißt das, dass Gleichstellungsarbeit über Universitäten, Kampagnen und urbane Milieus hinausreichen muss. Sie muss dort glaubwürdig werden, wo junge Männer arbeiten, lernen, scheitern, konkurrieren und sich vergleichen. Berufsschulen, Jugendhilfe, Sport, Ausbildung, Betriebe, digitale Räume und lokale Vereine sind dafür wichtiger als moralisch saubere Debattenräume.</p>
</section>
<section id="herkunft-darf-weder-tabuisiert-noch-missbraucht-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="herkunft-darf-weder-tabuisiert-noch-missbraucht-werden">Herkunft darf weder tabuisiert noch missbraucht werden</h2>
<p>Die Studie enthält einen heiklen, aber wichtigen Teil zu Herkunft und Konfession. Gemessen am Geburtsland des Vaters zeigen sich deutliche Unterschiede. Männer mit väterlichen Wurzeln in der Schweiz liegen bei 18,4 Prozent in der High-Score-Gruppe. Bei Männern mit Wurzeln in Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten sind es 31,5 Prozent, bei Männern aus dem ehemaligen Ostblock 34,8 Prozent und bei Männern mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien 49,7 Prozent.</p>
<div id="cell-fig-herkunft" class="cell" data-execution_count="4">
<div id="fig-herkunft" class="cell-output cell-output-display quarto-float quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-herkunft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<div style="height:691px; width:100%;">            <script src="https://cdnjs.cloudflare.com/ajax/libs/mathjax/2.7.5/MathJax.js?config=TeX-AMS-MML_SVG"></script><script>if (window.MathJax && window.MathJax.Hub && window.MathJax.Hub.Config) {window.MathJax.Hub.Config({SVG: {font: "STIX-Web"}});}</script>                <script>window.PlotlyConfig = {MathJaxConfig: 'local'};</script>
        <script charset="utf-8" src="https://cdn.plot.ly/plotly-3.7.0.min.js" integrity="sha256-jvTGqxNp8AGWEcvNLVuKr+8j5dGe9Yw51LQkmDH+IYA=" crossorigin="anonymous"></script>                <div id="05a95748-e9a3-407d-8651-ff3c550771e7" class="plotly-graph-div" style="height:100%; width:100%;"></div>            <script>                window.PLOTLYENV=window.PLOTLYENV || {};                                if (document.getElementById("05a95748-e9a3-407d-8651-ff3c550771e7")) {                    Plotly.newPlot(                        "05a95748-e9a3-407d-8651-ff3c550771e7",                        [{"cliponaxis":false,"marker":{"color":["#3A6B5A","#3A6B5A","#9B7E2E","#8B3A2F","#8B3A2F","#8B3A2F","#8B3A2F"]},"orientation":"h","text":["\u003cb\u003e13%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e18.4%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e23.7%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e31.5%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e34.8%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e34.8%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e49.7%\u003c\u002fb\u003e"],"textfont":{"color":"#1a1a2e","size":13},"textposition":"outside","x":[13,18.4,23.7,31.5,34.8,34.8,49.7],"y":["Nordwestliche EU\u002fUK","Schweiz","S\u00fcdliche EU","Nordafrika\u002fNaher Osten","Lateinamerika","Ehemaliger Ostblock","Ex-Jugoslawien"],"type":"bar"}],                        {"template":{"data":{"histogram2dcontour":[{"type":"histogram2dcontour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"choropleth":[{"type":"choropleth","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"histogram2d":[{"type":"histogram2d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"heatmap":[{"type":"heatmap","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"contourcarpet":[{"type":"contourcarpet","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"contour":[{"type":"contour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"surface":[{"type":"surface","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"mesh3d":[{"type":"mesh3d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"scatter":[{"fillpattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2},"type":"scatter"}],"parcoords":[{"type":"parcoords","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolargl":[{"type":"scatterpolargl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"bar":[{"error_x":{"color":"#2a3f5f"},"error_y":{"color":"#2a3f5f"},"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"bar"}],"scattergeo":[{"type":"scattergeo","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolar":[{"type":"scatterpolar","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"histogram":[{"marker":{"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"histogram"}],"scattergl":[{"type":"scattergl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatter3d":[{"type":"scatter3d","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermap":[{"type":"scattermap","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermapbox":[{"type":"scattermapbox","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterternary":[{"type":"scatterternary","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattercarpet":[{"type":"scattercarpet","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"carpet":[{"aaxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"baxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"type":"carpet"}],"table":[{"cells":{"fill":{"color":"#EBF0F8"},"line":{"color":"white"}},"header":{"fill":{"color":"#C8D4E3"},"line":{"color":"white"}},"type":"table"}],"barpolar":[{"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"barpolar"}],"pie":[{"automargin":true,"type":"pie"}]},"layout":{"autotypenumbers":"strict","colorway":["#636efa","#EF553B","#00cc96","#ab63fa","#FFA15A","#19d3f3","#FF6692","#B6E880","#FF97FF","#FECB52"],"font":{"color":"#2a3f5f"},"hovermode":"closest","hoverlabel":{"align":"left"},"paper_bgcolor":"white","plot_bgcolor":"#E5ECF6","polar":{"bgcolor":"#E5ECF6","angularaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"radialaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"ternary":{"bgcolor":"#E5ECF6","aaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"baxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"caxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"coloraxis":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"colorscale":{"sequential":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"sequentialminus":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"diverging":[[0,"#8e0152"],[0.1,"#c51b7d"],[0.2,"#de77ae"],[0.3,"#f1b6da"],[0.4,"#fde0ef"],[0.5,"#f7f7f7"],[0.6,"#e6f5d0"],[0.7,"#b8e186"],[0.8,"#7fbc41"],[0.9,"#4d9221"],[1,"#276419"]]},"xaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"yaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"scene":{"xaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"yaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"zaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2}},"shapedefaults":{"line":{"color":"#2a3f5f"}},"annotationdefaults":{"arrowcolor":"#2a3f5f","arrowhead":0,"arrowwidth":1},"geo":{"bgcolor":"white","landcolor":"#E5ECF6","subunitcolor":"white","showland":true,"showlakes":true,"lakecolor":"white"},"title":{"x":0.05},"mapbox":{"style":"light"},"margin":{"b":0,"l":0,"r":0,"t":30}}},"margin":{"l":10,"r":65,"t":120,"b":58},"xaxis":{"tickfont":{"size":11,"color":"#555555"},"range":[0,58],"ticksuffix":"%","gridcolor":"#CCCCCC","showline":false,"zeroline":false},"yaxis":{"tickfont":{"size":12,"color":"#333333"},"autorange":"reversed","showgrid":false,"showline":false,"ticklen":0},"title":{"font":{"size":18,"color":"#1a1a2e","family":"Georgia, serif"},"text":"\u003cb\u003eFaktor-M-High-Score nach v\u00e4terlicher Herkunft\u003c\u002fb\u003e","x":0,"xanchor":"left"},"paper_bgcolor":"#F5F0E8","plot_bgcolor":"#F5F0E8","height":691,"bargap":0.38,"showlegend":false,"annotations":[{"font":{"color":"#666666","size":11},"showarrow":false,"text":"Anteil der M\u00e4nner in der High-Score-Gruppe nach Geburtsregion des Vaters. Die Studie warnt vor monokausaler Kulturdeutung.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":1,"yanchor":"top","yref":"paper","yshift":-38},{"font":{"color":"#888888","size":9},"showarrow":false,"text":"Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi & Theunert 2026.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":0,"yanchor":"bottom","yref":"paper","yshift":-44}]},                        {"responsive": true}                    ).then(function(){
                            
var gd = document.getElementById('05a95748-e9a3-407d-8651-ff3c550771e7');
var x = new MutationObserver(function (mutations, observer) {{
        var display = window.getComputedStyle(gd).display;
        if (!display || display === 'none') {{
            console.log([gd, 'removed!']);
            Plotly.purge(gd);
            observer.disconnect();
        }}
}});

// Listen for the removal of the full notebook cells
var notebookContainer = gd.closest('#notebook-container');
if (notebookContainer) {{
    x.observe(notebookContainer, {childList: true});
}}

// Listen for the clearing of the current output cell
var outputEl = gd.closest('.output');
if (outputEl) {{
    x.observe(outputEl, {childList: true});
}}

                        })                };            </script>        </div>
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-herkunft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;3: Faktor-M-High-Score nach väterlicher Herkunftsregion. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026. Die Zahlen beschreiben Unterschiede, erklären sie aber nicht monokausal.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
<p>Solche Zahlen werden schnell missbraucht. Man kann aus ihnen eine ethnische oder religiöse Defiziterzählung bauen. Das wäre analytisch schwach und politisch gefährlich. Die Autorinnen und Autoren tun das ausdrücklich nicht. Sie diskutieren Bildung, soziale Lage, Diaspora-Dynamiken, gesellschaftliche Zusammenbrüche, Kriegserfahrungen, Geschlechterregime, Diskriminierungserfahrungen und prekäre Lebenslagen.</p>
<p>Trotzdem wäre es falsch, diese Befunde aus Angst vor Missbrauch zu verschweigen. Patriarchale und religiös oder kulturell codierte Männlichkeitsbilder existieren. Sie prägen Familien, Peergroups, Vereine, Moscheen, digitale Räume und Jugendszenen. Wer sie aus antirassistischer Vorsicht romantisiert, lässt gerade jene Jungen und Mädchen allein, die unter ihnen leben. Wer sie dagegen als Wesensmerkmal bestimmter Gruppen behandelt, betreibt keine Analyse, sondern sortiert Menschen nach Herkunft.</p>
<p>Die brauchbare Linie liegt dazwischen. Ich habe sie im Beitrag über Männlichkeitsbilder und Radikalisierungsprävention bereits so formuliert. Kritik an patriarchalen Dynamiken darf nicht rassistisch werden. Antirassismus darf nicht bedeuten, patriarchale Dynamiken zu verharmlosen.</p>
<p>Gerade muslimische und migrantische Communities haben hier eine eigene Verantwortung. Sie können sich nicht darauf beschränken, berechtigte Stigmatisierungserfahrungen zu benennen. Sie müssen auch fragen, welche Bilder von Stärke, Ehre, Schutz, Gehorsam, Sexualität und Familie sie selbst weitergeben. Das betrifft religiöse Bildungsarbeit, Jugendarbeit, Väterarbeit, Ehevorbereitung, Social-Media-Kommunikation und die ganz alltägliche Sprache über Jungen und Mädchen.</p>
</section>
<section id="die-manosphere-gewinnt-über-funktion-nicht-über-wahrheit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-manosphere-gewinnt-über-funktion-nicht-über-wahrheit">Die Manosphere gewinnt über Funktion, nicht über Wahrheit</h2>
<p>Die Studie beweist nicht, dass TikTok, YouTube oder die Manosphere diese Einstellungen verursachen. Das wäre eine zu schnelle Lesart. Sie zeigt aber, dass digitale Räume ein wichtiger Vermittlungsraum sind. Unter jungen Deutschschweizern berichten 41 Prozent Bezüge zur digitalen Manosphere. In der Westschweiz sind es 29 Prozent, in der italienischsprachigen Schweiz 21 Prozent. Die genaueren Zusammenhänge sollen in einem zweiten Teilbericht untersucht werden.</p>
<div id="cell-fig-manosphere" class="cell" data-execution_count="5">
<div id="fig-manosphere" class="cell-output cell-output-display quarto-float quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-manosphere-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<div style="height:379px; width:100%;">            <script src="https://cdnjs.cloudflare.com/ajax/libs/mathjax/2.7.5/MathJax.js?config=TeX-AMS-MML_SVG"></script><script>if (window.MathJax && window.MathJax.Hub && window.MathJax.Hub.Config) {window.MathJax.Hub.Config({SVG: {font: "STIX-Web"}});}</script>                <script>window.PlotlyConfig = {MathJaxConfig: 'local'};</script>
        <script charset="utf-8" src="https://cdn.plot.ly/plotly-3.7.0.min.js" integrity="sha256-jvTGqxNp8AGWEcvNLVuKr+8j5dGe9Yw51LQkmDH+IYA=" crossorigin="anonymous"></script>                <div id="b70e9873-5d16-49d1-b52c-472c77e5fadd" class="plotly-graph-div" style="height:100%; width:100%;"></div>            <script>                window.PLOTLYENV=window.PLOTLYENV || {};                                if (document.getElementById("b70e9873-5d16-49d1-b52c-472c77e5fadd")) {                    Plotly.newPlot(                        "b70e9873-5d16-49d1-b52c-472c77e5fadd",                        [{"cliponaxis":false,"marker":{"color":["#8B3A2F","#1C4770","#3A6B5A"]},"orientation":"h","text":["\u003cb\u003e41%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e29%\u003c\u002fb\u003e","\u003cb\u003e21%\u003c\u002fb\u003e"],"textfont":{"color":"#1a1a2e","size":13},"textposition":"outside","x":[41,29,21],"y":["Deutschschweiz","Westschweiz","Italienischsprachige Schweiz"],"type":"bar"}],                        {"template":{"data":{"histogram2dcontour":[{"type":"histogram2dcontour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"choropleth":[{"type":"choropleth","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"histogram2d":[{"type":"histogram2d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"heatmap":[{"type":"heatmap","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"contourcarpet":[{"type":"contourcarpet","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"contour":[{"type":"contour","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"surface":[{"type":"surface","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""},"colorscale":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]]}],"mesh3d":[{"type":"mesh3d","colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}],"scatter":[{"fillpattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2},"type":"scatter"}],"parcoords":[{"type":"parcoords","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolargl":[{"type":"scatterpolargl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"bar":[{"error_x":{"color":"#2a3f5f"},"error_y":{"color":"#2a3f5f"},"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"bar"}],"scattergeo":[{"type":"scattergeo","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterpolar":[{"type":"scatterpolar","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"histogram":[{"marker":{"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"histogram"}],"scattergl":[{"type":"scattergl","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatter3d":[{"type":"scatter3d","line":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermap":[{"type":"scattermap","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattermapbox":[{"type":"scattermapbox","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scatterternary":[{"type":"scatterternary","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"scattercarpet":[{"type":"scattercarpet","marker":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}}}],"carpet":[{"aaxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"baxis":{"endlinecolor":"#2a3f5f","gridcolor":"white","linecolor":"white","minorgridcolor":"white","startlinecolor":"#2a3f5f"},"type":"carpet"}],"table":[{"cells":{"fill":{"color":"#EBF0F8"},"line":{"color":"white"}},"header":{"fill":{"color":"#C8D4E3"},"line":{"color":"white"}},"type":"table"}],"barpolar":[{"marker":{"line":{"color":"#E5ECF6","width":0.5},"pattern":{"fillmode":"overlay","size":10,"solidity":0.2}},"type":"barpolar"}],"pie":[{"automargin":true,"type":"pie"}]},"layout":{"autotypenumbers":"strict","colorway":["#636efa","#EF553B","#00cc96","#ab63fa","#FFA15A","#19d3f3","#FF6692","#B6E880","#FF97FF","#FECB52"],"font":{"color":"#2a3f5f"},"hovermode":"closest","hoverlabel":{"align":"left"},"paper_bgcolor":"white","plot_bgcolor":"#E5ECF6","polar":{"bgcolor":"#E5ECF6","angularaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"radialaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"ternary":{"bgcolor":"#E5ECF6","aaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"baxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""},"caxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":""}},"coloraxis":{"colorbar":{"outlinewidth":0,"ticks":""}},"colorscale":{"sequential":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"sequentialminus":[[0.0,"#0d0887"],[0.1111111111111111,"#46039f"],[0.2222222222222222,"#7201a8"],[0.3333333333333333,"#9c179e"],[0.4444444444444444,"#bd3786"],[0.5555555555555556,"#d8576b"],[0.6666666666666666,"#ed7953"],[0.7777777777777778,"#fb9f3a"],[0.8888888888888888,"#fdca26"],[1.0,"#f0f921"]],"diverging":[[0,"#8e0152"],[0.1,"#c51b7d"],[0.2,"#de77ae"],[0.3,"#f1b6da"],[0.4,"#fde0ef"],[0.5,"#f7f7f7"],[0.6,"#e6f5d0"],[0.7,"#b8e186"],[0.8,"#7fbc41"],[0.9,"#4d9221"],[1,"#276419"]]},"xaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"yaxis":{"gridcolor":"white","linecolor":"white","ticks":"","title":{"standoff":15},"zerolinecolor":"white","automargin":true,"zerolinewidth":2},"scene":{"xaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"yaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2},"zaxis":{"backgroundcolor":"#E5ECF6","gridcolor":"white","linecolor":"white","showbackground":true,"ticks":"","zerolinecolor":"white","gridwidth":2}},"shapedefaults":{"line":{"color":"#2a3f5f"}},"annotationdefaults":{"arrowcolor":"#2a3f5f","arrowhead":0,"arrowwidth":1},"geo":{"bgcolor":"white","landcolor":"#E5ECF6","subunitcolor":"white","showland":true,"showlakes":true,"lakecolor":"white"},"title":{"x":0.05},"mapbox":{"style":"light"},"margin":{"b":0,"l":0,"r":0,"t":30}}},"margin":{"l":10,"r":65,"t":120,"b":58},"xaxis":{"tickfont":{"size":11,"color":"#555555"},"range":[0,52],"ticksuffix":"%","gridcolor":"#CCCCCC","showline":false,"zeroline":false},"yaxis":{"tickfont":{"size":12,"color":"#333333"},"autorange":"reversed","showgrid":false,"showline":false,"ticklen":0},"title":{"font":{"size":18,"color":"#1a1a2e","family":"Georgia, serif"},"text":"\u003cb\u003eManosphere-Bez\u00fcge junger M\u00e4nner nach Sprachregion\u003c\u002fb\u003e","x":0,"xanchor":"left"},"paper_bgcolor":"#F5F0E8","plot_bgcolor":"#F5F0E8","height":379,"bargap":0.38,"showlegend":false,"annotations":[{"font":{"color":"#666666","size":11},"showarrow":false,"text":"Anteil junger M\u00e4nner mit berichteten Bez\u00fcgen zur digitalen Manosphere. Teilbericht 1 zeigt keine Medienkausalit\u00e4t.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":1,"yanchor":"top","yref":"paper","yshift":-38},{"font":{"color":"#888888","size":9},"showarrow":false,"text":"Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi & Theunert 2026.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":0,"yanchor":"bottom","yref":"paper","yshift":-44}]},                        {"responsive": true}                    ).then(function(){
                            
var gd = document.getElementById('b70e9873-5d16-49d1-b52c-472c77e5fadd');
var x = new MutationObserver(function (mutations, observer) {{
        var display = window.getComputedStyle(gd).display;
        if (!display || display === 'none') {{
            console.log([gd, 'removed!']);
            Plotly.purge(gd);
            observer.disconnect();
        }}
}});

// Listen for the removal of the full notebook cells
var notebookContainer = gd.closest('#notebook-container');
if (notebookContainer) {{
    x.observe(notebookContainer, {childList: true});
}}

// Listen for the clearing of the current output cell
var outputEl = gd.closest('.output');
if (outputEl) {{
    x.observe(outputEl, {childList: true});
}}

                        })                };            </script>        </div>
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-manosphere-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;4: Berichtete Manosphere-Bezüge junger Männer nach Sprachregion. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026. Der Befund zeigt keine Kausalität der Mediennutzung.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
<p>Für die politische und pädagogische Praxis reicht der Hinweis trotzdem aus. Junge Männer wachsen heute in digitalen Umgebungen auf, in denen Männlichkeit permanent erklärt, verkauft und belohnt wird. Plattformen bevorzugen klare Feindbilder, starke Gesten, einfache Statusversprechen und emotionale Verdichtung. Ein junger Mann, der sich beschämt, sexuell abgelehnt, sozial unsicher oder ökonomisch unter Druck fühlt, findet dort schnell eine Erklärung. Frauen sind schuld. Feminismus ist schuld. Migration ist schuld. Der Westen ist verweichlicht. Religion muss wieder härter werden. Männer müssen zurück an die Spitze.</p>
<p>Das ist gefährlich, aber es funktioniert als Deutungsangebot. Deshalb reicht es nicht, Influencer aus der Manosphere lächerlich zu machen. Viele Jugendliche erleben sie als verständlich, diszipliniert, erfolgreich und klar. Wer dem nur mit moralischer Distanz begegnet, verliert die Beziehung, bevor überhaupt pädagogische Arbeit beginnen kann.</p>
<p>Eine bessere Antwort muss die Bedürfnisse ernst nehmen, ohne die Ideologie zu übernehmen. Viele junge Männer suchen Anerkennung, Orientierung, körperliche Selbstwirksamkeit, sexuelle Sicherheit, Zugehörigkeit und eine Sprache für Kränkung. Diese Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn progressive Milieus sie peinlich finden. Dann werden sie von anderen besetzt.</p>
</section>
<section id="positive-männlichkeit-braucht-eine-ernsthafte-sprache" class="level2">
<h2 data-anchor-id="positive-männlichkeit-braucht-eine-ernsthafte-sprache">Positive Männlichkeit braucht eine ernsthafte Sprache</h2>
<p>Der Begriff der positiven Männlichkeit ist riskant, weil er leicht nach Rückkehr zu alten Rollen klingt. Männer als Beschützer, Versorger und harte Patriarchen brauchen wir nicht neu aufzuwärmen. Diese Nostalgie ist Teil des Problems.</p>
<p>Trotzdem braucht es positive Männlichkeitsbilder. In dem bereits genannten Beitrag habe ich dafür eine Linie formuliert. Positive Männlichkeit meint keine Rückkehr zum Beschützer, Ernährer oder harten Patriarchen, sondern Stärke ohne Dominanz, Verantwortung ohne Besitzanspruch, Selbstachtung ohne Abwertung, Mut ohne Gewalt, Disziplin ohne Härtekult und Beziehungskompetenz ohne Scham. Für die Lektüre der Zürcher Studie lässt sich diese Linie um Spiritualität ohne Patriarchat und Verantwortung ohne Opferinszenierung erweitern.</p>
<p>Solche Bilder entstehen nicht durch Plakate allein. Sie entstehen durch Beziehungen, Institutionen und Übungsräume. Jungen brauchen Männer, die Konflikte austragen können, ohne zu demütigen. Sie brauchen Väter, Trainer, Lehrer, Sozialarbeiter, Imame, Ausbilder und ältere Freunde, die Stärke nicht mit Kontrolle verwechseln. Sie brauchen Räume, in denen Scham, Zurückweisung, Konkurrenz, Sexualität und Scheitern besprechbar werden, bevor sie sich in Frauenfeindlichkeit oder Gewaltfantasien übersetzen.</p>
<p>Auch Mädchen und Frauen profitieren davon. Gleichstellung wird nicht stabiler, wenn Jungen nur lernen, welche Begriffe sie meiden sollen. Sie wird stabiler, wenn Jungen lernen, Beziehungen ohne Herrschaft zu führen, Kränkungen ohne Gewalt zu verarbeiten und Verantwortung ohne Besitzdenken zu übernehmen.</p>
</section>
<section id="was-aus-der-studie-folgen-sollte" class="level2">
<h2 data-anchor-id="was-aus-der-studie-folgen-sollte">Was aus der Studie folgen sollte</h2>
<p>Die Zürcher Studie ist ein Schweizer Befund. Deutschland sollte ihn nicht kopieren, aber ernst nehmen. Wir brauchen vergleichbare Daten, eine stärkere Verbindung von Jungenarbeit, Gewaltprävention, politischer Bildung, digitaler Medienpädagogik und migrantischer Bildungsarbeit. Vor allem brauchen wir weniger Scheu vor Ambivalenz.</p>
<p>Männlichkeit ist weder Naturgesetz noch bloßer Diskurs. Sie ist ein soziales Orientierungsangebot mit realen Folgen. Manche Formen machen Männer beziehungsfähiger, verantwortlicher und freier. Andere machen sie einsamer, aggressiver und manipulierbarer.</p>
<p>Wer junge Männer erreichen will, muss ihnen mehr anbieten als Beschämung. Aber er darf ihnen auch nicht einreden, Dominanz sei bloß eine missverstandene Form von Stärke. Die Aufgabe ist anspruchsvoller. Wir müssen Männlichkeit so bearbeiten, dass Jungen und Männer nicht aus Angst vor Bedeutungsverlust nach unten treten, sondern lernen, Verantwortung ohne Herrschaft zu übernehmen.</p>
<p>Das wäre kein Nebenthema von Gleichstellungspolitik. Es gehört in Schule, Jugendhilfe, Prävention, Religionsgemeinschaften, Sport, Ausbildung und digitale Bildung. Wer dort keine glaubwürdige Sprache für Männlichkeit findet, lässt sie von denen formulieren, die aus Kränkung ein Geschäftsmodell und aus Dominanz ein Heilsversprechen machen.</p>
</section>
<section id="quellen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen">Quellen</h2>
<ul>
<li>Ribeaud, D., Buzzi, C. &amp; Theunert, M. (2026). <a href="https://www.jacobscenter.uzh.ch/dam/jcr:ea186cf6-13b4-4e98-87f8-5f6d9bbcc2e7/Maennlichkeit_im_Wandel-Studienbericht.pdf">Männlichkeit im Wandel. Forschungsbericht.</a> Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich.</li>
<li>Universität Zürich (2026). <a href="https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/Maennlichkeit.html">Medienmeldung: Männlichkeit im Wandel.</a> news.uzh.ch.</li>
</ul>
</section>
<section id="siehe-auch" class="level2">
<h2 data-anchor-id="siehe-auch">Siehe auch</h2>
<ul>
<li><a href="../../echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind/">Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind</a></li>
<li><a href="../../gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger/">Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger</a></li>
<li><a href="../../digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder/">Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</a></li>
<li><a href="../../digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder-ein-rueckblick-auf-das-9-dialogforum-integration/">Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder – Rückblick auf das 9. Dialogforum Integration</a></li>
<li><a href="../../maennlichkeitsbilder-tradition-radikalisierung-lehrerfortbildung-berlin/">Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung – Lehrerfortbildung in Berlin</a></li>
</ul>
<div class="section-tint">
<p><strong>Passende Leistung:</strong> <a href="../../leistungen/radikalisierungspraevention-jugendschutz-extremistische-narrative-maennlichkeitsbilder.html">Radikalisierungsprävention &amp; Jugendschutz – Männlichkeitsbilder erkennen</a> als Workshop oder Vortrag für Schule, Jugendhilfe und Prävention.</p>
<p><a href="../../kontakt.html" class="btn btn-primary btn-sm">Als Workshop oder Vortrag anfragen</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/dc9ef6120b6345a18c51d55e7bc897ef.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-maennlichkeit-zur-bedrohten-identitaet-wird.html</guid>
  <pubDate>Mon, 22 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/maennlichkeit-junger-mann-urban.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Mitgestalten statt umworben werden</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Mitgestalten statt umworben werden"></p>
<p>Der neue <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064">Bericht zum 6. Deutschen Freiwilligensurvey</a> (Datengrundlage 2024) verschiebt eine Debatte, die in Deutschland oft zu bequem geführt wird. Menschen mit Migrationshintergrund engagieren sich nicht weniger als früher. Ihre Engagementquote liegt laut Kurzbericht bei 28,4 Prozent, niedriger als die 40,1 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund, aber gegen den allgemeinen Trend stabil. Der leichte Rückgang der Gesamtbeteiligung, von 39,7 auf 36,7 Prozent, geht allein auf Personen ohne Migrationshintergrund zurück. Innerhalb der Gruppe mit Migrationshintergrund engagieren sich die hier Geborenen mit 36,3 Prozent fast so häufig wie die Gesamtbevölkerung. Bei Menschen mit eigener Zuwanderungserfahrung ist die Quote gegenüber 2019 sogar gestiegen.</p>
<div id="cell-fig-engagement" class="cell" data-execution_count="2">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-engagement" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm der Engagementquoten 2024. Bevölkerung gesamt 36,7 Prozent, ohne Migrationshintergrund 40,1 Prozent, mit Migrationshintergrund und hier geboren 36,3 Prozent, mit Migrationshintergrund gesamt 28,4 Prozent.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-engagement-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden_files/figure-html/fig-engagement-output-1.png" alt="Balkendiagramm der Engagementquoten 2024. Bevölkerung gesamt 36,7 Prozent, ohne Migrationshintergrund 40,1 Prozent, mit Migrationshintergrund und hier geboren 36,3 Prozent, mit Migrationshintergrund gesamt 28,4 Prozent." width="915" height="451" class="figure-img">
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-engagement-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;1: Engagementquoten 2024 nach dem 6. Deutschen Freiwilligensurvey. Die Lücke konzentriert sich auf die erste Generation, während die hier Geborenen fast auf dem Gesamtniveau liegen.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
</div>
<p>Die alte Frage wird damit präziser. Wenn migrantisches und muslimisches Engagement in vielen klassischen Institutionen weiterhin unterrepräsentiert ist, trägt der fehlende Wille einzelner Menschen die Erklärung nicht. Entscheidend ist auch, welche Formen von Engagement sichtbar werden, welche als vollwertig gelten und welche Zugänge überhaupt als eigene Möglichkeit erkannt werden.</p>
<p>In meinem Impulspapier <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">„Versäumte Chancen?“</a> habe ich argumentiert, dass Verwaltung, Unternehmen, Wohlfahrtsverbände, Feuerwehr, THW, Sportvereine und NGOs ihren Nachwuchs künftig aus einer deutlich diverseren Bevölkerung gewinnen müssen. Das bleibt richtig. Diese Öffnung reicht aber nicht aus, solange sie nur als institutionelle Selbstbeschreibung existiert. Eine Tür kann offenstehen und für viele trotzdem unsichtbar bleiben.</p>
<section id="warum-die-klassischen-formen-fremd-bleiben" class="level2">
<h2 data-anchor-id="warum-die-klassischen-formen-fremd-bleiben">Warum die klassischen Formen fremd bleiben</h2>
<p>Viele Organisationen sagen heute, dass alle willkommen seien. Das ist ein Fortschritt gegenüber alten Ausschlussmustern. Es beantwortet aber noch nicht, ob die angesprochenen Menschen diese Einladung überhaupt wahrnehmen. Ein Leitbild auf einer Website erreicht keine Familie, in der niemand weiß, was das THW genau macht. Ein Plakat der Freiwilligen Feuerwehr erklärt nicht, warum Bürgerinnen und Bürger in ihrer Freizeit Aufgaben übernehmen, die in vielen Herkunftsgesellschaften eindeutig dem Staat zugeschrieben werden. Ein Wohlfahrtsverband kann formal offen sein und habituell trotzdem so wirken, als sei er für andere gemacht.</p>
<p>Gerade klassische Engagementformen sind kulturell voraussetzungsreich. Freiwillige Feuerwehr, Elternvertretung, Vereinsvorstand, kommunale Beiratsarbeit oder Jugendverbandsarbeit sind keine universalen Selbstverständlichkeiten, sondern historisch gewachsene Formen deutscher Zivilgesellschaft. Wer mit ihnen aufgewachsen ist, erkennt sie intuitiv als Räume der Mitgestaltung. Wer damit nicht sozialisiert wurde, sieht zunächst eher einen fremden Apparat, eine Behördennähe, eine Freizeitkultur oder eine Gruppe, zu der man nicht selbstverständlich dazugehört.</p>
<p>Öffnung braucht deshalb Übersetzung. Was macht diese Institution? Warum ist sie wichtig? Welche Rechte und Pflichten entstehen durch Mitgliedschaft? Wer entscheidet dort? Welche Rolle spielen Geselligkeit, Sprache, religiöse Alltagspraktiken oder familiäre Erwartungen? Wird man als Mitgestalter gesucht oder nur als Zeichen gelungener Vielfalt? Ohne solche Übersetzungsarbeit bleibt die Einladung abstrakt. Sie existiert organisatorisch, aber nicht sozial.</p>
</section>
<section id="der-blick-in-die-türkei-erklärt-einen-teil-der-distanz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-blick-in-die-türkei-erklärt-einen-teil-der-distanz">Der Blick in die Türkei erklärt einen Teil der Distanz</h2>
<p>Eine türkische Quelle, die ich im Impulspapier bereits aufgegriffen habe, hilft, diese Distanz zu verstehen. Die Studie <a href="https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf">„Türkiye’de Sivil Toplum Algısı“</a> des Sivil Toplum Geliştirme Merkezi beruht auf rund 3.000 persönlichen Interviews aus dem Winter 2023/24 und zeigt, wie schwach organisierte Zivilgesellschaft in der Türkei im Alltag vieler Menschen verankert ist. Nur 7,7 Prozent der Befragten sind Mitglied oder freiwillig in einer zivilgesellschaftlichen Organisation aktiv. Die reine Mitgliedschaft liegt bei 4,1 Prozent. 77,2 Prozent haben keinerlei Beziehung zu solchen Organisationen.</p>
<p>Aufschlussreich ist aber weniger die niedrige Quote als das Bild, das die Befragten von Zivilgesellschaft haben. Gefragt, was der Begriff auslöst, nennen sie vor allem Freiwilligkeit, Solidarität, Spende und Hilfe. Anwaltschaft, Demokratie und politisches Eintreten tauchen nur am Rand auf, jeweils bei rund sechs Prozent oder darunter. Zivilgesellschaft erscheint als Wohltätigkeit, kaum als Mitgestaltung oder Interessenvertretung. Die häufigste Form des Kontakts ist entsprechend die Spende per SMS, vor allem nach dem Erdbeben von 2023. Sechs von zehn Befragten geben zudem an, wenig oder gar nichts darüber zu wissen, was solche Organisationen eigentlich tun.</p>
<div id="cell-fig-zivilgesellschaft" class="cell" data-execution_count="3">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-zivilgesellschaft" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm der Assoziationen zum Begriff Zivilgesellschaft. Freiwilligkeit 33 Prozent, Solidarität 32 Prozent, Spende 29,5 Prozent, Hilfe 26 Prozent, Anwaltschaft 6 Prozent, Demokratie 6 Prozent, Aktion oder Aktivismus 4 Prozent.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-zivilgesellschaft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden_files/figure-html/fig-zivilgesellschaft-output-1.png" alt="Balkendiagramm der Assoziationen zum Begriff Zivilgesellschaft. Freiwilligkeit 33 Prozent, Solidarität 32 Prozent, Spende 29,5 Prozent, Hilfe 26 Prozent, Anwaltschaft 6 Prozent, Demokratie 6 Prozent, Aktion oder Aktivismus 4 Prozent." width="916" height="554" class="figure-img">
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-zivilgesellschaft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;2: Assoziationen zum Begriff Zivilgesellschaft in der Türkei nach der STGM-Studie. Wohltätige Begriffe dominieren, Mitgestaltung und politisches Eintreten bleiben am Rand.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
</div>
<p>Besonders deutlich wird die Distanz an einem weiteren Befund. Wer nicht Mitglied oder freiwillig aktiv ist, nennt als Grund vor allem fehlende Zeit. Aber zwölfeinhalb Prozent geben an, dass sie sich scheuen oder Angst haben, an solchen Aktivitäten teilzunehmen, bei den unter 35-Jährigen sind es gut fünfzehn Prozent. Der Bericht bringt das mit der gesetzlichen Pflicht in Verbindung, Mitglieder den Behörden zu melden. Organisierte Mitgliedschaft erscheint dann als etwas, das unter staatlicher Beobachtung steht und politisch heikel sein kann.</p>
<div id="cell-fig-gruende" class="cell" data-execution_count="4">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-gruende" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm der Gründe gegen Mitgliedschaft oder Freiwilligkeit. Keine Zeit 50 Prozent, keine finanziellen Mittel 16 Prozent, Scheu oder Angst vor Teilnahme 12,5 Prozent insgesamt und 15,3 Prozent bei den unter 35-Jährigen.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-gruende-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden_files/figure-html/fig-gruende-output-1.png" alt="Balkendiagramm der Gründe gegen Mitgliedschaft oder Freiwilligkeit. Keine Zeit 50 Prozent, keine finanziellen Mittel 16 Prozent, Scheu oder Angst vor Teilnahme 12,5 Prozent insgesamt und 15,3 Prozent bei den unter 35-Jährigen." width="917" height="424" class="figure-img">
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-gruende-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;3: Gründe gegen Mitgliedschaft oder Freiwilligkeit nach der STGM-Studie. Bei den unter 35-Jährigen steigt der Anteil, der sich scheut oder Angst hat.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
</div>
<p>Diese Zahlen lassen sich nicht eins zu eins auf türkeistämmige Communities in Deutschland übertragen. Sie erklären aber einen Erfahrungshorizont. Wer aus einem Kontext kommt, in dem organisierte Zivilgesellschaft schwach sichtbar ist, in dem Vereine als staatsnah, politisch heikel, elitär oder schlicht irrelevant gelten und in dem Engagement vor allem als Hilfe innerhalb von Familie, Nachbarschaft oder Gemeinde verstanden wird, bringt nicht automatisch ein positives Verhältnis zur deutschen Vereins- und Ehrenamtskultur mit. Eine Kultur, die stark auf Mitgliedschaft, Gremien und Mitbestimmung setzt, wirkt von dort aus zunächst fremd.</p>
<p>Das betrifft auch die zweite und dritte Generation. Solche Deutungsmuster werden in Familien weitergegeben, manchmal offen, häufiger unausgesprochen. Wenn der Staat für Sicherheit zuständig ist, warum sollte man zur Freiwilligen Feuerwehr gehen? Wenn organisierte Mitgliedschaft eher mit Risiko als mit Mitgestaltung verbunden wird, warum sollte man sich in kommunalen Strukturen exponieren? Das sind keine Ausreden, aber eine soziale Realität, die man ernst nehmen muss, wenn man sie verändern will.</p>
</section>
<section id="die-communities-dürfen-nicht-in-der-rolle-der-umworbenen-bleiben" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-communities-dürfen-nicht-in-der-rolle-der-umworbenen-bleiben">Die Communities dürfen nicht in der Rolle der Umworbenen bleiben</h2>
<p>Die Verantwortung liegt auch bei den Communities. Es wäre zu bequem, allein auf Verwaltung, Unternehmen und NGOs zu zeigen. Sie müssen ihre Zugänge öffnen, verständlicher und glaubwürdiger werden. Muslimische und migrantische Communities können sich aber nicht dauerhaft darauf beschränken, auf bessere Einladungen zu warten.</p>
<p>Wer Teil dieses Gemeinwesens ist, muss auch dort Verantwortung übernehmen, wo das Gemeinsame organisiert wird. Die eigene Moschee, der eigene Kulturverein und die Hilfe für die eigene Gruppe bleiben wichtig. Dort findet man Vertrauen und eine gemeinsame Sprache. Wenn Engagement aber dauerhaft nur innerhalb der eigenen Binnenstrukturen bleibt, entsteht keine gleichberechtigte Mitgestaltung der Gesellschaft.</p>
<p>Gerade muslimische Organisationen müssten deshalb offensiver vermitteln, dass Engagement außerhalb der eigenen Community kein Verlust ist. Ein muslimischer Jugendlicher, der bei der Tafel hilft, im Sportverein Verantwortung übernimmt, bei der Feuerwehr mitmacht oder sich in der Jugendhilfe qualifiziert, entfernt sich damit nicht von Herkunft oder Religion, sondern übersetzt Verantwortung in das Gemeinwesen, in dem er lebt.</p>
<p>Das verlangt auch innermuslimische Selbstkritik. Zu oft wird Engagement noch dort besonders gewürdigt, wo es der eigenen Gruppe dient. Die Moschee sucht Helfer für Veranstaltungen, Spendensammlungen, Unterricht, Ramadan-Organisation oder Bauprojekte. Das ist legitim. Es bleibt aber zu eng, wenn die gleiche Energie nicht auch in allgemeine zivilgesellschaftliche Strukturen führt.</p>
</section>
<section id="beide-seiten-müssen-sich-bewegen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="beide-seiten-müssen-sich-bewegen">Beide Seiten müssen sich bewegen</h2>
<p>Der Freiwilligensurvey zeigt, dass Engagementpotenzial vorhanden ist. Die STGM-Studie hilft zu verstehen, warum organisierte Zivilgesellschaft nicht für alle gleichermaßen selbstverständlich ist und warum sie vielen eher als Wohltätigkeit denn als Mitgestaltung erscheint. Daraus folgt eine pragmatische Aufgabe.</p>
<p>Institutionen müssen ihre Türen öffnen und sichtbar machen. Sie müssen erklären, wer sie sind, warum sie relevant sind und weshalb Menschen aus migrantischen und muslimischen Communities dort nicht Gäste, sondern künftige Träger sein sollen. Das bedeutet aufsuchende Arbeit, Kooperation mit Schulen, Jugendzentren, Moscheegemeinden, Elternnetzwerken und lokalen Multiplikatoren. Es bedeutet auch, interne Routinen zu prüfen, die Menschen formal nicht ausschließen, aber faktisch fernhalten.</p>
<p>Gleichzeitig braucht es eine Bewegung aus den Communities heraus, einen eigenen Anspruch auf Mitgestaltung. Wer Feuerwehr, Wohlfahrt, Verwaltung, Schule, Sport und Zivilgesellschaft den anderen überlässt, darf sich später nicht wundern, wenn die eigenen Perspektiven dort fehlen.</p>
<p>Die Einladung ist der Anfang. Entscheidend wird sein, ob die Menschen wissen, dass es diese Strukturen gibt, ob sie verstehen, was dahinter liegt, und ob sie den Schritt hinein als eigenen Schritt begreifen. Dort entscheidet sich, ob der demografische Wandel die Zivilgesellschaft erneuert. Sonst bleibt es bei einer weiteren versäumten Chance.</p>
</section>
<section id="quellen-und-anknüpfungen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen-und-anknüpfungen">Quellen und Anknüpfungen</h2>
<ul>
<li>Bundesregierung: <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064">Bericht zum 6. Deutschen Freiwilligensurvey</a></li>
<li>STGM: <a href="https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf">Türkiye’de Sivil Toplum Algısı</a></li>
<li>Engin Karahan: <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">„Versäumte Chancen?“</a></li>
</ul>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/933531401eaa4eceadcaa2a128d31f65.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Soziale-Arbeit</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden.html</guid>
  <pubDate>Fri, 12 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>KI-Aufsicht entscheidet sich im Alltag</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-aufsicht-entscheidet-sich-im-alltag.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/server-room-data-center-networking-database-co-2026-01-09-10-39-47-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="KI-Aufsicht entscheidet sich im Alltag"></p>
<p>Der Bundestag befasst sich am 11. Juni 2026 mit der nationalen Durchführung der europäischen Verordnung über künstliche Intelligenz. Grundlage ist der Gesetzentwurf der Bundesregierung für ein KI-Marktüberwachungs-und-Innovationsförderungs-Gesetz, wie der <a href="https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw24-de-ki-1183820">Deutsche Bundestag in seiner Vorabdarstellung zur Abstimmung</a> ausführt.</p>
<p>Auf den ersten Blick geht es um Behördenzuständigkeiten, Aufsicht, Bußgelder, Marktüberwachung und Reallabore. Tatsächlich wird damit ein Teil der Infrastruktur festgelegt, in der KI künftig geprüft, erlaubt, begrenzt und praktisch begleitet wird. Deutschland entscheidet also nicht nur über Verwaltungswege, sondern auch darüber, wie KI in sensiblen Bereichen überhaupt nutzbar werden kann.</p>
<section id="ki-kann-soziale-arbeit-besser-unterstützen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="ki-kann-soziale-arbeit-besser-unterstützen">KI kann soziale Arbeit besser unterstützen</h2>
<p>Künstliche Intelligenz kann in sozialen Feldern sehr praktische Aufgaben übernehmen. Sie kann Fachkräfte bei Dokumentation, Recherche, Übersetzung, Fallvorbereitung und Verwaltungsabläufen entlasten. In Sozialarbeit, Jugendhilfe, Pflege und kommunaler Beratung gibt es genug Überlastung, Medienbrüche und Wissensverluste, um technische Unterstützung ernsthaft zu prüfen. Wer KI dort nur als Risiko beschreibt, übersieht die Arbeitsbedingungen vieler Fachkräfte.</p>
<p>Die Umsetzung des <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32024R1689">AI Act der Europäischen Union</a> ist deshalb wichtig. Regulierung muss Anwendungen nicht ausbremsen. Sie kann Vertrauen schaffen, wenn sie klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Verfahren und funktionierende Beschwerdewege vorgibt. Datenschutz gehört dabei nicht ans Ende eines Projekts, wenn die Software längst beschafft ist. Er muss früh mitgeplant werden: mit klaren Zwecken, begrenzter Datenverarbeitung, fachlicher Verantwortung und Verfahren, die später überprüfbar bleiben. So wird Datenschutz nicht zum pauschalen Nein, sondern zu einer Voraussetzung für den Einsatz von KI in Jugendämtern, bei freien Trägern, in Pflegeeinrichtungen oder kommunalen Beratungsstellen.</p>
</section>
<section id="die-bundesnetzagentur-wird-zur-zentralen-adresse" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-bundesnetzagentur-wird-zur-zentralen-adresse">Die Bundesnetzagentur wird zur zentralen Adresse</h2>
<p>Die Bundestagsvorlage rückt vor allem die <a href="https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/start_ki.html">Bundesnetzagentur</a> ins Zentrum. Sie soll, soweit keine andere Fachbehörde zuständig ist, als Marktüberwachungsbehörde für die Einhaltung der KI-Verordnung benannt werden. Dort sollen ein Koordinierungs- und Kompetenzzentrum sowie eine unabhängige KI-Marktüberwachungskammer für bestimmte Hochrisiko-KI-Systeme entstehen. Die Bundesnetzagentur betreibt bereits einen <a href="https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/start_ki.html">KI-Service Desk</a>, der Unternehmen, Behörden und Organisationen Orientierung zur KI-Verordnung geben soll.</p>
<p>Das kann gerade für kleinere Einrichtungen wichtig werden. Viele freie Träger, kommunale Stellen oder mittelständische Anbieter haben keine eigene Rechts- oder Technikabteilung, die europäische Regulierung in praxistaugliche Entscheidungen übersetzt. Sie brauchen keine abstrakten Leitbilder, sondern belastbare Auskünfte: Was darf getestet werden? Welche Daten dürfen verwendet werden? Wann liegt ein Hochrisiko-System vor? Wer dokumentiert was? Und an wen können sich Betroffene wenden?</p>
<p>Auch die von der Bundesregierung vorgesehene Innovationsförderung verdient eine sachliche Prüfung. Nach Darstellung der <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/umsetzung-ki-verordnung-2406638">Bundesregierung zur Umsetzung der KI-Verordnung</a> soll die Bundesnetzagentur unter anderem Informationsangebote bereitstellen, Beratungsleistungen organisieren und mindestens ein KI-Reallabor einrichten. Für kleine und mittlere Unternehmen, soziale Träger und kommunale Akteure kann das ein echter Unterschied sein. Viele Anwendungen scheitern nicht an fehlender Fantasie, sondern an Unsicherheit, Haftungsangst, offenen Datenschutzfragen und fehlenden Standards. Eine gute Aufsicht muss deshalb nicht nur sanktionieren können. Sie muss auch erklären, sortieren und Wege in eine rechtssichere Umsetzung zeigen.</p>
</section>
<section id="reallabore-können-praktische-brücken-bauen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="reallabore-können-praktische-brücken-bauen">Reallabore können praktische Brücken bauen</h2>
<p>Reallabore sind nur dann mehr als ein Schlagwort, wenn sie nah genug an der Praxis bleiben. Eine Software, die Dokumentation vorbereitet, Termine priorisiert, Texte übersetzt, Akten erschließt oder Fallverläufe strukturiert, sollte nicht erst nach der Einführung auf ihre Folgen geprüft werden. Solche Anwendungen müssen unter realistischen Bedingungen getestet werden: mit klaren Zwecken, begrenzter Datenverarbeitung, fachlicher Evaluation und nachvollziehbarer Dokumentation.</p>
<p>Gerade dort kann sich zeigen, ob Datenschutz und Nutzbarkeit zusammenpassen. Aufsicht wäre dann nicht nur nachträgliche Kontrolle, sondern Teil der Entwicklung. Fehler, blinde Flecken und falsche Routinen würden früher sichtbar. Für soziale Einrichtungen ist das entscheidend, weil technische Systeme dort selten isoliert wirken. Sie verändern Arbeitsabläufe, Wahrnehmungen, Prioritäten und manchmal auch die Erwartungen an Fachkräfte.</p>
<p>Die europäische Ebene sieht solche Erprobungsräume ausdrücklich vor. Die Europäische Kommission beschreibt im Rahmen des <a href="https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai">AI Act</a> regulatorische Sandboxes als Möglichkeit, innovative KI-Lösungen unter realen Bedingungen zu testen. Wichtig ist, dass diese Räume nicht nur großen Anbietern offenstehen. Auch kleinere Anbieter, öffentliche Einrichtungen, freie Träger und fachlich spezialisierte Anwendungen brauchen Zugang. Sonst entsteht eine Schieflage: Europa setzt hohe Anforderungen, während die praktische Entwicklung vor allem dort stattfindet, wo Kapital, Rechenleistung und Plattformmacht bereits konzentriert sind.</p>
</section>
<section id="ki-standort-ist-auch-eine-sozialpolitische-frage" class="level2">
<h2 data-anchor-id="ki-standort-ist-auch-eine-sozialpolitische-frage">KI-Standort ist auch eine sozialpolitische Frage</h2>
<p>In der Debatte über KI-Aufsicht geht es meist um Risiken, Pflichten und Zuständigkeiten. Zu selten wird gefragt, wo die KI entsteht, die später in deutschen Verwaltungen, sozialen Diensten oder Bildungseinrichtungen eingesetzt wird. Diese Standortfrage ist keine Industriepolitik für Spezialisten. Sie betrifft Datenflüsse, öffentliche Beschaffung, technische Standards und demokratische Steuerungsfähigkeit.</p>
<p>Wenn soziale Einrichtungen überwiegend Systeme US-amerikanischer oder chinesischer Anbieter nutzen, geht es nicht nur um Datenschutz. Es geht auch darum, wer Infrastruktur bereitstellt, wer Geschäftsmodelle vorgibt, welche Standards sich durchsetzen und wie viel Gestaltungsmacht in Europa bleibt. Gerade in sensiblen öffentlichen Verfahren sollte diese Frage nicht erst gestellt werden, wenn die Abhängigkeiten längst entstanden sind.</p>
<p>Deutschland und Europa haben ernstzunehmende Akteure. <a href="https://aleph-alpha.com/en/">Aleph Alpha</a> steht in Deutschland für den Anspruch souveräner KI, <a href="https://bfl.ai/">Black Forest Labs</a> aus Freiburg ist im Bereich visueller generativer Modelle international sichtbar, <a href="https://mistral.ai/about/">Mistral AI</a> ist eine der wichtigsten europäischen Hoffnungen im Sprachmodellbereich, und <a href="https://www.deepl.com/">DeepL</a> zeigt seit Jahren, dass europäische KI-Produkte global konkurrenzfähig sein können. Diese Beispiele sind wichtig. Sie zeigen aber auch, wie klein das europäische Feld im Verhältnis zu den großen Plattformen aus den USA und China bleibt.</p>
<p>Die nationale Umsetzung des AI Act muss deshalb zwei Dinge zugleich schaffen. Sie muss riskante Anwendungen begrenzen, Transparenz sichern und Betroffene beschwerdefähig halten. Sie darf aber nicht dazu führen, dass europäische Anbieter stärker unter der Regulierungslast leiden als globale Konzerne, die ganze Compliance-Abteilungen finanzieren können. Dafür reicht eine Aufsicht, die nur prüft und sanktioniert, nicht aus. Sie muss beraten, Standards erklären, Verfahren beschleunigen und rechtskonforme Entwicklung erleichtern. Der KI-Service Desk und die Reallabore sind dafür wichtige Hebel.</p>
</section>
<section id="soziale-anwendungen-brauchen-fachliche-verantwortung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="soziale-anwendungen-brauchen-fachliche-verantwortung">Soziale Anwendungen brauchen fachliche Verantwortung</h2>
<p>Die heiklen Punkte verschwinden damit nicht. Gerade in sozialen Feldern wirken technische Systeme oft leise. Ein System, das Prioritäten in der Fallbearbeitung setzt, Risiken in der Jugendhilfe markiert, Leistungsansprüche vorsortiert oder Beratungsbedarfe klassifiziert, entscheidet vielleicht nicht formal über Menschen. Es kann den Weg zu einer Entscheidung trotzdem deutlich prägen.</p>
<p>In der Sozialarbeit entsteht Macht selten durch einen einzigen finalen Bescheid. Sie entsteht in Aktennotizen, Kategorien, Fristen, Warnhinweisen, Priorisierungen und Routinen. Wenn KI diese Prozesse unterstützt, muss fachlich geklärt sein, wo Unterstützung endet und verdeckte Vorentscheidung beginnt.</p>
<p>Der <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32024R1689">AI Act</a> arbeitet mit Risikoklassen. Für die Praxis reicht das allein nicht. Die nationale Umsetzung muss verhindern, dass soziale Anwendungen übersehen werden, nur weil sie nicht nach spektakulärer Hochtechnologie aussehen. Ein Algorithmus im Jugendamt, in der Pflegeplanung oder in der Leistungsverwaltung wirkt nicht weniger tief, nur weil er keine Science-Fiction-Bilder erzeugt. Gerade die unscheinbaren Systeme brauchen Aufmerksamkeit, weil sie schnell Teil alltäglicher Routinen werden.</p>
<p>Dafür braucht die KI-Aufsicht mehr als technische Prüfkompetenz. Sie braucht sozialrechtliche, datenschutzrechtliche, ethische und professionsbezogene Kompetenz. Der <a href="https://www.bfdi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/19_Handreichung-DS-und-KI.html">Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit</a> hat mit seiner Handreichung zu KI in Behörden betont, dass Datenschutz von Anfang an mitgedacht werden muss. Das sollte nicht als Absage an KI gelesen werden. Gute Datenschutzpraxis zwingt dazu, Zwecke, Rollen, Datenflüsse und Verantwortlichkeiten früh zu klären. Das hilft Einrichtungen, die KI einsetzen wollen, ohne später in rechtliche oder fachliche Grauzonen zu geraten.</p>
<p>Für soziale Felder kommt hinzu: Daten fallen nicht neutral vom Himmel. Sie entstehen in Institutionen, Zuständigkeiten, früheren Entscheidungen und gesellschaftlichen Vorannahmen. Eine KI kann solche Muster sichtbar machen und besser handhabbar machen. Sie kann sie aber auch stabilisieren, wenn niemand genau hinsieht.</p>
</section>
<section id="beschwerdewege-müssen-praktisch-funktionieren" class="level2">
<h2 data-anchor-id="beschwerdewege-müssen-praktisch-funktionieren">Beschwerdewege müssen praktisch funktionieren</h2>
<p>Die in der Bundestagsvorlage vorgesehene zentrale Anlauf- und Beschwerdestelle kann ein wichtiger Baustein werden. Wer von einer KI-gestützten Entscheidungsvorbereitung betroffen ist, braucht verständliche Informationen: War ein KI-System beteiligt? Welche Stelle ist verantwortlich? Welche Rechte bestehen? Wie lässt sich eine Prüfung auslösen?</p>
<p>Für Menschen in asymmetrischen Situationen ist das keine Formalie. Wer auf Jugendhilfe, Sozialleistungen, Aufenthaltstitel, Pflegeleistungen oder kommunale Unterstützung angewiesen ist, beschwert sich nicht leichtfertig. Ein Beschwerdeweg muss deshalb niedrigschwellig, unabhängig wahrnehmbar und fachlich anschlussfähig sein.</p>
<p>Zugleich darf die Bundesnetzagentur nicht zur Sammelstelle für alles werden, was andere Ressorts und Fachaufsichten nicht sortiert bekommen. Der Bundesrat hat laut Bundestagsdarstellung auf mögliche Doppelstrukturen hingewiesen, etwa dort, wo bei regulierten Finanztätigkeiten die BaFin zuständig sein kann. Ähnliche Fragen stellen sich auch bei sozialen Anwendungen. KI-Systeme halten sich nicht an Ressortgrenzen. Sie können Datenschutz, Verbraucherschutz, Arbeitsrecht, Kinder- und Jugendhilfe, Antidiskriminierungsrecht und kommunale Verwaltungsprozesse zugleich berühren. Eine starke zentrale Stelle braucht deshalb feste Kooperationsroutinen mit den Fachaufsichten und mit den Professionen, die später mit den Folgen arbeiten müssen.</p>
</section>
<section id="die-chance-liegt-in-verantwortbarer-nutzung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-chance-liegt-in-verantwortbarer-nutzung">Die Chance liegt in verantwortbarer Nutzung</h2>
<p>Für Sozialarbeit, Jugendhilfe, Pflege und öffentliche Beratung ergibt sich daraus eine konstruktive Linie. KI sollte nicht pauschal abgewehrt werden. Fachkräfte brauchen Entlastung, Verwaltungen brauchen bessere Werkzeuge, Träger brauchen Orientierung. Auch Betroffene können profitieren, wenn Verfahren verständlicher, schneller und besser vorbereitet werden.</p>
<p>Die Grenze liegt dort, wo technische Systeme fachliche Urteile verdecken, soziale Risiken automatisiert zuschreiben oder Betroffene von nachvollziehbarer Gegenwehr abschneiden. Deshalb muss die Umsetzung des AI Act gerade dort stark sein, wo der Markt allein keine ausreichende Korrektur bietet: in der sozialen Infrastruktur, bei vulnerablen Gruppen und in Verfahren, in denen Menschen dem Staat oder großen Trägern nicht auf Augenhöhe begegnen.</p>
<p>Eine gute KI-Aufsicht muss nicht wie Misstrauen gegen Technik auftreten. Sie sollte sinnvolle Anwendungen möglich machen, weil fachliche Verantwortung, Datenschutz und Rechte der Betroffenen von Anfang an mitgebaut werden. Und sie sollte dazu beitragen, europäische und deutsche KI-Anbieter so zu stärken, dass öffentliche Einrichtungen nicht dauerhaft zwischen Verzicht und Abhängigkeit wählen müssen. An dieser praktischen Frage entscheidet sich, ob die Bundestagsentscheidung später im Alltag ankommt.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/df9a722f89d44d53a191c94b33e6087e.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>KI-Digital</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-aufsicht-entscheidet-sich-im-alltag.html</guid>
  <pubDate>Thu, 11 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/server-room-data-center-networking-database-co-2026-01-09-10-39-47-utc-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Vorurteilsmotivierte Gewalt beginnt vor der Tat</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/vorurteilsmotivierte-gewalt-motra-praevention.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/person-receives-comfort-and-support-from-friends-2026-03-25-09-29-05-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Vorurteilsmotivierte Gewalt beginnt vor der Tat"></p>
<p>Das <a href="https://www.motra.info/einstellungen-zu-vorurteilsmotivierter-gewalt/">MOTRA-Profilblatt „Einstellungen zu vorurteilsmotivierter Gewalt“</a> bündelt Ergebnisse eines kriminologischen Projekts von Rowenia Bender am Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die für Prävention zentral ist: Wie verwerflich wird Gewalt wahrgenommen, wenn sie sich gegen Menschen richtet, die bereits gesellschaftlich abgewertet werden?</p>
<p>Die Antwort fällt zunächst eindeutig aus. Die Mehrheit der Befragten bewertet vorurteilsmotivierte Gewalt als sehr verwerflich. Interessant wird der Befund aber dort, wo er Unterschiede sichtbar macht. Laut Profilblatt bewerten Befragte mit einer Parteipräferenz für die AfD vorurteilsmotivierte Gewalt signifikant weniger verwerflich als Befragte mit anderen Parteipräferenzen. Auch zwischen alten und neuen Bundesländern zeigen sich Unterschiede. Zudem erhöht positiver Kontakt mit Transpersonen die Unterstützung für polizeiliches Einschreiten bei transfeindlicher Gewalt, auch vermittelt über geringere transfeindliche Einstellungen.</p>
<p>Das Profilblatt selbst bleibt knapp und ersetzt keine ausführliche Lektüre der zugrundeliegenden Präsentation oder Publikation. Die Präsentation nennt zwar Stichproben und Modellangaben, aber der öffentliche Kurzbefund bleibt eine verdichtete Darstellung und sollte entsprechend vorsichtig interpretiert werden. Aber es verweist auf einen Punkt, der in der Extremismus- und Radikalisierungsprävention oft zu wenig beachtet wird: Vorurteilsmotivierte Gewalt entsteht nicht erst im Kopf einzelner Täter. Sie wird auch durch soziale Deutungen vorbereitet. Entscheidend ist, ob bestimmte Gruppen als gleichermaßen schutzwürdig gelten oder ob ihre Verletzung weniger Empörung auslöst.</p>
<section id="der-blinde-fleck-einer-zu-engen-extremismusprävention" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-blinde-fleck-einer-zu-engen-extremismusprävention">Der blinde Fleck einer zu engen Extremismusprävention</h2>
<p>Extremismusprävention fragt häufig danach, wie Menschen sich radikalisieren, welche Ideologien sie übernehmen, in welche Netzwerke sie geraten und wann daraus Gewalt entstehen kann. Diese Perspektive ist notwendig. Sie bleibt aber unvollständig, wenn sie nur auf Täter, Szenen und Organisationen schaut.</p>
<p>Die <a href="https://www.bpb.de/themen/infodienst/549447/radikalisierung-eine-kritische-bestandsaufnahme/">bpb beschreibt in ihrer kritischen Bestandsaufnahme zum Begriff „Radikalisierung“</a>, dass sich der Blick dadurch stärker auf das Vorfeld von Gewalthandlungen verschoben hat. Genau dort liegt die Herausforderung. Das Vorfeld besteht nicht nur aus geschlossenen Milieus, Chatgruppen oder ideologischen Schulungen. Es besteht auch aus alltäglichen Bewertungen: Wird ein Angriff ernst genommen? Wird polizeiliches Einschreiten für angemessen gehalten? Werden Betroffene als glaubwürdig wahrgenommen? Oder gelten sie als „provokativ“, „selbst schuld“ oder „nicht richtig zugehörig“?</p>
<p>Gewalt braucht nicht immer offene Zustimmung. Manchmal reicht eine gedämpfte Empörung. Eine demokratische Gesellschaft verrät sich nicht erst dort, wo Gewalt gefeiert wird. Sie verrät sich früher: dort, wo die Schutzwürdigkeit eines Menschen davon abhängig gemacht wird, welcher Gruppe er zugerechnet wird.</p>
<p>Das betrifft antisemitische, rassistische und antimuslimische Gewalt ebenso wie Gewalt gegen queere und trans Personen oder gegen andere stigmatisierte Gruppen. Die Ideologien unterscheiden sich. Der Mechanismus ist ähnlich: Menschen werden aus dem Kreis derjenigen herausgeschoben, deren Verletzung als Angriff auf alle verstanden wird.</p>
</section>
<section id="kontakt-ist-mehr-als-symbolpolitik" class="level2">
<h2 data-anchor-id="kontakt-ist-mehr-als-symbolpolitik">Kontakt ist mehr als Symbolpolitik</h2>
<p>Besonders aufschlussreich ist der Befund zum Kontakt mit Transpersonen. Nach dem MOTRA-Profilblatt steigt mit positivem Kontakt die Unterstützung für polizeiliches Einschreiten bei transfeindlicher Gewalt. Ein Teil dieses Effekts läuft über geringere transfeindliche Einstellungen. Wo Menschen nicht nur als abstrakte Gruppe, sondern als konkrete Personen vorkommen, wird es schwieriger, Gewalt gegen sie zu relativieren.</p>
<p>Daraus folgt keine naive Begegnungspädagogik. Kontakt wirkt nicht automatisch. Er kann oberflächlich bleiben, asymmetrisch sein oder vorhandene Ressentiments sogar stabilisieren, wenn er unter schlechten Bedingungen stattfindet. Außerdem ersetzt Begegnung weder politische Bildung noch den Schutz durch Polizei und Justiz.</p>
<p>Trotzdem ist der Hinweis wichtig. Vorurteile leben von Distanz, Projektion und Erzählungen über „die anderen“. Wer Menschen nur als Chiffre kennt, kann sie leichter entmenschlichen. Wer ihnen im Alltag begegnet - als Kollegin, Nachbar, Vereinsmitglied, Mitschüler oder Angehörige -, nimmt Angriffe auf sie eher als reale Verletzung wahr.</p>
<p>Für Prävention bedeutet dies, dass Vielfalt nicht nur auf Plakaten stehen darf. Sie muss in gemeinsamen Räumen erfahrbar sein. Schulen, Vereine, Betriebe, Kommunen und religiöse Gemeinden können solche Räume schaffen. Entscheidend ist, dass stigmatisierte Gruppen nicht als Ausnahmefall behandelt werden, sondern als selbstverständlicher Teil des Gemeinwesens.</p>
</section>
<section id="regionale-meinungsklimata-benennen-ohne-regionen-abzuwerten" class="level2">
<h2 data-anchor-id="regionale-meinungsklimata-benennen-ohne-regionen-abzuwerten">Regionale Meinungsklimata benennen, ohne Regionen abzuwerten</h2>
<p>Der Befund zu Ost-West-Unterschieden ist politisch sensibel. Er darf nicht dazu führen, ganze Regionen moralisch abzuwerten. Prävention gewinnt nichts, wenn Menschen in den neuen Bundesländern pauschal problematisiert werden. Genauso wenig hilft es aber, regionale Unterschiede aus Angst vor Stigmatisierung zu verschweigen.</p>
<p>Meinungsklimata entstehen nicht zufällig. Sie haben mit Geschichte, sozialer Erfahrung, institutioneller Präsenz, medialen Räumen, politischer Mobilisierung und konkreten Konflikten vor Ort zu tun. Wenn bestimmte Gruppen über längere Zeit kaum als selbstverständlicher Teil des lokalen Alltags wahrgenommen werden, wenn demokratische Institutionen schwach oder distanziert erscheinen und wenn Ressentiments politisch normalisiert werden, verändert sich mehr als nur das Wahlverhalten. Es verändert sich auch, welche Gewalt als Skandal gilt und welche als „Überreaktion“, „Konflikt“ oder „verständlicher Unmut“ verharmlost wird.</p>
<p>Das Profilblatt formuliert deshalb einen wichtigen präventionspolitischen Hinweis: Vorurteilskriminalität muss im gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet werden; individuelle Einstellungen sind in regionale Meinungsklimata eingebettet. Das ist keine Entschuldigung individueller Verantwortung, sondern eine Aufforderung, genauer hinzuschauen.</p>
<p>Prävention muss lokal glaubwürdig sein. Sie muss kommunale Akteure stärken, Opferberatung sichtbar machen, Schulen und Jugendhilfe unterstützen und Polizei sowie Zivilgesellschaft in belastbare Arbeitsbeziehungen bringen. Der Staat darf Schutz nicht nur abstrakt versprechen. Er muss dort erfahrbar sein, wo Betroffene konkret unsicher sind.</p>
</section>
<section id="was-muslimische-zivilgesellschaft-daraus-lernen-muss" class="level2">
<h2 data-anchor-id="was-muslimische-zivilgesellschaft-daraus-lernen-muss">Was muslimische Zivilgesellschaft daraus lernen muss</h2>
<p>Für muslimische Akteure enthält dieses Thema eine doppelte Herausforderung. Einerseits kennen muslimische Communities die Erfahrung, dass Bedrohungen, Diskriminierung oder Gewalt gegen die eigene Gruppe relativiert werden. Islam- und Muslimfeindlichkeit lebt ebenfalls davon, dass Betroffene als weniger glaubwürdig, weniger zugehörig oder irgendwie mitverantwortlich dargestellt werden.</p>
<p>Andererseits reicht es nicht, diese Erfahrung nur für die eigene Gruppe geltend zu machen. Wer Schutz vor islamfeindlicher Gewalt fordert, muss denselben Maßstab auch dort anlegen, wo es um jüdische Menschen, queere Menschen, trans Personen, Geflüchtete, Roma, Schwarze Menschen oder andere stigmatisierte Gruppen geht. Selektive Empörung schwächt die eigene Glaubwürdigkeit. Sie macht aus Menschenrechten eine Frage der Gruppennähe.</p>
<p>Gerade innermuslimisch ist das unbequem, aber notwendig. In Teilen muslimischer Milieus gibt es eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber Islam- und Muslimfeindlichkeit, zugleich aber auch eine Abwehr, wenn es um Antisemitismus, Queerfeindlichkeit oder autoritäre Geschlechterbilder geht. Diese Spannung lässt sich nicht dadurch lösen, dass man auf die Rassismen der Mehrheitsgesellschaft verweist. Sie muss im eigenen Milieu bearbeitet werden.</p>
<p>Das bedeutet nicht, religiöse Überzeugungen aufzugeben oder theologische Differenzen zu leugnen. Es bedeutet, Gewalt, Einschüchterung und Entmenschlichung ohne Gruppenrabatt zurückzuweisen. Wer erst prüft, ob das Opfer zur eigenen religiösen, politischen oder moralischen Nähe gehört, hat den demokratischen Mindeststandard bereits verlassen.</p>
</section>
<section id="gleiche-schutzwürdigkeit-als-kern-demokratischer-prävention" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gleiche-schutzwürdigkeit-als-kern-demokratischer-prävention">Gleiche Schutzwürdigkeit als Kern demokratischer Prävention</h2>
<p>Der Wert des MOTRA-Hinweises liegt nicht in einer einzelnen Zahl. Er liegt in der Perspektivverschiebung. Prävention darf nicht erst fragen, wer bereits radikalisiert ist. Sie muss auch fragen, welche gesellschaftlichen Deutungen Gewalt vorbereiten, entschuldigen oder verharmlosen. Sie muss untersuchen, wo Opfergruppen unterschiedlich ernst genommen werden. Und sie muss erkennen, dass politische und regionale Milieus nicht nur Meinungen produzieren, sondern auch Schutz- und Unsicherheitsräume.</p>
<p>Für die Praxis folgt daraus einiges. Politische Bildung sollte Vorurteile nicht nur als falsche Meinung behandeln, sondern zeigen, wie aus Abwertung eine geringere Bereitschaft entsteht, andere zu schützen. Polizei und Justiz müssen vorurteilsmotivierte Gewalt konsequent erkennen und kommunizieren, ohne Betroffene in Beweisnot zu drängen. Kommunale Präventionsarbeit muss Begegnung ermöglichen, ohne sie zu romantisieren. Und zivilgesellschaftliche Akteure müssen bereit sein, auch die Vorurteile im eigenen Umfeld zu bearbeiten.</p>
<p>Vorurteilsmotivierte Gewalt beginnt nicht erst mit dem Angriff. Sie beginnt dort, wo Menschen innerlich aus dem Kreis derjenigen herausfallen, deren Verletzung als gemeinsamer Skandal gilt. Genau dort entscheidet sich, ob Prävention mehr ist als nachträgliche Schadensverwaltung.</p>
</section>
<section id="quellen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen">Quellen</h2>
<ul>
<li><a href="https://www.motra.info/einstellungen-zu-vorurteilsmotivierter-gewalt/">MOTRA: Einstellungen zu vorurteilsmotivierter Gewalt</a></li>
<li><a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.2.20874.22722">DOI zur Projektzitation</a></li>
<li><a href="https://www.praeventionstag.de/nano.cms/31-dpt-uebersicht">31. Deutscher Präventionstag: Projektübersicht</a></li>
<li><a href="https://www.bpb.de/themen/infodienst/549447/radikalisierung-eine-kritische-bestandsaufnahme/">bpb: Radikalisierung – eine kritische Bestandsaufnahme</a></li>
</ul>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/05f3c8c08f714589971b095e3f8986e5.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/vorurteilsmotivierte-gewalt-motra-praevention.html</guid>
  <pubDate>Mon, 08 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/person-receives-comfort-and-support-from-friends-2026-03-25-09-29-05-utc-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Wer rückt in zehn Jahren noch aus?</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-2.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260601-funktionserhalt-statt-diversitaets.png" class="img-fluid feature-image" alt="Wer rückt in zehn Jahren noch aus?"></p>
<p>Veranstaltungsbericht zum FEX-Online-Lunch</p>
<p>Am 20. Mai 2026 war Engin Karahan zu Gast beim Online-Lunch der FEX-Reihe. Den Auftakt bildete ein Impuls, der die analytische Linie aus seinem Impulspapier <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a> aufgriff und für das Online-Format zuspitzte. Die FEX-Eventseite mit Teil 1 im Archiv sowie den Ankündigungen für Teil 2 und Teil 3 findet sich <a href="https://fexbw.de/event/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-die-materielle-basis-der-institutionen/">hier</a>. Wer die Datengrundlage und die ausführliche Argumentation nachlesen möchte, findet beides im Beitrag <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a>.</p>
<p>Die Debatte verläuft meist über moralische Repräsentation. Karahan setzte stattdessen bei der materiellen Frage an, auf welcher personellen Basis Institutionen überhaupt arbeitsfähig bleiben. Es geht nicht um symbolische Vielfalt als Selbstzweck, sondern um die Zukunft von Daseinsvorsorge, Sicherheit, Pflege, Verwaltung und zivilgesellschaftlicher Arbeit. Die Leitfrage lautet deshalb nicht, ob Institutionen „bunter” wirken, sondern ob sie in einigen Jahren noch genügend Menschen für ihre Aufgaben gewinnen.</p>
<p>Den üblichen Goodwill-Frame wies er zurück. Es geht nicht darum, Migrantinnen und Migranten einen Gefallen zu tun, sondern darum, die eigene Infrastruktur funktionsfähig zu halten. Wo Institutionen ihre Rekrutierungslogiken nicht an die veränderte Bevölkerungsstruktur anpassen, entstehen Engpässe bei Einsatzkräften, Pflegepersonal, Verwaltung und im Ehrenamt. Diversität ist hier keine Imagefrage, sondern eine Überlebensfrage.</p>
<p>An Bundeswehr und Polizei zeigt sich, wie schief die Debatte oft geführt wird. Beide gelten als Referenzfälle in Repräsentationsdebatten, doch gerechnet wird häufig mit den falschen Bezugsgrößen. Maßgeblich ist nicht der gesellschaftliche Durchschnitt, sondern die junge Kohorte, aus der überhaupt rekrutiert wird. Wer mit irreführenden Zahlen arbeitet, feiert Erfolge an der falschen Stelle. Und er übersieht, dass Bewerberinnen und Bewerber durchaus vorhanden sein können, aber an institutionellen Auswahl- und Habitusfiltern scheitern.</p>
<p>Bundeswehr und Polizei sind dabei nur die sichtbarsten Fälle. Betroffen von derselben demografischen Verschiebung sind alle vier Quadranten, staatlich und zivilgesellschaftlich, hauptamtlich und ehrenamtlich. Das Problem endet nicht bei Polizei oder Schule, es reicht ebenso in Feuerwehr, THW, Pflege, Wohlfahrtsverbände, Religionsgemeinschaften und lokale Initiativen. Der zentrale Satz des Abends fiel entsprechend knapp aus. Kein Quadrant kann sich aus dem schrumpfenden Pool allein speisen.</p>
<p>Beim Befund blieb es nicht. Der Ausblick auf die weitere Reihe wurde konkret. Teil 2 am 9. Juli behandelt die strukturellen Divergenzen im Staatsverständnis, also jene kulturellen Codes, die erklären, warum viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte in klassischen Institutionen unterrepräsentiert bleiben. Diesen Punkt entfaltet, am Beispiel der ehrenamtlichen Gefahrenabwehr, auch der Beitrag <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a>. Teil 3 am 23. September richtet den Blick auf neue Akteure jenseits der Verbände und fragt, wie Politik und Verwaltung deren Potenziale nutzen können, statt sie an starre Strukturen zu verlieren.</p>
<p>So war der Online-Lunch kein Plädoyer für „mehr Vielfalt” im bloßen Slogan-Sinn, sondern eine nüchterne Aufforderung, Institutionen von ihrer materiellen Basis her zu denken. Wer heute nicht über Anschlussfähigkeit, Rekrutierung und Funktionsfähigkeit spricht, diskutiert an der Zukunft der Institutionen vorbei.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/3dd35de71766404194cb8ec29b59004f.png" class="img-fluid"></p>



 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-2.html</guid>
  <pubDate>Tue, 02 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260601-funktionserhalt-statt-diversitaets.png" medium="image" type="image/png" height="144" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>KI muss nicht glänzen aber verantwortbar funktionieren</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-gut-genug-soziale-arbeit-europa.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/group-of-students-with-female-teacher-in-school-co-2026-03-13-05-52-47-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="KI muss nicht glänzen aber verantwortbar funktionieren"></p>
<p>Die Debatte über europäische KI ist oft von einem Minderwertigkeitskomplex geprägt. Die USA haben die Plattformen, China hat die Skalierung, Europa hat Regulierung. So wird es jedenfalls gern erzählt. Daraus entsteht schnell die Forderung, Europa müsse endlich größer, schneller und aggressiver werden.</p>
<p>Für die Soziale Arbeit ist das der falsche Maßstab. Dort braucht niemand eine Maschine, die möglichst eindrucksvoll wirkt. Eine Jugendhilfeeinrichtung, ein Wohlfahrtsverband oder eine kommunale Beratungsstelle braucht Werkzeuge für klar begrenzte Aufgaben. Sie können Dokumentation vorbereiten, Informationen auffindbar machen, Sprache vereinfachen, Übersetzungen unterstützen, Akten strukturieren und Routinen verkürzen.</p>
<p>Das klingt unspektakulär. Genau darin liegt der Punkt.</p>
<p>In der Sozialen Arbeit geht es nicht um Technikbegeisterung, um das letzte High-End LLM-Modell, sondern um Verantwortung. Hier werden Fallnotizen, Hilfepläne, Beratungsdokumentationen, Gefährdungseinschätzungen und sehr persönliche Lebensgeschichten verarbeitet. Fehler bleiben nicht abstrakt. Sie können beeinflussen, wie Fachkräfte einen Fall sehen, welche Hilfe jemand bekommt oder ob eine Familie unter Verdacht gerät.</p>
<p>Wer KI in diesen Feldern nur als Effizienzmaschine verkauft, hat den Gegenstand nicht verstanden.</p>
<section id="der-falsche-maßstab" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-falsche-maßstab">Der falsche Maßstab</h2>
<p>Die großen KI-Systeme kommen nicht als neutrale Werkzeuge in die Praxis. Sie bringen Geschäftsmodelle, Rechenzentren, Datenhunger, Abhängigkeiten und eine bestimmte Vorstellung davon mit, was als Fortschritt gilt. In einem Marketingteam mag das noch als Produktivitätsfrage erscheinen. In der Jugendhilfe oder Pflege reicht diese Perspektive nicht.</p>
<p>Schon die einfache Frage „Was kann das Tool?“ führt in die Irre. Fachlich wichtiger sind andere Fragen. Welche Daten verlassen die Organisation? Wer sieht die Eingaben? Wie wird protokolliert? Welche Fehler sind wahrscheinlich? Wer merkt, wenn eine Zusammenfassung falsch gewichtet? Wer haftet, wenn aus einer Arbeitshilfe schleichend eine Entscheidungshilfe wird?</p>
<p>Der <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=OJ:L_202401689">EU AI Act</a> und die <a href="https://www.bfdi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/DokumenteBfDI/Dokumente-allg/2025/Handreichung-KI.pdf">BfDI-Handreichung „KI in Behörden – Datenschutz von Anfang an mitdenken“</a> beantworten diese Fragen nicht für jede Einrichtung. Aber sie verschieben die Perspektive. Es geht nicht zuerst darum, was technisch möglich ist. Es geht darum, wer Verantwortung trägt, welche Risiken entstehen und welche Nutzung ausgeschlossen werden muss.</p>
<p>Eine europäische KI-Strategie, die diesen Punkt ernst nimmt, wäre weniger glamourös als die Erzählung vom nächsten globalen Modell. Sie wäre näher an Verwaltung, Datenschutz, Fachlichkeit und öffentlicher Infrastruktur. Das klingt langweilig. Für sensible Arbeitsfelder wäre es ein Fortschritt.</p>
</section>
<section id="gut-genug-kann-ein-fachlicher-maßstab-sein" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gut-genug-kann-ein-fachlicher-maßstab-sein">„Gut genug“ kann ein fachlicher Maßstab sein</h2>
<p>„Gut genug“ darf nicht mittelmäßig, billig oder irgendwie brauchbar bedeuten. In sozialen und pädagogischen Arbeitsfeldern kann es etwas anderes heißen. Ein System ist gut genug, wenn es einen klaren Zweck erfüllt, seine Grenzen offenlegt, überprüfbar bleibt und keine professionelle Verantwortung ersetzt.</p>
<p>Gerade in der Sozialen Arbeit wäre das ein sinnvoller Anspruch. Fachkräfte brauchen keine KI, die den Menschen angeblich versteht. Sie brauchen Unterstützung bei Aufgaben, die heute viel Zeit binden und wenig fachlichen Mehrwert erzeugen. Wenn ein System eine lange Akte vorstrukturiert, eine Beratung dokumentiert oder eine Sprachebene verständlicher macht, kann das helfen. Aber nur, wenn Fachkräfte das Ergebnis prüfen, korrigieren und einordnen können.</p>
<p>Die Richtung muss klar bleiben. KI kann Fachlichkeit unterstützen. Sie darf sie nicht simulieren.</p>
<p>Das gilt besonders für die Kinder- und Jugendhilfe. Dass KI dort längst angekommen ist, zeigen die <a href="https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/kuenstliche-intelligenz-fuer-das-gemeinwohl-foerdern-198160">BMFSFJ-Förderung für KI zum Gemeinwohl</a>, die Datenschutzdebatte und die Fachdebatte im Deutschen Verein zu <a href="https://www.deutscher-verein.de/presse/detail/kuenstliche-intelligenz-trifft-kinder-und-jugendhilfe-ki-digitale-technologien-als-chance-in-der-hilfeplanung/">KI und digitalen Technologien in der Hilfeplanung</a>. Das Thema ist nicht Zukunftsmusik. Es steckt bereits in Förderprogrammen, Modellprojekten und Organisationsentscheidungen.</p>
</section>
<section id="datenschutz-gehört-zur-fachlichkeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="datenschutz-gehört-zur-fachlichkeit">Datenschutz gehört zur Fachlichkeit</h2>
<p>Datenschutz wird in Digitalisierungsdebatten oft wie ein Hindernis behandelt. Für soziale Arbeitsfelder ist das zu kurz gedacht. Wer mit Armut, Flucht, Behinderung, psychischer Belastung, Familiendynamiken, Gewalt, Religion oder Herkunft arbeitet, verarbeitet keine neutralen Daten. Er verarbeitet Informationen, die Menschen verletzbar machen.</p>
<p>Deshalb sind Zweckbindung, Transparenz, Löschfristen, Beteiligung und Datenschutz-Folgenabschätzungen keine bürokratischen Extras. Sie gehören zur fachlichen Qualität. Eine Einrichtung, die KI einführt, braucht mehr als einen Vertrag mit einem Anbieter. Sie muss festlegen, welche Daten eingegeben werden dürfen, welche Anwendungen verboten sind, wer Ergebnisse kontrolliert, wie Mitarbeitende geschult werden und was passiert, wenn ein System falsche oder diskriminierende Vorschläge macht.</p>
<p>Auch der <a href="https://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/mensch-und-maschine/">Deutsche Ethikrat</a> weist seit Jahren darauf hin, dass KI menschliche Verantwortung nicht einfach ablösen kann. Für Soziale Arbeit ist dieser Punkt zentral. Hilfe, Beratung und Schutz beruhen auf Beziehung, Erfahrung, rechtlicher Einordnung und professionellem Urteil. Information allein reicht dafür nicht.</p>
<p>Wenn KI diese Arbeit entlastet, kann sie sinnvoll sein. Wenn sie Verantwortung verschiebt, wird sie gefährlich.</p>
</section>
<section id="europas-chance-liegt-nicht-im-nachahmen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="europas-chance-liegt-nicht-im-nachahmen">Europas Chance liegt nicht im Nachahmen</h2>
<p>Europa wird die großen Plattformkonzerne nicht dadurch einholen, dass es ihre Logik kopiert. Für soziale Infrastruktur wäre das auch kein sinnvolles Ziel. Entscheidend ist, ob öffentliche Hand, Wohlfahrtspflege, Hochschulen, Fachverbände und gemeinwohlorientierte Anbieter Werkzeuge entwickeln können, die für konkrete Aufgaben taugen und kontrollierbar bleiben.</p>
<p>Das wäre anspruchsvoll genug. Es würde bedeuten, nicht jedes neue Tool sofort als Fortschritt zu behandeln. Träger müssten eigene Leitlinien entwickeln, Mitarbeitende beteiligen, Datenschutz ernst nehmen und auch einmal auf Funktionen verzichten. Fachverbände müssten KI als Organisations- und Machtfrage behandeln, statt sie auf Digitalisierung zu verkürzen.</p>
<p>Sonst droht eine schleichende Privatisierung fachlicher Infrastruktur. Fallnotizen, Beratungsmuster, Hilfeplanlogiken und Verwaltungsprozesse würden dann zunehmend in Systemen bearbeitet, deren Geschäftslogik außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Das wäre keine Modernisierung der Sozialen Arbeit. Es wäre eine neue Abhängigkeit.</p>
<p>Ein vernünftiger KI-Einsatz in der Sozialen Arbeit muss diese Grenze halten. Sortieren, vorbereiten, übersetzen, zusammenfassen und erinnern kann hilfreich sein. Unbemerktes Bewerten, Priorisieren, Sanktionieren oder Verschieben von Verantwortung darf nicht dazugehören.</p>
<p>Europa muss nicht direkt an die Spitze der KI-Modell-Statistik springen. Es müsste anfangen, brauchbare und begrenzte Werkzeuge für konkrete gesellschaftliche Aufgaben zu entwickeln. Für Soziale Arbeit, Jugendhilfe und gemeinwohlorientierte Infrastruktur wäre das kein Rückschritt. Es wäre ein Maßstab, der dem KI-Hype gut täte.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/b5387bef6261403ba225fbc4802ae400.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>KI-Digital</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-gut-genug-soziale-arbeit-europa.html</guid>
  <pubDate>Mon, 01 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/group-of-students-with-female-teacher-in-school-co-2026-03-13-05-52-47-utc-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Impuls_Berlin_05-20262-teaser.jpeg" class="img-fluid feature-image" alt="Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind"></p>
<p>Beim <a href="https://impuls.gruene.de/">IM/PULS</a>, dem Forum für Zukunft von Bündnis 90/Die Grünen, in Berlin habe ich auf dem Panel „Echte Männer? Wie funktioniert Radikalisierung im Internet und was hat das mit neuen Männlichkeitsbildern zu tun?” mitdiskutiert. Mit auf dem Panel waren Dr.&nbsp;Johannes Hillje (Autor und Politikberater) und Veronika Kracher (Autorin und Publizistin), die Moderation lag bei Lilian Boehme. Ich war im Vorfeld nicht sicher, wie anschlussfähig meine Perspektive in diesem Rahmen sein würde. Denn wer über Männlichkeit spricht, gerät schnell zwischen zwei verkürzte Lesarten. Die eine hält Männlichkeit im Kern für Natur und damit für kaum veränderbar. Die andere hält sie für bloßen Diskurs, der sich durch andere Begriffe schon auflösen lasse. Beides greift zu kurz.</p>
<p>Meine Ausgangsthese war deshalb eine andere. Männlichkeit ist kein Wesen, aber auch nichts Beliebiges. Sie ist ein wirksames Orientierungsangebot. Sie beantwortet Fragen, die für viele Jungen und junge Männer alles andere als abstrakt sind. Was ist Stärke? Wie gehe ich mit Kränkung um? Woher bekomme ich Anerkennung? Darf ich verletzlich sein? Was bedeutet Verantwortung? Und wie kann ich jemand sein, ohne andere abwerten zu müssen?</p>
<p>Gerade deshalb wird Männlichkeit im digitalen Raum so leicht funktionalisiert. Radikale Akteure beginnen nicht immer mit einer ausgearbeiteten Ideologie. Häufig beginnt es viel niedriger, mit Selbstoptimierung, Disziplin, Statusversprechen, scheinbarer Klarheit, Zugehörigkeit und einer Erklärung für die eigene Ohnmacht. Der toxische Teil kommt oft erst später. Erst wird ein Bedürfnis angesprochen, dann ein Weltbild angeboten. Aus Kränkung wird ein Deutungsrahmen, aus Verunsicherung ein Feindbild, aus dem Wunsch nach Stärke ein Angebot von Dominanz.</p>
<p>Das macht diese Inhalte so gefährlich. Sie sind nicht deshalb wirksam, weil sie intellektuell besonders überzeugend wären, sondern weil sie psychologisch gut gebaut sind. Sie geben jungen Männern Sprache, Status und Zugehörigkeit in einer Phase, in der demokratische Bildungsräume oft unsicher bleiben. Viele Schulen, Jugendhilfeträger und politische Bildungsformate wissen, dass TikTok, Instagram, YouTube, Gaming-Communities und Messenger-Gruppen zentrale Sozialisationsräume geworden sind. Aber sie behandeln diese Räume noch zu häufig wie ein Außenproblem. Man warnt davor, man kritisiert sie, man möchte sie regulieren. Man versteht sie aber noch zu selten als das, was sie längst sind, nämlich informelle Bildungsorte.</p>
<p>Auch die Plattformen tragen Verantwortung. Algorithmen sind keine neutralen Sortiermaschinen. Sie belohnen Aufmerksamkeit, Zuspitzung, affektive Verdichtung, Konflikt und einfache Erklärungen. Das bedeutet nicht, dass Plattformen Radikalisierung allein erzeugen. Aber sie schaffen Bedingungen, unter denen radikale Angebote leichter andocken, sich wiederholen und normalisieren können. Wer Jugendliche verstehen will, muss deshalb nicht nur auf Inhalte schauen, sondern auf Ausspielungslogiken, Wiederholung, ästhetische Formen und die kleinen Übergänge von Lifestyle zu Ideologie.</p>
<p>Ein wichtiger Punkt war mir dabei die Begriffspolitik. Wenn demokratische Räume Begriffe wie Stärke, Verantwortung oder Männlichkeit nur noch unter Verdacht stellen, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum bleibt nicht leer. Es wird gefüllt von Influencern, autoritären Bewegungen, religiösen Hardlinern, Business-Gurus und Manosphere-Kanälen. Jungen und junge Männer hören nicht auf, nach Männlichkeit zu fragen, nur weil progressive Milieus den Begriff schwierig finden. Dann lernen sie eben anderswo, was angeblich „echte Männer” sind.</p>
<p>Das heißt nicht, alte Rollenbilder zu rehabilitieren. Positive Männlichkeit darf nicht die Rückkehr zum Beschützer, Ernährer oder harten Patriarchen sein. Gemeint ist etwas anderes, nämlich Stärke ohne Dominanz, Verantwortung ohne Besitzanspruch, Selbstachtung ohne Abwertung, Mut ohne Gewalt, Disziplin ohne Härtekult und Beziehungskompetenz ohne Scham. Eine demokratische Auseinandersetzung mit Männlichkeit muss Männern etwas zumuten, aber auch etwas zutrauen.</p>
<p>Besonders wichtig bleibt für mich die Arbeit an der Schnittstelle von digitaler Radikalisierung, Migration, Religion und Zugehörigkeit. In muslimischen und migrantischen Kontexten müssen wir klarer sprechen als bisher. Es wäre falsch, patriarchale Dynamiken zu kulturalisieren, als seien sie einfach „deren” Problem. Genauso falsch wäre es, aus Angst vor Stigmatisierung über religiös legitimierte oder kulturell aufgeladene Männlichkeitsbilder gar nicht mehr zu sprechen. Antirassismus darf nicht bedeuten, patriarchale Dynamiken zu romantisieren. Und Kritik an patriarchalen Dynamiken darf nicht rassistisch werden.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/image-download.jpg" class="img-fluid"></p>
<p>Gerade in diesem Zwischenraum entstehen neue Herausforderungen. Globale Manosphere-Narrative werden lokal übersetzt. Der „Alpha”, der „Provider”, der „Beschützer” erscheint dann in religiöser oder kultureller Verpackung. Kontrolle wird als Verantwortung ausgegeben, Eifersucht als Moral, Dominanz als Schutz. In solchen Fällen hilft es wenig, nur auf die religiöse Oberfläche zu schauen. Oft handelt es sich um Mimikry. Der Kern ist eine moderne, global zirkulierende patriarchale Ideologie, die sich lokal ein passendes Gewand sucht.</p>
<p>Für mich war dieser Tag deshalb mehr als ein Paneltermin. Er hat gezeigt, dass eine nüchterne, nicht moralisierende Sprache über Männlichkeit möglich ist, auch in einem Umfeld, in dem der Begriff schnell Abwehr auslösen kann. Wir müssen destruktive Männlichkeitsnormen klar benennen. Aber wir dürfen jungen Männern nicht nur sagen, was sie nicht sein sollen. Wenn demokratische Räume keine besseren Antworten auf Stärke, Anerkennung, Verletzlichkeit und Zugehörigkeit geben, überlassen sie diese Begriffe den Falschen.</p>
<p>Radikalisierungsprävention beginnt daher nicht erst dort, wo Ideologie offen sichtbar wird. Sie beginnt früher. Sie beginnt bei den Orientierungsangeboten, die Jugendliche attraktiv finden, bei den Plattformlogiken, die diese Angebote verstärken, bei den Bildungskontexten, die digitale Räume noch zu selten verstehen, und bei der Frage, ob demokratische Akteure den Mut haben, auch schwierige Begriffe wie Männlichkeit wieder selbst zu besetzen.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/2ae31bbc9669404abb22c78f62fd4d92.png" class="img-fluid"></p>



 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html</guid>
  <pubDate>Sat, 30 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Impuls_Berlin_05-20262-teaser.jpeg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Die Komfortzone der Symmetrie</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-komfortzone-der-symmetrie.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/scales-of-justice-with-gavel-and-legal-book-2026-03-19-02-09-43-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Die Komfortzone der Symmetrie"></p>
<section id="wenn-das-zusammendenken-zur-entlastung-wird" class="level2">
<h2 data-anchor-id="wenn-das-zusammendenken-zur-entlastung-wird">Wenn das „Zusammendenken” zur Entlastung wird</h2>
<p>Es gehört inzwischen zum guten Ton der politischen Bildungsarbeit, Antisemitismus und Islam- und Muslimfeindlichkeit „zusammen zu denken”. Das klingt vernünftig, und in einem präzisen Sinn ist es das auch. Beide Phänomene sind real, beide haben seit dem 7. Oktober 2023 messbar zugenommen, beide verdienen eine ernsthafte Auseinandersetzung. Wer Betroffene des einen gegen Betroffene des anderen ausspielt, betreibt Opferkonkurrenz. Diese ist weder analytisch haltbar noch moralisch vertretbar.</p>
<p>Und doch beschleicht mich bei der wachsenden Selbstverständlichkeit dieser Kopplung ein Unbehagen. Nicht, weil die beiden Phänomene nichts miteinander zu tun hätten. Sondern weil die Verknüpfung in der Praxis zwei sehr unterschiedliche, einander spiegelnde Funktionen erfüllt. Beide haben mit aufrichtiger Auseinandersetzung wenig zu tun.</p>
<p>Die erste Funktion ist bekannt und kommt von rechts. Sie lautet sinngemäß: „Über Islamfeindlichkeit reden wir, aber bitte erst, nachdem wir über islamistischen Extremismus geredet haben.” Hier dient die Kopplung dazu, den Diskurs über Islam- und Muslimfeindlichkeit unter einen permanenten Vorbehalt zu stellen, ihn an ein Wohlverhalten zu knüpfen, einen latenten Generalverdacht zu konservieren. Diese Instrumentalisierung ist hinlänglich kritisiert worden, und die Kritik ist berechtigt. Islam- und Muslimfeindlichkeit ist kein Verhandlungsgegenstand, der erst nach erbrachtem Loyalitätsnachweis thematisiert werden darf.</p>
<p>Über die zweite Funktion wird seltener gesprochen, und ich will sie hier benennen, nicht als Außenstehender, sondern als jemand, der zum muslimischen Kulturkreis gehört und seit Jahren über diese Community schreibt. Denn die Kopplung wird nicht nur von rechts missbraucht. Sie wird auch aus der eigenen Community heraus eingefordert. Und dort erfüllt sie eine Aufgabe, die ihrem emanzipatorischen Anspruch genau entgegengesetzt ist. Sie macht den Antisemitismus in den eigenen Reihen unsichtbar, indem sie ihn in einer rhetorischen Balance auflöst.</p>
<p>Ich habe <a href="../../publikationen/posts/antisemitismus-in-muslimischen-bzw-islamistischen-milieus.html">an anderer Stelle dargelegt</a>, dass es einen eigenständigen Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus gibt, nicht bloß als Import westlicher Ideologeme, sondern als ein über transnationale, theologische und nationalistische Kanäle religiös unterfüttertes, eigenständig gewordenes Phänomen. Wer das anerkennt, kann die symmetrisierende Kopplung nicht mehr für eine harmlose Geste halten. Denn sie verlangt, ein Problem, das man hat, nur noch im Doppelpack mit einem Problem zu verhandeln, das man erleidet. Das ist keine Symmetrie. Das ist eine Entlastungsfigur.</p>
<p>In meinen früheren Beiträgen habe ich beschrieben, wie <a href="../../publikationen/posts/die-komfortzone-der-komplexitaet.html">die Flucht ins Globale und der Schutzschild der Vielfalt</a> funktionieren, als Mechanismen, die eine schmerzhafte lokale Verantwortungsdebatte in eine bequeme Abstraktion überführen. Die symmetrisierende Kopplung gehört in dieselbe Familie. Sie ist die jüngste, höflichste und am schwersten zu kritisierende Variante derselben Bewegung. Eine Anatomie in drei Schritten.</p>
</section>
<section id="phänomen-1-die-waagschalen-geste" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-1-die-waagschalen-geste">Phänomen 1: Die Waagschalen-Geste</h2>
<p>Der erste Mechanismus ist das kleine Wort, das alles trägt, das „aber”.</p>
<p>„Wir verurteilen jeden Antisemitismus, <strong>aber</strong> dann muss man auch über Islam- und Muslimfeindlichkeit sprechen.” Der Satz klingt nach Ausgewogenheit. Tatsächlich ist er ein rhetorisches Scharnier. Die Selbstkritik wird ausgesprochen und im selben Atemzug wieder eingeklammert, relativiert, in eine Waagschale gelegt, deren Gegengewicht sofort mitgeliefert wird. Was als doppelte Verurteilung auftritt, ist in Wahrheit eine konditionierte. Der eigene Antisemitismus wird nur unter der Bedingung verhandelbar, dass im gleichen Satz die eigene Opfererfahrung mitverhandelt wird.</p>
<p>Man stelle sich die Geste in einem anderen Kontext vor. Eine Institution, die nach internen Missständen erklärt: „Wir nehmen die Vorwürfe ernst, aber man muss auch sehen, wie unfair über uns berichtet wird.” Niemand würde das für eine ernsthafte Aufarbeitung halten. Man würde es als das erkennen, was es ist, nämlich eine Vorwärtsverteidigung im Gewand der Einsicht.</p>
<p>Die Waagschalen-Geste lebt davon, dass beide Seiten der Waage als gleichgestaltig erscheinen. Genau das sind sie nicht, wozu ich am Ende komme. Zunächst genügt die Feststellung, dass eine Selbstkritik, die nur in der Kopplung mit einer Fremdkritik zu haben ist, keine Selbstkritik ist. Sie ist eine Bedingung, die als Bekenntnis kostümiert wird.</p>
</section>
<section id="phänomen-2-die-opferrolle-als-eintrittskarte" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-2-die-opferrolle-als-eintrittskarte">Phänomen 2: Die Opferrolle als Eintrittskarte</h2>
<p>Der zweite Mechanismus ist subtiler und betrifft die Frage, <em>in welcher Rolle</em> Antisemitismus überhaupt vorkommen darf.</p>
<p>In der symmetrisierenden Rahmung erscheint Antisemitismus fast ausschließlich als etwas, das Muslime trifft, als Schwesterphänomen rassistischer Diskriminierung, als ein „auch wir kennen Ausgrenzung”. Was systematisch unterbelichtet bleibt, ist Antisemitismus als etwas, das in muslimisch geprägten Milieus <em>produziert</em> wird, also in Predigten, in Schulhöfen, auf Demonstrationen, in transnationalen Onlinenetzwerken, in der unkritischen Tradierung antisemitischer „geistiger Führer”.</p>
<p>Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern die eigentliche Pointe der Geste. Die Opferrolle fungiert als Eintrittskarte in den Diskurs. Über Antisemitismus lässt sich reden, solange man dabei selbst auf der Seite der von Diskriminierung Betroffenen sitzt. Sobald man die Täterperspektive einnehmen müsste, also die unbequeme Frage, was in den eigenen Strukturen, der eigenen Theologie-Rezeption, dem eigenen Schweigen geschieht, schließt sich das Fenster.</p>
<p>Es ist exakt das Muster, das ich beim „Schutzschild der Vielfalt” beschrieben habe, nur auf ein neues Feld übertragen. Dort entlastete der Verweis auf innere Pluralität die Verbandsführungen von ihrer Verantwortung. Hier entlastet der Verweis auf die eigene Diskriminierungserfahrung die Community von der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Antisemitismus. Die Selbstthematisierung wird so umgeleitet, dass sie nie beim eigenen Handeln ankommt.</p>
</section>
<section id="wo-man-die-geste-beobachten-kann" class="level2">
<h2 data-anchor-id="wo-man-die-geste-beobachten-kann">Wo man die Geste beobachten kann</h2>
<p>Wer die beiden bisher beschriebenen Mechanismen für analytische Konstruktion hält, kann sie im Protokoll besichtigen. In den vertraulichen Gesprächsrunden der Deutschen Islam Konferenz nach dem 7. Oktober 2023, einer Folge nicht-öffentlicher Treffen im Bundesinnenministerium, deren Verlauf <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/plus252022266/Antisemitismus-unter-Muslimen-Wir-haben-andere-Sorgen.html">WELT AM SONNTAG anhand von Interviews und internen, vom BMI nur eingeschränkt herausgegebenen Dokumenten rekonstruiert hat</a>, zeigte sich die Figur in Reinform. Nahezu alle Vertreter der Islamverbände erklärten, Antisemitismus durch Gemeindemitglieder sei für sie ein zweitrangiges Thema, da Judenhass „in der Regel nicht von Muslimen” ausgehe. Gleichzeitig sei seit dem Hamas-Angriff die Islam- und Muslimfeindlichkeit stark gestiegen. Statt Konzepte gegen Juden- und Israelfeindlichkeit in den eigenen Reihen zu erarbeiten, forderten die Vertreter mehr Würdigung durch die Bundesregierung und verlangten, das Ministerium möge auf die Medienberichterstattung einwirken. Der Vorsitzende des der Millî-Görüş-Bewegung nahestehenden Islamrats nannte eine weitere Veranstaltung zum Thema „unangemessen”, die Community habe „andere Sorgen”, und blieb dem Folgetermin demonstrativ fern.</p>
<p>Was ich oben als analytische Kategorien beschrieben habe, ist hier kein Deutungsangebot mehr, sondern dokumentiertes Verhalten. Bemerkenswert ist der zusätzliche Zug, eine Positionierung gegen Antisemitismus müsse „religiös vertretbar” sein und die Basis „mitnehmen”. Sie wird also unter den Vorbehalt innergemeindlicher Vermittelbarkeit gestellt.</p>
<p>Die Deutsche Islam Konferenz ist hier nicht der Sonderfall, sondern die Stelle, an der eine ohnehin verbreitete Haltung aktenkundig wird, weil sie ausnahmsweise dokumentiert ist. Dieselbe Bewegung, die Bereitschaft, über den eigenen Antisemitismus nur im Doppel mit der eigenen Diskriminierungserfahrung zu sprechen, begegnet mir aus eigener Anschauung regelmäßig auch jenseits dieses Formats, in Gremien, Vorbereitungsrunden und Programmdebatten, in denen über die Verknüpfung beider Themen entschieden wird. Dort ist die Kopplung für Verbandsseite nicht bloß ein hingenommener Rahmen, sondern eine erwünschte Bedingung. Antisemitismus soll, wenn überhaupt, nur gemeinsam mit Islam- und Muslimfeindlichkeit auf die Tagesordnung. Das ist eine Beobachtung als Beteiligter und kein Aktenzitat, aber die WELT-Recherche zeigt, dass diese Wahrnehmung kein Einzeleindruck ist, sondern ein Muster trifft. Genau an diesem Punkt kippt eine legitime Verknüpfung in eine Entlastungsfigur.</p>
</section>
<section id="phänomen-3-die-eingeebnete-asymmetrie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-3-die-eingeebnete-asymmetrie">Phänomen 3: Die eingeebnete Asymmetrie</h2>
<p>Der dritte Mechanismus ist der theoretisch anspruchsvollste, und hier liegt zugleich der Punkt, an dem das „Zusammendenken” sich rehabilitieren ließe.</p>
<p>Antisemitismus und Islam- und Muslimfeindlichkeit „zusammen zu denken” unterstellt eine Gleichgestalt, die einer Prüfung nicht standhält. Die beiden Phänomene unterscheiden sich in ihrer Genese, in ihrer Trägerschaft und in ihrer Staatsnähe. Antisemitismus in muslimischen Milieus speist sich aus einem eigenständigen Geflecht theologischer Rückprojektionen, nationalistischer Verschwörungsnarrative und transnational importierter Denkfiguren, getragen auch von Akteuren mit Repräsentationsanspruch und institutioneller Anbindung an Herkunftsstaaten. Auch die Forschung widerspricht der Vorstellung, dieser Antisemitismus sei lediglich eine Reaktion auf Diskriminierungserfahrung oder ein bloßes Spiegelphänomen rassistischer Ausgrenzung. Der <a href="https://mediendienst-integration.de/artikel/antisemitismus-unter-muslimen-und-menschen-mit-migrationshintergrund.html">Forschungsüberblick von Sina Arnold</a> zeichnet ein heterogenes Bedingungsgefüge nach, in dem politische, religiös-ideologische und sozialisatorische Faktoren zusammenwirken. Qualitative Studien wie die von Stefan E. Hößl (<em>Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen</em> , Springer VS 2020) zeigen, dass diese Einstellungen sich nicht umstandslos aus Marginalisierung ableiten lassen, sondern eigene Tradierungswege haben. Islam- und Muslimfeindlichkeit ist demgegenüber ein Ausgrenzungsverhältnis einer Mehrheits- gegenüber einer Minderheitsgesellschaft. Beide sind real, beide sind verwerflich, aber sie haben nicht dieselbe Struktur, nicht dieselben Träger, nicht dieselbe Position im gesellschaftlichen Machtgefüge.</p>
<p>Wer beide unter einer Symmetrie-Rhetorik einebnet, verfehlt beide. Er entschärft den einen, indem er ihn zur bloßen Spiegelung des anderen macht, und er trivialisiert den anderen, indem er ihn an eine Zwangskopplung bindet. „Zusammen denken” darf nicht heißen „gleich behandeln”. Es müsste im Gegenteil bedeuten, beide so präzise zu unterscheiden, dass die jeweils spezifische Verantwortung sichtbar wird, die der Mehrheitsgesellschaft hier, die der muslimischen Zivilgesellschaft dort.</p>
<p>An dieser Stelle ist Redlichkeit über den eigenen Standort geboten. Es gibt, soweit ich sehe, keine etablierte Forschungslinie, die das hier beschriebene Muster ausformuliert, also die symmetrisierende Kopplung als innermuslimische Entlastungsfigur beim Thema Antisemitismus. Die einschlägige Präventions- und Bildungsforschung koppelt die beiden Phänomene durchaus, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Der <a href="https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/afs/DJI_AFS_Antimuslimischer_Rassismus.pdf">Bericht von Langner und Jungmann</a> (Deutsches Jugendinstitut 2024) und die daran anschließende <a href="https://www.ufuq.de/aktuelles/antimuslimischer-rassismus-und-islamistischer-extremismus-wechselwirkungen-und-handlungsempfehlungen-fuer-die-praevention/">Einordnung bei ufuq.de</a> behandeln Islam- und Muslimfeindlichkeit vor allem als Rahmenbedingung und teils als Risikofaktor von Radikalisierung, als „Störfaktor” in Distanzierungsprozessen, an den islamistische Mobilisierung anschließen kann. Diese Perspektive sieht eine reale Instrumentalisierungsrichtung scharf, nämlich die Versicherheitlichung von Muslimen, die Verengung des Themas auf seinen Nutzen für die Extremismusprävention. Diese Sorge teile ich. Aber dieselbe Forschung blendet die hier verhandelte Gegenrichtung weitgehend aus, also die Möglichkeit, dass die Kopplung nicht nur den Rassismusdiskurs versicherheitlicht, sondern auch den Antisemitismusdiskurs entlastet. Mein Beitrag bewegt sich also nicht im Rückenwind eines Forschungskonsenses, sondern adressiert dessen blinden Fleck. Das ist eine Behauptung, die für sich steht und nicht durch geliehene Autorität gestützt werden soll. Ihre Evidenz liegt nicht in der Theorie, sondern in dem oben beschriebenen, dokumentierten wie selbst beobachteten Verhalten.</p>
<p>Genau hier wäre die Kopplung zu retten. Nicht als rhetorische Balance, sondern als doppelte, je eigene Zumutung. Die Mehrheitsgesellschaft muss Islam- und Muslimfeindlichkeit ohne Vorbehalt benennen, ohne sie an einen Extremismusnachweis zu knüpfen. Und die muslimische Zivilgesellschaft muss den Antisemitismus in den eigenen Reihen ohne Vorbehalt benennen, ohne ihn an die eigene Diskriminierungserfahrung zu koppeln. Erst wenn beide Seiten ihre jeweilige Hausaufgabe ohne Verweis auf die andere machen, ist das „Zusammendenken” aufrichtig. Solange die eine Seite nur unter Vorbehalt redet und die andere nur im Doppelpack, verbindet die Kopplung nicht zwei Phänomene, sondern zwei Vermeidungsstrategien.</p>
</section>
<section id="aufrichtigkeit-vor-symmetrie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="aufrichtigkeit-vor-symmetrie">Aufrichtigkeit vor Symmetrie</h2>
<p>Wer das „Zusammendenken” ernst meint, muss bereit sein, den unbequemeren Teil zuerst und ohne Gegenleistung zu erbringen.</p>
<p>Für mich als jemanden aus der muslimischen Community heißt das konkret, dass der Antisemitismus in unseren Milieus kein Verhandlungsposten ist, den man erst dann auf den Tisch legt, wenn die andere Seite ihre Vorleistung erbracht hat. Er ist eine eigene, voraussetzungslose Aufgabe. Ihn nur im Schutz einer Symmetrie zu thematisieren, in der er zur halben Wahrheit eingeklammert wird, ist nicht weniger ein Ausweichmanöver als die Flucht ins Globale oder der Schutzschild der Vielfalt. Es ist nur das höflichere.</p>
<p>Die Komfortzone der Komplexität war die Flucht in eine unverfügbare globale Abstraktion. Die Komfortzone der Symmetrie ist subtiler. Sie flüchtet nicht aus dem Thema, sie umarmt es, so fest, dass das Unbequeme darin erstickt. Beide Bewegungen eint dieselbe Vermeidung der einen Frage, nämlich die nach der Verantwortung für das Zusammenleben hier und jetzt.</p>
<p>Echte moralische Haltung beginnt nicht mit dem ausbalancierten Satz. Sie beginnt mit dem Teil der Wahrheit, den auszusprechen wehtut, bevor man ihn mit dem Teil aufwiegt, der entlastet.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/4433e7e5800e4fe0b115c03d786d5b49.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-komfortzone-der-symmetrie.html</guid>
  <pubDate>Fri, 22 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/scales-of-justice-with-gavel-and-legal-book-2026-03-19-02-09-43-utc-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Wenn Zivilgesellschaft zur Zielscheibe wird</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-zivilgesellschaft-zur-zielscheibe-wird.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/amadeu-antonio-publikation-feindliche-angriffe-scaled.png" class="img-fluid feature-image" alt="Wenn Zivilgesellschaft zur Zielscheibe wird"></p>
<p>Die Amadeu Antonio Stiftung hat den Leitfaden <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/feindliche-angriffe-auf-gemeinwohlorientierte-organisationen/">„Feindliche Angriffe auf gemeinwohlorientierte Organisationen”</a> veröffentlicht. Er behandelt eine Frage, die in vielen Organisationen erst dann ernst genommen wird, wenn es schon brennt: Was passiert, wenn eine Initiative, ein Verein, ein Bildungsprojekt oder eine Beratungsstelle gezielt angegriffen wird?</p>
<p>Die <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/">Stiftung</a> bescheibt Angriffe, die von organisierten Empörungswellen über Desinformation bis zu Einschüchterung und persönlichen Bedrohungen reichen. Betroffen sind längst nicht nur Organisationen, die ausdrücklich gegen Rechtsextremismus arbeiten. Auch Kultur, Gesundheit, Klima, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte geraten ins Visier.</p>
<p>Mich interessiert daran nicht nur die Sicherheitsfrage. Mich interessiert die strukturelle Frage dahinter: Welche Organisationen halten öffentlichen Druck aus, und welche ziehen sich zurück, sobald es konflikthaft wird?</p>
<p>Diese Frage begleitet mich seit Jahren auch mit Blick auf muslimische Verbände. In meinem Beitrag <a href="https://karahan.net/de/blog/repraesentanz-verbandslandschaft">„Repräsentanz und Inhalte in der muslimischen Verbandslandschaft”</a> habe ich 2019 beschrieben, dass Repräsentanz ohne Inhalt nicht trägt. Damals ging es um die Erfahrung, dass Gesprächspartner aus Behörden, Politik und Zivilgesellschaft zwar Vertreter fanden, aber zu oft keinen belastbaren inhaltlichen Beitrag. Später verschob sich das Problem noch weiter: Nicht mehr nur Inhalte fehlten, sondern zunehmend auch Präsenz.</p>
<p>Das ist für die aktuelle Debatte relevant. Denn Rückzug entsteht nicht immer erst durch äußeren Druck. Manchmal zeigt äußerer Druck nur, was intern längst schwach ist: fehlende Zuständigkeiten, ungeklärte Positionen, mangelnde Diskursfähigkeit, Angst vor Verantwortung, dünne Strukturen.</p>
<section id="angriff-trifft-auf-vorhandene-schwächen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="angriff-trifft-auf-vorhandene-schwächen">Angriff trifft auf vorhandene Schwächen</h2>
<p>Wer zivilgesellschaftliche Organisationen angreift, muss sie nicht argumentativ besiegen. Oft reicht es, sie zu beschäftigen. Eine Kampagne kostet Zeit. Eine Drohung verändert Abläufe. Eine Flut aus Mails, Kommentaren und Anrufen bringt Vorstände, Teams und Ehrenamtliche in Rechtfertigung. Währenddessen bleibt Arbeit liegen.</p>
<p>Der Effekt ist politisch. Organisationen sollen vorsichtiger werden. Sie sollen ihre Sichtbarkeit drosseln, Kooperationen prüfen, Veranstaltungen absagen, Sprache entschärfen, Mitarbeitende aus der Schusslinie nehmen. Nicht jeder Angriff erreicht dieses Ziel. Aber viele Organisationen beginnen, sich selbst zu beobachten, bevor sie überhaupt handeln.</p>
<p>Das Problem liegt dann nicht allein bei den Angreifern. Es liegt auch darin, dass viele Träger keine eingeübte Antwort haben. Wer spricht? Wer dokumentiert? Wer entscheidet über rechtliche Schritte? Wer informiert Förderer und Partner? Wer schützt exponierte Mitarbeitende? Wer hält Kontakt zu Presse oder Politik? Solche Fragen wirken trocken, bis sie akut werden. Dann entscheiden sie über Handlungsfähigkeit.</p>
<p>Gerade hier gibt es eine Verbindung zur muslimischen Verbandslandschaft. Viele Organisationen haben lange darauf gesetzt, überhaupt als Ansprechpartner anerkannt zu werden. Das war historisch verständlich. Aber Anerkennung ersetzt keine innere Arbeitsfähigkeit. Wer im öffentlichen Raum Verantwortung beansprucht, muss auch unter Druck sprechen, entscheiden und Inhalte liefern können.</p>
</section>
<section id="präsenz-ohne-inhalt-bleibt-dünn" class="level2">
<h2 data-anchor-id="präsenz-ohne-inhalt-bleibt-dünn">Präsenz ohne Inhalt bleibt dünn</h2>
<p>In der muslimischen Zivilgesellschaft wurde Repräsentanz lange als eigener Wert behandelt. Man saß am Tisch, wurde eingeladen, nahm an Runden teil, erklärte Zuständigkeit. Das war wichtig, weil muslimische Stimmen in vielen institutionellen Räumen tatsächlich fehlten.</p>
<p>Aber aus Präsenz entsteht nicht automatisch Substanz. Wenn Organisationen keine Positionen entwickeln, keine Konflikte austragen, keine fachlichen Beiträge liefern und keinen innermuslimischen Diskurs organisieren, bleibt Repräsentanz eine leere Form. Dann genügt schon mäßiger Druck, um Rückzug plausibel erscheinen zu lassen.</p>
<p>Dieser Zusammenhang wird in allgemeinen Debatten über Zivilgesellschaft selten gesehen. Schutzfähigkeit ist nicht nur eine technische Frage von Krisenkommunikation und IT Sicherheit. Sie hängt auch davon ab, ob eine Organisation weiß, wofür sie steht, wer für sie spricht und welche Verantwortung sie übernehmen will.</p>
<p>Wer keine Inhalte hat, kann schwer verteidigen, warum er sichtbar bleiben muss. Wer keine internen Debatten führt, ist bei äußeren Angriffen schneller gelähmt. Wer Verantwortung immer an Funktionäre, Vorstände oder Dachverbände delegiert, macht die eigene Diskursfähigkeit abhängig von wenigen Personen.</p>
<p>Das ist besonders riskant in Feldern, in denen ohnehin mit Verdächtigungen gearbeitet wird. Muslimische, migrantische und andere minorisierte Organisationen kennen Projektionen, Generalverdacht und politische Instrumentalisierung. Umso wichtiger wäre es, nicht nur empört auf Angriffe zu reagieren, sondern eigene Strukturen so aufzubauen, dass sie nicht bei jeder Eskalation aus dem Takt geraten.</p>
</section>
<section id="schutz-muss-vor-dem-angriff-organisiert-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="schutz-muss-vor-dem-angriff-organisiert-werden">Schutz muss vor dem Angriff organisiert werden</h2>
<p>Der Leitfaden der Amadeu Antonio Stiftung ist deshalb nützlich, weil er den Blick auf Verfahren lenkt. Vorbereitung, Dokumentation, Zuständigkeit, Kommunikation, rechtliche Beratung, digitale Sicherheit, Solidaritätsnetzwerke. Das klingt nach Verwaltungsarbeit. In Wirklichkeit ist es politische Selbstbehauptung.</p>
<p>Viele kleine Initiativen können das nicht nebenbei leisten. Sie arbeiten mit knappen Mitteln, kurzen Projektlaufzeiten, hoher Erwartung und wenig Personal. Wer von ihnen Sichtbarkeit verlangt, muss auch die Kosten dieser Sichtbarkeit mitdenken. Förderpolitik darf nicht nur Programme finanzieren und dann überrascht sein, wenn die Träger unter Druck geraten.</p>
<p>Das betrifft Demokratieprojekte ebenso wie muslimische und migrantische Organisationen. Wenn sie Teilhabe ermöglichen, Präventionsarbeit leisten, Bildungsräume öffnen oder lokale Konflikte moderieren sollen, brauchen sie mehr als Projektmittel für Veranstaltungen. Sie brauchen Beratung, Schutzkonzepte, Rückhalt, Supervision, juristische Ersthilfe und eine Kultur, in der Angriffe nicht jedes Mal als persönliches Scheitern behandelt werden.</p>
<p>Gleichzeitig entbindet äußerer Druck die Organisationen nicht von eigener Arbeit. Wer sich in den öffentlichen Diskurs einbringen will, muss Inhalte entwickeln. Wer für eine Community sprechen will, muss Widerspruch aus dieser Community aushalten. Wer Kooperationen sucht, muss verlässlich erreichbar sein. Wer Verantwortung beansprucht, kann sich nicht dauerhaft hinter Überforderung zurückziehen.</p>
</section>
<section id="sichtbarkeit-braucht-innere-festigkeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="sichtbarkeit-braucht-innere-festigkeit">Sichtbarkeit braucht innere Festigkeit</h2>
<p>Zivilgesellschaft wird nicht dadurch geschützt, dass sie leiser wird. Rückzug macht Räume frei für jene, die demokratische Arbeit ohnehin delegitimieren wollen. Aber Sichtbarkeit ohne innere Festigkeit führt in die Erschöpfung.</p>
<p>Deshalb gehört beides zusammen: Schutz nach außen und Klärung nach innen. Organisationen brauchen Verfahren für Angriffe, aber sie brauchen auch Inhalte, Diskursfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft. Gerade muslimische Verbände und Initiativen sollten diesen Punkt nicht unterschätzen. Die Mauern, die früher den Zugang zur allgemeinen Zivilgesellschaft erschwerten, sind an vielen Stellen niedriger geworden. Umso weniger reicht es, nur anwesend zu sein.</p>
<p>Wer Räume betritt, muss etwas einbringen. Wer unter Druck gerät, muss wissen, was verteidigt werden soll. Und wer demokratische Infrastruktur ernst nimmt, darf ihre Träger nicht auf symbolische Anerkennung reduzieren. Sie müssen arbeitsfähig bleiben, auch wenn es unbequem wird.</p>
<p>Quellen:</p>
<ul>
<li><a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/angriffe-auf-die-zivilgesellschaft-ein-leitfaden-fuer-mehr-sicherheit-und-handlungsfaehigkeit-165775/">Amadeu Antonio Stiftung: „Angriffe auf die Zivilgesellschaft: Ein Leitfaden für mehr Sicherheit und Handlungsfähigkeit”, 18. Mai 2026</a></li>
<li><a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/feindliche-angriffe-auf-gemeinwohlorientierte-organisationen/">Publikation: „Feindliche Angriffe auf gemeinwohlorientierte Organisationen”</a></li>
<li><a href="https://karahan.net/de/blog/repraesentanz-verbandslandschaft">Engin Karahan: „Repräsentanz und Inhalte in der muslimischen Verbandslandschaft”, 31.01.2019</a></li>
</ul>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/d6034b5bd5eb49cead2087ae4fd193cc.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-zivilgesellschaft-zur-zielscheibe-wird.html</guid>
  <pubDate>Thu, 21 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/amadeu-antonio-publikation-feindliche-angriffe-scaled.png" medium="image" type="image/png" height="69" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/red-pill_and_manospere-2.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger"></p>
<p><strong>Die Manosphere ist nicht deshalb erfolgreich, weil ihre Antworten besonders klug wären. Sie ist erfolgreich, weil sie überhaupt antwortet. Das ist der unangenehme Punkt. Viele junge Männer stellen Fragen, die in pädagogischen, politischen und auch religiösen Räumen nur ungern ausgesprochen werden: Was macht mich als Mann aus? Wie gehe ich mit Zurückweisung um? Warum fühle ich mich überflüssig? Was bedeutet Stärke, wenn alte Rollenbilder brüchig werden und neue kaum erklärt werden? Wie finde ich Anerkennung, ohne mich dauernd beweisen zu müssen?</strong></p>
<p>Auf diese Fragen antworten nicht zuerst Schule, Jugendhilfe, Moscheegemeinde oder politische Bildung. Sehr oft antwortet der Feed. Und der Feed ist voll mit Männern, die aus Kränkung ein Geschäftsmodell machen.</p>
<p>Das Bundesforum Männer hat im Januar ein <a href="https://bundesforum-maenner.de/mitgliederinterview-pathforge/">Interview mit Simon Fokt</a> veröffentlicht, dem Gründer von <a href="https://path-forge.org/">PathForge</a>. Der Ansatz ist interessant, weil er einen Punkt benennt, der in vielen Gleichstellungsdebatten gerne umgangen wird: Wenn Jungen und Männer nur noch als Problemadressaten vorkommen, entsteht ein leerer Raum. In diesen Raum treten dann andere ein. Influencer, Coaches, rechte Kulturkämpfer, religiöse Selbstoptimierer. Sie alle versprechen Orientierung. Nicht kostenlos, nicht harmlos, nicht ohne ideologische Rechnung. Aber sie versprechen etwas.</p>
<p>Das zu beschreiben heißt nicht, antifeministische Männerpolitik zu entschuldigen. Es heißt, nüchtern genug hinzusehen.</p>
<section id="kritik-ist-noch-kein-angebot" class="level2">
<h2 data-anchor-id="kritik-ist-noch-kein-angebot">Kritik ist noch kein Angebot</h2>
<p>Viele progressive Debatten über Männlichkeit sind analytisch stark und praktisch schwach. Sie können präzise erklären, wie patriarchale Strukturen funktionieren, wie Gewalt stabilisiert wird, wie Dominanzverhalten entsteht und wie Misogynie sozial belohnt wird. Diese Analyse ist notwendig. Ohne sie landet man schnell bei einer Männerarbeit, die sich nur noch um männliche Befindlichkeiten dreht und die Machtfrage ausblendet. Sie ersetzt aber keine Orientierung.</p>
<p>Ein junger Mann, der in der Schule scheitert, der keine Anerkennung erfährt, der mit Sexualität, Nähe, Scham, Einsamkeit oder Kränkung ringt, hört aus offiziellen Diskursen oft vor allem Verbote: Sei nicht toxisch. Sei nicht übergriffig. Sei nicht patriarchal. Sei nicht homophob. Sei nicht das Problem.</p>
<p>Die Manosphere macht genau das Gegenteil. Sie sagt: Dein Schmerz ist real. Deine Demütigung hat einen Grund. Die Gesellschaft hat dich betrogen. Frauen manipulieren dich. Feminismus nimmt dir deinen Platz. Komm zu uns, wir zeigen dir, wie du wieder stark wirst.</p>
<p>Das ist eine gefährliche Erzählung. Sie macht aus Unsicherheit Ressentiment. Sie verwandelt Einsamkeit in Verachtung. Aber sie hat einen Vorteil gegenüber vielen demokratischen Gegenangeboten: Der junge Mann kommt in ihr vor.</p>
</section>
<section id="gleichstellung-darf-nicht-nur-als-verlustgeschichte-erzählt-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gleichstellung-darf-nicht-nur-als-verlustgeschichte-erzählt-werden">Gleichstellung darf nicht nur als Verlustgeschichte erzählt werden</h2>
<p>Der wichtige Gedanke bei PathForge liegt genau hier. Gleichstellung muss jungen Männern nicht als Niederlage ihrer Identität erzählt werden.</p>
<p>Natürlich bedeutet Gleichstellung Machtverlust für diejenigen, die bisher von Ungleichheit profitiert haben. Niemand hat ein Recht darauf, dass andere sich unterordnen. Niemand hat ein Recht auf Gehorsam, sexuelle Verfügbarkeit oder soziale Sonderstellung. Diesen Konflikt darf man nicht weichzeichnen.</p>
<p>Aber wenn Gleichstellung jungen Männern nur als Katalog von Zumutungen begegnet oder als solche geframt wird, wird sie für manche zur Demütigungserzählung. Dann können die falschen Akteure behaupten: Seht ihr, sie wollen euch klein machen.</p>
<p>Eine andere Erzählung müsste an einem anderen Punkt ansetzen. Eine Männlichkeit, die nicht auf Kontrolle beruht, ist kein Abstieg. Sie ist eine Entlastung. Wer nicht ständig Dominanz beweisen muss, kann Beziehungen führen, ohne sie als Rangordnung zu organisieren. Wer Gefühle benennen kann, muss sie nicht in Härte übersetzen. Wer Verantwortung übernimmt, ohne Besitzansprüche daraus abzuleiten, wird nicht schwächer. Er wird verlässlicher.</p>
<p>Gleichwürdigkeit nimmt Männern nicht ihre Identität. Sie nimmt ihnen nur den Anspruch, dass andere kleiner sein müssen, damit sie sich groß fühlen. Das ist der Unterschied zwischen Beschämung und Zumutung. Beschämung sagt: Du bist falsch. Zumutung sagt: Du bist verantwortlich.</p>
<div class="quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="figure">
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Manosphere_Das_Vakuum_der_Orientierung.png" class="img-fluid figure-img"></p>
<figcaption>Schaubild mit Fragen junger Männer links, institutioneller Leerstelle in der Mitte und Manosphere/Influencern rechts als Antwortanbieter.</figcaption>
</figure>
</div>
</section>
<section id="die-religiöse-verpackung-macht-es-nicht-religiöser" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-religiöse-verpackung-macht-es-nicht-religiöser">Die religiöse Verpackung macht es nicht religiöser</h2>
<p>Für muslimische Kontexte ist diese Debatte ebenfalls relevant. Nicht, weil muslimische Jugendliche grundsätzlich anfälliger wären. Sondern weil globale Männlichkeitsnarrative in muslimischen Räumen häufig religiös verkleidet werden.</p>
<p>Ich habe das in meinem Beitrag zu <a href="../../publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html">digitalen Bildungsräumen und Männlichkeitsbildern</a> bereits beschrieben: Manosphere, Red-Pill-Logiken und TradWife-Ästhetiken werden nicht einfach übernommen, sondern nachträglich islamisiert. Aus dem „High Value Man“ wird der fromme Patriarch. Aus Kontrolle wird Schutz. Aus Besitzlogik wird Verantwortung. Aus weiblicher Unterordnung wird angeblich natürliche, gottgegebene Ordnung.</p>
<p>Gerade junge muslimische Männer erleben eine doppelte Zuschreibung. Von außen werden sie schnell als Problemgruppe markiert. Von innen werden ihnen nicht selten starre Erwartungen zugemutet: stark sein, Familie repräsentieren, religiös integer auftreten, ökonomisch liefern, keine Schwäche zeigen, Frauen schützen, Gemeinschaft verteidigen. In digitalen Räumen finden sie dann Akteure, die all diese Erwartungen bündeln und ideologisch aufladen.</p>
<p>Der Fehler wäre, darauf nur mit theologischen Widerlegungen zu antworten. Natürlich braucht es theologische Klarstellungen, wenn religiöse Begriffe missbraucht werden. Aber die Frage ist nicht nur, ob ein Hadith falsch zitiert wurde. Die Frage ist, warum ein junger Mann überhaupt eine Erzählung attraktiv findet, in der seine Würde von Kontrolle, Überlegenheit und Abgrenzung abhängt.</p>
<p>Das ist keine rein religiöse Frage. Es ist eine Frage von Anerkennung, Bildung, sozialer Teilhabe, Geschlechtersozialisation und digitaler Öffentlichkeit.</p>
</section>
<section id="zuhören-ist-keine-kapitulation" class="level2">
<h2 data-anchor-id="zuhören-ist-keine-kapitulation">Zuhören ist keine Kapitulation</h2>
<p>Fokt sagt im Interview sinngemäß: Wenn Männer nicht den Influencern der Manosphere zuhören sollen, müssen andere ihnen ebenfalls zuhören. Der Satz ist riskant. Er kann bequem missverstanden werden.</p>
<p>Zuhören heißt nicht, antifeministische Kränkungen zu bestätigen. Es heißt nicht, Frauenrechte verhandelbar zu machen. Es heißt nicht, patriarchale Macht als bloßes Missverständnis zu behandeln. Zuhören heißt, die Funktion einer Erzählung zu verstehen, bevor man sie bekämpft.</p>
<p>Warum wirkt das Versprechen von Disziplin? Warum zieht die Rede vom „Provider“? Warum werden Queerfeindlichkeit und Antifeminismus als Befreiung erlebt? Warum erscheint Gleichstellung manchen jungen Männern nicht als gerechtere Ordnung, sondern als persönlicher Angriff?</p>
<p>Wer diese Fragen nicht stellt, produziert Gegenrede, die recht hat und trotzdem niemanden erreicht.</p>
<p>Die Manosphere arbeitet nicht nur mit Argumenten. Sie arbeitet mit Zugehörigkeit, Ästhetik, Humor, Status, Körperbildern, Erfolgserzählungen und dem Versprechen, endlich nicht mehr ohnmächtig zu sein. Demokratische und gleichstellungsorientierte Arbeit muss diese Mittel nicht kopieren. Aber sie muss verstehen, dass ein PDF gegen ein Zugehörigkeitsangebot kaum bestehen wird. Das ist keine tiefe Erkenntnis aus dem Silicon Valley. Das ist Alltag auf jedem Schulhof mit WLAN.</p>
<div class="quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="figure">
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Manosphere_Vom_Problem_zur_Alternative.png" class="img-fluid figure-img"></p>
<figcaption>Flussdiagramm mit einem problematischen Pfad von Kränkung zu Ressentiment und Isolation sowie einem alternativen Pfad von Verantwortung zu Gleichwürdigkeit und Teilhabe.</figcaption>
</figure>
</div>
</section>
<section id="positive-narrative-sind-kein-kuschelkurs" class="level2">
<h2 data-anchor-id="positive-narrative-sind-kein-kuschelkurs">Positive Narrative sind kein Kuschelkurs</h2>
<p>Der Begriff „positive Narrative“ klingt schnell nach Coaching-Sprache. Man muss ihn gegen seinen eigenen Wohlfühlton verteidigen.</p>
<p>Ein positiver Gegenentwurf darf jungen Männern nicht einreden, sie seien Opfer einer verweichlichten Moderne. Er darf ihnen nicht bestätigen, dass ihre Unsicherheit durch die Freiheit anderer verursacht werde. Er muss ihnen sagen: Ja, du darfst nach Stärke suchen. Aber Stärke beginnt nicht dort, wo andere sich dir unterordnen. Sie beginnt dort, wo du Verantwortung für dich übernimmst, ohne daraus Herrschaft über andere abzuleiten.</p>
<p>Nicht als Trostpflaster für gekränkte Männlichkeit, sondern als klare Absage an die Idee, aus eigener Unsicherheit Ansprüche auf andere abzuleiten.</p>
<p>Eine solche Arbeit braucht Räume, in denen Männer über Scheitern, Sexualität, Einsamkeit, Gewalt, Vaterschaft, Freundschaft, Religion und Anerkennung sprechen können, ohne sofort in Abwehr oder Selbstmitleid zu fliehen. Sie braucht aber ebenso klare Standards: keine Frauenverachtung, keine Queerfeindlichkeit, keine romantisierte Dominanz, keine religiöse Legitimation von Kontrolle.</p>
<p>Gleichstellung gelingt nicht dadurch, dass Männer verschwinden. Sie gelingt auch nicht dadurch, dass Männer ununterbrochen als pädagogisches Risiko behandelt werden. Sie gelingt, wenn Männer lernen, sich selbst nicht mehr über den Zugriff auf andere zu definieren.</p>
<p>Das wäre ein ernstzunehmender Gegenentwurf zur Manosphere: keine Beschämung, keine Anbiederung, sondern eine anspruchsvolle Einladung. Du kannst stark sein, ohne andere klein zu machen.</p>
<p>Und wer das nicht nur lesen, sondern fachlich weiterdenken will: Das Bundesforum Männer greift die Frage von Gewalt, Macht und Männlichkeiten auch auf seinem Fachtag 2026 auf.<br>
Mehr dazu: <a href="https://bundesforum-maenner.de/veranstaltung/fachtag-gewalt-macht-maenner-2026/" class="uri">https://bundesforum-maenner.de/veranstaltung/fachtag-gewalt-macht-maenner-2026/</a></p>
<p><strong>Quelle:</strong> <a href="https://bundesforum-maenner.de/mitgliederinterview-pathforge/">Bundesforum Männer, „Mit positiven Erzählungen gegen die Manosphere“, Interview mit Simon Fokt / PathForge</a></p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Passende Leistung:</strong> <a href="../../leistungen/radikalisierungspraevention-jugendschutz-extremistische-narrative-maennlichkeitsbilder.html">Radikalisierungsprävention &amp; Jugendschutz – Männlichkeitsbilder erkennen</a> als Workshop oder Vortrag für Schule, Jugendhilfe und Prävention.</p>
<p><a href="../../kontakt.html" class="btn btn-primary btn-sm">Als Workshop oder Vortrag anfragen</a></p>
</div>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/9d6c1ff9f39749f18925d13ec01f8ce2.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html</guid>
  <pubDate>Tue, 19 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/red-pill_and_manospere-2.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Integration beginnt im Mietvertrag</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/integration-beginnt-im-mietvertrag.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Miete_Migration_Mietvertrag-kl.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Integration beginnt im Mietvertrag"></p>
<p>Deutschland spricht über Integration, als beginne sie im Sprachkurs, im Klassenzimmer, im Betrieb oder im Bekenntnis zur Verfassung. Das alles ist nicht falsch. Aber es setzt etwas voraus, das in der Debatte zu oft wie eine Nebensache behandelt wird: eine Wohnung.</p>
<p>Wer keine Wohnung findet, findet schwerer Arbeit. Wer in einer überbelegten Wohnung lebt, lernt, schläft und arbeitet schlechter. Wer in einem Quartier landet, in dem Armut, schlechte Infrastruktur und überforderte Verwaltung zusammenfallen, erlebt Teilhabe nicht als Versprechen, sondern als Zumutung. Der Mietvertrag ist deshalb kein privates Detail. Er entscheidet darüber, ob Menschen überhaupt einen Ort haben, von dem aus sie ankommen können.</p>
<p>Das <a href="https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/2026/">SVR-Jahresgutachten 2026 „Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“</a> rückt diese Frage an die richtige Stelle. Wohnen ist nicht der sozialpolitische Anhang der Integrationspolitik. Wohnen ist eine ihrer materiellen Grundlagen.</p>
<section id="der-wohnungsmarkt-schützt-vor-allem-die-die-schon-drin-sind" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-wohnungsmarkt-schützt-vor-allem-die-die-schon-drin-sind">Der Wohnungsmarkt schützt vor allem die, die schon drin sind</h2>
<p>Der deutsche Wohnungsmarkt ist ein besonderer Markt. Auf Wohnraum kann man nicht verzichten. Wer steigende Preise bei Konsumgütern erlebt, kann ausweichen, weniger kaufen, verschieben. Bei Wohnraum funktioniert das kaum. Man kann nicht einfach weniger wohnen.</p>
<p>Deutschland ist zudem ein Mieterland. Laut SVR liegt die Wohneigentumsquote nur bei 47 Prozent. Das starke Mietrecht schützt diejenigen, die bereits eine Wohnung haben. Genau darin liegt aber das Problem für alle, die neu in den Markt hinein müssen: Zugewanderte, Umziehende, Geflüchtete, junge Familien, internationale Fachkräfte. Wer schon im System ist, hat Rechte. Wer hinein will, steht vor Türen.</p>
<p>Der SVR beschreibt diesen Mechanismus nüchtern: Regeln, die formal für alle gleich gelten, können praktisch selektiv wirken. Bonitätsnachweise, Sprachkenntnisse, fehlende Netzwerke, Aufenthaltsstatus, Schufa-Historie, befristete Verträge, knappe Angebote und Diskriminierung greifen ineinander. Niemand muss sich offen rassistisch äußern, damit am Ende rassistische Effekte entstehen.</p>
<p>Das ist der unangenehme Punkt. Viele Ausschlüsse funktionieren gerade deshalb so stabil, weil sie sich als normale Verwaltung, normale Vorsicht, normale Marktauswahl tarnen.</p>
</section>
<section id="miete-ist-keine-bloße-wohnform" class="level2">
<h2 data-anchor-id="miete-ist-keine-bloße-wohnform">Miete ist keine bloße Wohnform</h2>
<p>Die Zahlen im Gutachten zeigen, wie stark sich Wohnverhältnisse unterscheiden. Personen ohne Migrationshintergrund lebten 2022 zu 46,2 Prozent in Mieterhaushalten und zu 53,8 Prozent in Eigentümerhaushalten. Bei Menschen mit Migrationshintergrund ist das Verhältnis fast umgekehrt: 68,1 Prozent lebten zur Miete, 31,9 Prozent in Eigentum. Bei Personen mit eigener Migrationserfahrung lag der Mieteranteil bei 72,6 Prozent. Wer weniger als fünf Jahre in Deutschland lebte, wohnte zu 92,6 Prozent zur Miete.</p>
<p>Das ist mehr als eine Immobilienstatistik. Eigentum bedeutet nicht automatisch Wohlstand, aber es bedeutet oft Stabilität, Planbarkeit und Schutz vor Verdrängung. Miete bedeutet nicht automatisch Unsicherheit, aber in einem angespannten Markt verändert sich ihre Bedeutung. Dann wird der Zugang zur Wohnung zur Machtfrage.</p>
<p>Auch bei der Mietbelastung wird der Unterschied sichtbar. Als Faustregel gilt eine Bruttokaltmiete von maximal 30 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens. Bei Haushalten, in denen kein Mitglied einen Migrationshintergrund hatte, lag die Mietbelastungsquote 2022 laut SVR bei 27,6 Prozent. Bei Haushalten, deren Mitglieder alle einen Migrationshintergrund hatten, lag sie bei 30,1 Prozent. Das klingt nach wenig. Aber genau an dieser Schwelle kippt Wohnen vom Grundbedarf zum dauerhaften Druck.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/photo_2026-05-17_22-50-57.jpg" class="img-fluid"></p>
</section>
<section id="die-stadt-verspricht-chancen-und-organisiert-knappheit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-stadt-verspricht-chancen-und-organisiert-knappheit">Die Stadt verspricht Chancen und organisiert Knappheit</h2>
<p>Menschen mit Migrationshintergrund leben überdurchschnittlich häufig in Städten. Laut SVR lebten 2024 58,8 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in städtischen Regionen. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund waren es 43,0 Prozent. Das ist plausibel: Städte bieten Arbeit, Ausbildung, Hochschulen, Verwaltungen, Netzwerke, religiöse Infrastruktur, Beratungsstellen, Vereine und soziale Mobilität.</p>
<p>Aber ausgerechnet dort ist Wohnraum besonders knapp.</p>
<p>Hier liegt ein integrationspolitischer Widerspruch. Die Stadt ist Ankunftsort und Engpass zugleich. Sie verspricht Teilhabe und sortiert zugleich über Mieten, Wohnlagen, Kontakte und Auswahlverfahren. Wer Integration dann nur über Sprache, Werte und Arbeitsmarkt diskutiert, blendet den Boden aus, auf dem all das stattfinden soll.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/photo_2026-05-17_22-50-52.jpg" class="img-fluid"></p>
</section>
<section id="diskriminierung-ist-nicht-erst-dann-real-wenn-sie-plump-wird" class="level2">
<h2 data-anchor-id="diskriminierung-ist-nicht-erst-dann-real-wenn-sie-plump-wird">Diskriminierung ist nicht erst dann real, wenn sie plump wird</h2>
<p>Der SVR verweist auch auf Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Zugewanderte und ihre Nachkommen, ebenso Menschen, denen ein Migrationshintergrund zugeschrieben wird, werden auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt. Das betrifft nicht nur einkommensschwache Haushalte. Auch internationale Fachkräfte erleben diese Hürden. Laut SVR berichtet in einer OECD-Befragung gut jede zweite zugewanderte Fachkraft, also 52 Prozent, von Diskriminierungserfahrungen bei der Wohnungssuche.</p>
<p>Das sollte die Fachkräftedebatte ernüchtern. Deutschland diskutiert gern über Visa, Anerkennung, Bürokratie und Willkommenskultur. Aber wer Menschen anwerben will, muss ihnen auch ermöglichen, zu wohnen. Ein Arbeitsvertrag ersetzt keine Wohnung. Eine Einwanderungsstrategie, die Wohnraum nicht mitdenkt, lädt Menschen ein und lässt sie dann auf dem Flur stehen.</p>
<p>Man kann das moralisch empörend finden. Man kann es aber auch ganz nüchtern sagen: Es ist schlechte Politik.</p>
</section>
<section id="was-muslimische-und-migrantische-zivilgesellschaft-damit-zu-tun-hat" class="level2">
<h2 data-anchor-id="was-muslimische-und-migrantische-zivilgesellschaft-damit-zu-tun-hat">Was muslimische und migrantische Zivilgesellschaft damit zu tun hat</h2>
<p>Für muslimische Organisationen, Migrantenselbstorganisationen und integrationspolitische Akteure ist die Wohnungsfrage kein fremdes Thema. Viele Konflikte, die später als Bildungsproblem, Jugendproblem, Quartiersproblem oder Integrationsproblem verhandelt werden, beginnen in räumlicher Enge, schlechter Infrastruktur und sozialer Entmischung.</p>
<p>Wer über Radikalisierungsprävention spricht, muss Wohnquartiere betrachten. Wer über Bildungschancen spricht, darf überbelegte Wohnungen nicht ausblenden. Wer über gesellschaftlichen Zusammenhalt spricht, muss Verdrängung, Diskriminierung und soziale Segregation am Wohnungsmarkt ernst nehmen.</p>
<p>Das bedeutet nicht, dass jede wohnungspolitische Maßnahme automatisch Integrationspolitik ist. Aber Integrationspolitik ohne Wohnungspolitik bleibt unvollständig. Sie spricht über Zugehörigkeit, ohne die Bedingungen von Zugehörigkeit zu organisieren.</p>
<p>In meinem Beitrag über <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">migrantisches und muslimisches Engagement in der Zivilgesellschaft</a> ging es um die Frage, ob Muslime und Menschen mit Migrationsgeschichte nur Adressaten von Hilfe bleiben oder selbst Strukturen mitgestalten. Die Wohnungsfrage verschärft genau diese Frage. Wer keinen stabilen Ort hat, wer ständig gedrängt, verschoben oder überlastet wird, soll trotzdem partizipieren, sich engagieren, Verantwortung übernehmen. Das ist möglich. Aber es ist nicht voraussetzungslos.</p>
</section>
<section id="die-unbequeme-konsequenz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-unbequeme-konsequenz">Die unbequeme Konsequenz</h2>
<p>Das SVR-Gutachten holt Integration aus der Rhetorik heraus. Es reicht nicht, Zugehörigkeit zu beschwören. Sie braucht Wohnungen, Verwaltungen, Schulen, Kitas, Verkehrswege, Beratungsstellen, Antidiskriminierungsstrukturen und kommunale Planung, die nicht erst reagiert, wenn der Konflikt schon im Quartier angekommen ist.</p>
<p>Das ist weniger elegant als eine Sonntagsrede über Zusammenhalt. Es ist auch weniger bequem. Aber genau daran entscheidet sich, ob Integration politisch ernst gemeint ist.</p>
<p>Der Mietvertrag ist keine Randnotiz. Er ist eine Eintrittskarte in die Gesellschaft.</p>
</section>
<section id="quellen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen">Quellen</h2>
<p>Sachverständigenrat für Integration und Migration: <a href="https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/2026/">Jahresgutachten 2026 „Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“</a></p>
<p>SVR: <a href="https://www.svr-migration.de/presse/jahresgutachten-2026/">Presseinformation zum Jahresgutachten 2026 „Wohnen im Einwanderungsland: Mehr als ein Dach über dem Kopf“</a></p>
<p>SVR: <a href="images/SVR-Jahresgutachten-2026.pdf">PDF des Jahresgutachtens 2026</a></p>
<p><a href="images/SVR-Jahresgutachten-2026.pdf">SVR-Jahresgutachten-2026</a><a href="images/SVR-Jahresgutachten-2026.pdf">Herunterladen</a></p>
<p>Engin Karahan: <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen? Die Unterrepräsentation von migrantischem und muslimischem Engagement in der Zivilgesellschaft</a></p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/718386150c434231b37cc1ce4d2e69e2.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/integration-beginnt-im-mietvertrag.html</guid>
  <pubDate>Mon, 18 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Miete_Migration_Mietvertrag-kl.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Wessen Religion, wessen Gemeinschaft? – Vortrag beim FES-Seminar in Bonn</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/islamverbaende-und-deutsche-religionspolitik-fes-seminar-bonn.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/moschee-ehrenfeld-bearbeitet.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Wessen Religion, wessen Gemeinschaft? – Vortrag beim FES-Seminar in Bonn"></p>
<p>Am 17. Mai 2026 war ich im <strong>Gustav-Stresemann-Institut in Bonn-Bad Godesberg</strong> zu Gast beim Seminar der <strong>Friedrich-Ebert-Stiftung Nordrhein-Westfalen</strong> (Landesbüro) für <strong>ehrenamtliche Helferinnen und Helfer für Geflüchtete</strong>. Das Seminar stand unter dem Thema „Die Bedeutung der mitgebrachten Religion im Ankommensprozess”. Mein Beitrag galt einem Ausschnitt daraus, der im ehrenamtlichen Alltag schnell relevant wird: „Die Positionierung und Arbeit der islamischen Verbände in Deutschland und der Umgang der deutschen Politik mit den Islamverbänden”. Auf den Informationsinput folgte eine ausführliche Diskussion mit der Seminargruppe.</p>
<section id="eine-klarstellung-vorab" class="level2">
<h2 data-anchor-id="eine-klarstellung-vorab">Eine Klarstellung vorab</h2>
<p>Ich spreche nicht als externer Beobachter, sondern als jemand, der über zwei Jahrzehnte ehren- und hauptamtlich in muslimischen Verbandsstrukturen gearbeitet hat. Mein Ausgangspunkt war daher bewusst gesetzt: Es geht <strong>nicht</strong> um pauschale Islamkritik oder Muslimfeindlichkeit und nicht um die schlechten Absichten einzelner Personen, sondern um eine <strong>institutionelle Logik</strong>. In diesen Strukturen gibt es viele aufrichtige Menschen, die sich wünschen, dass ihre Gemeinden Teil dieser Gesellschaft werden – sie können sich gegen die institutionellen Logiken aber nicht durchsetzen. Die zentrale Unterscheidung des ganzen Vortrags lautet deshalb: <strong>Absicht vs.&nbsp;Struktur</strong>. Wer auf Personen zeigt, verfehlt das Problem; wer auf die Struktur zeigt, trifft es.</p>
</section>
<section id="worum-es-ging" class="level2">
<h2 data-anchor-id="worum-es-ging">Worum es ging</h2>
<p>Von dort aus bin ich den roten Faden entlanggegangen – von der Geschichte über die Strukturanalyse zu einem konkreten Dokument und schließlich zum verfassungsrechtlichen Kern:</p>
<ul>
<li><strong>Geschichte:</strong> Die europäische Moscheegemeinde ist keine importierte Form, sondern eine spezifisch europäische Erfindung der Arbeitsmigration – aus Provisorien wurden dauerhafte Strukturen, die später von den Herkunftsstaaten, allen voran der Türkei, für eigene Zwecke vereinnahmt wurden.</li>
<li><strong>Zäsur 2015:</strong> Mit rund 1,1 Millionen Geflüchteten wird die muslimische Bevölkerung deutlich pluraler und jünger, während die Verbandsstrukturen nicht folgen. Es entsteht eine <strong>Repräsentationslücke</strong>: Spricht die Religionspolitik weiter primär mit DITIB und IGMG, spricht sie mit Strukturen, die einen schrumpfenden Anteil der Muslime vertreten – gerade für die Geflüchtetenarbeit ein zentraler Punkt.</li>
<li><strong>Strukturanalyse:</strong> DITIB-Imame sind entsandte türkische Staatsbeamte; Lehrinhalte und strategische Ausrichtung kommen aus Ankara. DITIB und IGMG haben sich inhaltlich so stark angenähert, dass kaum noch Unterschiede erkennbar sind.</li>
<li><strong>Das TBMM-Protokoll vom 2. April 2026:</strong> Im türkischen Parlament beschreibt die Diyanet ihre Auslandsarbeit offen als nationale Aufgabe und „Kampf gegen Assimilation” – nicht als Enthüllung eines Geheimplans, sondern als routinemäßige Selbstbeschreibung. Genau das ist das Problem.</li>
<li><strong>Verfassungsrechtlicher Kern:</strong> Art. 140 GG verlangt die Selbstständigkeit religiöser Angelegenheiten und <strong>keine Weisungsbindung gegenüber einem fremden Staat</strong>. Warum Vergleiche mit dem Vatikan oder der anglikanischen Staatskirche hier nicht tragen, habe ich eigens ausgeführt.</li>
</ul>
<p>Die Diagnose dahinter: Die deutsche Religionspolitik und die türkische Seite führen <strong>zwei verschiedene Gespräche, als wäre es dasselbe</strong>. Was als Lösung gilt – etwa die Imamausbildung-Vereinbarung von 2023/24 – wird in Ankara nicht als Loslösung gelesen, sondern als Modernisierung des Abhängigkeitsverhältnisses. Mein Schluss war kein Plädoyer für Ausgrenzung, sondern für <strong>Klarheit</strong>: über den Begriff der Religionsgemeinschaft, über bestehende Kooperationsverträge – und für die Stärkung jener Muslime, die sich als Teil dieser Gesellschaft begreifen und durch die gegenwärtige Religionspolitik eher geschwächt als gestärkt werden.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html">Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/nicht-was-ankara-will-was-wir-laengst-haetten-wissen-muessen.html">Nicht was Ankara will, was wir längst hätten wissen müssen</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/systemwandel-in-der-igmg.html">Systemwandel in der IGMG?</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder eine Moderation zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/540aab6f8cd74b45a851f4d749e117f1.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/islamverbaende-und-deutsche-religionspolitik-fes-seminar-bonn.html</guid>
  <pubDate>Sun, 17 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/moschee-ehrenfeld-bearbeitet.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Nicht was Ankara will, was wir längst hätten wissen müssen</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/nicht-was-ankara-will-was-wir-laengst-haetten-wissen-muessen.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/17790008817471.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Nicht was Ankara will, was wir längst hätten wissen müssen"></p>
<p>Murat Kayman hat auf seinem Blog ein Dokument aufgegriffen, das in der deutschen Debatte wahrscheinlich nur deshalb nicht sofort eingeschlagen ist, weil es auf Türkisch vorliegt: das Protokoll einer Sitzung des Außenpolitikausschusses der Großen Nationalversammlung der Türkei vom 2. April 2026. Thema war die Auslandsarbeit der Diyanet (Murat Kayman: „<a href="https://murat-kayman.de/2026/05/17/was-ankara-wirklich-will-ein-parlamentsprotokoll-und-was-es-fuer-die-deutsche-religionspolitik-bedeutet/">Was Ankara wirklich will: Ein Parlamentsprotokoll und was es für die deutsche Religionspolitik bedeutet</a>“, 17.05.2026). Kaymans Analyse ist deshalb wichtig, weil sie nicht mit Mutmaßungen arbeitet. Sie nimmt die türkische Selbstbeschreibung ernst. Nicht das, was DITIB und ihr Umfeld in Deutschland zur Beruhigung politischer Gesprächspartner sagen, sondern das, was türkische Abgeordnete und Diyanet-Funktionäre im eigenen Parlament sagen, wenn sie über ihre Arbeit in Europa sprechen.</p>
<p>Die Pointe ist nicht, dass dieses Protokoll einen geheimen Plan enthüllt. Gerade das tut es nicht. Es zeigt etwas Nüchterneres und deshalb Schwerwiegenderes: Die religiöse Arbeit im Ausland wird von Ankara nicht primär als Seelsorge verstanden, sondern als nationale Aufgabe. Moscheen, Religionsbeauftragte, Ausbildungsprogramme, Kulturreisen, Familienarbeit — all das wird in einem Rahmen beschrieben, dessen Zweck Bindung, Identitätssicherung und Assimilationsabwehr ist. Kayman übersetzt das in den entscheidenden Satz: Es geht darum, die Türken in Deutschland türkisch zu halten.</p>
<p>Damit bestätigt das Protokoll eine Entwicklung, die sich seit Jahren beobachten lässt. Die muslimische Institutionalisierung in Deutschland ist historisch nicht als Import aus den Herkunftsländern entstanden. Die ersten Moscheeräume der Arbeitsmigration waren Provisorien, dann Trägervereine, später dauerhafte Gemeindestrukturen. Diese europäische Moscheegemeinde war zunächst eine Form der Beheimatung im Hier. Gerade deshalb ist die spätere Vereinnahmung durch Herkunftsstaaten so folgenreich. Nicht Ankara hat diese Strukturen geschaffen. Aber Ankara hat gelernt, sie zu nutzen (vgl. „<a href="../../publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html">Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen</a>“).</p>
<p>Das ist der Punkt, an dem die deutsche Religionspolitik bis heute ausweicht. Sie behandelt DITIB und verwandte Strukturen so, als handele es sich um unfertige Religionsgemeinschaften, die man durch Kooperation, Verträge, Imamausbildung und freundliche Erwartungshaltung irgendwann in die hiesige Ordnung hineinmoderieren könne. Aber was ist, wenn das Problem nicht Unreife ist, sondern Zweckbindung? Was ist, wenn diese Strukturen nicht auf dem Weg zu einer Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes sind, sondern in eine andere Richtung gebaut wurden?</p>
<p>Kaymans Bezug auf Oğuz Üçüncü ist hier zentral. Üçüncü war zwölf Jahre Generalsekretär der IGMG, also nicht irgendein türkischer Abgeordneter mit Auslandsthema. Er war eine prägende Figur jener Organisation, die in Deutschland seit Jahrzehnten Anerkennung als Religionsgemeinschaft beansprucht. Tragisch ist dabei, dass Üçüncü sich in seiner Zeit in Deutschland eigentlich stets gegen genau diese Einflussnahme und Rahmung aus der Türkei gewehrt hat. Gerade deshalb sind seine heutigen Einlassungen im türkischen Parlament so erstaunlich. Wenn er dort die religiösen Strukturen in Europa als Schutzwall gegen Assimilation beschreibt, spricht nicht ein Außenstehender über die Verbände. Es spricht eine ihrer zentralen Stimmen, nur inzwischen aus Ankara.</p>
<p>Das passt zu dem, was auch innerhalb der IGMG seit Jahren sichtbar ist. Reformorientierte, hier sozialisierte, auf Öffnung drängende Akteure wurden nicht zur prägenden Kraft. Stattdessen sehen wir Machtkonzentration, Rückzug aus deutschsprachigen Diskursen, personelle Verhärtung und eine erneute Herkunftslandorientierung. Die jüngste Satzungskrise der IGMG mit dem auf Kemal Ergün zugeschnittenen Mütevelli-System ist kein Nebenschauplatz. Sie zeigt, wie wenig belastbar interne Kontrolle, Transparenz und Rechenschaft geworden sind. Eine Organisation, die nach innen kaum Rechenschaft organisiert, wird nach außen schwerlich glaubhaft als verlässliche Religionsgemeinschaft auftreten können (vgl. „<a href="../../publikationen/posts/systemwandel-in-der-igmg.html">Systemwandel in der IGMG?</a>“).</p>
<p>Ähnlich verhält es sich bei der DITIB. Die Vereinbarung zur Imamausbildung in Deutschland wurde politisch als Meilenstein verkauft. Aber organisatorische Reform ist noch keine strukturelle Entkopplung. Wenn die Auswahl, Prägung und theologische Linie weiterhin im Diyanet-System verankert bleiben, dann wird nicht Unabhängigkeit geschaffen, sondern Abhängigkeit modernisiert. Deutschsprachige Imame lösen kein Strukturproblem, wenn ihr institutioneller Kompass weiterhin nach Ankara zeigt (vgl. „<a href="https://karahan.net/de/blog/replik-rashid-ditib">Die DITIB zwischen Reformversprechen und realer Kontrolle</a>“).</p>
<p>Das Protokoll liefert zudem eine Brücke zu einem weiteren Problemfeld: der Anschlussfähigkeit radikalisierender Narrative. Wenn europäische Religionsfreiheit als getarnter Assimilationsdruck beschrieben wird, wenn der deutsche Staat als Instanz erscheint, die Muslime zum Aufgeben ihrer Identität bringen wolle, dann liegt diese Erzählung gefährlich nahe an den Botschaften islamistischer Online-Milieus. Sie ist nicht identisch mit ihnen. Aber sie schafft den Resonanzraum, in dem aus politischer Entfremdung religiös aufgeladene Abwehr wird.</p>
<p>Die übliche Gegenrede lautet dann: Die muslimische Landschaft sei vielfältiger. Das stimmt. Aber das Vielfaltsargument wird zu oft als Schutzschild benutzt, um die großen Verbände aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Natürlich gibt es Muslime, Initiativen und Gemeinden jenseits von DITIB und IGMG. Gerade deshalb ist es politisch so problematisch, wenn ausgerechnet jene Strukturen privilegiert werden, die diese Vielfalt nicht sichtbar machen, sondern durch ihren Repräsentationsanspruch überdecken (vgl. „<a href="../../publikationen/posts/die-komfortzone-der-komplexitaet.html">Die Komfortzone der Komplexität</a>“).</p>
<p>Hinzu kommt die identitätspolitische Rahmung des Diaspora-Begriffs. Wenn die Verortung im Hier immer wieder durch die Vorstellung einer türkischen Diaspora überlagert wird, entsteht kein selbstbewusstes Ankommen, sondern ein mentales Gefängnis. Der Rückbezug auf die Türkei wird dann nicht biografische Erinnerung, sondern politisches Ordnungsprinzip (vgl. „<a href="https://karahan.net/de/blog/gurbet-tuerkische-diaspora">Eingesperrt in der türkischen Diaspora</a>“).</p>
<p>Die Konsequenz kann nicht sein, muslimische Religionsausübung unter Generalverdacht zu stellen. Sie muss vielmehr lauten, endlich präzise zu unterscheiden: zwischen Moscheegemeinden und Dachverbänden, zwischen Religionsausübung und fremder Staatstätigkeit, zwischen religiöser Bindung und politischer Loyalitätspflege. Religionsfreiheit schützt Muslime. Sie verpflichtet den deutschen Staat aber nicht, Organisationen als Religionsgemeinschaften zu behandeln, deren strategische Orientierung im Parlament eines anderen Staates beschrieben wird.</p>
<p>Wer Kaymans Text liest, kann sich nicht mehr darauf zurückziehen, man wisse zu wenig. Das Protokoll sagt nicht alles. Aber es sagt genug. Die deutsche Religionspolitik muss entscheiden, ob sie weiter ein Gespräch führt, von dem sie glaubt, dass es um Integration geht, während die andere Seite es als Instrument der Bindung an Ankara versteht. Oder ob sie endlich diejenigen stärkt, die in Deutschland nicht betreut, verwaltet oder vor Assimilation geschützt werden wollen, sondern als deutsche Muslime eigene Religionsgemeinschaften aufbauen möchten.</p>
<p>Das wäre kein Bruch mit der Religionsfreiheit. Es wäre ihr Ernstfall.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/735f7b17398f4f79b763961f116cedca.png" class="img-fluid"></p>



 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/nicht-was-ankara-will-was-wir-laengst-haetten-wissen-muessen.html</guid>
  <pubDate>Sun, 17 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/17790008817471.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Arbeitsmarktintegration im öffentlichen Dienst – Impulsvortrag in Bergisch Gladbach</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/arbeitsmarktintegration-oeffentlicher-dienst-iwgr-bergisch-gladbach.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/group-of-students-with-female-teacher-in-school-co-2026-03-13-05-52-47-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Arbeitsmarktintegration im öffentlichen Dienst – Impulsvortrag in Bergisch Gladbach"></p>
<p>Im Rahmen der <strong>Internationalen Wochen gegen Rassismus</strong> (16.–29. März 2026) in Bergisch Gladbach habe ich am 17. März 2026 in der VHS Bergisch Gladbach einen <strong>Impulsvortrag mit anschließender Diskussion</strong> gehalten. Eingeladen hatte <strong>SoNett e.V.</strong> Mein Beitrag „Perspektiven der Arbeitsmarktintegration im öffentlichen Dienst” eröffnete eine Runde, in der danach Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung und Praxis über diskriminierungssensible Personalpolitik sprachen.</p>
<section id="worum-es-ging" class="level2">
<h2 data-anchor-id="worum-es-ging">Worum es ging</h2>
<p>Mein Ausgangspunkt war bewusst nicht moralisch, sondern <strong>funktional</strong>: Der öffentliche Dienst muss funktionieren – Rechtsstaatlichkeit, Daseinsvorsorge, Sicherheit. Wenn die Personaldecke fehlt, funktioniert nichts. Vor diesem Maßstab stellt sich die Frage: Woher kommt das Personal von morgen?</p>
<ul>
<li><strong>Der Pool hat sich verschoben.</strong> Rund 29,7 % der Menschen in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte, in NRW haben 44,3 % der Schülerinnen und Schüler eine Migrationsgeschichte – das sind die Fachkräfte von morgen. In Bergisch Gladbach ist der Anteil von 25,8 % (2021) auf 29,2 % (2025) gestiegen, während die Gruppe ohne Migrationsgeschichte schrumpft.</li>
<li><strong>Unterrepräsentation als Risiko.</strong> Nur etwa 11 % der Menschen mit Einwanderungsgeschichte arbeiten im öffentlichen Dienst – bei rund 30 % Bevölkerungsanteil. Selbst die Bundesverwaltung erreicht mit 16,2 % nur die Hälfte des Potenzials. Diskriminierungserfahrungen am Arbeitsplatz (23,9 % gegenüber 15,6 %) führen dazu, dass gute Kräfte seltener bleiben – ein Effizienz-, kein bloßes Fairnessproblem.</li>
<li><strong>Barrieren sind oft strukturell, nicht böswillig:</strong> traditionelle Rekrutierungswege, unausgesprochene kulturelle Codes, übersehene Kompetenz und Aufstiegsbarrieren für „kulturell Passende”.</li>
<li><strong>Auch das Ehrenamt ist betroffen.</strong> Feuerwehr, THW und Katastrophenschutz leben von Freiwilligen; die Engagementlücke (44,4 % gegenüber 27,0 %) trifft den Staat doppelt – im Haupt- und im Ehrenamt.</li>
</ul>
<p>Meine Schlussfolgerung: Öffnung sichert Funktionsfähigkeit – aus Eigeninteresse, nicht aus Diversitäts-Lyrik. Konkret heißt das, Rekrutierung über bisherige Kanäle hinaus zu erweitern, unbeabsichtigte Barrieren systematisch zu prüfen, Kompetenz konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, Ziele zu messen und Beschwerdestellen zu stärken. Zugleich entstehen in den Communities neue, fachspezifische und pragmatische Netzwerke – genau die Multiplikatoren, mit denen Institutionen kooperieren sollten, statt nur klassische Stellenanzeigen zu schalten.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-2.html">Wer rückt in zehn Jahren noch aus?</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden.html">Mitgestalten statt umworben werden</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder eine Beratung zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>
<p><img src="https://vg04.met.vgwort.de/na/6af5ce751f6d4ae986fe339ce5ea63df.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/arbeitsmarktintegration-oeffentlicher-dienst-iwgr-bergisch-gladbach.html</guid>
  <pubDate>Tue, 17 Mar 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/group-of-students-with-female-teacher-in-school-co-2026-03-13-05-52-47-utc-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Antisemitismus und Rassismus – Vortrag und Abschlusspanel in Loccum</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/antisemitismus-und-rassismus-loccum-vortrag-und-abschlusspanel.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/be1e1bc50f8930266d6b87804e0430d11c61f18a-muslimischer-antisemitismus2x.png" class="img-fluid feature-image" alt="Antisemitismus und Rassismus – Vortrag und Abschlusspanel in Loccum"></p>
<p>Vom 9. bis 11. Februar 2026 hat die <strong>Evangelische Akademie Loccum</strong> zur Tagung „Antisemitismus und Rassismus – Verstehen, ins Gespräch bringen und gemeinsam begegnen” geladen. Ihr Anliegen: zwei meist getrennt verhandelte Diskursarenen zusammenzubringen und zu klären, warum Antisemitismus nicht in Rassismus „aufgeht” – und warum es trotzdem nötig ist, beide gemeinsam anzugehen. Ich war an zwei Stellen beteiligt: als <strong>Referent</strong> mit einem Vortrag am Dienstag und als <strong>Diskutant</strong> im <strong>Abschlusspanel</strong> am Mittwoch.</p>
<section id="der-vortrag-antisemitismus-in-muslimischen-milieus" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-vortrag-antisemitismus-in-muslimischen-milieus">Der Vortrag: Antisemitismus in muslimischen Milieus</h2>
<p>Im Mittelpunkt stand die Frage, ob hohe Zustimmungswerte zu (sekundär-)antisemitischen Aussagen Folge einer theologischen Essenz sind – oder einer sozialen Funktion. Mein Zugang war ausdrücklich keine Apologie, sondern eine <strong>Binnen-Analyse der Mechanismen</strong>:</p>
<ul>
<li><strong>Politisierung statt Tradition:</strong> Moderne Identitätskonflikte werden nachträglich „islamisiert” – Theologie wird zur Legitimation nationalistischer Ideologien funktionalisiert. Aus der vormodernen <em>theologischen</em> Kategorie wird eine moderne <em>politische</em>.</li>
<li><strong>Zwei Fallbeispiele:</strong> der „Garkad-Baum”, der von einem eschatologischen Narrativ über die Hamas-Charta zum mobilisierenden Social-Media-Meme wird; und transhistorische Mythen, die osmanische Folklore mit modernen Verschwörungstheorien (bis zur Epstein-Affäre) verknüpfen und ein „ewiges, unveränderliches Wesen des Juden” konstruieren.</li>
<li><strong>Narrative der Ferne:</strong> Im institutionellen Vakuum werden Diskriminierungs- und Ohnmachtserfahrungen über importierte Konflikte externalisiert; der Nahostkonflikt dient als Projektionsfläche.</li>
<li><strong>Das Schweigen der Mitte:</strong> Nach dem 7. Oktober reagieren große Verbände mit „organisierter Ambivalenz” – Rhetorik der „Eskalation” statt klarer Benennung, Fokus auf die eigene Opferrolle. Die Folge ist ein Verlust der Deutungshoheit bei der Jugend und das Überlassen des Feldes an radikale Social-Media-Akteure.</li>
</ul>
<p>Mein Fazit: Antisemitismus ist real – <strong>unabhängig von der eigenen Rassismuserfahrung</strong>. Es braucht eine selbstkritische, kontextualisierte Lesart der Quellen und Verbände, die ihren Vertretungsanspruch auch in Krisen einlösen, statt sich zurückzuziehen.</p>
</section>
<section id="das-abschlusspanel-muslimfeindlichkeit-vom-dokumentieren-zum-handeln" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-abschlusspanel-muslimfeindlichkeit-vom-dokumentieren-zum-handeln">Das Abschlusspanel: Muslimfeindlichkeit – vom Dokumentieren zum Handeln</h2>
<p>Am Schlusstag habe ich im Panel „Wie verschaffen wir zwei zentralen Anliegen mehr Platz?” den Blick nach außen gewendet. Wenn ich tags zuvor den Finger in die eigene Wunde gelegt hatte, ging es nun um Muslimfeindlichkeit als tägliche Realität – den Neurologen, dessen Kompetenz im Krankenhaus infrage gestellt wird, die Studentin mit Bestnoten ohne Stelle, den jungen Mann, der im Zug immer der Einzige ist, der kontrolliert wird.</p>
<p>Meine provokante Frage an die Runde: <strong>Verwalten wir den Rassismus eher, als die Menschen zu befähigen, sich gegen ihn zu wehren?</strong> Wir haben gute Strukturen zum Melden und Zählen – aber wenn der Meldung keine Konsequenz folgt, produzieren wir eine „Erfahrung von organisierter Ohnmacht”. Dazu kommt die Frage nach den richtigen Verbündeten: Politik und Zivilgesellschaft schauen reflexhaft auf die Moscheegemeinden, doch ein Imam ist Seelsorger und Theologe, kein Antidiskriminierungsjurist.</p>
<p>Mein Plädoyer: vom „Sprechen über Leid” zum „Durchsetzen von Recht”. Statt nur „Safer Spaces” zum Luftholen brauchen wir auch <strong>„Brave Spaces”</strong> und professionelle Strukturen, die Betroffene befähigen, das AGG zu nutzen, zu klagen, ihr Recht durchzusetzen. Resilienz entsteht nicht aus Mitleid, sondern aus <strong>Selbstwirksamkeit</strong> – und das ist zugleich die beste Prävention gegen Rückzug und Radikalisierung.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/antisemitismus-in-muslimischen-bzw-islamistischen-milieus.html">Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/die-komfortzone-der-symmetrie.html">Die Komfortzone der Symmetrie</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/nahost-debatte-aufrichtigkeit-vor-theorie.html">Nahost-Debatte: Aufrichtigkeit vor Theorie</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder eine Moderation zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>
<p><img src="https://vg04.met.vgwort.de/na/30d66df2c2aa4634b27ae72fe6f48dc7.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/antisemitismus-und-rassismus-loccum-vortrag-und-abschlusspanel.html</guid>
  <pubDate>Tue, 10 Feb 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/be1e1bc50f8930266d6b87804e0430d11c61f18a-muslimischer-antisemitismus2x.png" medium="image" type="image/png" height="43" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Versäumte Chancen?</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Versäumte Chancen?"></p>
<section id="die-unterrepräsentation-von-migrantischem-und-muslimischem-engagement-in-der-zivilgesellschaft" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-unterrepräsentation-von-migrantischem-und-muslimischem-engagement-in-der-zivilgesellschaft">Die Unterrepräsentation von migrantischem und muslimischem Engagement in der Zivilgesellschaft</h2>
<div class="quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="figure">
<p><a href="images/ethos-polis-impulspapier-01-2026-versaeumte-chancen-1.pdf"><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/ethos-polis-impulspapier-01-2026-versaeumte-chancen-1-scaled.png" class="pdf-cover img-fluid figure-img" width="200"></a></p>
<figcaption>Titelseite des Impulspapiers „Versäumte Chancen?” als PDF-Vorschau</figcaption>
</figure>
</div>
<p>01/2026 | Engin Karahan. 12 Seiten.</p>
<p><a href="images/ethos-polis-impulspapier-01-2026-versaeumte-chancen-1.pdf">Impulspapier als PDF herunterladen</a></p>
<p>Deutschland ist nicht nur im Wandel, es hat sich bereits tiefgreifend verändert. Doch während wir in Talkshows oft noch über das „Ob“ der Migration streiten, hat die Realität diese Debatte längst überholt. So haben laut Bevölkerungsstatistik (Destatis via Statista, Stand 2023/2024) <strong>29,7 %</strong> der Menschen in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte. Ein Blick in die Schulstatistik offenbart die Zukunft weitaus präziser als jede demografische Hochrechnung für die Gesamtbevölkerung: In Nordrhein-Westfalen haben bereits über <strong>44 %</strong> der Schülerinnen und Schüler eine Migrationsgeschichte (vgl. MSB NRW 2024, S. 167). In den urbanen Zentren liegt dieser Anteil noch deutlich höher.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-einwanderung-output-1.png" class="img-fluid" alt="Säulendiagramm zur Entwicklung des Bevölkerungsanteils mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland von 2005 bis 2024. Der Anteil steigt von 16% auf 25,7%.">Abb. 1: Bevölkerungsanteil mit Einwanderungsgeschichte in % (2005–2024). Eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Bundesamtes.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-schueler-gesamt-output-1-1.png" class="img-fluid" alt="Donut-Diagramm der Schüler in NRW: 44,3% mit Zuwanderungsgeschichte, 55,7% ohne Zuwanderungsgeschichte.">Abb. 2: Fast die Hälfte der Schülerschaft in NRW (<strong>44,3 %)</strong> hat eine Zuwanderungsgeschichte. Eigene Darstellung.</p>
<p>Unabhängig von tagespolitischen Erregungskurven zeigt dies eines ganz deutlich. Die Zusammensetzung der Gesellschaft nicht erst von morgen sondern bereits schon heute unterscheidet sich fundamental von so manchen institutionellen oder staatlichen Gesellschaftsprojektionen. Diese Entwicklung ist weder Bedrohung noch Utopie, sondern eine soziologische Tatsache, die wir anerkennen müssen. Sie birgt jedoch Chancen und Herausforderungen zugleich. Die Vitalisierung unserer Zivilgesellschaft durch eine junge, diverse Bevölkerungsgruppe kann neue Impulse gegen die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft setzen. Das funktioniert jedoch nur, wenn Institutionen nicht in ihrer bisherigen Rekrutierungsperspektive mit schwindendem Zugriff auf eine immer weiter schrumpfende Bewerberauswahl beharren.</p>
<p>Institutionen – seien es staatliche Behörden, Wirtschaftsunternehmen oder zivilgesellschaftliche Träger – werden ihren Nachwuchs künftig aus einem deutlich diverseren Pool rekrutieren müssen. Wer diese Entwicklung ignoriert, riskiert nicht nur einen Mangel an „Buntheit“, sondern das schlichte funktionale „Ausbluten“ zentraler gesellschaftlicher Säulen.</p>
<p>Dabei spielt die migrantische und muslimische Community eine relevante Rolle. Auch wenn exakte Zahlen fehlen, die migrantisch-muslimische Bevölkerung ist unbestritten jung. Ein signifikanter Teil gehört zur Generation der Schüler und jungen Erwachsenen. Damit wächst ihre Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit des Landes zwangsläufig – völlig unabhängig davon, wie religiös diese jungen Menschen ihren Alltag gestalten. Die Diskussion muss sich daher verschieben, Weg von der Frage nach der Integration, hin zu der Frage, wie diese Community als tragender Teil der Gesellschaft aktiv in die Verantwortung genommen werden kann. Es geht nicht mehr um Teilhabe, sondern um Mitgestaltung.</p>
<section id="funktionserhalt-statt-diversitäts-lyrik-die-materielle-basis-der-institutionen" class="level3">
<h3 data-anchor-id="funktionserhalt-statt-diversitäts-lyrik-die-materielle-basis-der-institutionen"><strong>Funktionserhalt statt Diversitäts-Lyrik: Die materielle Basis der Institutionen</strong></h3>
<p>Wir müssen aufhören, über Diversität als ein politisches „Nice-to-have“ oder ein Projekt der kulturellen Repräsentanz zu sprechen. Diese Lesart verkennt den Ernst der Lage. Bei der Öffnung von Institutionen geht es nicht um das Abbilden von Proporz oder um moralische Gerechtigkeit, sondern schlicht um die Aufrechterhaltung der operativen Handlungsfähigkeit in der Daseinsvorsorge. Während sich 44,4 % der Menschen ohne Migrationshintergrund ehrenamtlich engagieren, liegt die Quote bei Menschen mit Migrationshintergrund lediglich bei 27,0 % (vgl. Simonson et al.&nbsp;2021, S. 18).</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-engagement-fws-output-1.png" class="img-fluid" alt="Freiwilliges Engagement im Zeitvergleich (2014 vs.&nbsp;2019)">Abb. 3: Stagnation der Engagement-Quoten. Die Daten des Freiwilligensurveys (FWS) zeigen eine signifikante Differenz: Während fast 45 % der Menschen ohne Migrationshintergrund ehrenamtlich aktiv sind, liegt die Quote bei Menschen mit Migrationshintergrund seit Jahren konstant bei nur ca. 27 %. Quelle: Eigene Darstellung nach Simonson et al.&nbsp;(2021) / BMFSFJ.</p>
<p>Soziale Strukturen, so auch unsere Institutionen der Gefahrenabwehr oder der Pflege, sind emergente Phänomene. Sie existieren nicht losgelöst im luftleeren Raum, sondern entstehen aus der Interaktion realer Individuen und sind geprägt durch historische und organisatorische Entwicklungen. Ihre materielle Basis ist jedoch in erster Linie die Bevölkerung, aus der sich das Personal rekrutiert. Wenn diese Basis sich fundamental wandelt, die Institution aber an Rekrutierungsmechanismen festhält, die auf einer vergangenen Bevölkerungsstruktur basieren, steuert sie auf einen funktionalen Kollaps zu.</p>
<p>Die Institutionen operieren oft noch mit einer internen Selbstbeschreibung, die eine homogene Bewerberstruktur voraussetzt, während das tatsächliche gesellschaftliche Realität längst eine völlig andere Zusammensetzung aufweist. Wer diese Realität leugnet, betreibt keine Traditionspflege, sondern schneidet sich selbst von den notwendigen Ressourcen ab.</p>
<p>Der „Pool“, aus dem Feuerwehr, Rettungsdienste, Wohlfahrtsverbände, gerade auch die Bundeswehr ihren Nachwuchs schöpfen, hat sich faktisch bereits verändert. Wir brauchen physisch anwesende Menschen, um Schläuche zu rollen, Patienten zu pflegen oder Jugendarbeit zu leisten. Wenn der traditionelle Rekrutierungspool (die „biodeutsche“ Mittelschicht) demografisch schrumpft, die Institutionen aber ihre kulturellen Zugangscodes (ihren institutionellen Habitus) nicht anpassen, schließen sie sich selbst vom Zugang zum einzigen noch wachsenden Ressourcenpool aus.</p>
<p>Es geht also nicht darum, ob eine Feuerwehr „bunter“ sein möchte, sondern ob sie in zehn Jahren noch ausrücken kann. Eine Institution, die ihre Handlungs- und Denkweisen nicht so weit öffnet, dass sie für die Generation der heutigen Schüler (die in NRW zu fast 50 % eine Migrationsgeschichte haben) anschlussfähig wird, wählt den Weg in die Bedeutungslosigkeit. Sie verliert ihre Einsatzfähigkeit. Die Anpassung der Rekrutierungsstrategien an die muslimische und migrantische Community ist daher kein Akt der Gnade oder der Inklusion, sondern eine harte Notwendigkeit des institutionellen Selbsterhalts.</p>
</section>
<section id="die-gespaltene-realität-systemrelevant-aber-unsichtbar" class="level3">
<h3 data-anchor-id="die-gespaltene-realität-systemrelevant-aber-unsichtbar"><strong>Die gespaltene Realität: Systemrelevant, aber unsichtbar</strong></h3>
<p>Der Status quo ist paradox. In bestimmten Sektoren ist die migrantische und muslimische Community längst eine tragende Säule. Im Gesundheitswesen und in der Pflege sind Menschen mit Migrationshintergrund an der Basis nicht mehr wegzudenken; ohne sie würden viele Einrichtungen kollabieren (vgl. SVR 2022). Auch das Unternehmertum wandelt sich. Es entsteht eine Generation von Gründern, die wirtschaftlichen Erfolg unabhängig von ihrer Herkunft oder kulturellem Hintergrund realisieren kann und selbstbewusst auftritt, fernab von Opferrollen.</p>
<p>Doch sobald der Blick von der reinen Arbeitskraft hin zu Entscheidungsmacht und klassischem Ehrenamt wandert, werden die Risse sichtbar. In der Pflege etwa endet die Karriere oft vor der Stationsleitung. Kompetenz übersetzt sich zu selten in Führungsverantwortung, was nicht nur frustriert, sondern den Institutionen wertvolle Perspektiven raubt.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-feuerwehr-nidda-output-1.png" class="img-fluid" alt="Donut-Diagramm zur Herkunft der Feuerwehrleute in Nidda: 96 Prozent ohne Migrationshintergrund, 4 Prozent mit Migrationshintergrund.">Abb. 4: Homogenität im Ehrenamt. Am Beispiel der Feuerwehr Nidda wird die Kluft deutlich: Während die Gesellschaft diverser wird, haben 96 % der Einsatzkräfte keine Migrationsgeschichte. Nur 0,5 % (1 von 203) sind selbst zugewandert. Quelle: Eigene Darstellung nach Winter (FAZ 2025).</p>
<p>Noch dramatischer ist die Situation im klassischen Ehrenamt wie der Freiwilligen Feuerwehr oder dem Katastrophenschutz (vgl. Winter 2025). Hier zeigt sich die Diskrepanz besonders deutlich (siehe Abb.4). Die Barrieren sind hier vielschichtig und oft subtil. Kulturelle Codes in Traditionsvereinen, in denen Geselligkeit eng mit Alkoholkonsum verknüpft ist, wirken ausschließend, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Das fundamentale Hindernis sind jedoch oft nicht einfach nur Barrieren oder Ängste, sondern oft eine strukturelle Divergenz im Staatsverständnis. In vielen Herkunftsländern dieser migrantisch-muslimischen Akteure existiert das Modell der ‚ehrenamtlichen Gefahrenabwehr‘ schlichtweg nicht.</p>
<p>Dort gilt eine strikte Arbeitsteilung. Sicherheit und Versorgung sind exklusive Aufgaben des Staates. Dass Bürger in ihrer Freizeit staatliche Kernaufgaben übernehmen, ist in diesem Erfahrungshorizont nicht vorgesehen. Mehr noch, in autoritär geprägten Kontexten wird eine starke, organisierte Zivilgesellschaft oft nicht als Ressource, sondern als Bedrohung der staatlichen Hegemonie wahrgenommen (vgl. STGM 2024, S. 10). Unabhängige Organisationen gelten als potenzielle Keimzellen des Widerstands.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-stgm-zivilgesellschaft-output-1.png" class="img-fluid" alt="Balkendiagramm: 77,2% (rot markiert) der Befragten in der STGM-Studie haben keine Beziehung zu ZGO. Nur 7,7% sind Mitglieder oder Freiwillige.">Abb. 5: Distanz zur organisierten Zivilgesellschaft in der Türkei (ZGO). Laut STGM (2024) haben 77,2 % der Befragten keine Berührungspunkte mit ZGO. Nur 7,7 % sind als Mitglieder oder Freiwillige aktiv (Mitgliedschaftsquote: 4,1 %). Die lose Einbindung (insg. 15 %) erfolgt meist über Spenden (8,4 %) oder Hilfsleistungen. Quelle: Eigene Darstellung nach STGM (2024).</p>
<p>Wer mit dieser Vorstellung von Staat und Bürger sozialisiert wurde, für den ist das deutsche Modell der Freiwilligen Feuerwehr oder des THW zunächst ein kulturelles Rätsel. Es fehlt nicht unbedingt am Willen zum Engagement, sondern an der kulturell-historischen, generationellen Erfahrung für diese spezifische Form der Vergesellschaftung. Die Erwartungshaltung ist: „Wenn es brennt, kommt der Staat – warum soll ich das tun?” Dies ist keine Faulheit, sondern das Resultat einer völlig anderen sozial-historischen Prägung. Wenn wir diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen ignorieren und nur ‚Mangel an Integration‘ diagnostizieren, verfehlen wir das Problem.</p>
</section>
<section id="der-trugschluss-des-muslimischen-wohlfahrtsverbands-warum-wir-alte-strukturen-nicht-künstlich-beatmen-sollten" class="level3">
<h3 data-anchor-id="der-trugschluss-des-muslimischen-wohlfahrtsverbands-warum-wir-alte-strukturen-nicht-künstlich-beatmen-sollten"><strong>Der Trugschluss des „Muslimischen Wohlfahrtsverbands“: Warum wir alte Strukturen nicht künstlich beatmen sollten</strong></h3>
<p>In der Debatte um die Institutionalisierung des Islam wird reflexartig der Ruf nach einem „Muslimischen Wohlfahrtsverband“ laut. Die Logik scheint bestechend. Eine organisatorische Gleichstellung mit Caritas oder Diakonie würde Ressourcen freisetzen und muslimische Belange auf Augenhöhe professionalisieren. Doch diese Forderung verkennt die interne Verfasstheit der muslimischen Verbandslandschaft und ignoriert empirische Befunde der jüngsten Vergangenheit. Es ist an der Zeit, eine Position zu revidieren, die ich selbst vor über einem Jahrzehnt noch in meinem Beitrag „<a href="../../publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html">Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen</a>“ vertreten habe.</p>
<p>Die Annahme, die bestehenden Dachverbände könnten bruchlos in die Rolle eines Wohlfahrtsverbandes schlüpfen, wurde während der Flüchtlingskrise einem harten Realitätscheck unterzogen – und scheiterte. Obwohl staatliche Förderprogramme bereitstanden, um das enorme ehrenamtliche Engagement der Basis zu professionalisieren, wurden die Gelder kaum abgerufen.</p>
<p>Die Ursache lag nicht an der Basis, sondern in der Architektur der Verbände selbst. Die Zentralen erwiesen sich als administrative „Nadelöhre“. Sie waren strukturell nicht in der Lage, die komplexen Bedarfe ihrer Gemeinden in tragfähige, bürokratisch korrekte Anträge zu übersetzen oder die Mittel effizient weiterzuleiten. Wer heute den Aufbau eines Wohlfahrtsverbandes auf dem Fundament dieser Dachverbände fordert, ignoriert dieses institutionelle Versagen und riskiert, Ineffizienz staatlich zu alimentieren.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/nadeloehr-verbaende-scaled.png" class="img-fluid" alt="Nadelöhr und Brain Drain muslimische Wohlfahrt">Abb. 6: Das strukturelle Nadelöhr: Administrative Hürden und konservative Vorstände blockieren Ressourcen, was zur Abwanderung professioneller Akteure in neue Fachvereine führt.</p>
<p>Noch schwerwiegender ist jedoch eine soziologische Verschiebung, die von der Politik oft übersehen wird. Der „Brain Drain“ innerhalb der organisierten Muslimschaft ist bereits in vollem Gange. Die dynamischsten Akteure, die über die notwendige Professionalität für soziale Arbeit verfügen, haben sich innerlich oft schon von den starren Verbandsstrukturen verabschiedet oder begeben sich erst gar nicht in die muslimischen Verbandsstrukturen. Sie sind es leid, für selbstverständliche soziale Initiativen bei konservativen Moscheevorständen um Erlaubnis „betteln“ zu müssen, deren Zielvorstellungen noch immer stark von der reinen Bewahrung eines als religiös-kulturell wahrgenommenen Herkunftsidentität geprägt sind .</p>
<p>Diese Akteure gründen neue, fachspezifische Vereine – für Bildung, Pflege oder Jugendarbeit –, die zwar religiös motiviert sein können, aber bewusst keine Religionsgemeinschaften sein wollen (für eine detaillierte Aufstellung unterschiedlicher Akteure vgl. Mediendienst Integration 2019, S. 2ff.). Die Moscheegemeinden und -verbände selbst bluten dadurch personell und intellektuell aus; der „Sozialraum Moschee“ droht auf die Funktion eines reinen Gebetsraums mit angeschlossenem Spendenempfangsbüro zu schrumpfen.</p>
<p>Ein „Muslimischer Wohlfahrtsverband“, der sich exklusiv auf die alten Säulen der Verbände stützt, wäre daher eine Hülle ohne Substanz. Er würde an den eigentlichen Leistungsträgern der Community vorbeigehen, die sich längst in neuen, hybriden Formen organisieren. Anstatt mühsam Parallelstrukturen zu simulieren, die an ihren eigenen Hierarchien scheitern, wäre es zielführender, diese neuen, unabhängigen Akteure direkt in die bestehende Wohlfahrtslandschaft einzubinden und die etablierten Träger für ihre Expertise zu öffnen.</p>
</section>
<section id="die-holschuld-der-community-und-das-versagen-der-verbände" class="level3">
<h3 data-anchor-id="die-holschuld-der-community-und-das-versagen-der-verbände"><strong>Die Holschuld der Community und das Versagen der Verbände</strong></h3>
<p>Es reicht jedoch nicht, nur auf die Barrieren der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen. Integration in die Zivilgesellschaft ist keine Einbahnstraße, sondern auch eine Holschuld der muslimischen Community.</p>
<p>Die großen Moscheeverbände, die eigentlich als Brückenbauer fungieren müssten, haben in den letzten Jahren versagt. Anstatt sich zu öffnen, ist eine Tendenz zum Rückzug und zur Pflege identitärer Enklaven zu beobachten. Wie ich bereits an anderer Stelle analysiert habe (siehe: <a href="../../publikationen/posts/wer-stehen-bleibt-kommt-nicht-voran.html">Wer stehen bleibt, kommt nicht voran</a>), fehlt es oft an einer ehrlichen Bestandsaufnahme und der Bereitschaft zur Selbstkritik. In diesen mentalen Enklaven wird suggeriert, dass wahres Engagement nur innerhalb der eigenen religiösen Grenzen zählt. Dies hemmt junge Muslime aktiv daran, sich in der allgemeinen Zivilgesellschaft einzubringen.</p>
<p>Verändern könnte sich dies, wenn Moscheegemeinden auch den Wert von Engagement vermitteln, das nicht direkt der eigenen Gruppe dient. Ein muslimischer Jugendlicher, der bei der Tafel hilft, leistet einen islamisch wertvolleren Beitrag als jemand, der sich nur um die Belange der eigenen Moschee kümmert. Moscheen müssen Kooperationen suchen, die über den symbolischen „Tag der offenen Moschee“ hinausgehen.</p>
<p>Gleichzeitig müssen wir Strategien entwickeln, um Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Das bedeutet aufsuchende Arbeit in Schulen und Jugendzentren und die Nutzung von Multiplikatoren.</p>
<p>Aber Partizipation darf nicht am Fuß der Pyramide enden. Wahre Teilhabe entscheidet sich an den Schalthebeln der Macht. Solange Muslime primär als Adressaten von Hilfe, aber selten als Gestalter von Strukturen auftreten, bleibt das Verhältnis asymmetrisch. Dabei geht es nicht um Quoten oder eine künstliche Bevorzugung, sondern um knallharte Professionalität. Organisationen müssen lernen, ihre eigenen kulturellen Blindstellen zu erkennen. Oft wird Kompetenz übersehen, nur weil sie nicht im gewohnten Habitus der Mehrheitsgesellschaft auftritt. Ziel muss eine Normalität sein, in der die Herkunft oder Religion bei der Besetzung von Führungspositionen schlichtweg irrelevant wird – weil allein die fachliche Eignung zählt und strukturelle Hürden, die diese Eignung unsichtbar machen, abgebaut wurden.</p>
</section>
<section id="fazit-von-der-integration-zur-gemeinsamen-verantwortung" class="level3">
<h3 data-anchor-id="fazit-von-der-integration-zur-gemeinsamen-verantwortung"><strong>Fazit: Von der Integration zur gemeinsamen Verantwortung</strong></h3>
<p>Wir stehen an einem entscheidenden Punkt. Die demografischen Fakten lassen keinen Raum mehr für ideologische Grabenkämpfe. Die Zukunft unserer gesellschaftlichen Strukturen – von der Feuerwehr bis zum Sportverein – hängt davon ab, ob es uns gelingt, die wachsende migrantische und muslimische Community in die aktive Mitgestaltung einzubinden.</p>
<p>Dabei geht es nicht mehr um Integration als einseitige Anpassungsleistung, sondern um die pragmatische Sicherung unserer Zivilgesellschaft. Dies erfordert ein neues Verständnis von <strong>gemeinsamer Verantwortung</strong> : Die migrantische und muslimische Community muss den Mut aufbringen, ihre mentalen Enklaven zu verlassen und sich als selbstverständlicher Teil des Ganzen zu begreifen. Die etablierten Institutionen müssen im Gegenzug ihre Strukturen kritisch hinterfragen, kulturelle Hürden abbauen und Diversität als Überlebensnotwendigkeit erkennen.</p>
<p>Nur wenn wir diesen Schritt wagen, kann eine Normalität entstehen, in der die Herkunft oder Religion in den Hintergrund tritt und allein der Beitrag zählt, den der Einzelne für das gemeinsame Wir leistet. Es geht nicht um große Theorien, sondern um das konkrete Tun vor Ort.</p>
</section>
<section id="literatur" class="level3">
<h3 data-anchor-id="literatur"><strong>Literatur:</strong></h3>
<p>Abay, Tezcan Eralp, Hakan Ataman and M. Murat Özçelebi. 2024. Türkiye’de sivil toplum algısı. Ankara: Sivil Toplum Geliştirme Merkezi (STGM). <a href="https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf" class="uri">https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf</a> (accessed: 10. January 2026).</p>
<p>Mediendienst Integration. 2019. Muslimische zivilgesellschaft in deutschland: Informationen und ansprechpartner. Berlin. <a href="https://mediendienst-integration.de/artikel/infopapier-muslimische-zivilgesellschaft.html" class="uri">https://mediendienst-integration.de/artikel/infopapier-muslimische-zivilgesellschaft.html</a> (accessed: 8. January 2026).</p>
<p>Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. 2024. Das bildungswesen in nordrhein-westfalen 2023/2024: Statistik kompakt. Düsseldorf.</p>
<p>Sachverständigenrat für Integration und Migration. 2022. Systemrelevant: Der beitrag von zugewanderten im gesundheitswesen: Zahlen und fakten zum SVR-jahresgutachten 2022. Berlin. <a href="https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2022/10/SVR_Factsheet_Jahresgutachten_2022.pdf" class="uri">https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2022/10/SVR_Factsheet_Jahresgutachten_2022.pdf</a> (accessed: 8. January 2026).</p>
<p>Simonson, Julia, N. Kelle, C. Kausmann, N. Karnick, C. Arriagada, C. Hagen, N. Hameister, O. Huxhold and C. Tesch-Römer. 2021. Freiwilliges engagement in deutschland: Zentrale ergebnisse des fünften deutschen freiwilligensurveys (FWS 2019). Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).</p>
<p>Statistisches Bundesamt. 2025. Anteil der bevölkerung mit einwanderungsgeschichte an der gesamtbevölkerung in deutschland von 2005 bis 2024. Statista. <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1488136/umfrage/entwicklung-des-bevoelkerungsanteils-mit-einwanderungsgeschichte-in-deutschland/" class="uri">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1488136/umfrage/entwicklung-des-bevoelkerungsanteils-mit-einwanderungsgeschichte-in-deutschland/</a> (accessed: 9. January 2026).</p>
<p>Winter, Thorsten. 2025. Warum es freiwilligen feuerwehren an vielfalt mangelt. <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ.NET)</em> (23. July). <a href="https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/warum-es-freiwilligen-feuerwehren-an-vielfalt-mangelt-110604455.html" class="uri">https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/warum-es-freiwilligen-feuerwehren-an-vielfalt-mangelt-110604455.html</a> (accessed: 5. January 2026).</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg03.met.vgwort.de/na/bd06f3c5049b47c1b26f91456222f637.png" class="img-fluid"></p>


</section>
</section>

 ]]></description>
  <category>Soziale-Arbeit</category>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html</guid>
  <pubDate>Tue, 13 Jan 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Patientenverfügung für Musliminnen und Muslime: Ein Werkzeug der Selbstbestimmung an den Grenzen des Lebens</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-ein-werkzeug-der-selbstbestimmung-an-den-grenzen-des-lebens.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/patientenverfuegung.png" class="img-fluid feature-image" alt="Patientenverfügung für Musliminnen und Muslime: Ein Werkzeug der Selbstbestimmung an den Grenzen des Lebens"></p>
<p>Die Frage, wie wir sterben wollen, stellen wir uns eher als eine zutiefst private und weniger als eine politische vor. Aber nicht einmal der eigene Tod ist etwas vollkommen Privates. Sie berührt vielmehr das Verhältnis zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zwischen religiösen Überzeugungen und rechtlichen Strukturen. Eine neue Handreichung der Eugen-Biser-Stiftung wirft ein Licht auf diese Schnittstelle.</p>
<p>In deutschen Kliniken und Pflegeeinrichtungen existierten bislang Patientenverfügungen aus staatlicher, christlicher und humanistischer Perspektive - jedoch keine, die den spezifischen ethisch-theologischen Rahmen islamischer Glaubensüberzeugungen berücksichtigen. Auch in der muslimischen Organisationslandschaft ist das Thema bisher kaum aufgegriffen worden. Das Problem: Wer als Muslimin oder Muslim in eine palliative Behandlungssituation gerät, steht vor der Herausforderung, religiöse Wertvorstellungen in einem System zu artikulieren, das diese nicht systematisch vorsieht.</p>
<p>Die vorliegende <a href="https://www.eugen-biser-stiftung.de/publikation/handreichung-zur-erstellung-einer-patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-in-deutschland/">Handreichung</a> soll diese Lücke schließen, so der Anspruch der Autoren.</p>
<section id="zwischen-normativer-offenheit-und-strukturierter-entscheidungsfindung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="zwischen-normativer-offenheit-und-strukturierter-entscheidungsfindung">Zwischen normativer Offenheit und strukturierter Entscheidungsfindung</h2>
<p>Was die Handreichung auszeichnet, ist ihre bewusste Zurückhaltung gegenüber eindeutigen Vorgaben. Sie versteht sich ausdrücklich nicht als Fatwa, nicht als verbindliche religiöse Stellungnahme. Stattdessen legt sie das Spektrum islamisch-theologischer Positionen zu medizinischen Grenzfragen offen – von der Schmerzbehandlung über künstliche Ernährung bis zur Frage des Hirntods.</p>
<p>Die Publikation gliedert sich in vier Hauptkapitel, die jeweils unterschiedliche Wissensordnungen adressieren:</p>
<ol type="1">
<li><strong>Theologische Grundlegung</strong> : Was bedeutet Krankheit, Leiden und Tod aus islamischer Perspektive? Welche Rolle spielt die Vorstellung von der „Rückkehr zu Gott”?</li>
<li><strong>Rechtliche Rahmenbedingungen</strong> : Welche Formen der Sterbehilfe sind in Deutschland legal? Was unterscheidet passive von aktiver Sterbehilfe, was bedeutet der assistierte Suizid nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von 2017?</li>
<li><strong>Medizinische Handlungsoptionen</strong> : Von der Dialyse bis zur Sedierung werden einzelne Behandlungsformen erläutert – jeweils mit medizinischen Fakten und islamisch-theologischen Einordnungen.</li>
<li><strong>Wertvorstellungen und Bestattung</strong> : Anleitende Fragen zur Formulierung persönlicher Überzeugungen und Hinweise zu rituellen Wünschen im Sterbeprozess.</li>
</ol>
</section>
<section id="drei-zentrale-islamisch-theologische-spannungsfelder" class="level2">
<h2 data-anchor-id="drei-zentrale-islamisch-theologische-spannungsfelder">Drei zentrale islamisch-theologische Spannungsfelder</h2>
<p>Die Handreichung macht deutlich, dass es in zentralen Fragen kein einheitliches „islamisches” Urteil gibt. Stattdessen dokumentiert sie Meinungsverschiedenheiten unter Rechtsgelehrten:</p>
<p><strong>Behandlungsverzicht bei aussichtsloser Prognose</strong> : Die Mehrheit der konsultierten Quellen erlaubt den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen, wenn mehrere erfahrene Mediziner die Aussichtslosigkeit bestätigen. Das Argument: Medizinische Behandlung ist nicht in jedem Fall verpflichtend (wāǧib), sondern kann – je nach Erfolgsaussicht – auch nur erlaubt (mubāḥ) oder sogar verpönt (makrūh) sein.</p>
<p><strong>Sedierung und Bewusstseinsverlust</strong> : Hier zeigt sich ein genuines Spannungsfeld. Einerseits gilt die Linderung von Leiden als religiös erwünscht. Andererseits hat Bewusstsein im islamischen Verständnis einen besonderen Stellenwert – nicht zuletzt wegen der Empfehlung, im Sterben das Glaubensbekenntnis auszusprechen. Die Handreichung dokumentiert beide Positionen, ohne zu entscheiden.</p>
<p><strong>Hirntod und Organspende</strong> : Die Frage, ob der Hirntod als vollständiger Tod zu werten ist, bleibt in der islamischen Gelehrsamkeit umstritten. Die Handreichung referiert die Positionen verschiedener Fiqh-Gremien, von der IIFA bis zum Europäischen Rat für Fatwa, ohne eine Position zu privilegieren.</p>
<p>Die Handreichung versteht sich bei all dem nicht als Vorlage zum Ausfüllen von Formularen. Sie ist keine Fatwa. Sie ist keine Stellungnahme einer bestimmten Rechtsschule oder eines Verbandes. Sie ersetzt weder das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten noch die Konsultation von Personen des religiösen Vertrauens.</p>
<p>Sie ist ein Informationsinstrument – nicht mehr, aber auch nicht weniger..</p>
</section>
<section id="die-gesellschaftspolitische-dimension" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-gesellschaftspolitische-dimension">Die gesellschaftspolitische Dimension</h2>
<p>Die Publikation ist auch ein Dokument der Teilhabefrage. Ihre Entstehung verdankt sich dem Umstand, dass die sogenannte „Gastarbeitergeneration” in Deutschland alt geworden ist – oft in körperlich fordernden Berufen, mit entsprechenden Pflegebedarfen im Alter. Die Frage, wie das Gesundheitssystem mit religiöser Pluralität umgeht, ist keine Frage der Toleranz, sondern der strukturellen Inklusion.</p>
<p>Dass es diese Handreichung nun gibt, zeigt, was möglich wird, wenn zivilgesellschaftliche Akteure – hier die Eugen-Biser-Stiftung, das FAU EZIRE und die Robert Bosch Stiftung – Leerstellen identifizieren und mit Sachverstand füllen.</p>
</section>
<section id="verfügbarkeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="verfügbarkeit">Verfügbarkeit</h2>
<p>Die Handreichung ist über die <a href="https://www.eugen-biser-stiftung.de/publikation/handreichung-zur-erstellung-einer-patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-in-deutschland/">Eugen-Biser-Stiftung</a> und die <a href="https://www.islamberatung-bayern.de/infomaterial">Islamberatung in Bayern</a> kostenfrei erhältlich.</p>
<hr>
<p><em>Dieser Beitrag informiert über eine aktuelle Publikation im Schnittfeld von Gesundheitssystem, Religionspraxis und Rechtsstaat. Er stellt keine eigene Positionierung dar, sondern dokumentiert die Struktur und Argumentation der besprochenen Handreichung.</em></p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/443349aba95d48d8a2421ccbfa293232.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Soziale-Arbeit</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-ein-werkzeug-der-selbstbestimmung-an-den-grenzen-des-lebens.html</guid>
  <pubDate>Sun, 28 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/patientenverfuegung.png" medium="image" type="image/png" height="48" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/59c4a9c46012ad03d26bdcb67902ece1d75dbe63-maennlichkeit2x.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder"></p>
<section id="risiken-und-potenziale-für-bildungschancen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="risiken-und-potenziale-für-bildungschancen">Risiken und Potenziale für Bildungschancen</h2>
<p><strong>Die Schule hat schon lange kein Monopol mehr auf Sozialisation und Bildung. Wer verstehen will, wie sich junge Männer heute identitär verorten, muss in ihre digitalen Lebenswelten blicken. Dort wird nicht nur unterhalten, sondern ein normatives Weltbild geformt, das Bildungschancen massiv gefährdet.</strong></p>
<p>Wenn wir in Deutschland über „Bildung“ sprechen, denken wir reflexartig an Schulen, Lehrpläne und das Klassenzimmer. Wir debattieren über Ausstattung, Lehrermangel und PISA-Ergebnisse. Doch wenn es um die existenziellen Fragen junger Männer geht – „Wer bin ich?“, „Wie werde ich attraktiv?“, „Wie verdiene ich Respekt?“ – ist die Schule als Institution zunehmend irrelevant geworden. Wir beobachten einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Die wirkmächtigste Sozialisation findet heute nicht mehr in formalen Bildungseinrichtungen statt, sondern in den hochgradig professionalisierten Ökosystemen von TikTok, Instagram und YouTube.</p>
<p>Zu verstehen, wie diese digitalen Lernräume funktionieren, ist kein Nebenprojekt einer „zeitgemäßen Pädagogik“, sondern Voraussetzung, um bestimmte Jugendliche überhaupt noch zu erreichen.<br>
Diese Plattformen fungieren längst als primäre Bildungsakteure für normative Fragen. Wer diesen Raum ignoriert oder als bloße Unterhaltung abtut, überlässt die Deutungshoheit Akteuren, die oft gezielt antidemokratische und anti-emanzipatorische Ziele verfolgen.</p>
</section>
<section id="der-digitale-lehrplan-männlichkeit-als-inszenierung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-digitale-lehrplan-männlichkeit-als-inszenierung">Der digitale Lehrplan: Männlichkeit als Inszenierung</h2>
<p>Doch was genau steht auf diesem neuen Lehrplan? Unter anderem finden wir dort auch Konstruktionen einer spezifischen Männlichkeit, die als Antwort auf die Orientierungslosigkeit vieler junger Männer angeboten wird. Social Media fungiert hierbei als ein kuratierter Raum für Identität und Gemeinschaft. Die Vermittlung dieser Inhalte erfolgt jedoch selten über diskursive Auseinandersetzung oder rationale Argumente, wie wir es aus klassischen Bildungskontexten kennen. Vermittelt wird nicht über Argumente, sondern primär über Bilder, Stil und Atmosphäre.</p>
<p>In hochglanzpolierten Bildern wird eine Welt inszeniert, die einfache Lösungen verspricht: Physische Dominanz, zur Schau gestellter Luxus und eine bedingungslose, maskuline „Brüderlichkeit“ dienen als visuelle Chiffren für Erfolg. Diese Inszenierung wird mit dem Versprechen des „Self-Improvement“ verknüpft. Die Botschaft ist so simpel wie verfänglich: „Folge diesem Pfad der Härte und Disziplin, und du wirst den Respekt erhalten, der dir im echten Leben verwehrt bleibt.“ Diese emotionale Ansprache wirkt häufig stärker als Unterricht, Präventionsprojekte oder Beratungsangebote, weil sie die Komplexität moderner Lebensrealitäten radikal reduziert und damit ein Gefühl von Klarheit und Ordnung verspricht.</p>
<p>Analysiert man die Inhalte, die auf diesem „digitalen Lehrplan“ stehen, offenbart sich ein zutiefst toxisches Weltbild. Im Zentrum steht eine hegemoniale Männlichkeit, die Dominanz, emotionale Abstumpfung und Kontrolle als einzig valide Form von Stärke definiert - getreu dem Motto „Real men lead“. Flankiert wird dies von einem strikten Antipluralismus, der eine klare „Wir-gegen-Sie“-Rahmung etabliert. Vielfalt, etwa in Form von Feminismus oder LGBTQ+-Rechten, wird nicht als gesellschaftliche Realität, sondern als existenzielle Bedrohung der eigenen Identität inszeniert. Besonders problematisch ist, wie sehr dieses Weltbild in die Isolation führt: Einwände seitens der Schule, der Eltern oder der Mehrheitsgesellschaft werden in diesem geschlossenen Weltbild nicht als Anlass zur Reflexion, sondern als Beweis für die Richtigkeit des eigenen Weges gewertet. Wer kritisiert, ist Teil der „Matrix“, die den Mann schwächen will.</p>
</section>
<section id="das-chamäleon-wie-westliche-mythen-muslimisch-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-chamäleon-wie-westliche-mythen-muslimisch-werden">Das Chamäleon: Wie westliche Mythen „muslimisch“ werden</h2>
<p>Diese Inhalte erzeugen auch bei muslimischen Jugendlichen in einer überraschenden Form Resonanz: Die Inhalte des toxisch-männlichen Spektrums sind extrem wandelbar und anpassungsfähig. Sie stellen perfekte Anschauungsmaterialien dafür dar, wie globale Narrative lokal adaptiert werden können. Was in der pädagogischen Praxis oft vorschnell als „islamisch“ oder „traditionell“ gellabelt werden dürfte, ist bei genauerer Betrachtung oft gar kein theologisches Phänomen, sondern ein soziologisches Mimikry.</p>
<p>Wir können hier beobachten, wie ein ursprünglich westlicher Mythos – die Narrative der „Manosphere“, der „Red Pill“-Foren oder der Incel-Szene – in muslimische Kontexte einsickert und dort plötzlich als vermeintlich eigener, „authentischer“ Diskurs auftritt. Muslimische Influencer in der sogenannten „Akhi-Sphere“ kopieren Figuren wie Andrew Tate, setzen sich aber eine Kufiyya auf und zitieren einen Hadith dazu. So verwandelt sich der säkulare „High Value Man“ in den frommen Patriarchen, und das romantisierte Bild der westlichen <em>TradWife</em> wird zur <em>TradMuslimah</em>. Durch diese Camouflage erscheint die Ideologie nicht als importierter Antifeminismus, sondern als Verteidigung der eigenen, vermeintlich authentischen Identität gegen den „Westen“. Der Glaube wird hier zum bloßen Vehikel für eine patriarchale Ideologie degradiert, die einen konstruierten Neo-Traditionalismus als antimodernistische Rebellion in Stellung bringt.</p>
<p>In der Praxis führt diese „Islamisierung“ globaler Trends zu perfiden Umdeutungen. Die Rolle des „Providers“ wird auf die des materiellen Versorgers reduziert, was klare, autoritäre Hierarchien schafft („Wer zahlt, bestimmt“) und religiös legitimiert wird. Noch gefährlicher ist die Umdeutung emotionaler Konzepte: Die „Ghirah“ (eine Art schützende Eifersucht) wird von einer Tugend der Fürsorge zu einem Instrument der Überwachung umfunktioniert. Die Botschaft lautet: Wenn du deine Frau nicht kontrollierst, liebst du sie nicht und hast keine Ehre – du bist ein „Dayyuth“. Ähnlich verhält es sich mit der religiösen Aufforderung, den Blick zu senken („Lower the Gaze“). Ursprünglich ein Gebot der männlichen Bescheidenheit und Selbstkontrolle, wird es zur Waffe gegen Frauen umgedreht („Ich senke meinen Blick und hole mir damit die Macht über dich zurück!“) und betreibt so ein religiös verbrämtes Victim Blaming.</p>
</section>
<section id="die-querfront-nationalismus-und-identitäre-allianzen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-querfront-nationalismus-und-identitäre-allianzen">Die Querfront: Nationalismus und identitäre Allianzen</h2>
<p>Neben dieser religiösen Aufladung beobachten wir ein zweites, nicht minder brisantes Phänomen: das Erstarken ultranationalistischer Strömungen und das Entstehen neuer identitärer Allianzen. Männlichkeit wird hier nicht nur theologisch, sondern ethnisch essentialisiert – etwa als spezifisch „türkisch“ – und mythisch mit Attributen wie Mut und unbarmherziger Härte aufgeladen.</p>
<p>Hier entsteht eine beunruhigende Querfront der Ausgrenzung. Galten rechtsextreme deutsche Identitäre und türkische Ultranationalisten (wie die Grauen Wölfe) früher als verfeindet, eint sie heute zunehmend ein gemeinsames Feindbild: Queer, Trans und der Feminismus. Das verbindende Narrativ lautet: „Wir echten Männer – egal ob Deutscher oder Türke – gegen die verweichlichte, bunte Moderne.“</p>
<p>Die Ablehnung von Queerness liefert das verbindende Brückennarrativ, das aus Gegnern Verbündete macht. Der Begriff der Ehre dient dabei als Waffe zur Hierarchisierung und zur Abwertung anderer Lebensentwürfe, wodurch eine Allianz entsteht, die sich nicht mehr primär über Herkunft, sondern über den gemeinsamen Hass auf die offene Gesellschaft definiert.</p>
</section>
<section id="konsequenzen-für-die-bildungsbiografie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="konsequenzen-für-die-bildungsbiografie">Konsequenzen für die Bildungsbiografie</h2>
<p>Das bleibt für die Bildungs- und Berufschancen junger Männer nicht folgenlos. Das ständige Konsumieren des „Wir-gegen-Sie“-Narrativs fördert die soziale Isolation und den Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft. Noch schwerer wiegt die gezielte Abwertung von Schule, Ausbildung und Studium. Wenn Online-Akteure das Narrativ verbreiten, das staatliche System wolle Männer „verweichlichen“ oder ihnen die Wahrheit vorenthalten, verliert die Schule ihre Autorität als Ort des Wissenserwerbs. Zudem führt das propagierte rigide Männerbild in eine berufliche Sackgasse. In der Arbeitswelt von heute reichen Härte und Konkurrenzdenken nicht aus: Gefragt sind Teamfähigkeit, Empathie und die Fähigkeit, Konflikte auszutragen, ohne Beziehungen zu zerstören. Wer jedoch lernt, dass Dominanz die einzige Währung von Relevanz ist, wird im Arbeitsmarkt scheitern. Die digitale Radikalisierung verbaut somit auch analoge Zukunftschancen.</p>
</section>
<section id="das-vakuum-füllen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-vakuum-füllen">Das Vakuum füllen</h2>
<p>Es greift zu kurz, das Problem bei den jungen Männern zu suchen, die nach Orientierung streben. Das eigentliche Problem ist das Vakuum, das wir ihnen hinterlassen haben. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, müssen wir verstehen, wie soziale Medien wirken – und warum sie für viele Jugendliche attraktiver sind als jedes schulische Angebot. Nicht, um sie gutzuheißen, sondern um anzuerkennen, dass wir die Verantwortung für diesen Raum nicht einfach abgeben können.</p>
<p>Es reicht nicht, diese Räume zu kritisieren; sie müssen mit anderen Geschichten von Männlichkeit und Religiosität gefüllt werden. Gefragt sind Formate, die in Qualität und Tempo mit den gängigen Feeds mithalten: keine PDFs, sondern kurze, visuell überzeugende Clips, die in der Bildsprache der Plattformen sprechen. Und wir brauchen das Angebot einer Neudefinition von Stärke: Stärke als Verantwortung, Empathie und Gerechtigkeit (<em>Adl</em>). Es gilt, religiöse Argumentationsmuster nicht den Extremisten zu überlassen, sondern progressive, theologisch fundierte Lesarten sichtbar zu machen. Damit einhergehen muss jedoch auch eine bewusste Ent-Islamisierung des Diskurses. Wir neigen dazu, bei Menschen mit einem muslimischen religiösen oder kulturellen Hintergrund jedes Problem reflexartig religiös zu deuten. Wir müssen lernen, Fragen wie Diskriminierung oder Identität auch säkular und bürgerrechtlich zu beantworten, statt sie stets zu theologisieren.</p>
<p>Gleichzeitig darf die Antwort nicht rein digital bleiben. Die digitale Radikalisierung erfordert authentische, analoge Ankerpunkte. Entscheidend sind überschaubare, peer-getragene Kontexte: Sportgruppen, Jugendtreffs, Gaming-Communities, in denen junge Männer Erfahrungen von Zugehörigkeit und Halt machen, ohne rigiden Hierarchien ausgeliefert zu sein. Nur wenn wir verstehen, dass Social Media heute ein zentraler Bildungsort ist, und wir bereit sind, dieses Vakuum online wie offline mit Angeboten zu füllen, die Jugendliche ernst nehmen und ihnen tragfähige andere Deutungen von Männlichkeit eröffnen, können wir verhindern, dass eine Generation junger Männer in eine digitale Parallelwelt abdriftet, die ihnen Souveränität verspricht, aber nur Isolation bietet.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg03.met.vgwort.de/na/4467722f8e8547668ae6de3ec6a1ee57.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html</guid>
  <pubDate>Tue, 02 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/59c4a9c46012ad03d26bdcb67902ece1d75dbe63-maennlichkeit2x.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung – Lehrerfortbildung in Berlin</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/maennlichkeitsbilder-tradition-radikalisierung-lehrerfortbildung-berlin.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Banner_Engin_Karahan-Maennlichkeitsbilder-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung – Lehrerfortbildung in Berlin"></p>
<p>Am 2. Dezember 2025 habe ich beim <strong>Berliner Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung an Schulen (BLiQ)</strong> der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie eine <strong>Lehrerfortbildung</strong> zum Thema „Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung” gehalten. Adressiert waren Lehrkräfte, die in ihrem Schulalltag täglich mit den Sozialisationsräumen junger Männer konfrontiert sind – und die selten Gelegenheit haben, diese Räume systematisch in den Blick zu nehmen.</p>
<section id="worum-es-ging" class="level2">
<h2 data-anchor-id="worum-es-ging">Worum es ging</h2>
<p>Der Vortrag ist drei Leitfragen nachgegangen: Wie instrumentalisieren extremistische Akteure Männlichkeit? Welche Online-Narrative prägen Jugendliche? Und gibt es tragfähige Gegenentwürfe?</p>
<p>Ein zentraler Befund: Viele der vermeintlich „traditionellen” Geschlechterbilder sind gar nicht originär religiös, sondern eine <strong>Islamisierung globaler Manosphere- und Red-Pill-Muster</strong>. Begriffe wie „High Value Man” oder „Hypergamie” werden aus westlichen Incel- und TradWife-Kontexten übernommen und nachträglich mit selektiven Versen oder Hadithen legitimiert – als konstruierter Neo-Traditionalismus, der sich als Rebellion gegen Feminismus und Gleichstellung inszeniert. An konkreten TikTok- und Instagram-Beispielen (etwa „Masculine Muslim”, „The Sunnah Guy”, „Deenathletic”) habe ich gezeigt, wie Disziplinierung von Frauen, ein rigides Männerideal, Queerfeindlichkeit als Brückennarrativ und eine Ästhetik der Brüderlichkeit ineinandergreifen – psychologisch gut gebaut, algorithmisch belohnt, anschlussfähig bis in jihadistische Ränder.</p>
<p>Den größeren Teil habe ich der <strong>Prävention</strong> gewidmet: agile, eigenständige Online-Formate statt reiner Gemeindestrukturen, eine doppelte Antwort (theologisch fundiert <em>und</em> säkular-bürgerrechtlich) und eine Ent-Ideologisierung des Diskurses – nicht jede Frage junger Männer ist religiös zu lösen. Und ein positiver Gegenentwurf zu „starker” Männlichkeit: Stärke als Verantwortung, Empathie, Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit – mit konkreten Skills wie Emotionen benennen, Grenzen wahren, Konflikte fair lösen. Für die Schule heißt das: Schul-AGs, Präventionsfachkräfte und mobile Formate mit Social-Clip-Anbindung sind oft wirksamer als der erhobene Zeigefinger.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html">Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html">Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html">Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder einen Workshop zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/7aee158cd6ab4242b7a1d3d304357327.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/maennlichkeitsbilder-tradition-radikalisierung-lehrerfortbildung-berlin.html</guid>
  <pubDate>Tue, 02 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Banner_Engin_Karahan-Maennlichkeitsbilder-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Protest ohne Gesicht</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/protest-ohne-gesicht.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/5446c8bb3269df5d0735274142a1d59c6586433e-stadtbild2x-1.png" class="img-fluid feature-image" alt="Protest ohne Gesicht"></p>
<section id="wenn-die-elite-den-diskurs-verweigert" class="level2">
<h2 data-anchor-id="wenn-die-elite-den-diskurs-verweigert">Wenn die „Elite” den Diskurs verweigert</h2>
<p><strong>Der stille Protest der Stipendiaten der Deutschlandstiftung Integration gegen Kanzler Friedrich Merz war eindrucksvoll. Doch das Schweigen danach offenbart ein problematisches Verständnis von Verantwortung bei denen, die eigentlich die Zukunft mitgestalten wollen.</strong></p>
<p>Als ich das Video von dem stillen Protest der Stipendiaten der Deutschlandstiftung Integration sah, war ich zunächst beeindruckt. Ein Freund hatte mir den Clip zugespielt. Der Anlass war die Verleihung des „Talisman“-Preises der Stiftung am 19. November 2025 in Berlin. Während der Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz erhoben sich Dutzende junge Menschen und verließen schweigend den Saal.</p>
<p>Der Auslöser war nicht etwa eine erneute Entgleisung in seiner aktuellen Rede. Vielmehr war es die Präsenz des Kanzlers selbst und die Erinnerung an seine frühere Aussage über das „Stadtbild“. Eine Chiffre, die bei den Anwesenden einen wunden Punkt trifft. Denn diese jungen Menschen wissen aus Erfahrung: Wenn über das „Stadtbild“ gesprochen wird, das sich verändert habe, sind meist sie gemeint. Nicht wegen ihres Verhaltens, sondern wegen ihres Aussehens, der Herkunft ihrer Eltern oder ihrer religiösen Sichtbarkeit. Es ist das Potential in dieser früheren Aussage, den Migrationshintergrund <em>an sich</em> zum Problem zu erklären, das diesen Protest motivierte.</p>
<p>Mich beeindruckte die Form: Kein Geschrei, kein Tumult, der die eigentliche Botschaft überdeckt hätte. Es war eine würdevolle, fast choreografierte Stille. Die Protestierenden trugen Aufkleber mit der Aufschrift „Wir sind das Stadtbild“. Sie hatten das Momentum auf ihrer Seite. Sie hatten die Aufmerksamkeit des Kanzlers und des Saals.</p>
<p>Und dann? Dann kam nichts.</p>
</section>
<section id="die-flucht-in-die-anonymität" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-flucht-in-die-anonymität">Die Flucht in die Anonymität</h2>
<p>Die Öffentlichkeit und die Presse erfuhren über Social Media von dem Vorfall. Doch als das Thema viral ging und Journalisten nachfragten, um die Motive zu verstehen und einzuordnen, stießen sie auf eine Mauer des Schweigens. Wie unter anderem <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_101009310/merz-protest-von-integrations-stipendiaten-warum-sie-nicht-reden-wollen.html">t-online berichtete</a>, verweigerten die Stipendiaten kollektiv die Aussage. Man wolle nicht mit der Presse reden, hieß es. Die Angst, dass dies der eigenen Karriere schaden könnte, dass man als „schwierig“ abgestempelt würde, schien größer zu sein als das Anliegen selbst. Man verschwand in der Anonymität der Gruppe.</p>
<p>Hier kippt meine Bewunderung in Unverständnis. Wer auf einer solchen Bühne gegen den Regierungschef protestiert, der fordert den Diskurs heraus. Wer „Wir sind das Stadtbild“ auf der Brust trägt, aber dann bei Nachfragen abtaucht, sendet ein zutiefst widersprüchliches Signal.</p>
<p>Es wirkt, als wolle man zwar den moralischen Applaus für den Widerstand, aber nicht die Verantwortung für die eigene Haltung übernehmen. Es offenbart sich hier ein Akteurstypus, der mir zunehmend Sorgen bereitet: Eine Generation von „High Potentials“, die den Anspruch erhebt, die Elite von morgen zu sein, aber die Mechanismen des öffentlichen Diskurses nur selektiv bedienen will.</p>
</section>
<section id="strategischer-skandal-statt-aufrichtiger-diskurs" class="level2">
<h2 data-anchor-id="strategischer-skandal-statt-aufrichtiger-diskurs">Strategischer Skandal statt aufrichtiger Diskurs</h2>
<p>Dieses Verhalten erinnert mich an eine Episode aus meiner ehrenamtlichen Arbeit bei der <a href="https://alhambra-gesellschaft.de/">Alhambra Gesellschaft e.V.</a>. Vor einigen Jahren, kurz nach der Gründung des Vereins, trat eine renommierte Wissenschaftlerin an uns heran. Sie präsentierte uns eine „Strategie“, wie wir den Diskurs zu „unseren“ Gunsten - also ihrer Vorstellung nach im Sinne der postmigrantischen Gesellschaft - verschieben könnten. Ihr Vorschlag: Wir sollten gezielt provokante Thesen aufstellen, ja sogar Skandale inszenieren, um die Grenzen des Sagbaren zu weiten. Sie würde dann von der Seitenlinie aus, in ihrer Rolle als Wissenschaftlerin, das Ganze einordnen und kontextualisieren.</p>
<p>Wir waren damals schockiert. Unser Ansatz war immer der des Brückenbauens, der aufrichtigen Auseinandersetzung und des gesitteten, konstruktiven Streits, nicht der manipulativen Inszenierung. Da wir uns für ihre Zwecke nicht instrumentalisieren ließen, bezeichnete sie uns später einmal pikiert als „volatil“ – wir waren für sie schlicht nicht berechenbar und steuerbar.</p>
<p>Diesen Begriff würde ich heute gerne zurückgeben. Denn was ist <em>volatiler</em> als eine Haltung, die mal den radikalen Protest sucht und im nächsten Moment aus Karriereangst verstummt? Es ist eine Form des <a href="https://karahan.net/de/blog/zynischer-pragmatismus">zynischen Pragmatismus</a>: Man nutzt die Werkzeuge des Systems (hier: die mediale Aufmerksamkeit), verweigert aber die moralische Verpflichtung, die damit einhergeht - nämlich Rede und Antwort zu stehen.</p>
</section>
<section id="die-drei-typen-der-auseinandersetzung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-drei-typen-der-auseinandersetzung">Die drei Typen der Auseinandersetzung</h2>
<p>Wenn ich auf meine eigene Jugend und die Entwicklung der muslimischen und migrantischen Community zurückblicke, lassen sich - grob vereinfacht - drei Typen der Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft erkennen. Diese Typologie ist sicher nicht wissenschaftlich erschöpfend, aber sie hilft, das aktuelle Dilemma zu verstehen:</p>
<ol type="1">
<li><strong>Der Rückzug (Isolation):</strong> Jene, die die „Welt da draußen“ primär als Zumutung empfanden. Sie zogen sich in die eigene In-Group zurück - in die Moschee, den Kulturverein, die Teestube. Ihr Ziel war es, möglichst unsichtbar zu bleiben, keine Ansprüche zu stellen und im Gegenzug in Ruhe gelassen zu werden.</li>
<li><strong>Der Brückenbau (Partizipation):</strong> Diejenigen, die verstanden, dass ein getrenntes Leben eine Illusion ist. Sie gingen in den Konflikt, in den Dialog, in die Parteien, Vereine und Moscheen. Sie verstanden sich als Übersetzer und Streiter in beiden Welten. Sie machten sich verwundbar, weil sie Gesicht zeigten - und dafür oft von beiden Seiten Prügel bezogen.</li>
<li><strong>Die Flucht (Assimilation):</strong> Diejenigen, die mit ihrer „Herkunftsgruppe“ eigentlich nichts zu tun haben wollten. Sie schämten sich oft für das „Andere“, das Unperfekte ihrer Eltern, ihre Herkunftskultur, Sprache und Religion. Ihr Ziel war das nahtlose Aufgehen in der Mehrheitsgesellschaft, fixiert auf individuellen Erfolg und Karriere. Das Motto war: Bloß nicht als „der Migrant“ auffallen, solange es nicht dem eigenen Interesse dient.</li>
</ol>
<p>Mit den Typen 1 und 3 konnte ich mich nie identifizieren. Doch was wir heute erleben, scheint mir eine seltsame Mutation des Typus 3 zu sein.</p>
<p>Viele der heutigen Akteure, die oft als <a href="https://karahan.net/de/blog/innermuslimischer-diskurs-auf-abwegen">privilegierte Stimmen</a> auftreten, scheinen ihr halbes Leben im Modus der Anpassung verbracht zu haben. Nun, da Identitätspolitik eine Währung geworden ist, entdecken sie den Protest. Doch sie agieren dabei aus einer Position der Überkompensation heraus. Sie wollen den „Widerstand“, aber bitte ohne das Risiko, das der „Brückenbauer“ (Typus 2) tagtäglich trägt.</p>
</section>
<section id="das-falsche-signal-an-die-eigene-und-nächste-generation" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-falsche-signal-an-die-eigene-und-nächste-generation">Das falsche Signal an die eigene und nächste Generation</h2>
<p>Das eigentliche Problem an der Aktion der Stipendiaten ist nicht der Protest gegen Merz - dieser war in der Form legitim und verständlich. Das Problem ist die Botschaft, die durch das anschließende Schweigen an die eigene und die nächste Generation gesendet wird.</p>
<p>Wenn die „Elite“ der jungen Migranten - jene, die Stipendien erhalten, die Zugang zu Kanzlern haben oder gar einen Lehrstuhl besetzen - signalisiert, dass man seine Meinung nur anonym und im Schutz der Masse äußern kann, weil man sonst vernichtet wird: Was sagt das dem Jugendlichen in Neukölln oder Marxloh?</p>
<p>Es vermittelt Fatalismus. Es lehrt, dass echte, aufrechte Partizipation unmöglich oder zu gefährlich ist. Es fördert eine Haltung, die sich in performativen Gesten erschöpft, anstatt die mühsame Arbeit der Veränderung durch Argument und Auseinandersetzung zu leisten.</p>
<p>Wer das „Stadtbild“ sein will, muss sich auch trauen, in diesem Bild sichtbar zu bleiben, wenn die Kameras laufen und die Fragen unangenehm werden. Alles andere ist kein politischer Protest, sondern ein Flashmob mit Karrierevorbehalt.</p>
<p>Wer glaubwürdig für eine offene Gesellschaft streiten will, muss bereit sein, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen - auch wenn es ungemütlich wird. Das ist der Preis der Freiheit. Ihn nicht zahlen zu wollen, aber die Dividende einzustreichen, ist zu wenig.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/8f117f2faf8249748795ddcac6b042da.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/protest-ohne-gesicht.html</guid>
  <pubDate>Mon, 24 Nov 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/5446c8bb3269df5d0735274142a1d59c6586433e-stadtbild2x-1.png" medium="image" type="image/png" height="43" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder – Ein Rückblick auf das 9. Dialogforum Integration</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder-ein-rueckblick-auf-das-9-dialogforum-integration.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Banner_Engin_Karahan-Maennlichkeitsbilder-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder – Ein Rückblick auf das 9. Dialogforum Integration"></p>
<p><em>Schulen verlieren an Einfluss, während Social Media zum primären Bildungsort für normative Fragen wird. Auf dem 9. Dialogforum des Bundesministeriums habe ich über die Risiken toxischer Männlichkeitsbilder und die Notwendigkeit digitaler Gegen-Narrative gesprochen</em>.</p>
<p>Am 20. November 2025 kamen in Berlin Fachleute aus Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft zum 9. Dialogforum „Integration durch Bildung“ zusammen. Im Zentrum stand eine drängende Frage: Wie können wir die Bildungschancen von Jungen und jungen Männern mit Migrationsgeschichte verbessern und warum schneiden sie im Leistungsvergleich oft schlechter ab?</p>
<p>In meinem Vortrag unter dem Titel „Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder“ habe ich einen Paradigmenwechsel skizziert: Die wirkmächtigste „Bildung“ zur Identitätsfindung junger Männer findet heute nicht mehr im Klassenzimmer statt, sondern in den hochgradig professionalisierten Ökosystemen sozialer Medien wie TikTok oder Instagram.</p>
<section id="social-media-als-heimlicher-lehrplan" class="level2">
<h2 data-anchor-id="social-media-als-heimlicher-lehrplan">Social Media als „heimlicher Lehrplan“</h2>
<p>Für viele Jugendliche ist Social Media kein reiner Zeitvertreib, sondern ein kuratierter Lernraum für Orientierung. Das Problem: Oft fungieren Influencer als primäre Bildungsakteure, die unter dem Deckmantel von „Self-Improvement“ und „Business-Coaching“ toxische Weltbilder vermitteln.</p>
<p>In meiner Analyse habe ich aufgezeigt, wie globale Trends der sogenannten „Manosphere“ (wie die Red-Pill-Bewegung) mit einer religiösen „Verpackungen“ Zugang zu neuen Milieus finden können und dabei von islamistischen Akteuren eingesetzt werden. Begriffe wie der „Provider“ (Versorger) werden genutzt, um Dominanz und Kontrolle als religiöse Pflicht („Ghirah“/Eifersucht) umzudeuten und Frauenrechte abzuwerten. Diese Narrative isolieren junge Männer zunehmend von der Mehrheitsgesellschaft und sabotieren ihre Bildungsbiografien, da Empathie und Teamfähigkeit - Schlüsselkompetenzen im modernen Beruf - als Schwäche abgewertet werden.</p>
<p>Einen kurzen Ausschnitt aus der Zusammenfassung des Dialogforums zu meinem Beitrag finden Sie hier:</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Impuls_Engin_Karahan-Maennlichkeitsbilder.jpg" class="img-fluid" alt="Auszug aus der offiziellen Tagungsdokumentation des 9. Dialogforums (Seite 4), Quelle: BMFSFJ / DLR Projektträger">Auszug aus der offiziellen Tagungsdokumentation des 9. Dialogforums (Seite 4), Quelle: BMFSFJ / DLR Projektträger</p>
</section>
<section id="vom-defizit-zum-potenzial" class="level2">
<h2 data-anchor-id="vom-defizit-zum-potenzial">Vom Defizit zum Potenzial</h2>
<p>Mein Plädoyer auf dem Forum: Wir dürfen diesen digitalen Raum nicht Akteuren überlassen, die antidemokratische Ziele verfolgen. Stattdessen müssen wir auf diese Jugendlichen auf der Suche nach Halt zugehen. Wir benötigen digitale Gegen-Narrative, die plattformgerecht und ästhetisch ansprechend sind. Gleichzeitig braucht es authentische, analoge Begegnungsräume jenseits starrer Strukturen, um Beziehungen aufzubauen, die immunisieren können.</p>
</section>
<section id="vertiefende-informationen-und-angebote" class="level2">
<h2 data-anchor-id="vertiefende-informationen-und-angebote">Vertiefende Informationen und Angebote</h2>
<p>Eine detaillierte Analyse der Mechanismen digitaler Bildungsräume habe ich in meinem Fachartikel zusammengestellt: <strong><a href="../../publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html">Zum Artikel: Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</a></strong></p>
<p>Für Fachkräfte und Institutionen biete ich zudem vertiefende Workshops an, die konkrete Strategien gegen Radikalisierungstendenzen und toxische Männlichkeit vermitteln: <strong><a href="../../leistungen.html">Zum Workshop-Angebot</a></strong></p>
<p>Den vollständigen Tagungsbericht sowie weitere Informationen zum 9. Dialogforum finden Sie auf der Seite des Projektträgers: <strong><a href="https://projekttraeger.dlr.de/media/projekte/veranstaltungen/dialogforum-integration/index.html">Zur Veranstaltungsdokumentation</a></strong></p>
<section id="hintergrund-das-dialogforum-integration-durch-bildung" class="level3">
<h3 data-anchor-id="hintergrund-das-dialogforum-integration-durch-bildung">Hintergrund: Das Dialogforum „Integration durch Bildung“</h3>
<p>Das 9. Dialogforum ist Teil einer etablierten Reihe, die als zentrales Austauschformat auf Bundesebene initiiert wurde. Hier werden bildungsbezogene Integrationsthemen aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Das Ziel ist es, den Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis zu stärken: Neue Forschungsergebnisse treffen auf bewährte „Best Practices“ aus der Bildungslandschaft.</p>
<p>Ein signifikantes Detail der aktuellen Ausrichtung ist die institutionelle Verortung: Während die Reihe ursprünglich im Kontext des Bundesforschungsministeriums (BMBF) startete, liegt die Verantwortung nun beim <strong>Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)</strong>.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/e8223fc3b5c343309387da47fa5dca87.png" class="img-fluid"></p>


</section>
</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder-ein-rueckblick-auf-das-9-dialogforum-integration.html</guid>
  <pubDate>Thu, 20 Nov 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Banner_Engin_Karahan-Maennlichkeitsbilder-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Der zynische Pragmatismus</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/der-zynische-pragmatismus.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/3414d418085434c1b6733a40de27a861c146c53c-zerborsten.png" class="img-fluid feature-image" alt="Der zynische Pragmatismus"></p>
<section id="über-eine-neue-form-der-amoralität-im-diskurs" class="level2">
<h2 data-anchor-id="über-eine-neue-form-der-amoralität-im-diskurs">Über eine neue Form der Amoralität im Diskurs</h2>
<p>Dieser Beitrag ist eine kritische Auseinandersetzung mit einer Haltung, die jüngst in einem Video einer jungen muslimischen Aktivistin exemplarisch zutage trat. Es geht mir dabei ausdrücklich nicht um die Verurteilung der konkreten Person oder die Nennung von Namen, sondern um die Analyse eines bestimmten Akteurstyps und seiner Haltung im gesellschaftlichen Diskurs. Diese Haltung, so meine vorweggenommene Schlussfolgerung, halte ich für problematisch und mit Blick auf den gesellschaftlichen Diskurs für disruptiv.</p>
<p>In einer persönlichen Rückschau auf ihre nun zu Ende gegangene Zeit in muslimischen Verbänden beklagt sie sich unter anderem über Burnouts und die Zermürbung durch gesellschaftliche wie interne Kämpfe. Die Schlussfolgerungen, die sie daraus zieht, offenbaren jedoch einen zynischen Pragmatismus, der einer genaueren Analyse bedarf.</p>
<p>Diese Haltung, die sinnbildlich für einen breiteren Akteurstyp steht, wird oft mit großem moralischem Impetus vorgetragen, entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch als zutiefst widersprüchlich, intellektuell unredlich und in ihrem Kern zynisch.</p>
<p>Die persönliche Erschöpfung (Burnout) ist dabei oft nicht nur ein „Arbeitsunfall”, sondern die fast unvermeidliche materielle Konsequenz dieser ideologischen Widersprüche, die den Akteur in einen unlösbaren, selbstzerstörerischen Kampf zwingen.</p>
</section>
<section id="die-ideologie-das-deterministische-weltbild" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-ideologie-das-deterministische-weltbild">1. Die Ideologie: Das deterministische Weltbild</h2>
<p>Am Anfang dieser Haltung steht ein absolutistisches und deterministisches Weltbild. Eine spezifische Form der „strukturellen Ungerechtigkeit” (oft Rassismus) wird zu einer allumfassenden, totalisierenden Kraft erklärt.</p>
<p>In dieser Weltsicht ist das „System” die einzige Realität, das alle Akteure unausweichlich zu „Tätern oder Opfern” formt. Das Individuum und seine Fähigkeit zur moralischen Selbstreflexion und Handlungsfähigkeit werden für bedeutungslos erklärt. Eine Welt ohne diese alles bestimmende, negative Kraft scheint in dieser Perspektive nicht nur unmöglich, sondern ist nicht einmal denkbar.</p>
</section>
<section id="der-unlösbare-widerspruch-die-amoralische-doppelmoral" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-unlösbare-widerspruch-die-amoralische-doppelmoral">2. Der unlösbare Widerspruch: Die amoralische Doppelmoral</h2>
<p>Diese Ideologie zwingt ihre Anhänger nun in einen fatalen, unlösbaren Widerspruch – eine amoralische Doppelmoral, die das Handeln und die Ratschläge prägt.</p>
<ul>
<li><strong>Gegenüber der Gesamtgesellschaft (Extern):</strong> Hier wird eine unnachgiebige, maximale moralische Fallhöhe aufgebaut. Man fordert vehement den Kampf, das „Aufbegehren” gegen den als übermächtig dämonisierten externen Feind.</li>
<li><strong>Gegenüber der eigenen Gruppe (Intern):</strong> Hier bricht dieser moralische Anspruch vollständig in sich zusammen. Zuvor selbst als „schlecht und problematisch” analysierte Pathologien - etwa Narzissmus in Führungspositionen, toxisches Autoritäts- und Statusdenken oder Strukturen, die junge Talente fahrlässig „ausbrennen” lassen - werden plötzlich zu einer unantastbaren, „etablierten gelebten Praxis” (oder „Religiosität”) verklärt.</li>
</ul>
<p>Die klare moralische Verpflichtung, auch die eigenen Strukturen zu hinterfragen und zu verbessern, wird aktiv verneint. Es entsteht eine kognitive Dissonanz: Man soll einen unbesiegbaren externen Feind bekämpfen, darf aber die eigenen, dysfunktionalen Werkzeuge nicht reparieren.</p>
</section>
<section id="der-doppelte-zynismus-mittel-zum-zweck-nach-innen-und-außen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-doppelte-zynismus-mittel-zum-zweck-nach-innen-und-außen">3. Der doppelte Zynismus: „Mittel zum Zweck” nach Innen und Außen</h2>
<p>Dieser Pragmatismus gipfelt in einem doppelten Zynismus, der sich als „Mittel zum Zweck” tarnt und sowohl nach außen als auch nach innen wirkt.</p>
<p><strong>Erstens, der Missbrauch externer Strukturen:</strong> Ähnlich verlogen ist die Strategie, externe Förderstrukturen zu missbrauchen. Man postuliert, ein Problem (z.B. Islamismus) gäbe es in der Form nicht, leitet aber gleichzeitig Präventionsprojekte dagegen. Man nimmt Gelder von Strukturen (z.B. dem Staat), deren Motive man verachtet, um sie für einen „geheimen Zweck” – die Finanzierung der eigenen Agenda – zu verwenden, der dem Förderziel diametral entgegensteht.</p>
<p><strong>Zweitens, die Kapitulation nach Innen:</strong> Der Gipfel dieser Haltung ist der Ratschlag an junge, muslimische Engagierte, die internen, schädlichen Verbandsstrukturen ebenfalls nur als „Mittel zum Zweck” zu sehen und zur strategischen Akzeptanz zu schreiten. Anstatt sie zu ermutigen, diese Strukturen zu reformieren - was eigentlich in ihrer Macht läge -, sollen sie die Augen vor der internen Verkommenheit verschließen und sie als „etablierte gelebte Praxis” hinnehmen.</p>
</section>
<section id="das-symptom-der-burnout-als-konsequenz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-symptom-der-burnout-als-konsequenz">4. Das Symptom: Der Burnout als Konsequenz</h2>
<p>Der persönliche Burnout, den viele dieser Akteure erleben, ist die zwangsläufige physische Konsequenz dieses ideologischen Widerspruchs und des doppelten Zynismus. Der Versuch, in dieser kognitiven Dissonanz (unbesiegbarer externer Feind, unantastbare interne Pathologien, unaufrichtige externe Mittelbeschaffung) ethisch zu handeln, <em>muss</em> zur materiellen Erschöpfung führen. Die Praxis zerschellt an der unlogischen Theorie.</p>
</section>
<section id="fazit-die-bankrotterklärung-an-die-moral" class="level2">
<h2 data-anchor-id="fazit-die-bankrotterklärung-an-die-moral">5. Fazit: Die Bankrotterklärung an die Moral</h2>
<p>Diese Haltung ist moralisch verkommen. Sie ist die intellektuelle Bankrotterklärung einer Bewegung, die ihren eigenen ethischen Anspruch verrät. Sie ist eine zynische und unaufrichtige Kosten-Nutzen-Rechnung, die der Jugend rät , die Verantwortung für die Besserung im Inneren von vornherein zu opfern, um Ressourcen für den Kampf gegen die „verhasste Gesellschaft” zu haben.</p>
<p>Besonders problematisch ist diese Haltung mit Blick auf junge Akteure in der muslimischen Community: Zum einen nimmt sie ihnen die Hoffnung auf selbst die geringste Form der Wirkmächtigkeit im eigenen und gesellschaftlichen Leben, zum anderen leitet sie diese im Sinne eines neuen, vermeintlich „islamischen Aktivismus” dazu an, jegliche Moral über Bord zu werfen. Dies ist eine zutiefst disruptive und amoralische Haltung, deren langfristige gesellschaftliche Folgen nicht unterschätzt werden dürfen.</p>
<p>Eine Verantwortung, die nur selektiv gilt, ist keine. Eine Moral, die man nur von anderen einfordert, aber auf die eigene Gruppe nicht anwendet, ist pure Heuchelei. Diese Form des „Pragmatismus” widerspricht jeglichem, auch nur geringfügig auf Moralität und innerer Wahrhaftigkeit aufbauenden (religiösen) Selbstverständnis.</p>
<p>Wirkliche Verantwortung bedeutet, sich der Konsequenzen des eigenen Handelns <em>immer</em> bewusst zu sein und die Reproduktion <em>aller</em> schädlichen Strukturen zu bedenken, nicht nur derer, die man sich gerade als Gegner ausgesucht hat.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg04.met.vgwort.de/na/99d6b667741f41738b81780779d25a06.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/der-zynische-pragmatismus.html</guid>
  <pubDate>Fri, 14 Nov 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/3414d418085434c1b6733a40de27a861c146c53c-zerborsten.png" medium="image" type="image/png" height="43" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Zwischen Mystik und Soziologie</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/zwischen-mystik-und-soziologie.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/b565044e553634d89aff601f0eeac5d8b5c2eff7-mystik-soziologie2x.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Zwischen Mystik und Soziologie"></p>
<section id="ibni-arabi-im-dialog-mit-der-gegenwart" class="level2">
<h2 data-anchor-id="ibni-arabi-im-dialog-mit-der-gegenwart">Ibni Arabi im Dialog mit der Gegenwart</h2>
</section>
<section id="einleitung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="einleitung">Einleitung</h2>
<p>In einem in Kürze erscheinenden Beitrag liefert <a href="https://www.researchgate.net/profile/Selman-Dilek-2">Selman Dilek</a> einen faszinierenden und tiefgründigen Einblick in das Denken des großen Sufi-Meisters Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī (1165 - 1240 n.&nbsp;Chr.). Der Artikel mit dem Titel „Geschichtstheologische Begründung religiöser Vielfalt aus der Perspektive der islamischen Mystik“¹, der dankenswerterweise vorab zur Verfügung gestellt wurde, leistet eine wertvolle Übersetzungsarbeit: Er macht die komplexe, in einem tief religiösen Kontext entstandene Theologie Ibn Arabis für ein modernes, säkular geprägtes deutschsprachiges Publikum zugänglich und diskutierbar. Die Lektüre ist nicht nur eine intellektuelle Bereicherung, sondern auch ein Anstoß, unterschiedliche weltanschauliche Positionen zu schärfen.</p>
<p>Was bei der Lektüre sofort auffällt, sind erstaunliche strukturelle Ähnlichkeiten zwischen dem Denkgebäude Ibn Arabis und modernen philosophisch-soziologischen Modellen. Gleichzeitig treten fundamentale Unterschiede zutage, die einen Dialog zwischen diesen Weltsichten umso spannender machen. Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch einer solchen Auseinandersetzung - eine Replik, die Brücken zwischen der akbaritischen Mystik und einem kritisch-realistischen, soziologischen Denken schlägt, aber auch die Gräben nicht verschweigt, die zwischen ihnen liegen.</p>
</section>
<section id="die-brücken-wo-sich-mystik-und-kritische-soziologie-treffen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-brücken-wo-sich-mystik-und-kritische-soziologie-treffen">Die Brücken: Wo sich Mystik und kritische Soziologie treffen</h2>
<p>Auf den ersten Blick mögen die Welten der islamischen Mystik des 13. Jahrhunderts und der modernen Soziologie unvereinbar scheinen. Doch bei genauerer Betrachtung offenbaren sich mindestens drei zentrale Berührungspunkte, die zeigen, wie hier ähnliche Grundprobleme der menschlichen Existenz verhandelt werden.</p>
<ol type="1">
<li><p><strong>Die geschichtete Realität und der kritische Realismus:</strong> Dilek führt aus, dass in Ibn Arabis Lehre die göttliche Essenz (<em>ḏāt</em>) als solche „nie vollständig fassbar“ ist. Der Mensch hat es immer nur mit ihren Manifestationen (<em>tağallī</em>) zu tun. Dies ist eine verblüffende theologische Parallele zu Positionen des <strong>kritischen Realismus</strong> , die von einer ontologisch unabhängigen Realität ausgehen, welche für den Menschen jedoch stets nur vermittelt zugänglich ist. Unser Wissen über die Realität ist demnach immer eine Konstruktion, die durch biologische, soziale und sprachliche Werkzeuge geformt wird. Sowohl Ibn Arabi als auch der kritische Realismus entgehen so dem naiven Realismus (der glaubt, die Welt „so zu sehen, wie sie ist“) und dem radikalen Konstruktivismus (der die Existenz einer unabhängigen Realität leugnet).</p></li>
<li><p><strong>Die Überwindung der Dichotomien:</strong> Die akbaritische Mystik löst starre Gegensätze wie Einheit/Vielheit oder Transzendenz/Analogie dialektisch auf. Besonders aufschlussreich ist die Beschreibung, wie die universelle „Struktur“ der göttlichen Namen erst durch die konkrete „Handlung“ der Propheten in ihrem spezifischen historischen Kontext wirksam wird. Dies erinnert stark an den soziologischen Versuch, die Dichotomie von Struktur und Handlung zu überwinden. So wie bei Bourdieu der <strong>Habitus</strong> - als verkörperte, im neuronalen System verankerte Geschichte - auf ein soziales Feld trifft und Praxis erzeugt, so wird bei Ibn Arabi die göttliche Ordnung erst durch die Praxis der Propheten und ihrer Gemeinschaften zur gelebten Realität. Diese Perspektive bietet einen theologischen Rahmen, um eine starre, ahistorische Scharia-Vorstellung zu überwinden. Die Schaffung einer neuen, den lebensweltlichen Herausforderungen angepassten Praxis könnte so manchem, der Moderne gegenüber skeptischen, gläubigen Muslim dann nicht mehr als defizitär erscheinen, sondern als authentische Methode der Umsetzung des göttlichen Willens in genuin menschliches Handeln.</p></li>
<li><p><strong>Historizität und die Rolle der Praxis:</strong> Dilek betont, dass die Scharia bei Ibn Arabi eine „dynamische Entwicklung“ durchläuft und die Weisheit der Propheten von den „Möglichkeiten ihrer Völker geprägt“ ist. Dies ist ein interessantes Plädoyer gegen einen starren, ahistorischen Dogmatismus. Besonders die Analyse von Abrahams Traum macht dies deutlich: Die reine, innere Eingebung (<em>ḫayāl</em>) muss durch Interpretation und vernunftgeleitete Deutung in die äußere Praxis übersetzt werden. Ohne diesen Schritt bleibt sie unvollständig oder führt gar in die Irre. Hier zeigt sich ein Primat der Praxis, der die Religion vor der Erstarrung im rein Rituellen oder dogmatisch Abstrakten bewahrt. Gerade diese Anerkennung der Historizität eröffnet die Möglichkeit, bestehende theologisch-historische Traditionen zu würdigen und gleichzeitig, in diesem Geiste, neue, zeitgemäße Wege zu beschreiten.</p></li>
</ol>
</section>
<section id="die-gräben-ontologie-teleologie-und-die-frage-nach-der-wirklichkeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-gräben-ontologie-teleologie-und-die-frage-nach-der-wirklichkeit">Die Gräben: Ontologie, Teleologie und die Frage nach der Wirklichkeit</h2>
<p>So faszinierend diese Brücken sind, so unübersehbar sind die fundamentalen Differenzen in den Ausgangspunkten. Diese lassen sich in drei Kernfragen zusammenfassen, die den Dialog zwischen den beiden Denkansätzen herausfordern.</p>
<ol type="1">
<li><p><strong>Die ontologische Prämisse: Objektiver Idealismus vs.&nbsp;Kritischer Realismus:</strong> Für Ibn Arabi ist die Vielfalt der Welt eine objektive Selbst-Offenbarung Gottes im Rahmen der Einheit des Seins (<em>waḥdat al-wuğūd</em>). Eine Perspektive, die sich einem kritischen Realismus verpflichtet fühlt, würde demgegenüber argumentieren, dass diese Vielfalt an ethischen und religiösen Vorstellungen ein <strong>emergentes Phänomen</strong> ist. Sie sind das Produkt menschlicher Gesellschaften - „imaginierte Ordnungen“ (Harari) oder „soziale Konstruktionen der Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann), die jedoch eine reale Wirkmacht entfalten, weil sie sich im dynamischen Wechselspiel von materieller Konstitution, gelebter Praxis und symbolischer Konstruktion entfalten. Die Frage lautet also: Ist die Ordnung, die wir wahrnehmen, die Manifestation einer transzendenten Einheit oder eine emergente Eigenschaft komplexer, materieller Systeme?</p></li>
<li><p><strong>Teleologie vs.&nbsp;Kontingenz:</strong> Ibn Arabis Geschichtsbild ist, wie Dilek zeigt, zutiefst <strong>teleologisch</strong> - es beschreibt einen Prozess mit einem klaren Ziel: die „Vervollkommnung des Kreises der Gottesfreundschaft“. Aus einer soziologisch-historischen Perspektive, die von Denkern wie Foucault geprägt ist, erscheint Geschichte jedoch radikal kontingent: ein offener, zielloser Prozess, geformt durch Machtkämpfe, Zufälle und unbeabsichtigte Folgen. Ziele und Sinn werden erst in der Rückschau konstruiert. Unterschätzt eine teleologische Sichtweise nicht zwangsläufig die brutale Zufälligkeit und die oft alles andere als heilsamen Machtdynamiken, die unsere Geschichte, aber gerade auch die islamische Geschichtsschreibung formen? Wie integriert das akbaritische System das Böse, das Leid und das Sinnlose in seinen Heilsplan, ohne es zu verharmlosen?</p></li>
<li><p><strong>Der Status der Imagination:</strong> Ibn Arabi wertet die Imagination (<em>ʿālam al-ḫayāl</em>) zu einer ontologisch realen Zwischenwelt auf. In einem soziologisch-naturalistischen Denkrahmen ist Imagination primär eine neuro-kognitive Fähigkeit, die Teil der Ausstattung des Menschen als durch und durch <strong>biologisch-soziales Hybridwesen</strong> ist. Sie erlaubt es, mentale Modelle der Wirklichkeit zu erschaffen. Die tiefe Einsicht Ibn Arabis, dass Menschen Gott gemäß ihrer eigenen Vorstellungskraft erfahren, würde hier als psychologischer und soziologischer Fakt gedeutet. Sein System gibt diesem Fakt eine metaphysische Realität. Was würde sich ändern, wenn man die <em>ʿālam al-ḫayāl</em> nicht als ontologische Ebene, sondern als Metapher für die kreative, wirklichkeitskonstituierende Kraft des menschlichen Geistes liest?</p></li>
</ol>
</section>
<section id="die-pragmatische-wende-was-bewirkt-eine-theologie-in-der-welt" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-pragmatische-wende-was-bewirkt-eine-theologie-in-der-welt">Die pragmatische Wende: Was bewirkt eine Theologie in der Welt?</h2>
<p>Diese philosophischen Differenzen sind keine abstrakten Gedankenspiele. Sie führen zu einer entscheidenden, pragmatischen Frage, die vor dem Hintergrund früherer Analysen zur innerislamischen Pluralität besonders relevant wird. In einem früheren Beitrag zur <a href="https://karahan.net/de/blog/die-wuerde-des-menschen-im-islamischen-denken">Menschenwürde im islamischen Denken</a> wurde als Fazit formuliert:</p>
<blockquote class="blockquote">
<p>Die Menschenwürde im islamischen Denken ist ein vielschichtiges Konzept, das von theologischen, philosophischen und historischen Prämissen geprägt ist. Während die Asch’ariten die göttliche Allmacht betonen und den Menschen als passiven Empfänger göttlicher Gnade betrachten, heben die Maturiditen die Rolle der Vernunft, der Freiheit und der Verantwortung des Menschen hervor.</p>
<p>Es liegt an der heutigen Generation, die Vielfalt der Traditionen zu nutzen, um eine zeitgemäße Perspektive zu entwickeln. Diese Perspektive kann sowohl den islamischen Quellen treu bleiben als auch den aktuellen Herausforderungen gerecht werden. Die Würde des Menschen im islamischen Denken sollte nicht als starres Dogma verstanden werden, sondern als dynamisches Konzept, das immer wieder neu interpretiert und entfaltet werden kann.</p>
</blockquote>
<p>In diesem Artikel wird aufgezeigt, dass es einen erheblichen Unterschied macht, mit welchem der vielen möglichen Gottes- und Menschenverständnisse man Theologie und religiöse Praxis gestaltet. Der vorliegende Beitrag zu Ibn Arabi schließt dabei eine Lücke, da die sufische Perspektive in der damaligen Analyse bewusst ausgeklammert wurde. Hier stellt sich nun die Frage, ob die akbaritische Gottes-, Welt- und Menschenvorstellung einen Beitrag leisten kann, Muslimen mit einem Übersetzungsinteresse im Habermasschen Sinne - und dem Ziel, ein authentisch-muslimisches Leben in einem säkularen und pluralen Kontext zu formulieren - einen theologischen Umsetzungsrahmen oder zumindest Anreize für eine notwendig neue Theologie anzubieten.</p>
<p>Die <strong>große Stärke</strong> der akbaritischen Theologie liegt unbestreitbar in der Formung eines innerlich gefestigten, intellektuell bescheidenen und ethisch toleranten Individuums. Die Deutung des Götzendienstes als Verabsolutierung der eigenen Vorstellung erzieht zur epistemologischen Bescheidenheit. Die Formel „Gotteskenntnis durch Selbsterkenntnis“ macht Religion zu einem tiefen Projekt der Selbstreflexion. Sie wäre ein kraftvolles Gegenmittel gegen Dogmatismus und Fanatismus und könnte ihre Anwender zu einem friedlichen Zusammenleben in einer pluralen Welt befähigen.</p>
<p>Ihre <strong>größte Ambivalenz</strong> zeigt sich jedoch in der sozial-politischen Praxis. Wenn alles, auch Leid und Unterdrückung, letztlich eine Manifestation eines göttlichen Namens in einem allumfassenden Heilsplan ist, birgt dies die Gefahr des <strong>Quietismus</strong> : einer passiven Hinnahme des Status quo als gottgewollt. Das System scheint mehr auf die <strong>Vervollkommnung des Selbst</strong> als auf die <strong>Verbesserung der Welt</strong> ausgerichtet zu sein. Es beantwortet die Frage „Wie werde ich ein besserer Mensch?“ auf brillante Weise. Aber es lässt die Frage „Wie schaffen wir eine gerechtere Gesellschaft?“ gefährlich offen. Befähigt diese Theologie ihre Anhänger, sich gegen Ausgrenzung und Ungerechtigkeit zu stellen, oder liefert sie ihnen am Ende eine hochdifferenzierte Begründung für den Rückzug in die innere Emigration? Diese Frage ist zentral, da gerade auch für unsere gemeinsame Zukunft hier in Deutschland die gesellschaftspolitische Handlungsfähigkeit muslimischer Akteure eine der Kernherausforderungen darstellt (vgl. <a href="https://karahan.net/de/blog/sprache-religion-islam">Deutschlands Islamdiskurs: Wie eine falsche Religionspolitik und muslimische Verbände uns die Zukunft verbauen</a>).</p>
<table class="caption-top table">
<colgroup>
<col style="width: 33%">
<col style="width: 33%">
<col style="width: 33%">
</colgroup>
<thead>
<tr class="header">
<th>Merkmal</th>
<th>Ibn Arabis Mystik</th>
<th>Kritische Soziologie</th>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr class="odd">
<td><strong>Primäres Ziel</strong></td>
<td>Vervollkommnung des Selbst</td>
<td>Verbesserung der Gesellschaft</td>
</tr>
<tr class="even">
<td><strong>Zentrale Frage</strong></td>
<td>„Wie werde ich ein besserer Mensch?”</td>
<td>„Wie schaffen wir eine gerechtere Gesellschaft?”</td>
</tr>
<tr class="odd">
<td><strong>Stärke</strong></td>
<td>Epistem. Bescheidenheit, Toleranz, innere Resilienz</td>
<td>Analyse von Machtstrukturen, Impuls zur Veränderung</td>
</tr>
<tr class="even">
<td><strong>Gefahr / Ambivalenz</strong></td>
<td>Politischer Quietismus, Passivität</td>
<td>Platter Materialismus, Sinnverlust</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</section>
<section id="fazit-ein-notwendiger-dialog" class="level2">
<h2 data-anchor-id="fazit-ein-notwendiger-dialog">Fazit: Ein notwendiger Dialog</h2>
<p>Die Auseinandersetzung mit der von Selman Dilek so klar aufbereiteten Theologie Ibn Arabis ist mehr als eine historische Übung. Sie zwingt zur Überprüfung der Fundamente des eigenen Denkens. Die akbaritische Mystik bietet eine beeindruckende Vision von innerem Frieden, Toleranz und intellektueller Bescheidenheit. Ihre mögliche Tendenz zum politischen Quietismus bleibt jedoch eine kritische Anfrage, die gerade heute, in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Widersprüche, nicht ignoriert werden kann.</p>
<p>Der Dialog zwischen diesen Welten – der mystisch-theologischen und der soziologisch-analytischen – ist notwendig. Er schützt die eine vor politischer Naivität und die andere vor einem platten Materialismus, der die tiefen Sinnstrukturen menschlicher Existenz übersieht. Dileks Arbeit ist ein willkommener Anstoß für genau diesen Dialog.</p>
<hr>
<p>¹ Der Beitrag wird im November 2025 im Sammelband „<a href="https://amzn.to/3XaaIXz">Frieden in Vielfalt: Eine interdisziplinäre Spurensuche</a>“ (ext. Amazon-Partner-Link) (falsafa. Jahrbuch für islamische Religionsphilosophie, Bd. 6), herausgegeben von A. M. Karimi im Karl-Alber-Verlag, auf den Seiten 87-123 erscheinen. Eine Vorabversion ist zudem auf <a href="https://www.researchgate.net/publication/396741905_Geschichtstheologische_Begrundung_religioser_Vielfalt_aus_der_Perspektive_der_islamischen_Mystik">ResearchGate</a> abrufbar.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/cf8c860714154e0c99f9c586fe2b8267.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Soziale-Arbeit</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/zwischen-mystik-und-soziologie.html</guid>
  <pubDate>Thu, 30 Oct 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/b565044e553634d89aff601f0eeac5d8b5c2eff7-mystik-soziologie2x.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Systemwandel in der IGMG?</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/systemwandel-in-der-igmg.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/systemwandel_igmg2.png" class="img-fluid feature-image" alt="Systemwandel in der IGMG?"></p>
<section id="die-zementierung-von-alleinherrschaft-und-die-erosion-eines-muslimischen-verbands" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-zementierung-von-alleinherrschaft-und-die-erosion-eines-muslimischen-verbands">Die Zementierung von Alleinherrschaft und die Erosion eines muslimischen Verbands</h2>
<p>Die <a href="https://www.igmg.org">Islamische Gemeinschaft Millî Görüş</a> e. V. (IGMG) befindet sich in einer weiteren tiefen institutionellen Krise. Diese wurde durch die Satzungsänderung auf dem Generalkongress am 19. Mai 2024 ausgelöst, die das Amt des <strong>„Mütevelli Heyeti Başkanlığı“</strong> (Vorsitz des Stiftungsrates/Kuratoriums - Abk.: MHB) einführte (Çiftçi 2025). Für die Kritiker des Verbandes markiert dieser Schritt den Höhepunkt eines Prozesses, der die IGMG von einer dem eigenen Anspruch nach zivilgesellschaftlichen Organisation hin zu einer stark <strong>autoritären, personenorientierten Struktur</strong> führt, wie der Ehrenvorsitzende <a href="https://www.youtube.com/watch?v=VJyYtvzz6pg">Yavuz Çelik Karahan</a> (im Folgenden YÇK, nicht mit dem Autor verwandt) (2025) ausführt. Diese Entwicklung manifestiert die generellen Herausforderungen muslimischer Repräsentanzstrukturen in Europa, insbesondere im Hinblick auf mangelnde Transparenz, die Dominanz einzelner Führungspersonen und eine wieder erstarkte <em><a href="https://karahan.net/de/blog/heimat-finden-im-fremden">Herkunftslandorientierung</a></em> (Karahan 2022d).</p>
<p>Die Kritik an dieser Entwicklung kommt prominent aus den eigenen Reihen, insbesondere vom ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden <strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Jf84LMVx2Rc">Hakkı Çiftçi</a></strong> und dem Ehrenvorsitzenden <strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=VJyYtvzz6pg">YÇK</a></strong>. Ihre Analysen, festgehalten in zwei Video-Statements, beschreiben detailliert, wie die Führung unter Kemal Ergün die organisationelle Kontrolle zentralisiert und bereits schwache demokratische Mechanismen weiter ausgeschaltet hat.</p>
</section>
<section id="der-strategische-umbau-ein-amt-für-den-amtsinhaber" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-strategische-umbau-ein-amt-für-den-amtsinhaber">1. Der strategische Umbau: Ein Amt für den Amtsinhaber</h2>
<p>Die Einführung des Mütevelli Heyeti Başkanlığı (MHB) passt insofern auch in die Entwicklungen, die ich bereits 2020 in dem Beitrag <a href="https://www.karahan.net/de/blog/transformation-rueckwaerts">„Transformationsprozess im Rückwärtsgang?“</a> (Karahan 2020b) prognostiziert hatte.</p>
<section id="die-konstruktion-des-mhb" class="level3">
<h3 data-anchor-id="die-konstruktion-des-mhb">Die Konstruktion des MHB</h3>
<p>Die Satzung schreibt vor, dass die Position des MHB nur von Personen besetzt werden kann, die zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten von jeweils fünf Jahren als IGMG-Vorsitzender absolviert haben. Hakkı Çiftçi (2025) stellt fest, dass <strong>Kemal Ergün die einzige Person ist, die diese Voraussetzung erfüllt</strong>. YÇK, der ebenfalls zwei Amtszeiten absolvierte, diente vor 2011, als die Amtszeiten noch vier Jahre betrugen, und fällt somit nicht unter die Regelung. Dies lässt laut Çiftçi (2025) darauf schließen, dass die Satzung (türk. <em>Tüzük</em>) <strong>„vollständig auf die Person Kemal Ergüns zugeschnitten“</strong> sei.</p>
<p>Hakkı Çiftçi (2025) analysiert, dass die MHB-Struktur Kemal Ergün <em>de facto</em> in die Rolle des <strong>„Vakıf Sahibi“</strong> (Gründer/Eigentümer der Stiftung) versetzt. Das entscheidende Merkmal dieses neuen Systems sei die <strong>fehlende Rechenschaftspflicht</strong>. In der IGMG sei ein System etabliert worden, in dem niemand zur Verantwortung gezogen werden könne. Im Gegensatz zur traditionellen islamischen Rechtsauffassung, wo der Mütevelli einem Richter (<em>Hakim</em>) untersteht und kontrolliert werden kann, seien in der IGMG die Kontrollbereiche der Führungsperson Ergün selbst überlassen (Çiftçi 2025).</p>
</section>
<section id="die-aushöhlung-der-mitwirkung-der-basis" class="level3">
<h3 data-anchor-id="die-aushöhlung-der-mitwirkung-der-basis">Die Aushöhlung der Mitwirkung der Basis</h3>
<p>Das neue Amt hebelt die <strong>Mitwirkung der Basis</strong> wenigstens durch die Delegierten aus. Der MHB (Ergün) ernennt künftig drei Kandidaten für den Generalvorsitz.</p>
<p>Çiftçi (2025) beschreibt diesen Prozess als eine <strong>„Hülle“</strong> (türk. <em>hülle</em> : Tarnung), da der Mütevelli Heyeti ohne seinen Präsidenten Ergün <strong>weder tagen noch Entscheidungen treffen</strong> könne. Da die Wahlkommission anschließend vom Mütevelli Heyeti geleitet wird, führt Kemal Ergün auch hier automatisch den Vorsitz. Die Delegierten erhalten somit lediglich die vom MHB vorbereiteten und zur Abstimmung gestellten Kandidaten. Çiftçi (2025) konstatiert, dass dadurch die Wahl- und Stimmrechte der Organisation <strong>„vollständig usurpiert/geraubt (türk._gaspedilmek_) und ihre freie Willensbildung zerstört“</strong> werden. Er warnt, dass lediglich zwei weitere Satzungsänderungen nach 2026 zu einer <strong>„Vater-zu-Sohn-Sultanat“</strong> (türk. <em>Saltanat</em>) führen könnten.</p>
</section>
</section>
<section id="der-weg-zur-machtkonzentration-und-die-eliminierung-der-kontrolle" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-weg-zur-machtkonzentration-und-die-eliminierung-der-kontrolle">2. Der Weg zur Machtkonzentration und die Eliminierung der Kontrolle</h2>
<p>Der Systemwechsel von 2024 ist der Endpunkt einer stufenweisen Machtkonzentration, die der IGMG-Führung seit 2011 vorgeworfen wird.</p>
<section id="gebrochene-versprechen-und-schrittweise-anpassung" class="level3">
<h3 data-anchor-id="gebrochene-versprechen-und-schrittweise-anpassung">Gebrochene Versprechen und schrittweise Anpassung</h3>
<p>Bei Amtsantritt im Jahr 2011 hatte Kemal Ergün laut Hakkı Çiftçi (2025) öffentlich zugesichert, <strong>nicht mehr als zwei Amtszeiten</strong> zu dienen. Er begründete dies damit, dass er lange Amtszeiten als <strong>moralisch unvertretbar</strong> ansehe, da diese zu <strong>„Inkompetenz, Rechtswidrigkeit, Korruption und Unmoral“</strong> (türk. <em>liyakaatsizlik, hukuksuzluk, yolsuzluk, ahlaksızlık</em>) führen und diese Verfehlungen systemisch werden könnten.</p>
<p>Trotz dieser öffentlichen Bekenntnisse zeigen die strukturellen Anpassungen, dass die langfristige Sicherung der Führungsposition verfolgt wurde (nach Darstellung von Çiftçi und YÇK):</p>
<ul>
<li><strong>2016:</strong> Einführung einer <strong>Idare Komisyonu</strong> (Verwaltungskommission).</li>
<li><strong>2018:</strong> Eine Satzungsänderung sichert die <strong>dritte Amtszeit</strong> als <em>Istisna</em> (Ausnahme).</li>
<li><strong>2021:</strong> Die Idare Komisyonu (Verwaltungskommission) wird in <strong>„Mütevelli“</strong> umbenannt.</li>
<li><strong>2024:</strong> Die Einführung des <strong>„Mütevelli Heyeti Başkanlığı“</strong>.</li>
</ul>
<p>Çiftçi (2025) beschreibt, dass Ergün diese Schritte <strong>„heimlich, hinterlistig“</strong> unternommen habe, um die IGMG <strong>„zu seinem Privateigentum zu machen“</strong>.</p>
</section>
<section id="abschaffung-der-letzten-kontrollinstanz" class="level3">
<h3 data-anchor-id="abschaffung-der-letzten-kontrollinstanz">Abschaffung der letzten Kontrollinstanz</h3>
<p>Mit der Etablierung des MHB-Systems ist der <strong>Denetleme Kurulu (Revisionsausschuss)</strong> das einzige verbleibende Führungsorgan, das nicht von Kemal Ergün ernannt wird. Ehemalige Generalvorsitzende, darunter YÇK, sind laut der Satzung von 2011 <strong>auf Lebenszeit</strong> Mitglieder dieses Ausschusses (Çiftçi 2025).</p>
<p>Die IGMG-Führung plane, diese unabhängige Instanz ebenfalls zu beseitigen: Ein weiterer Generalkongress ist für den <strong>2. November 2025</strong> anberaumt, um den Revisionsausschuss <strong>„vollständig abzuschaffen“</strong> , so Çiftçi (2025). Die Kritiker sehen hierin den Versuch Ergüns, sich von denjenigen zu befreien, die ihm <strong>„Rechenschaft stellen“</strong> und <strong>„Informationen“</strong> verlangen könnten.</p>
</section>
</section>
<section id="die-eskalation-und-die-inszenierung-der-führungsfigur" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-eskalation-und-die-inszenierung-der-führungsfigur">3. Die Eskalation und die Inszenierung der Führungsfigur</h2>
<p>Die mangelnde Transparenz der Prozesse führte zum organisierten Widerstand des Ehrenvorsitzenden YÇK.</p>
<section id="rechtswidrige-verfahren-und-juristische-konfrontation" class="level3">
<h3 data-anchor-id="rechtswidrige-verfahren-und-juristische-konfrontation">Rechtswidrige Verfahren und juristische Konfrontation</h3>
<p>YÇK (2025), der als Ehrenvorsitzender, Delegierter und Mitglied des Revisionsausschusses fungiert, berichtet, dass ihm <strong>bis zum 10. Mai 2024</strong> <strong>keinerlei Informationen</strong> über die Generalversammlung (Einladung, Protokoll, Satzungsänderungen) vorlagen.</p>
<p>YÇK (2025) forderte Kemal Ergün in einem Treffen auf, den Kongress abzusagen, da die Durchführung <strong>„den Verfahrensvorschriften und der Satzung nicht entspräche“</strong>. Nachdem der Dialog blockiert wurde – YÇK berichtet, dass Ergün seinen Telefonkontakt blockiert hatte – und auch ein schriftlicher Appell per Einschreiben im August 2024 unbeantwortet blieb, sahen sich YÇK und andere Delegierte gezwungen, <strong>rechtliche Schritte</strong> einzuleiten. Die Klage beim <strong>Registergericht</strong> erfolgte am 24. Mai 2024. YÇK (2025) erklärte, die Klage sei notwendig geworden, weil das neue Statut die Schaffung eines <strong>Mütevelli Heyeti</strong> vorsah, wodurch der MHB (also Kemal Ergün) zur <strong>„einzigen autorisierten Person in der IGMG“</strong> würde, was dem System der Organisation widerspreche.</p>
</section>
<section id="diffamierung-und-juristische-gegenmaßnahmen" class="level3">
<h3 data-anchor-id="diffamierung-und-juristische-gegenmaßnahmen">Diffamierung und juristische Gegenmaßnahmen</h3>
<p>Die IGMG-Führung reagierte auf die internen Kritiker mit Repressalien berichten Çiftçi und YÇK:</p>
<ul>
<li>Gegen YÇK wurde von Ergüns Anwälten eine <strong>„ Schadenersatzklage in Höhe von 250.000 Euro”</strong> (wahrscheinlich ist damit eine Unterlassungsverfügung gemeint, Anm. d.&nbsp;Autors) sowie eine <strong>Strafanzeige</strong> (wahrscheinliche Strafbewährung der Unterlassungsverfügung, Anm. d.&nbsp;Autors) eingereicht (YÇK 2025).</li>
<li>Ihm wurde vorgeworfen, den Titel <strong>„Ehrenvorsitzender“</strong> (<em>Onursal Başkan</em>) selbst erfunden zu haben. YÇK (2025) betont, dass dieser Titel ihm jedoch auf dem Generalkongress 2011 durch alle Delegierten verliehen wurde.</li>
</ul>
<p>Die Auseinandersetzung zwischen zwei ehemaligen Generalvorsitzenden ist laut YÇK (2025) <strong>„gewissensverletzend, traurig und eine sehr negative Entwicklung“</strong>. Zudem seien unterstützende Delegierte und Mitarbeiter <strong>„Drohungen, Erpressungen und Diffamierungen“</strong> ausgesetzt gewesen; einige hätten sogar <strong>„mit ihren Familien und Kindern verbundene Drohungen“</strong> per anonymem Anruf erhalten (YÇK 2025).</p>
</section>
<section id="die-öffentliche-inszenierung-der-führung" class="level3">
<h3 data-anchor-id="die-öffentliche-inszenierung-der-führung">Die öffentliche Inszenierung der Führung</h3>
<p>Die interne Kritik, dass die Organisation vollständig auf Ergün zugeschnitten wird, wird aktuell durch die öffentliche Kommunikation von aktiven Funktionären in den Social-Media-Kanälen der Zentrale und der Regionalverbände scheinbar unfreiwillig bestätigt. Die Kanäle werden mit Videos und Memes geflutet, die Kemal Ergün als zentrale Figur darstellen und eine <strong>völlige Überhöhung der Person</strong> Ergüns demonstrieren. Die Machart dieser Materialien ähnelt stark den offiziellen Publikationsformaten der IGMG, was die Vermutung einer gemeinsamen, zentralen Quelle für die Erstellung und Verbreitung nahelegt.</p>
<p>Diese Inszenierung verstärkt die von Çiftçi (2025) geäußerte Sorge, dass Führungspersönlichkeiten in muslimischen Gemeinschaften dazu neigen könnten, Macht unbegrenzt zu nutzen und möglicherweise <strong>„mit göttlichem Attribut“</strong> (türk. <em>uluhiyet vasfıyla</em>) zu handeln. YÇK (2025) merkte in diesem Zusammenhang an, dass Ergün mit dem Mütevelli-System den Anspruch erhebe, nicht nur IGMG-Vorsitzender zu sein, sondern <strong>„der Führer der Millî Görüş Bewegung“</strong> (türk. <em>Milli Görüşün lideri</em>).</p>
</section>
</section>
<section id="strukturelle-defizite-und-die-gefahr-der-autokratie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="strukturelle-defizite-und-die-gefahr-der-autokratie">4. Strukturelle Defizite und die Gefahr der Autokratie</h2>
<p>Die internen Auseinandersetzungen in der IGMG reflektieren strukturelle Herausforderungen, wie mangelnde Transparenz, fehlende Kontrolle und die Dominanz einzelner Führungspersonen. Die IGMG zieht sich bereits seit Längerem weitgehend aus deutschsprachigen öffentlichen Diskursen zurück.</p>
<p>Çiftçi (2025) befürchtet, dass das neue System die Tür für <strong>Inkompetenz, Unmoral, Rechtswidrigkeiten und Korruption</strong> öffnet, da niemand mehr Rechenschaft verlangen kann. Er erinnert daran, dass die Organisation das <strong>„Vermächtnis der Umma“</strong> sei, aufgebaut durch die Opfer unzähliger „ungenannter Helden“, und nicht das Privateigentum von Kemal Ergün.</p>
<p>Nach Çiftçi entspricht die Führungsstruktur bereits 2021, laut seiner damaligen Kritik, dem <strong>„<a href="https://www.karahan.net/de/blog/vorstandskrise-igmg">Brauch der Sultane</a>“</strong> (türk. <em>saltanat</em>), da die <strong>„persönliche Entscheidungsmacht“</strong> alles vereinnahme (Karahan 2021a). Er kritisiert zudem, dass die Mechanismen, die bei strukturellen Entscheidungen wie Wahlen oder Satzungsänderungen angewandt wurden, dem <strong>„iranischen Schia-Modell“</strong> glichen, da sie nachträglich nur die Genehmigung autoritärer Zwänge darstellten (Karahan 2021a).</p>
<p>Die aktuelle Krise untermauert die Beobachtung, dass sich <strong>am gesamtgesellschaftlichen Zusammenleben desinteressierte, herkunftslandorientierte Funktionsträger in den Ämtern festgesetzt</strong> haben (Karahan 2022d), während die IGMG Gefahr läuft, vollständig in eine autokratische Struktur überführt zu werden. Die juristischen Schritte von YÇK und anderen Delegierten könnten zwar ein Versuch sein, die institutionellen Prinzipien und die Rechtsstaatlichkeit innerhalb der Organisation zu verteidigen. Große Erfolgsaussichten dürften sie jedoch nicht haben.</p>
<hr>
</section>
<section id="quellenverzeichnis" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellenverzeichnis">Quellenverzeichnis</h2>
<p><strong>Çiftçi, Hakkı (2025).</strong> <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Jf84LMVx2Rc">IGMG’nin eski Başkan Yardımcısı Hakkı Çiftçi, IGMG tüzüğüne dayalı olarak tüm detayları açıklıyor</a>. Video-Statement, veröffentlicht am 25.10.2025.</p>
<p><strong>Karahan, Engin (2020a).</strong> <a href="https://karahan.net/de/blog/franzoesische-revolution-igmg">Französische Revolution in der IGMG - eine IGMG, viele Gesichter?</a>. Veröffentlicht am 21.11.2020 auf karahan.net.</p>
<p><strong>Karahan, Engin (2020b).</strong> <a href="https://karahan.net/de/blog/transformation-rueckwaerts">Transformationsprozess im Rückwärtsgang?</a>. Veröffentlicht am 18.10.2020 auf karahan.net.</p>
<p><strong>Karahan, Engin (2021a).</strong> <a href="https://www.karahan.net/de/blog/vorstandskrise-igmg">Vorstandskrise am Vorabend der IGMG Generalversammlung</a>. Veröffentlicht am 31.05.2021 auf karahan.net.</p>
<p><strong>Karahan, Engin (2022a).</strong> <a href="https://karahan.net/de/blog/spannungen-in-der-igmg-in-frankreich">Frankreichs Islampolitik führt zu Spannungen in der IGMG</a>. Veröffentlicht am 22.03.2022 auf karahan.net.</p>
<p><strong>Karahan, Engin (2022b).</strong> <a href="https://karahan.net/de/blog/dilettantismus-muslimische-gemeinschaft-belgien">Dilettantismus oder was die muslimische Gemeinschaft Besseres verdient hat</a>. Veröffentlicht am 26.10.2022 auf karahan.net.</p>
<p><strong>Karahan, Engin (2022c).</strong> <a href="https://karahan.net/de/blog/igmg-ohne-milli-gorus-fakt-oder-fiktion">IGMG ohne “Milli Görüş” - Fakt oder Fiktion?</a>. Veröffentlicht am 28.01.2022 auf karahan.net.</p>
<p><strong>Karahan, Engin (2022d).</strong> <a href="https://karahan.net/de/blog/heimat-finden-im-fremden">Heimat finden im Fremden? Auseinandersetzungen in der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş e. V. (IGMG) zwischen Ankommen und Fremdbleiben</a>. Veröffentlicht am 04.11.2022 auf karahan.net.</p>
<p><strong>Karahan, Yavuz Çelik (YÇK) (2025).</strong> <a href="https://www.youtube.com/watch?v=VJyYtvzz6pg">IGMG’nin eski Genel Başkanı ve Onursal Başkanı Yavuz Çelik Karahan önemli açıklamalar</a>. Video-Statement, veröffentlicht am 25.10.2025.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/979a6a25b2104a7287ea5d5fbb89ab0b.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/systemwandel-in-der-igmg.html</guid>
  <pubDate>Tue, 28 Oct 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/systemwandel_igmg2.png" medium="image" type="image/png" height="43" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Die Komfortzone der Komplexität</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-komfortzone-der-komplexitaet.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/533ca333cc607b7258321ed216303fadc9847869-global-lokal-up2x.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Die Komfortzone der Komplexität"></p>
<section id="anatomie-einer-verantwortungsflucht" class="level2">
<h2 data-anchor-id="anatomie-einer-verantwortungsflucht">Anatomie einer Verantwortungsflucht</h2>
<p>Mein Beitrag „<a href="../../publikationen/posts/nahost-debatte-aufrichtigkeit-vor-theorie.html">Nahost-Debatte: Aufrichtigkeit vor Theorie</a>“ zielte darauf ab, eine Debatte über Verantwortung muslimischer Akteure und Verbände im Hier und Jetzt anzustoßen. Einige Reaktionen, insbesondere aus der erweiterten muslimischen Community, möchte ich hier gerne aufgreifen. Dabei geht es mir nicht darum, den Nahost-Beitrag zu verteidigen. Die Reaktionen sind vielmehr höchstwillkommene Paradebeispiele für tief verankerte Abwehrmechanismen, denen wir im innermuslimischen Diskurs und auch im Diskurs über den Islam immer wieder begegnen. #</p>
<p>Das eingegangene Feedback bietet daher eine willkommene Gelegenheit, drei dieser Phänomene genauer zu analysieren: die Flucht in die Geopolitik, den Schutzschild der Vielfalt und das instrumentelle Verhältnis zur Staatlichkeit und Herkunftslandloyalität. Zuerst möchte ich jedoch einen zusammenfassenden Einblick in die zum Teil sehr umfangreichen Reaktionen geben.</p>
<blockquote class="blockquote">
<p>Ein zentraler Kritikpunkt an dem Beitrag „<a href="../../publikationen/posts/nahost-debatte-aufrichtigkeit-vor-theorie.html">Nahost-Debatte: Aufrichtigkeit vor Theorie</a>“ war die Verengung der Debatte auf einen rein deutschen bzw. europäischen Deutungsrahmen. Es wurde argumentiert, dass der Nahostkonflikt längst ein globales, geopolitisches Ereignis sei, das in Ländern wie China oder Indien nicht primär moralisch, sondern strategisch als Ausdruck globaler Machtverschiebungen und als Kritik an westlicher Doppelmoral interpretiert werde. Diese verkürzte Perspektive, so der Einwand, setze sich in der undifferenzierten Betrachtung der Akteure fort: Muslime in Deutschland seien keine homogene Gruppe, deren Reaktionen nur im jeweiligen Herkunfts- und Sozialkontext verständlich würden. Ebenso werde die palästinensische Realität fälschlicherweise auf die Hamas reduziert, während andere politische und gesellschaftliche Gegebenheiten, wie etwa im Westjordanland, übersehen würden.</p>
<p>Des Weiteren wurde kritisiert, dass eine analytische Versteifung auf die großen, bekannten Islamverbände der muslimischen Realität in Deutschland nicht gerecht werde. Die muslimische Organisationslandschaft sei weitaus vielfältiger und reiche von basisorientierten Zusammenschlüssen bis zu stark zentralistischen Organisationen. Insbesondere wurde auf die Existenz weniger sichtbarer, aber von Politik und Kirchen eng eingebundener Akteure hingewiesen. Hier zeige sich ein struktureller Widerspruch: Während öffentlich mangelnde Transparenz beklagt werde, bestünden im Hintergrund enge institutionelle und finanzielle Verflechtungen. Ergänzt durch schwer greifbare transnationale Online-Netzwerke und eine oft unrealistische gesellschaftliche Erwartungshaltung, sei eine alleinige Fokussierung auf die großen Verbände daher analytisch nicht zielführend.</p>
</blockquote>
<p>Die vorgebrachte Kritik ist aus meiner Warte nachvollziehbar. Aber gerade deshalb muss ich sie leider als wohlmeinende Relativierung einordnen. Das Feedback fällt tatsächlich in die Perspektive zurück, die schon bei Mazyek im Ansatz zu sehen war: Der Versuch der Entschärfung einer schmerzhaften lokalen Debatte über Verantwortung - hier insbesondere der Verantwortungsnahme durch Muslime in Deutschland - durch den Verweis auf eine unverfügbare, fast schon transzendente globale Komplexität. Die Reaktion auf den Beitrag geht damit leider am Kern der Sache vorbei und bestätigt sogar (unfreiwillig?) die Diagnose des ursprünglichen Beitrags: die Flucht aus der konkreten Verantwortung vor der eigenen Haustür in die bequeme Abstraktion.</p>
</section>
<section id="phänomen-1-die-fluchtburg-der-geopolitik" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-1-die-fluchtburg-der-geopolitik">Phänomen 1: Die Fluchtburg der Geopolitik</h2>
<p>Das erste und vielleicht verbreitetste Ausweichmanöver ist die Flucht ins Globale. Mein Beitrag ist keine außenpolitische Analyse und erhebt nicht den Anspruch, globale Machtverschiebungen zu deuten. Er ist eine gezielte Replik auf einen Akteur wie Aiman Mazyek, der, mit einem gewissen Anspruch auf Stellvertretung für eine schweigende muslimische Öffentlichkeit, selbst den Bezugsrahmen Deutschland - unsere Erinnerungskultur, unsere Staatsräson - gewählt hat.</p>
<p>Wenn der Antisemitismus auf Berliner Demonstrationen skandiert wird, ist das kein geopolitisches Statement, sondern ein Ereignis mit unmittelbarer Wirkung für das Zusammenleben hier und jetzt. Die Demonstrierenden mögen eine überlokale, globale Wirkung ihres individuellen und gemeinschaftlichen Handelns auf den Demonstrationen, den Universitätsbesetzungen oder ihrem Auftreten in den sozialen Medien annehmen, so ist eine solche Annahme erst einmal das Produkt ihrer eigenen Imagination. Ein quanitativer oder qualitativer Nachweis für diese aktivistische Verortung und Wirksamkeitsentfaltung im globalen Kontext kann nicht erbracht werden.</p>
<p>Die Debatte auf eine globale Ebene zu heben, erscheint mir hier als ein Versuch, Probleme in unserer eigenen Gesellschaft zu vernebeln und die Verantwortung der hiesigen Akteure zu verwässern. Durch die Projektion auf den globalen Horizont kann die eigene, wahrgenommene Ohnmacht im hiesigen Kontext überdeckt werden. Diese gefühlte Ohnmacht wird in der Kritik gegenüber dem medialen Diskurs und dem Handeln der Politik offen in Form des Vorwurfs bestätigt. Erst die Verknüpfung des eigenen Handelns in einen größeren globalen Rahmen bietet die Motivation, die es für die Fortführung des eigenen Einsatzes und die Rekrutierung neuer Mitstreiter braucht.</p>
<p>Der Anspruch einer konkreten Wirksamkeit im hier und jetzt beschränkt sich oftmals auf das Praktizieren eines „Moralspektakels” (Philipp Hübl, 2019) in Form von öffentlich zelebrierten Boykottaufrufen. Ein Herunterbrechen der globalen Ansprüche auf den eigenen konkreten Lebenskontext, das auch als gemeinsamer Nenner der sehr unterschiedlichen Akteursgruppen dienen könnte, bleibt dagegen aus.</p>
</section>
<section id="phänomen-2-der-schutzschild-der-vielfalt" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-2-der-schutzschild-der-vielfalt">Phänomen 2: Der Schutzschild der Vielfalt</h2>
<p>Das zweite Phänomen ist der strategische Einsatz des Vielfaltsarguments, um die muslimische Verbandslandschaft und ihre Führungsebenen aus der Verantwortung zu nehmen. Mein ursprünglicher Beitrag ist keine soziologische Milieustudie, sondern eine Kritik an öffentlicher muslimischer Führung und deren Versagen. Natürlich gibt es eine muslimische Vielfalt, wie diese konkret aussieht, wie diese sich zusammensetzt, welche Akteure es mit welchen Positionen gibt - dies kann man gerade auf dieser Seite (<a href="https://www.karahan.net/de/search/query:basis">Karahan.net</a>) in zahlreichen, teilweise zwei Jahrzehnte zurückreichenden Beiträgen lesen.</p>
<p>Die Vielfalt der muslimischen Lebenswelten als Argument gegen die Kritik an den großen Verbänden ins Feld zu führen, greift jedoch zu kurz. Diese Vielfalt wird nämlich weder öffentlich wahrgenommen, noch gibt es bisher effektive Strukturen, die diese Vielfalt auch tatsächlich für den öffentlichen Empfängerhorizont wahrnehmbar machen wollen. Am wenigsten sind es oftmals die großen muslimischen Verbände, die ein Interesse daran haben, diese Vielfalt sichtbar werden zu lassen.</p>
<p>Der Verweis auf die muslimische Vielfalt in gesamtgesellschaftlichem Kontext erweist sich oftmals eher als Versuch, die Verbände und ihre Führungsebene dann aus der Verantwortung zu entlassen, wenn ihr öffentlich wahrnehmbares Scheitern nicht mehr rational zu erklären ist. Diese Verbände erheben nun mal einen Repräsentationsanspruch und gelten in unterschiedlichen Formen als primäre Ansprechpartner von Politik und Medien. Ihr Versagen in öffentlichen Diskursen - hier ihr ohrenbetäubendes Schweigen nach dem 7. Oktober - ist damit erheblich und relevant, unabhängig davon, ob das einzelne muslimische Individuum sich von ihnen vertreten fühlt oder nicht, ob es sich davon angesprochen fühlt oder nicht.</p>
<p>Nicht erst seit, aber besonders nach dem 7. Oktober haben die muslimischen Verbände als Repräsentanz-Institutionen der gelebten, gemeinschaftlichen muslimischen Religiosität ein öffentliches Vakuum hinterlassen, das von Hasspredigern auf der Straße und radikalen Stimmen im Netz gefüllt wurde und auch weiterhin wird. Als von Muslimen geschaffene größte zivilgesellschaftliche Struktur haben sie eine Verantwortung und Pflichten, sowohl gegenüber der Öffentlichkeit, aber noch viel weitergehender gegenüber der muslimischen Community. Die Existenz einer weitergehenden muslimischen Vielfalt über die Verbände hinaus kann die Verantwortungslosigkeit der Verbände und ihrer Führung weder entschuldigen noch sie aus ihrer Pflicht entlassen.</p>
</section>
<section id="phänomen-3-instrumentelles-verhältnis-zur-staatlichkeit-und-herkunftslandloyalität" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-3-instrumentelles-verhältnis-zur-staatlichkeit-und-herkunftslandloyalität">Phänomen 3: Instrumentelles Verhältnis zur Staatlichkeit und Herkunftslandloyalität</h2>
<p>Ein drittes Phänomen ist die ausgeprägte Inkonsistenz im Umgang mit Staatlichkeit, die sich gerade bei den großen, aber auch bei so manchen kleinen muslimischen Verbänden beobachten lässt. Sie pflegen ein zutiefst instrumentelles Verhältnis zum deutschen Staat, während sie gleichzeitig eine weitgehende Unterordnung oder loyale Anbindung an die Staatlichkeit ihrer Herkunftsländer praktizieren.</p>
<p><strong>Gegenüber Deutschland</strong> wird der Staat primär als Garant für Rechte und als Quelle für Ressourcen wahrgenommen. Man beruft sich auf die Privilegien des religionsverfassungsrechtlichen Systems, fordert finanzielle Förderung und klagt die im Grundgesetz verankerten Freiheiten ein. Der deutsche Staat ist ein Dienstleister, von dem man profitiert. Jede Erwartungshaltung des Staates, die über diese Rolle hinausgeht - etwa die Forderung nach einer klaren Wertepositionierung oder gesellschaftlicher Mitverantwortung -, wird hingegen schnell als unzulässige Einmischung oder gar als antimuslimischer Rassismus abgewehrt.</p>
<p><strong>Gegenüber den Herkunftsländern</strong> , allen voran der Türkei, zeigt sich ein völlig anderes Bild. Hier herrscht keine distanzierte, auf Rechten basierende Beziehung, sondern eine von Loyalität und oftmals direkter Abhängigkeit.</p>
<ul>
<li>Bei Verbänden wie der <strong>DITIB</strong> besteht dies in einer direkten strukturellen Unterordnung unter die türkische Religionsbehörde Diyanet, die wiederum dem türkischen Präsidenten unterstellt ist. Politische Direktiven und theologische Linien aus Ankara werden bis in die lokalen deutschen Moscheegemeinden durchgesetzt. Reformversprechen, wie die Imam-Ausbildung in Deutschland, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen oft als organisatorische Anpassungen, die die inhaltliche Kontrolle nicht antasten können.</li>
<li>Bei anderen, wie der <strong>IGMG</strong> , ist dieser Herkunftslandbezug das Ergebnis einer bewussten strategischen Ausrichtung. Eine in den 2000er Jahren gefahrene, auf ein Ankommen in Deutschland ausgerichtete Haltung wurde von der nun seit über 14 Jahren wirkenden aktuellen Führung systematisch durch eine Haltung ersetzt, die auf Loyalität zur und oftmals auch auf eine persönliche Zukunftsplanung in der Türkei aufbaut. Die formale Unabhängigkeit wird hier durch eine selbstgewählte ideologische und personelle Nähe zur türkischen Politik ersetzt.</li>
</ul>
<p>Diese Asymmetrie führt zu einem fundamentalen Glaubwürdigkeitsproblem. Die Verbände agieren nicht als unabhängige deutsche Religionsgemeinschaften, sondern als Akteure mit doppelter Loyalität. In Krisenmomenten wird diese Inkonsistenz besonders deutlich: Während man in Deutschland unter öffentlichem Druck Erklärungen gegen den Hamas-Terror unterzeichnet, wird dieselbe Unterschrift gegenüber der türkischen Öffentlichkeit relativiert oder gar als erzwungener Akt dargestellt, um dem dortigen politischen Klima gerecht zu werden. Das Eintreten für Demokratie, Vielfalt und andere Werte wird so zur Verhandlungsmasse, die der Loyalität zum Herkunftsland untergeordnet wird.</p>
</section>
<section id="vom-globalen-narrativ-zur-lokalen-integrität" class="level2">
<h2 data-anchor-id="vom-globalen-narrativ-zur-lokalen-integrität">Vom globalen Narrativ zur lokalen Integrität</h2>
<p>Die Flucht ins <strong>globale Narrativ</strong> , der Schutzschild der Vielfalt und das instrumentelle Verhältnis zur Staatlichkeit sind somit mehr als nur Reaktionen auf einen einzelnen Text. Sie sind tief verankerte Muster der Verantwortungsabwehr, die eine grundlegende Frage umgehen: die nach der Verbindlichkeit für die Gesellschaft, in der man lebt. Der Verweis auf globale Diskurse oder interne Pluralität mag in anderen Kontexten legitim sein, hier fungiert er jedoch als Ablenkungsmanöver, das die Debatte über die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens gezielt verwässert.</p>
<p>Angesichts der ideologischen, globalen Ansprüche des Islamismus (<em>Islamcılık</em>) – und hier geht es implizit auch um die Auseinandersetzung mit dieser Ideologie – gewinnt diese lokale Verpflichtung an entscheidender Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit diesen Abwehrmustern ist daher auch eine notwendige Konfrontation mit dieser Ideologie. In dieser Auseinandersetzung zeigt sich wahre Aufrichtigkeit nicht im Verständnis für die Komplexität der Welt, sondern in der unbedingten Verantwortung für die eigene Nachbarschaft und damit in gelebter <strong>lokaler Integrität</strong>.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg04.met.vgwort.de/na/4fba35c46bf94a858900c9d4af01e3bb.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-komfortzone-der-komplexitaet.html</guid>
  <pubDate>Wed, 08 Oct 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/533ca333cc607b7258321ed216303fadc9847869-global-lokal-up2x.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Nahost-Debatte: Aufrichtigkeit vor Theorie</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/nahost-debatte-aufrichtigkeit-vor-theorie.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/4a5243efc5fb0027909181406058400269830fe8-universalismus-falle2x.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Nahost-Debatte: Aufrichtigkeit vor Theorie"></p>
<section id="warum-unser-handeln-hier-und-heute-mehr-zählt-als-jede-abstrakte-universalismus-debatte" class="level2">
<h2 data-anchor-id="warum-unser-handeln-hier-und-heute-mehr-zählt-als-jede-abstrakte-universalismus-debatte">Warum unser Handeln hier und heute mehr zählt als jede abstrakte Universalismus-Debatte</h2>
<p>Im Umgang mit dem Nahost-Konflikt zeichnen sich aus muslimischer Perspektive in Deutschland unterschiedliche Wege ab. Der eine, den der Jurist und Publizist Murat Kayman jüngst als schmerzhafte Notwendigkeit beschrieb, fordert Aufrichtigkeit und Verantwortung vor der eigenen Haustür (Murat Kayman, <a href="https://murat-kayman.de/2025/10/06/deutschlandsolidarisch/">deutschlandsolidarisch</a>, 06.10.2025). Ein anderer Weg findet sich in Aiman Mazyeks Kommentar „»Nie wieder« gilt universell” (<a href="https://magazin.zenith.me/de/gesellschaft/deutschland-israel-holocaust-und-gaza-krieg">Zenith</a> vom 02.10.2025), einem rhetorischen Versuch die Debatte ins Abstrakte zu verlagern. Mit Kant, Bourdieu und dem Koran als Zeugen kritisiert er eine erstarrte deutsche Erinnerungskultur, die - in einer „Falle” des unreflektierten Traditionalismus gefangen - ihr universelles Versprechen verrät. Mazyeks Plädoyer für einen inklusiven, alle Menschen umfassenden Humanismus klingt auf den ersten Blick nobel und unangreifbar.</p>
<p>Doch die vermeintliche Eleganz der Mazyekschen Dreiecks-Theorie aus Koran, Bourdieu und Kant verflüchtigt sich, sobald sie der konkreten Realität unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens in Deutschland gegenübersteht. Der Kommentar leidet an einem grundsätzlichen Geburtsfehler: Er ignoriert die hässliche Wirklichkeit vor der eigenen Haustür und flüchtet sich in eine internationalisierte abstrakte Kritik an staatlichem Handeln. Dabei übergeht er die eigentliche moralische Katastrophe, die Murat Kayman als die „höchsteigene Zerrüttung und Verrohung [der] muslimischen Gemeinschaften“ beschreibt (Kayman, 2025).</p>
<p>Dabei fällt besonders die selektive Argumentation des Autors ins Gewicht. Mazyek wirft der deutschen Politik eine einseitige Wahrnehmung vor, praktiziert diese aber selbst in Reinform. Sein Kommentar erwähnt ausschließlich das Leid der Palästinenser und die Kriegsverbrechen in Gaza. Der auslösende Kontext des Gaza-Krieges, das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023, wird mit keinem Wort erwähnt. Ein wahrhaft universeller Humanismus, den Mazyek einfordert, müsste das Leid aller Zivilisten und die Verbrechen aller Konfliktparteien gleichermaßen benennen und verurteilen. Indem er dies unterlässt, wird sein Plädoyer für Universalismus selbst zu einem partikularen, einseitigen Statement und verliert seine moralische Überzeugungskraft. Er übergeht damit genau jene Zäsur, die Kayman als den Ausgangspunkt einer „tiefen Spaltung unserer Gesellschaft“ identifiziert, die sich seither Bahn bricht (Kayman, 2025).</p>
<p>Es wäre vermessen und moralisch ebenso verwerflich, die grausamen und unnötigen Tode von zehntausenden Zivilisten in Gaza unerwähnt zu lassen. Die humanitäre Katastrophe, das unermessliche Leid der palästinensischen Bevölkerung, insbesondere der vielen Kinder, ist eine Realität, die ihren Platz in der Debatte einnehmen muss. Jede ernstzunehmende moralische Position muss dieses immense Leid anerkennen und den Schutz der Zivilbevölkerung als oberste Priorität fordern. Die Tragik und das Versäumnis von Kommentaren wie dem von Aiman Mazyek liegen gerade darin, dass sie eine dieser Realitäten – das Leid in Gaza – gegen die andere – den Terror vom 7. Oktober – ausspielen, anstatt die schmerzhafte Notwendigkeit anzuerkennen, beide zu sehen: den terroristischen Ursprung des Krieges und seine katastrophalen humanitären Folgen.</p>
</section>
<section id="die-wahre-falle-des-unreflektierten-handelns" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-wahre-falle-des-unreflektierten-handelns">Die wahre Falle des unreflektierten Handelns</h2>
<p>Mazyek diagnostiziert eine „Bourdieu-Falle” in der deutschen Staatsräson: offen und dynamisch nach außen, während im Innern „festgelegten, unsichtbaren Mustern” gefolgt wird. Mazyek sieht diese Muster einerseits in der Position Deutschlands gegenüber Israel, aber auch in der Rolle des „Nie wieder” in der Erinnerungskultur, wenn es um das Erkennen von aktuellen Entwicklungen wie Rassismus, Antiziganismus oder Islamfeindlichkeit in Deutschland geht.</p>
<p>Mazyek liefert in dem Beitrag ein Paradebeispiel dafür ab, wie anderen vorgehaltenes,kritikwürdiges Handeln im eigenen Beitrag selbst reproduziert werden können. Denn die Entwicklungen auf deutschen und europäischen Straßen nach dem Anschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel, die Haltung der muslimischen Verbände - in denen Mazyek immer noch eine Rolle spielt - lassen die Fragen aufkommen, wo denn tatsächlich das von Mazyek identifizierte mechanische, unreflektierte und gefährliche Handeln stattfindet? Finden wir dieses Handeln in den komplexen, von historischer Verantwortung geprägten, öffentlich immer kontroverser diskutierten Abwägungen der deutschen Politik? Oder finden wir dieses Handeln nicht vielmehr im unreflektierten Import von Narrativen, Symbolen und dem Hass eines fernen Konflikts auf deutsche Straßen wieder? Es ist genau jener Prozess, den Kayman beklagt, wenn er schreibt: „Wir Muslime haben mehrheitlich die Narrative, die Symbole, die Slogans und Trennlinien des Nahostkonflikts und des Gaza Krieges hier nach Deutschland übertragen“ (Kayman, 2025).</p>
<p>Wahres unreflektiertes Handeln ist es, wenn Slogans, die im Nahen Osten leider und gerade auch von Terrororganisationen zum Aufruf zur Auslöschung eines Staates genutzt werden, auf Demonstrationen in Berlin oder Essen skandiert werden. Es ist das unreflektierte Feiern von Terroristen als „Widerstandshelden”. Es ist die unreflektierte Übernahme einer Täter-Opfer-Umkehr, die den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 – den Mazyeks Text bezeichnenderweise komplett ausspart – als legitimen Akt des Widerstands umdeutet. Hier liegt die wahre Falle: in einer emotionalisierten und ideologisierten Nachahmung, die jede kritische Selbstreflexion vermissen lässt.</p>
</section>
<section id="der-missbrauch-der-universellen-sprache" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-missbrauch-der-universellen-sprache">Der Missbrauch der universellen Sprache</h2>
<p>Mazyek fordert zu Recht, dass das „Nie wieder” universell gelten muss. Doch er verschweigt, wie diese universelle Sprache in der Praxis pervertiert und instrumentalisiert wird. Die Forderung, die deutsche Politik müsse lauter (oder vielleicht nur noch?) von „Kriegsverbrechen” sprechen, ignoriert, wozu diese Rhetorik in bestimmten Milieus dient.</p>
<p>Am heikelsten ist dabei die von Mazyek gezogene Analogie. Er betont zwar pro forma die Singularität des Holocaust, nutzt aber die daraus abgeleitete Lehre des „Nie wieder” als direkten moralischen Maßstab, um die deutsche Haltung zu den „Kriegsverbrechen in Gaza” zu verurteilen. Diese direkte Verknüpfung ist hochproblematisch. Eine solche Anwendung relativiert die historische Spezifik des Holocaust – eines antisemitisch-ideologisch motivierten, industriell organisierten Völkermords – indem sie ihn als Blaupause für die Verurteilung eines komplexen politischen, historischen und militärischen Konflikts instrumentalisiert. Die rhetorische Figur läuft Gefahr, genau das zu tun, was sie zu vermeiden vorgibt: Sie vergleicht implizit die Situation in Gaza mit den Bedingungen, die zum Holocaust führten, und entwertet damit die Einzigartigkeit des Zivilisationsbruchs.</p>
<p>Die Verwendung von Bourdieu, Kant und dem Koran wirkt vor diesem Hintergrund wie ein intellektuelles Feigenblatt für eine bereits feststehende politische Position. Die komplexe Theorie der „Bourdieu-Falle” wird zu einem griffigen Schlagwort vereinfacht, um eine vielschichtige politische Haltung wie die deutsche Staatsräson als bloßen unreflektierten Traditionalismus zu diskreditieren. Die deutsche Debatte über Israel ist jedoch alles andere als unreflektiert; sie ist vielmehr von schmerzhaften Abwägungen, tiefen inneren Widersprüchen und einer ständigen öffentlichen Auseinandersetzung geprägt. Die Theorien dienen hier weniger der Analyse als der Veredelung einer vorgefassten Meinung.</p>
<p>Der Vorwurf des „Genozids” – die ultimative Steigerung – wird, wie Murat Kayman in seiner Analyse darlegt, nicht primär aus Empathie für zivile Opfer erhoben. Vielmehr erfüllt er eine strategische, dreifache Funktion: Erstens dient er als moralische Lizenz zur Entmenschlichung der Gegenseite, um die „beispiellose Grausamkeit des 7. Oktober verblassen“ zu lassen. Zweitens soll er den Terror nachträglich als „legitimen Widerstand“ adeln. Und drittens, so die gefährlichste Funktion, dient er als „globaler Mobilisierungsruf zur Gewalt gegen Jüdinnen und Juden weltweit“ (Kayman, 2025) die unter dem Deckmantel der „Notwehr” gegen ein vermeintlich „genozidales Volk” legitimiert werden soll.</p>
<p>Wer diese Funktion der Sprache ignoriert und eine undifferenzierte Anwendung universeller Begriffe fordert, macht sich, ob gewollt oder nicht, zum nützlichen Helfer jener, deren Ziel nicht Humanismus, sondern Hass ist. Einem moralischen Anspruch, der die eigene Verantwortung für die Konsequenzen der eigenen Worte ausblendet, fehlt jede Glaubwürdigkeit.</p>
</section>
<section id="erinnerung-ist-keine-einbahnstraße" class="level2">
<h2 data-anchor-id="erinnerung-ist-keine-einbahnstraße">Erinnerung ist keine Einbahnstraße</h2>
<p>Am problematischsten ist Mazyeks Klage über eine mangelnde Inklusion von „Neudeutschen” in die deutsche Erinnerungskultur. Es ist tatsächlich ein Versäumnis so einiger Institutionen, wenn Erinnerung nicht mehr funktioniert wie vor vielleicht 50 Jahren, mit präsenten Zeitzeugen und einer weniger diversen Gesellschaft. Erinnerungskultur muss auch die Gesellschaft kennen und anerkennten, in der sie funktionieren will. Doch ist Erinnerungskultur nicht einfach eine explizite Aufgabe einer vermeintlichen Mehrheits- oder Dominanzgesellschaft, noch eine ausschließliche Verantwortung der Enkel und Urenkel der Täter. Erinnerung ist ein vielseitiger Prozess, der die Bereitschaft aller voraussetzt, die fundamentalen Werte der Gesellschaft, in die man sich erinnern will, zu teilen.</p>
<p>Hier muss auch die Rolle des Autors selbst und der von ihm lange geführten Verbände kritisch hinterfragt werden. Als langjähriger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime spricht Mazyek aus einer Position heraus, die Mitverantwortung für den Zustand der Debatte in den muslimischen Gemeinschaften trägt. Sein Text kann als Versuch gelesen werden, die Perspektive vieler Muslime in den deutschen Leitdiskurs einzuspeisen. Gleichzeitig verschweigt er die eklatante Führungsschwäche der großen muslimischen Verbände nach dem 7. Oktober. Ihr ohrenbetäubendes Schweigen oder ihre Unfähigkeit, den Hamas-Terror unzweideutig als solchen zu benennen, führte dazu, dass sie das Zepter des Handelns in der muslimischen und migrantischen Community weitgehend der Straße überlassen haben. Diese Passivität manifestiert sich für Kayman ganz konkret im Versäumnis des „geistlichen Personals“, das es in zwei Jahren „nicht ein einziges Mal gelungen“ sei, geschlossen für die Geiseln zu beten oder durch das Hissen beider Flaggen – der palästinensischen und der israelischen – ein glaubwürdiges Zeichen für eine Zwei-Staaten-Lösung zu setzen (Kayman, 2025).</p>
<p>Ein „aktives Mitgestalten” der Erinnerungskultur funktioniert nicht in einer Gesellschaft, aus dessen Mitte heraus jüdisches Leben in Deutschland bedroht wird? Wie kann man über eine zukunftsorientierte Gedenkarbeit sprechen, wenn – wie Kayman es mit bitterer Dringlichkeit formuliert – „der öffentliche Raum kein safe space mehr für Juden ist“ (Kayman, 2025), für jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger sogar zum Angstraum wird? Wenn jüdische Symbole versteckt werden müssen und Kinder in der Schule aus Angst ihre Identität verschweigen, weil es, so Kayman, die eigene Community „kalt lässt“?</p>
<p>Die Verantwortung für eine gelingende Erinnerungskultur liegt bei allen Untergruppen und -communites der Gesellschaft, gerade auch wenn Teile einer Minderheit die grundlegendste Lehre der deutschen Geschichte – den unbedingten Schutz jüdischen Lebens – aktiv untergraben oder gleichgültig dabei zusehen. Ein zweifellos bestehender Anspruch auf Mitgestaltung erfordert auch Bereitschaft zur Solidarität mit <em>allen</em> Menschen in diesem Land.</p>
</section>
<section id="fazit-verantwortung-hier-und-jetzt" class="level2">
<h2 data-anchor-id="fazit-verantwortung-hier-und-jetzt">Fazit: Verantwortung hier und jetzt</h2>
<p>Ein glaubwürdiges „Nie wieder” beweist sich nicht in der abstrakten Kritik an der Außenpolitik. Es beweist sich im konkreten Handeln hier und heute. Es beweist sich in der unzweideutigen Verurteilung von Terror, gleich von wem er ausgeht. Es beweist sich im Gebet für die israelischen Geiseln ebenso wie im Mitgefühl für die zivilen Opfer in Gaza.</p>
<p>Solange prominente Stimmen, auch aus der muslimischen Community, diese konkrete, gelebte Verantwortung für das Zusammenleben in Deutschland einer theoretischen Universalismus-Rhetorik unterordnen, bleibt ihr Beitrag nicht nur leer, sondern gefährlich. Denn er lenkt von der wahren Aufgabe ab: der Etablierung und der Verteidigung unseres friedlichen Zusammenlebens gegen jene, die Hass zu ihrer treibenden Motivation gemacht haben.</p>
<p>Wahre moralische Haltung beginnt mit der Aufrichtigkeit vor der eigenen Haustür, nicht mit dem Zeigefinger auf Andere. Oder, um es mit der abschließenden Forderung Kaymans zu sagen: Wer glaubwürdig palästinasolidarisch sein will, „der muss zunächst deutschlandsolidarisch sein“ und beweisen, dass er sich für das friedliche Zusammenleben hierzulande einsetzt (Kayman, 2025).</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg08.met.vgwort.de/na/6feea53d1e7e408dbee24e3aa6d36009.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/nahost-debatte-aufrichtigkeit-vor-theorie.html</guid>
  <pubDate>Tue, 07 Oct 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/4a5243efc5fb0027909181406058400269830fe8-universalismus-falle2x.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Warum wählen türkeistämmige und migrantische Wähler die AfD?</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/warum-waehlen-tuerkeistaemmige-und-migrantische-waehler-die-afd.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/6c04ebf92dc0ae0d36b5b8f0a03fcf5ac2e28eb2-trken-die-afd-whlen14x-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Warum wählen türkeistämmige und migrantische Wähler die AfD?"></p>
<section id="eine-analyse" class="level2">
<h2 data-anchor-id="eine-analyse">Eine Analyse</h2>
<p>Die Bundestagswahl 2025 hat ein ungewöhnliches und teils irritierendes Phänomen hervorgebracht: Die AfD konnte mit 20,8 % ihr bislang bestes Wahlergebnis erzielen. Was viele überraschte, war der signifikante Anteil der Stimmen aus migrantischen Communities, darunter türkei-, bosnisch und marokkanischstämmige Wähler. Eine Kurzstudie des DeZIM-Instituts, die kurz vor der Wahl veröffentlicht wurde, hatte bereits prognostiziert, dass 19,7 % der Befragten aus der Türkei und dem Nahen Osten die AfD wählen würden – ein Wert, der dem tatsächlichen Ergebnis nahekommt. Doch was motiviert Menschen mit Migrationserfahrung dazu, eine Partei zu wählen, die migrationsfeindliche Politik betreibt? Und warum bleibt dieses Wahlverhalten so wenig erforscht?</p>
</section>
<section id="vernachlässigte-wählergruppen-in-der-wahlforschung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="vernachlässigte-wählergruppen-in-der-wahlforschung">Vernachlässigte Wählergruppen in der Wahlforschung</h2>
<p>Obwohl die Zahl der Wähler mit Migrationshintergrund in Deutschland stetig wächst, bleibt ihr Wahlverhalten in der politischen Analyse oft unterrepräsentiert. Weder am Wahlabend noch in nachfolgenden Analysen wird ausreichend auf diese Gruppe eingegangen. Studien wie die DeZIM-Kurzstudie sind seltene und wichtige Ansätze, die zeigen, dass klassische Annahmen, wie die vermeintlich selbstverständliche Wahl der SPD durch Migranten, längst überholt sind. Gerade in Zeiten knapper Wahlergebnisse ist es entscheidend, die Motive dieser Wählergruppen zu verstehen. Warum wählen sie? Warum nicht? Und warum entscheiden sie sich für bestimmte Parteien? Hier gibt es großen Nachholbedarf.</p>
</section>
<section id="transnationale-einflüsse-und-soziale-dynamiken" class="level2">
<h2 data-anchor-id="transnationale-einflüsse-und-soziale-dynamiken">Transnationale Einflüsse und soziale Dynamiken</h2>
<p>Ein wichtiger Faktor für das Wahlverhalten türkeistämmiger und anderer migrantischer Wähler ist der transnationale Einfluss ihrer Herkunftsländer. In diesen, wie zum Beispiel in der Türkei, hat sich in den letzten Jahren ein parteiübergreifender, flüchtlingsfeindlicher Diskurs etabliert, der durch soziale Medien direkt in die Communities in Deutschland übertragen wird. Dieser Diskurs, der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder vom afrikanischen Kontinent stark ablehnt, wird von vielen als „Mainstream” wahrgenommen und beeinflusst auch die Wahrnehmung und Einstellungen der Communities hierzulande. Was in Deutschland in der Migrationsfrage als radikal gilt, ist in der Türkei oft politischer Alltag – ein Phänomen, das die Haltung vieler Wähler dort und hier prägt.</p>
<p>Darüber hinaus zeigt sich, dass diese Ablehnung von Flüchtlingen nicht nur in konservativen oder religiösen Kreisen verankert ist. Auch nationalistische oder eher religionsdistanzierte Milieus sind empfänglich für diese Narrative. Der Hass auf Geflüchtete wird somit zu einem verbindenden Element sehr unterschiedlicher Gruppen innerhalb der türkeistämmigen Community.</p>
<p>Hinzu kommt ein soziales Abgrenzungsphänomen: Etablierte Migrantengruppen grenzen sich häufig von neu angekommenen Geflüchteten und anderen Migranten ab, beispielsweise aus Syrien, Afghanistan oder Südost-Europa. Diese Abgrenzung dient oft dazu, die eigene soziale Position zu stabilisieren. Selbst die gemeinsame Religion schützt dabei nicht vor ausgrenzenden Haltungen.</p>
</section>
<section id="werte-identität-und-traditionelle-familienbilder" class="level2">
<h2 data-anchor-id="werte-identität-und-traditionelle-familienbilder">Werte, Identität und traditionelle Familienbilder</h2>
<p>Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage nach Werten und Identität. Viele migrantische Wähler teilen konservative Ansichten in Bezug auf Familie, Geschlechterrollen und Sexualität, die von der AfD aufgegriffen und verstärkt werden. Insbesondere die Ablehnung von LGBTQ+ und die Betonung traditioneller Familienbilder spielen eine zentrale Rolle. Diese Vorbehalte sind häufig religiös oder kulturell motiviert und werden zunehmend durch Social-Media-Diskurse verstärkt.</p>
<p>Der anti-queere Diskurs der AfD findet in migrantischen Communities häufig Anklang, da er mit bestehenden kulturellen und religiösen Vorbehalten korrespondiert. Diese Narrative werden durch Social Media verstärkt und mit vermeintlich religiösen Argumenten untermauert. Dabei bedienen sie nicht nur kulturelle, sondern auch religiöse Identitätsfragen, was die AfD für einige Wählergruppen anschlussfähig macht.</p>
<p>Interessant ist dabei der Einfluss von Motiven, die ursprünglich aus identitären oder diversitätsfeindlichen Kontexten stammen – darunter auch Incel-Narrative. Diese Haltungen werden in muslimischen Kontexten durch religiöse Rahmungen quasi inkorporiert, sodass sie als Teil einer vermeintlich authentischen Tradition erscheinen. Dadurch erhalten sie eine Legitimität, die sie in konservativen und religiösen Kreisen anschlussfähig macht.</p>
</section>
<section id="protestwahl-frustration-und-trotz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="protestwahl-frustration-und-trotz">Protestwahl: Frustration und Trotz</h2>
<p>Neben transnationalen Einflüssen und kulturellen Faktoren spielt auch die Frustration über die deutsche Politik eine entscheidende Rolle. So mancher Migrant fühlt sich politisch nicht repräsentiert und gesellschaftlich nicht zugehörig. Diese Entfremdung kann zu einer Protestwahl führen, bei der die AfD als bewusste destruktive Option gewählt wird – quasi als „schlechteste Option“ für Deutschland. Besonders junge, konservative Wähler scheinen in dieser Desillusionierung eine Möglichkeit zu sehen, ihren Frust und Trotz auszudrücken.</p>
<p>Die Wahl der AfD kann dabei als Ausdruck einer Wagenburg-Mentalität verstanden werden: Das Gefühl, von der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, führt zu einer bewussten Abgrenzung. In einigen Fällen wird diese Distanz so weit getrieben, dass eine generelle Ablehnung der deutschen Gesellschaft identitätsstiftend wird. Dies betrifft insbesondere junge Wähler, die sich durch eine Kombination aus konservativen Werten und destruktivem Trotz auszeichnen.</p>
</section>
<section id="fazit-ein-vielschichtiges-phänomen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="fazit-ein-vielschichtiges-phänomen">Fazit: Ein vielschichtiges Phänomen</h2>
<p>Das Wahlverhalten migrantischer Wähler bei der Bundestagswahl 2025 zeigt, wie komplex und vielschichtig die Gründe für politische Entscheidungen sein können. Transnationale Einflüsse, Wertefragen, soziale Dynamiken und Protestmotive spielen dabei eine zentrale Rolle. Besonders auffällig ist, dass die AfD in sehr unterschiedlichen Milieus – von religiös-konservativen bis hin zu nationalistischen oder religionsdistanzierten Gruppen – Unterstützung finden konnte.</p>
<p>Doch gleichzeitig zeigt sich, wie wichtig es ist, migrantische Communities politisch ernst zu nehmen und ihre Anliegen zu verstehen. Diese Gruppen werden bei zukünftigen Wahlen entscheidend sein – nicht nur wegen ihrer wachsenden Zahl, sondern auch wegen ihrer oft unvorhersehbaren Motivationen. Es ist höchste Zeit, die Wahlforschung und politische Ansprache um diese Perspektiven zu erweitern, um die Dynamiken einer pluralistischen Gesellschaft besser zu verstehen.</p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg04.met.vgwort.de/na/7228c8539857463387ec051a866c0c45.png" class="img-fluid"></p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/warum-waehlen-tuerkeistaemmige-und-migrantische-waehler-die-afd.html</guid>
  <pubDate>Wed, 26 Feb 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/6c04ebf92dc0ae0d36b5b8f0a03fcf5ac2e28eb2-trken-die-afd-whlen14x-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/antisemitismus-in-muslimischen-bzw-islamistischen-milieus.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/be1e1bc50f8930266d6b87804e0430d11c61f18a-muslimischer-antisemitismus2x.png" class="img-fluid feature-image" alt="Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus"></p>
<section id="akteure-konzepte-und-herausforderungen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="akteure-konzepte-und-herausforderungen">Akteure, Konzepte und Herausforderungen</h2>
</section>
<section id="einleitung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="einleitung">Einleitung</h2>
<p>Gibt es das Phänomen des „muslimischen Antisemitismus<sup>1</sup>“? Die Meinungen dazu sind im öffentlichen Diskurs polarisiert und oft unversöhnlich. Bei der Betrachtung der Fragestellung wird oft jeweils eine verengte Perspektive<sup>2</sup> eingenommen: Nur an aktuellen Ereignissen orientiert, den Islam und Muslime jeweils positiv oder negativ essenzialisierend, im Rahmen jeweils eines Opfer- oder Täterdiskurses. Dieser Beitrag versucht eine andere Herangehensweise. Die Thematik soll hier aus einer explizit inner-muslimischen Perspektive betrachtet werden. Aufgrund eigener Erfahrungen und Beobachtungen gehe ich davon aus, dass es so etwas wie einen muslimischen Antisemitismus gibt. Es ist ein Blick auf dieses Phänomen im eigenen sozialen und kulturellen Kontext, ein Versuch der Selbstreflexion, um dieses Phänomen zu verstehen, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, es vor der Mehrheitsgesellschaft verteidigen oder widerlegen zu müssen<sup>3</sup>.</p>
<p>Den Konflikt im Nahen Osten soll dieser Beitrag nicht erklären oder gar lösen<sup>4</sup>. Stattdessen wird sich der Beitrag eher in der Peripherie dieses Konflikts bewegen und betrachten, wie er auf den (türkisch-)muslimischen Mainstream wirkt. Mein Fokus liegt auf dem „Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus“, wobei ich von einer Multikausalität ausgehe. Das Problem ist komplex und entsteht aus der Interaktion mehrerer Faktoren. Ziel ist es, Herausforderungen und Perspektiven für (muslimisch) zivilgesellschaftliche Akteure zu identifizieren.</p>
<section id="der-7.-oktober-als-zäsur" class="level3">
<h3 data-anchor-id="der-7.-oktober-als-zäsur">Der 7. Oktober als Zäsur</h3>
<p>Der 7. Oktober<sup>5</sup> stellt in diesem Kontext eine Zäsur dar. Der Angriff der Hamas auf israelischem Territorium, genannt „Operation Al-Aksa-Flut“, hat die Lage verändert. Einige wenige Gruppen empfingen den Angriff mit offener Freude. So postete etwa die Gruppe „Palästina Spricht“ auf ihrer Facebook-Seite: „Gaza just broke out of prison“. Mitglieder der Organisation „Samidoun“<sup>6</sup> verteilten in Berlin Süßspeisen und veröffentlichten stolz Bilder davon in den sozialen Medien.</p>
<p>Auffällig war das weitgehende Schweigen auf Seiten der muslimischen Verbände. Erst nach expliziten Nachfragen gab es zögerliche und zurückhaltende Erklärungen<sup>7</sup>. Dabei wurde die Hamas nicht als Terrororganisation benannt. Man sprach von einem „terroristischen Akt”, vermied jedoch, die Hamas direkt zu nennen. Diese Haltung kann teilweise auf die Verbindungen zu den Herkunftsländern zurückgeführt werden, in denen die Hamas unterschiedlich wahrgenommen wird.</p>
<p>Die Tatsache, dass die Hamas als offener Aggressor auftrat und Israel das Opfer mit diesem Ausmaß an zivilen Toten war, passte nicht in das gewohnte Narrativ. Eine besondere Sensibilität für zivile Opfer, die sonst oft betont wird, kam hier nicht zum Tragen. Die großen muslimischen Verbände waren aber nicht auf den großen pro-palästinensischen Demonstrationen präsent und organisierten auch keine eigenen Veranstaltungen. Mitglieder wurden teilweise davon abgehalten, an solchen Demos teilzunehmen.</p>
</section>
</section>
<section id="antisemitismus-in-islamistischen-und-muslimischen-milieus" class="level2">
<h2 data-anchor-id="antisemitismus-in-islamistischen-und-muslimischen-milieus">Antisemitismus in islamistischen und muslimischen Milieus</h2>
<p>Die Forschungsergebnisse zum Thema Antisemitismus in islamistischen Milieus sind bislang unzureichend und teilweise widersprüchlich<sup>8</sup>. Dennoch lässt sich feststellen, dass Antisemitismus, Israel- oder Judenfeindlichkeit ein Identitätsmerkmal vieler islamistischer Bewegungen<sup>9</sup> ist. Die fehlende Positionierung des muslimischen Mainstreams verstärkt die Sichtbarkeit und Wirksamkeit der islamistischen Positionen. Es kommt zu einer Vermengung von theologischen, historischen und nationalistischen Diskursen zum Thema Juden und Israel.</p>
<p>Die Abgrenzung zwischen Islamismus und Islam stellt eine Herausforderung<sup>10</sup> dar. Während islamistische Bewegungen zahlenmäßig nur Bruchteile im muslimischen Milieu ausmachen, sind sie oft lautstarke Akteure mit dem Anspruch auf Gesamtvertretung. Sie islamisieren identitäre und nationalistischer Ideologien und projizieren eigene Identitätsvorstellungen auf islamische Quellen. Für muslimische Laien ist es schwierig, diese zu unterscheiden, was auch eine theologische Herausforderung für einfache muslimische Theologen darstellt.</p>
<section id="innermuslimische-positionen-zum-antisemitismus" class="level3">
<h3 data-anchor-id="innermuslimische-positionen-zum-antisemitismus">Innermuslimische Positionen zum Antisemitismus</h3>
<p>Innerhalb der muslimischen Gemeinschaft gibt es die prominente Position, dass es keinen historisch islamischen Antisemitismus gibt, dieser nur ein Ergebnis eines Ideologie-Imports aus dem Westen ist<sup>11</sup>. Drei Thesen werden dazu oft vertreten:</p>
<ol type="1">
<li><strong>These 1</strong> : Vormoderne Muslime kennen keine dem christlich-europäischen Antisemitismus vergleichbare Form der Judenfeindschaft.</li>
<li><strong>These 2</strong> : Gegenwärtiger Antisemitismus unter Muslimen ist vor allem ein israelbezogener Antisemitismus, der auf den Nahostkonflikt zurückgeht und daher politische Wurzeln hat.</li>
<li><strong>These 3</strong> : Antijüdische Narrative im Koran und in den Hadithen des Propheten sind nie als pauschale Verurteilungen der Juden als Juden gelesen worden, sondern als kontextbezogene Kritik der Juden im frühislamischen Kontext.</li>
</ol>
<p>Diese Thesen stellen eine verbreitete Sichtweise dar, doch sollte kritisch hinterfragt werden, ob sie der Komplexität der Thematik gerecht werden.</p>
<p>Der These 1 kann man in Teilen zustimmen. Zwar waren Juden im Osmanischen Reich und anderen muslimisch geprägten Ländern Bürger zweiter Klasse, doch teilten sie dieses Schicksal mit anderen Buchreligionen<sup>12</sup>. Dennoch ist auch die Geschichte muslimischer Gesellschaften nicht frei von Pogromen gegenüber jüdischen Gemeinden, selbst in der als besonders tolerant gepriesenen andalusischen Zeit. Es fehlte zwar die Systematik der europäischen Form des Antisemitismus, gerade auch wegen der fehlenden Rückgriffsmöglichkeit auf den christlich-religiös geprägten Vorwurf des „Gottesmordes”, dennoch werden auch aus muslimischen Regionen Pogrome an der jüdischen Bevölkerung historisch überliefert.</p>
<p>Im Vergleich zu These 1 lassen sich Thesen 2 und 3 noch weniger aufrecht erhalten. Vielmehr leben beide Thesen von einer imaginierten romantischen Wahrnehmung der Entwicklungen in der islamischen Welt bis kurz vor Beginn der Moderne. Einer näheren Betrachtung halten beide Thesen weitgehend nicht Stand.</p>
</section>
<section id="politischer-antisemitismus-nach-der-gründung-israels" class="level3">
<h3 data-anchor-id="politischer-antisemitismus-nach-der-gründung-israels">Politischer Antisemitismus nach der Gründung Israels</h3>
<p>Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kam es zur Übernahme europäischer antisemitischer Diskurse im Osmanischen Reich. Ein Beispiel ist das Pamphlet <em>Millet-i Israiliye</em> („Die jüdische Nation”) von Ebüzziya Tevfik<sup>13</sup> aus dem Jahr 1888<sup>14</sup>, in dem Juden als abstoßendes und minderwertiges Volk beschrieben werden. Die Jungtürkische Revolution 1908, an der auch einige jüdische Untertanen des osmanischen Reichs beteiligt waren, steigerte die Sichtbarkeit der wenigen jüdischen Akteure in der Öffentlichkeit. Tevfik deutete dies als Verschwörung von Juden und Freimaurern, wobei sich bei ihm bereits Antizionismus und Antisemitismus vermengten. Von den Verteidigern der „Import aus dem Westen”-These wird selten aufgegriffen, warum es gerade das Konzept des Antisemitismus trotz der eher antiwestlichen Einstellung von konservativen und religiösen Akteuren schaffte, als eigenes Konzept übernommen zu werden. Dies war anderen Konzepten wie dem Feminismus oder der Menschenrechts-Idee in dieser Form nicht vergönnt.</p>
<p>Möglicherweise war diese Inkulturation des Antisemitismus auch deswegen möglich, da eine eigene Form des Antisemitismus bereits im osmanischen Diskurs angelegt war, nämlich der Widerstand gegen die <em>Dönme</em><sup>15</sup>, die vermeintlich „heimlichen Herrscher der Türkei”. Die Figur des Dönme, des getarnten Juden, diente als Grundlage für Verschwörungstheorien bereits bei Ebüzziya Tevfik, sollte sich aber in modernen Zeiten noch viel weiter ausdifferenzieren. Necip Fazıl Kısakürek<sup>16</sup>, ein einflussreicher nationalistisch-islamistischer Denker, forderte in seinen Werken die Vertreibung und Vernichtung der Dönme und der Juden. Seine Schriften<sup>17</sup> haben bis heute eine Wirkmächtigkeit in nationalistisch-islamistischen Kreisen, auch in Deutschland. Zudem finden wir bei Kisakürek eine besonders intensive Vermengung von religiösen Narrativen mit antisemitischen Thesen.</p>
<p>Diese religiös begründeten antisemitischen Narrative werden aktuell auch über transnationale Strukturen und Kanäle importiert. Die türkische Fernsehserie <em>Payitaht Abdülhamid</em> beispielsweise verortet aktuelle Konflikte in historischen Kontexten. Sultan Abdülhamid wird als Bollwerk gegen Freimaurer, Juden, Armenier und Jungtürken dargestellt. Der Handlungsstrang der „jüdischen Weltverschwörung” mit Theodor Herzl als Gegenspieler reproduziert antisemitische Stereotype und schafft einen fruchtbaren Boden für antisemitische Einstellungen.</p>
</section>
<section id="juden-in-der-islamischen-tradition" class="level3">
<h3 data-anchor-id="juden-in-der-islamischen-tradition">Juden in der islamischen Tradition</h3>
<p>Juden gelten im Islam als Angehörige einer Buchreligion – sie sind die „zugehörigen Anderen”<sup>18</sup>. Der Prophet erhoffte sich bei seinem Auszug nach Medina auch eine Allianz mit den dortigen jüdischen Stämmen und ging solch eine auch mit ihnen ein. In der Frühzeit der Offenbarung war die Gebetsrichtung der Muslime eine Zeit lang Jerusalem. Es gab Allianzen, aber auch Konflikte mit jüdischen Stämmen in Medina, die in ihrer vollständigen Vertreibung aus Medina gipfelten. Im Koran wird in vielen Versen von Juden als vorangegangene Gläubige im Glauben an den einen Gott gesprochen, die in einer gemeinsamen Überlieferungstradition stehen. Aber in anderen Überlieferungstexten finden sich auch judenfeindliche Aussagen, wie die sogenannte <em>Al-Ghargad</em> -Überlieferung<sup>19</sup>.</p>
<p>Die Wahrnehmung der koranischen Verse zu Juden und Judentum hat sich in unterschiedlichen Kontexten verändert. Ursprünglich wurden diese Verse oft als kontextbezogene Kritik der Juden vor Ort oder als Warnung an die Gemeinschaft des Propheten - als aktuelle Offenbarungsempfänger nicht die selben Fehler wie die früheren Offenbarungsempfänger zu begehen - verstanden, nicht als pauschale Verurteilung und essentielle Beschreibung von Juden und Judentum. Sie dienten der Behandlung der Haltung der muslimischen Gemeinde zu Gott und seinem Propheten anhand der historisierten Haltung der Juden zum Schöpfer und ihren Propheten.</p>
<p>Es gibt keine Verortung des modernen Antisemitismus in diesen historischen Quellen des Islam. Vormoderne islamische Gesellschaften kannten den modernen Antisemitismus nicht. Allerdings kommt es heute zu einer Rückprojektion heutiger politischer Diskurse auf diesen Offenbarungskontext. Mit vermeintlich traditionellen aber durch und durch modernen Lesarten werden die Aussagen im Koran und in den Hadithen vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen interpretiert. Koranische und prophetische Kritik wird als nachträgliche Legitimierung der eigenen ideologischen Positionen genutzt. Theologen, die auf eine literalistische, nicht-historisierende Lesart geschult sind, stehen diesen „religiösen Argumenten” oft ohnmächtig gegenüber.</p>
<p>Es mag tatsächlich einen Import des „westlichen Antisemitismus” in die islamische Welt gegeben haben. Dieser traf dort aber auf einen bereits vorhandenen Antisemitismus. Zusätzlich wurde er durch eine ideologisch-islamistische Lesart der Koran und der Propheten-Überlieferungen religiös unterfüttert und damit islamisiert. Aus dem Import hat sich damit ein eigener, muslimischer Antisemitismus entwickelt, der auch unabhängig vom westlichen Antisemitismus seine Daseinsberechtigung - insbesondere in islamistischen Bewegungen - erlangt hat. Von dort strahlt dieser Antisemitismus insbesondere in Zeiten des bewaffneten heißen Konflikts im Kontext Israel und palästinensisch-extremistischer Gruppen auch in den muslimischen Mainstream hinein.</p>
</section>
</section>
<section id="narrative-der-ferne-deutsche-narrative" class="level2">
<h2 data-anchor-id="narrative-der-ferne-deutsche-narrative">Narrative der Ferne – deutsche Narrative?</h2>
<p>Die zuvor beschriebenen antisemitischen Narrative sind längst nicht mehr auf die Herkunftskontexte der hiesigen Muslime beschränkt, sondern haben Eingang in die deutschsprachigen muslimischen Milieus gefunden. Ein zentrales Problem ist das der gehäuften „Einzelfälle”. Obwohl die muslimische Verbandslandschaft pluralistisch ist und keine allgemeine antisemitische Haltung vorherrscht, gibt es immer wieder Beispiele für antisemitische Äußerungen und Einstellungen.</p>
<p>So wurden beispielsweise türkisch-antisemitische Narrative auf Webseiten und Social-Media-Kanälen von Moscheegemeinden reproduziert (Melsungen 2015, Göttingen 2015–2021, Nürnberg 2021 u.a.). Der Umgang damit beschränkt sich oft auf das Löschen der Inhalte oder den Rücktritt der Verantwortlichen vor Ort, ohne dass eine tiefgreifende verbandsinterne Auseinandersetzung stattfindet.</p>
<p>Problematisch sind auch die „geistigen Führer” mancher muslimischer Verbände, deren Werke unreflektiert übernommen werden. Necip Fazıl Kısaküreks Biografie wird im IGMG-Verlag Plural Publications veröffentlicht, ohne sich mit seinen antisemitischen Positionen auseinanderzusetzen. Auch die Person Necmettin Erbakan und seine antisemitischen Äußerungen werden in der IGMG nicht ausreichend kritisch reflektiert. Diese Personen fungieren als „Übersetzer” der „fernen” Narrative in den deutschen Kontext. Von der DITIB hat man bis heute vergeblich auf eine Erklärung zu den antisemitischen Ausfällen des Dienstherren ihrer Imame, dem Präsidenten der türkischen Religionsbehörde (DIYANET) gewartet<sup>20</sup>.</p>
<section id="rolle-der-sozialen-medien" class="level3">
<h3 data-anchor-id="rolle-der-sozialen-medien">Rolle der sozialen Medien</h3>
<p>Soziale Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung antisemitischer Inhalte. Organisationen und Rekrutierung erfolgen oft über Internet-Prediger und Plattformen, die der Hizb ut-Tahrir (HT)<sup>21</sup> nahestehen. Trotz des Betätigungsverbots von 2003 für die Hizb ut-Tahrir in Deutschland sind ihre Ableger wie „Generation Islam” (ca. 74.000 Follower auf Instagram) und „Realität Islam” (ca. 33.000 Follower auf Instagram) sehr aktiv. Die beiden größten muslimischen Verbände DITIB und IGMG haben jedoch auf Instagram zusammen nicht einmal so viele Follower wie der kleinste HT-Kanal.</p>
<p>Die HT-Plattformen verbreiten Inhalte, die die Anerkennung Israels verweigern und die politische Auslöschung des Staates propagieren. Antisemitismus wird dabei oft als Antizionismus getarnt. Nach dem 7. Oktober nutzten sie die Auseinandersetzung zwischen Hamas und Israel als Rekrutierungs- und Ideologisierungsmittel im Netz. Sie liefern Argumente und Thesen als Gegennarrative zur öffentlichen Diskussion und eröffnen mit eigenen Demo-Organisationen einen Wirksamkeitsraum für junge Muslime, die sich von ihren Verbänden im Stich gelassen fühlen.</p>
</section>
<section id="herausforderungen-und-perspektiven" class="level3">
<h3 data-anchor-id="herausforderungen-und-perspektiven">Herausforderungen und Perspektiven</h3>
<p>Angesichts dieser Entwicklungen stehen wir vor großen Herausforderungen. Zunächst ist die <strong>Anerkennung des Problems</strong> essenziell. Muslime sind nicht per se antisemitisch, doch es gibt muslimisch-stämmige Menschen, die antisemitische Einstellungen haben. Dieses Faktum muss anerkannt werden. Es bedarf einer Auseinandersetzung innerhalb der Community bezüglich des Umgangs mit antisemitischen Narrativen und Positionen, insbesondere wenn sie im religiös-nationalistischen Gewand aus den Herkunftsländern der Eltern in unsere Gesellschaft einfließen.</p>
<p>Dieser Antisemitismus wird von islamistischen Akteuren auch religiös begründet. Es braucht daher eine selbstkritische <strong>theologische Auseinandersetzung</strong> mit diesem Phänomen. Muslimische Verbände müssen ihrem Vertretungsanspruch gerecht werden und können sich nicht in Krisenzeiten aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Ein Rückzug überlässt das Feld den Scharfmachern.</p>
<p>Es ist notwendig, sich mit antisemitischen Positionen und Akteuren in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen. Die unterschiedlichen Herleitungen von und Zugänge zu Antisemitismus müssen Eingang in die <strong>politische Bildungsarbeit</strong> finden. Nur so können langfristig Veränderungen bewirkt werden.</p>
</section>
</section>
<section id="fazit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="fazit">Fazit</h2>
<p>Der Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. Er ist nicht allein auf importierte Diskurse zurückzuführen, sondern entsteht aus einer Mischung historischer, theologischer und politischer Faktoren. Es liegt eine große Verantwortung bei der muslimischen Zivilgesellschaft, sich diesem Problem zu stellen. Durch offene Auseinandersetzung, Bildung und kritische Reflexion können Wege gefunden werden, diesem Phänomen entgegenzutreten. Ein Schweigen der muslimischen Verbände und des muslimischen Mainstreams in Deutschland nutzt am Ende nur den antisemitischen Scharfmachern und erhöht deren Sichtbarkeit und Wirkmächtigkeit.</p>
<hr>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Passende Leistung:</strong> <a href="../../leistungen/muslimischer-antisemitismus-nahost.html">Muslimischer Antisemitismus &amp; Nahost – Narrative verstehen und begegnen</a> als Vortrag oder Workshop.</p>
<p><a href="../../kontakt.html" class="btn btn-primary btn-sm">Anfrage stellen</a></p>
</div>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>
<p><img src="https://vg04.met.vgwort.de/na/a18595769fd04466a875911f42641195.png" class="img-fluid"></p>


</section>


<div id="quarto-appendix" class="default"><section id="footnotes" class="footnotes footnotes-end-of-document"><h2 class="anchored quarto-appendix-heading">Fußnoten</h2>

<ol>
<li id="fn1"><p>Auf die Debatten zu Antisemitismus-Definitionen wird in diesem Beitrag nicht weiter eingegangen. Einen Einblick auf den Diskurs findet man in Ullrich, Peter, Sina Arnold, Anna Danilina, Klaus Holz, Uffa Jensen, Ingolf Seidel, und Jan Weyand, Hrsg. 2024. <a href="https://amzn.to/3BGpE8r">Was ist Antisemitismus? Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart.</a> Göttingen: Wallstein Verlag.↩︎</p></li>
<li id="fn2"><p>Eine Betrachtung von „muslimischem Antisemitismus“ aus sehr unterschiedlichen Perspektiven können Sie in folgenden Arbeiten finden (Aufzählung ohne Zustimmung, Ablehnung oder Wertung): * Ranan, David. 2018. <a href="https://amzn.to/3BKvNk5">Muslimischer Antisemitismus</a>. Herausgegeben von Ines Thomas. Bonn: Dietz. * Blume, Michael, Hrsg. 2019. <a href="https://amzn.to/4f58u2T">Warum der Antisemitismus uns alle bedroht</a>. Ostfildern: Patmos Verlag. * Hößl, Stefan E. 2020. <a href="https://amzn.to/4eNdvNE">Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen</a>. ProQuest Ebook Central. Wiesbaden: Springer VS. * Wetzel, Juliane. 2014. <a href="https://amzn.to/408JQKh">Moderner Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland</a>. essentials. Wiesbaden: Imprint: Springer VS.↩︎</p></li>
<li id="fn3"><p>Zu Fragen der Multiperspektivität: Bergmann, Klaus. 2016. <a href="https://amzn.to/4eM9rNR">Multiperspektivität</a>. 3. Aufl. Wochenschau Geschichte. Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag.↩︎</p></li>
<li id="fn4"><p>Für einen Einstieg in den Nahostkonflikt: * Asseburg, Muriel. 2024. <a href="https://amzn.to/3BMgtU1">Der Nahostkonflikt</a>. Herausgegeben von Jan Busse. 12., Überarbeitete und Aktualisierte Auflage. München: C.H. Beck Wissen. * Wolffsohn, Michael. 2023. <a href="https://amzn.to/4dRUYyC">Wem gehört das Heilige Land?</a> 17. Auflage. Serie Piper. München: Piper.↩︎</p></li>
<li id="fn5"><p>Zur Einordnung des 7. Oktober 2023 aus israelischer Perspektive: Dachs, Gisela, Hrsg. 2024. <a href="https://amzn.to/4eNekpI">7. Oktober.</a> Erste Auflage. Jüdischer Almanach der Leo Baeck Institute. Berlin: Jüdischer Verlag.↩︎</p></li>
<li id="fn6"><p>Mittlerweile hat das Bundesinnenministerium ein Betätigungsverbot gegen das Netzwerk „Samidoun“ erlassen. (Quelle: <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2023/11/vereinsverbot-hamas-samidoun.html">Bundesinnenministerium</a>, abgerufen 16.10.2024; <a href="https://archive.is/QzVAO">Alternativlink</a>)↩︎</p></li>
<li id="fn7"><p>Eine Übersicht der Erklärungen der muslimischen Verbände zum 7. Oktober 2023: * <strong>IGMG</strong> : Keine Erklärung auf der <a href="https://www.igmg.org/pressemitteilung/page/6/">Verbands-Webseite</a>. Vorsitzender Kemal Ergün spricht Abend des 7. Oktober auf <a href="https://x.com/kemalerguen/status/1710719819165700314">X (früher Twitter)</a> (<a href="https://archive.is/jfWCX">Alternativlink</a>) von „Gewalteskalationen und Spannungen zwischen Israel und Palästina“, „Nach Angriffen von Siedlern und Eingriffen israelischer Sicherheitskräfte […] hat die Hamas heute groß angelegte Aktionen durchgeführt“. Der Generalsekretär Ali Mete schafft es am nächsten Tag ebenfalls auf X eine <a href="https://x.com/AliMete82/status/1710964955841736884">Erklärung</a> (<a href="https://archive.is/sKB3J">Alternativlink</a>) abzugeben, ohne auch nur Hamas zu erwähnen. Ohne auch nur den 7. Oktober zu erwähnen spricht er vom „drohenden Krieg[es] und der erneuten Gewalt in Israel und Palästina“, spricht von „Bilder und Videos von Übergriffen, Entführungen und Schändungen, die wir leider seit vielen Jahren und auch heute zu sehen bekommen“ ohne Täter und Opfer zu nennen. * <strong>DITIB</strong> : Auf der <a href="https://ditib.de/detail1.php?lang=de">Verbandswebseite</a> (<a href="https://archive.is/wip/6Xq9H">Alternativlink</a>) und dem <a href="https://x.com/DITIBkoln/status/1711048556516180091">X-Account</a> (<a href="https://archive.is/wip/mBmj6">Alternativlink</a>) des Bundesverbands wird lediglich die gemeinsame Erklärung des KRM vom 08.10.2023 geteilt. * <strong>ZMD</strong> : Der ZMD spricht am 08.10.2023 auf seiner <a href="https://zentralrat.de/34861.php">Verbandsseite</a> (<a href="https://archive.is/ogEFy">Alternativlink</a>) von einer „Eskalation im Nahen Osten“. „Die jüngsten Angriffe der Hamas auf Zivilisten“ werden zwar verurteilt, um nach einem Aufruf zur Beendigung der Gewalt weiter auszuführen, dass „alle Seiten jetzt die Kampfhandlungen sofort einstellen“ müssten. Eine Einordnung der Hamas als Terrororganisation bleibt aus, stattdessen wird von der „jüngste[n] Gewaltspirale im Nahen Osten“ gesprochen. * <strong>KRM</strong> : In seiner <a href="https://koordinationsrat.de/pressemitteilung-zur-eskalation-am-gazastreifen-zwischen-hamas-und-israel">Erklärung</a> (<a href="https://archive.is/CTU1y">Alternativlink</a>) vom 08.10.2023 spricht der Koordinationsrat der Muslime von einer „Eskalation am Gazastreifen zwischen Hamas und Israel“: „In Israel und Palästina kam es wieder zur Gewalteskalation. Die Hamas startete einen Angriff gegenüber Israel, bei der auf beiden Seiten mehrere hunderte Menschen ums Leben gekommen sind.“ Wenn der KRM „die Raketenabschüssse und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung“ verurteilt, wird noch nicht einmal wirklich klar, an wen sich die Verurteilung richtet. Die Begriffe Terror und Terrororganisation werden in der gesamten PM vermieden.↩︎</p></li>
<li id="fn8"><p>Überblick und Bewertung der bis zum April 2023 vorliegenden Forschungsergebnisse: Arnold, Sina. 2023. „Antisemitismus unter Menschen mit Migrationshintergrund und Muslim*innen“. Mediendienst Integration.↩︎</p></li>
<li id="fn9"><p>Grimm, Marc, und Bodo Kahmann, Hrsg. 2020. <a href="https://amzn.to/3Y8oQkn">Antisemitismus im 21. Jahrhundert</a>. Europäisch-jüdische Studien – Beiträge. Berlin: De Gruyter Oldenbourg.↩︎</p></li>
<li id="fn10"><p>Biskamp, Floris, und Stefan E. Hößl, Hrsg. 2013. <a href="https://amzn.to/4eP7r7A">Islam und Islamismus</a>. 1. Aufl. Schriften zur politischen Bildung, Kultur und Kommunikation. Gießen: Netzwerk für Politische Bildung, Kultur und Kommunikation.↩︎</p></li>
<li id="fn11"><p>Umfangreich dargelegt in einem Beitrag von Dr.&nbsp;Hakki Arslan: <a href="https://hakkiarslan.blog/2023/11/05/gibt-es-einen-islamischen-antisemitismus/">Gibt es einen islamischen Antisemitismus?</a> (abgerufen am 16.10.2024, <a href="https://archive.is/GsLnL">Alternativlink</a>)↩︎</p></li>
<li id="fn12"><p>Zum Millet-System im Osmanischen Reich: Kenanoğlu, Macit. 2018. <a href="https://amzn.to/408F9jN">Osmanli Millet Sistemi: Mit ve Gercek.</a> Klasik Yayınları.↩︎</p></li>
<li id="fn13"><p><a href="https://islamansiklopedisi.org.tr/ebuzziya-mehmed-tevfik">Ebüzziya Tevfik in der DIA</a>.↩︎</p></li>
<li id="fn14"><p>Das Werk wurde im Jahr 2021 in einem türkischen Verlag im osmanischen Original, einer Transkription und einer Übertragung in die heutige türkische Sprache neu aufgelegt.↩︎</p></li>
<li id="fn15"><p>Zur Geschichte der „Dönme“ im osmanischen Reich: Şişman, Cengiz. 2017. <a href="https://amzn.to/3Y9GiVB">The burden of silence</a>. First issued as an Oxford University Press paperback. New York: Oxford University Press.↩︎</p></li>
<li id="fn16"><p>Einen guten Einblick in den national-konservativen Diskurs und die Rolle von Necip Fazıl Kısakürek bietet Tröndle, Dirk. 2021. <a href="https://amzn.to/3Ucr69g">Kontextualisierung des Islamischen Gedankengutes in der Türkei</a>. Harrassowitz.↩︎</p></li>
<li id="fn17"><p>Eines der besonders antisemitischen Werke von Kısakürek „Ideolocya Örgüsü“ ist 2017 erneut aufgelegt worden.↩︎</p></li>
<li id="fn18"><p>Cohen, Mark R. 2011. <a href="https://amzn.to/48bnCcI">Unter Kreuz und Halbmond</a>. Herausgegeben von Christian Wiese. 2. Aufl., Unveränd. Nachdr. München: Beck.↩︎</p></li>
<li id="fn19"><p>Ein Überblick zum Hintergrund und Bedeutung der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Al-Gharqad">Al-Ghargad-Überlieferung</a>.↩︎</p></li>
<li id="fn20"><p>Zum Verhältnis von DITIB und Diyanet: Yaşar, Aysun. 2012. <a href="https://amzn.to/4f7VgCA">Die DITIB zwischen der Türkei und Deutschland.</a> Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt. Bd. Bd. 32. Würzburg: Ergon Verlag.↩︎</p></li>
<li id="fn21"><p>Zur Hizb ut-Tahrir: Yakub, AbuBilaal, und Wasim A. Ismail. 2021. <a href="https://amzn.to/3NtIPFd">False Caliphate: A Critical Analysis of Hizb Ut-Tahrir’s Political and Creedal Views</a>. Iron Heart Publishing.↩︎</p></li>
</ol>
</section></div> ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/antisemitismus-in-muslimischen-bzw-islamistischen-milieus.html</guid>
  <pubDate>Wed, 12 Feb 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/be1e1bc50f8930266d6b87804e0430d11c61f18a-muslimischer-antisemitismus2x.png" medium="image" type="image/png" height="43" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Wer stehen bleibt, kommt nicht voran</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wer-stehen-bleibt-kommt-nicht-voran.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/bestandsaufnahme_muslimische-gemeinschaften-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Wer stehen bleibt, kommt nicht voran"></p>
<section id="muslimische-gemeinschaften-und-verbände" class="level2">
<h2 data-anchor-id="muslimische-gemeinschaften-und-verbände">Muslimische Gemeinschaften und Verbände</h2>
<p>Eine Rückfrage auf eine kurze Bemerkung meinerseits hat mich zu diesem Beitrag motiviert. In einem kurzen Post hatte ich festgestellt:</p>
<blockquote class="blockquote">
<p>Es war falsch, die Hoffnungen weitgehend auf den Generationswechsel zu setzen. Mentalitäten sind nicht unbedingt Generationen-abhängig, sie neigen dazu, auch über Generationen hinweg weitergeben zu werden. Solange es keinen Bewusstseinswandel gibt, wird sich weder in der 3. noch in der 4. Generation etwas ändern.</p>
</blockquote>
<p>Die Feststellung provozierte eine Rückfrage eines Lesers:</p>
<blockquote class="blockquote">
<p>Und wie kommt es zum Bewusstseinswechsel?</p>
</blockquote>
<p>Diese Frage zu beantworten ist zwar nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Zuallererst gilt es zu identifizieren, wo wir als muslimische Community überhaupt stehen. Wir brauchen eine schonungslose Bestandsaufnahme: Was wurde wozu und mit welchen Mitteln erreicht? Wir könnten auch das Pronomen „von wem“ hinzunehmen. Die Probleme sind jedoch in erster Linie eher systembedingt. Das lässt die handelnden Personen zwar nicht unwichtig werden oder spricht ihnen die Verantwortung für ihr Tun ab. Es hat sich aber innerhalb der Verbände immer wieder gezeigt, dass es eine überraschend hohe Austauschbarkeit von Personen gibt. Selbst im Sinne dieses Beitrags positiv hervortretende Funktionsträger rufen oft nur temporäre Änderungen hervor, deren Revision nicht einmal einen Bruchteil der Zeit ihrer Etablierung in Anspruch nimmt.</p>
<p>Aktuell scheitern wir im innerverbandlichen Zusammenhang bereits an dieser Bestandsaufnahme. Die dafür notwendige Evaluation des Bestehenden und die selbstkritische Betrachtung des Geleisteten wird nicht als struktureller Diskurs, sondern als Infragestellung der jeweiligen Autorität oder sogar als Delegitimierung der Institution wahrgenommen. Die Folge sind in der Regel ad-hominem Angriffe gegen die „Kritiker“ in ihrer Abwesenheit und die nach außen gezeigt Nichtbeachtung der Kritik.</p>
<p>In die Bestandsaufnahme gehören sehr vielfältige Aspekte: die Entstehungsgeschichte der Verbände, ihre Entwicklung, der Erwartungswandel von muslimischer und nicht-muslimischer Öffentlichkeit gegenüber den Gemeinschaften, der Wandel der Generationen und der gesellschaftliche Wandel, ebenso der Blick für die Rolle von Religion und religiösen Gemeinschaften in der Öffentlichkeit. Dabei darf es keine Tabus geben. Was hier wissentlich ausgelassen wird, wird uns früher oder später krachend vor die Füße fallen.</p>
<p>Spätestens nach dieser Bestandsaufnahme – zu erwarten ist eher eine versetzte Gleichzeitigkeit – führt der Weg zur Grundsatzdebatte. Meine Erfahrung aus über 20-jähriger muslimischer Verbandsarbeit hat mir gezeigt, wenn es etwas furchteinflößenderes als eine Bestandsaufnahme gibt, dann ist das die Grundsatzdebatte. Natürlich hilft es keiner Institution, wenn sie sich völlig in grundsätzlichen Debatten verliert. Bisher wird diese Form des Diskurses innerhalb der Community aber immer nur von wenigen geführt, die dann relativ schnell ihr weiteres “Dasein” außerhalb der etablierten Verbände suchen müssen. Diese Externalisierung notwendiger Grundsatzdebatten führte bisher oftmals zur Geburt neuer Initiativen und Vereine. Solche Reaktionsmuster bestehen auch heute noch fort und führen zum personellen Ausbluten der Gemeinschaften. Nicht selten sind es die kreativsten Köpfe, die sich einen eigenen Pfad außerhalb ihrer Institution bahnen müssen.</p>
<p>Mittlerweile hat sich eine Rahmenbedingung gravierend geändert. Während bis vor einigen Jahren der soziale Ausschluss von Kritikern den Verbänden die Möglichkeit gab, ihre Kritik zu externalisieren und somit im Innern zu neutralisieren, sorgen nun die erweiterten Zugangsmöglichkeiten der sozialen Medien dafür, dass diese Kritik noch viel intensiver von “außen” an die Verbände herangetragen werden kann. Trotz der zur Schau getragenen Gelassenheit sorgen diese Kritiken für immer mehr interne Anfragen und Infragestellungen.</p>
<p>In diese Grundsatzdebatte gehören neben den bereits in der Bestandsaufnahme aufgegriffenen weitere Aspekte wie die Multiethnizität der Community, die Frage nach dem Zugang zur Mehrheitsgesellschaft, zur Verortung und zur Beheimatung. Auch die Strukturfrage muss dabei aufgeworfen werden, nicht nur mit Blick auf die zentrale und regionale Ebene. Auf der lokalen Ebene fehlt es noch immer an ganzheitlichen Antworten auf die Frage, was wir uns als Rolle und Funktion für eine Moschee im hier und jetzt mit Blick auf die Zukunft verstehen. Bisher beschränken wir uns dabei entweder auf die deskriptive Darstellung des Bestehenden oder die romantisierende Nachahmung des Vergangenen.</p>
<p>Eine Fokussierung auf Kirche und Christentum stellt dabei ebenfalls eine falsche Abzweigung dar. Die Entwicklung von etablierten Religionsgemeinschaften in Deutschland und Europa gehört in die Analyse, jedoch nicht als Nachahmungsschablone. Vielmehr stellt sie reichhaltige Erfahrungstradition an, die aus eigenen Geschichtlichkeiten und Bedürfnissen heraus entstanden sind. Als Muslime gilt es diese wahrzunehmen, genauso wie es eines eigenen Blickes für die vielfältigen Formen der religiösen Institutionalisierung in den Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit braucht. In beiden Fällen gilt: Eine Eins-zu-eins-Übernahme ist weder möglich noch sinnvoll. Vielmehr gilt es zu hinterfragen, welche Bedarfe es gab, wie darauf reagiert wurde, wie viel davon aus einer entsprechenden Theologie abgeleitet wurden und wie viel davon aus der sachlichen Notwendigkeit heraus entstanden sind. Die Erarbeitung von Antworten auf die Fragen, was Muslime in der Institution der lokalen Moschee und darüber hinaus im Hier und Jetzt brauchen und was wir in die nächste Generation weitergeben wollen, steht dabei im Zentrum.</p>
<p>Der Blick in die Strukturen beinhaltet ebenfalls die Frage nach der Effektivität. Auch in der Zukunft möge es keinem genommen werden, noch eine weitere Kleinstmoschee zu eröffnen. Aber braucht es für jede Form der religiösen Vereinigung eines angeschlossenen Betraums, um damit den Anspruch, „Moschee“ zu sein, zu zementieren? Muss jeder Verband in jedem Stadtteil eine “Moschee” betreiben, die zwar der Statistik eine Zahl liefert aber nicht den Gläubigen die notwendigen religiösen Dienstleistungen? Diese Erwägungen dürfen zwar nicht von oben herab verordnet werden. Es braucht jedoch einer Bemühung darum, Einsicht an der Basis zu schaffen und dafür entsprechend zu werben.</p>
<p>Dem geneigten Leser wird klar sein, dass mit den zwei hier genannten Punkte das Ende noch lange nicht erreicht ist. Es handelt sich bei all dem um eine sisyphos-artige Herausforderung. Vieles von dem hier gesagten geschieht bereits auf verschiedenen Ebenen und an unterschiedlichen Orten, unabhängig davon, ob die großen Verbände dies unterstützen oder nicht. Letztendlich gilt, wer stehen bleibt, kommt nicht voran.</p>
<p>Es geht mittlerweile nicht mehr darum, wie und wo wir anfangen. Diesen Schritt haben bereits dermaßen viele gewagt, dass der Diskurs nicht mehr folgenlos wird abebben können. Aus dieser Herausforderung heraus sind neue Institutionen entstanden, immer mehr insbesondere junge Menschen schaffen sich oder suchen zumindest nach einem eigenen Diskursraum. Viel eher stellt sich die Frage, wie diese dezentralen Diskurse zueinander geführt werden können, damit sie sich gegenseitig befruchten. Und auch darüber zerbrechen sich nicht wenige bereits den Kopf. Es geht voran.</p>
<p><img src="https://ssl-vg03.met.vgwort.de/na/fc05f1bbdec24bb5af0b767cb0494c12.png" class="img-fluid"></p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wer-stehen-bleibt-kommt-nicht-voran.html</guid>
  <pubDate>Sun, 04 Mar 2018 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/bestandsaufnahme_muslimische-gemeinschaften-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/moschee-ehrenfeld-bearbeitet.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen"></p>
<section id="die-muslimische-institutionalisierung-in-deutschland" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-muslimische-institutionalisierung-in-deutschland">Die muslimische Institutionalisierung in Deutschland</h2>
<p>Vielen nicht-muslimischen aber auch muslimischen Akteuren sind die Entwicklung und der aktuelle Stand der muslimischen Institutionalisierung in Deutschland wenig bekannt. Die Namen mancher Organisationen kennt man zwar mehr oder weniger, doch selbst vielen Muslimen ist nicht bewusst, wie diese Institutionen entstanden sind. In diesem Beitrag soll zum einen ein Einblick in die historische Entwicklung der muslimischen Gemeinschaften gegeben werden, zudem der aktuelle Status Quo aufgegriffen und schließlich ein Blick in eine mögliche und wahrscheinliche Zukunft der muslimischen Institutionalisierung in Deutschland geworfen werden.</p>
<p>In einem einzelnen Beitrag wird es jedoch kaum möglich sein, alle Aspekte der historischen, aktuellen und zukünftigen Entwicklungen insgesamt aufzugreifen. Vielmehr wird hier nur ein erster Abriss geboten, dessen tiefergehende Aspekte jeweils in eigenen Beiträgen für die unterschiedlichen Entwicklungsphasen, aber auch für die unterschiedlichen Gemeinschaften aufgegriffen und vertieft werden müssen.</p>
</section>
<section id="historische-entwicklung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="historische-entwicklung">Historische Entwicklung</h2>
<p>Es war nicht unbedingt die islamische Theologie, sondern viel mehr die Arbeitsmigration nach Deutschland, die den wesentlichsten Einfluss auf die Form der muslimischen Institutionalisierung in Deutschland gehabt hat. Es gibt zwar vereinzelte muslimische Initiativen und Einrichtungen, die man als unabhängig von der Arbeitsmigration entstanden ansehen kann, nominell fallen diese jedoch für die Darstellung hier nicht besonders in Gewicht, dies soll jedoch nicht als Aussage hinsichtlich ihrer Bedeutung und Relevanz innerhalb der muslimischen Community verstanden werden.</p>
<p>Mit dem Blick auf die historische Entwicklung der muslimischen Institutionsentwicklung in Deutschland wird deutlich werden, warum sich diese Gemeinschaften zwar unterschiedlich entwickelt haben, sich aber dennoch in einer wesentlichen Instanz, nämlich der Moscheegemeinde als struktureller Basis, gleichen. Interessant dabei ist, dass es sich bei der hiesigen muslimischen Form der religiösen Organisation um eine handelt, die von den im Rahmen der Arbeitsmigration nach Deutschland gereisten Muslimen nicht aus ihren Heimatländern importiert worden ist. Man kann sie wohl als eine spezifisch europäische Form der religiösen Institutionalisierung bezeichnen.</p>
<section id="gründung-provisorischer-gastarbeiter-moscheen-1960er" class="level3">
<h3 data-anchor-id="gründung-provisorischer-gastarbeiter-moscheen-1960er">Gründung provisorischer „Gastarbeiter“-Moscheen (1960er)</h3>
<p>Das Rotationsprinzip zu Beginn der Arbeitsmigration lies den ersten “Gastarbeitern” keinen Raum für eine längerfristige Bindung zum Land oder zueinander. Sie blieben viel zu kurz in dem Land, als dass sie sich tatsächlich um eine gemeinschaftliche Religionsausübung sorgen konnten. Die Religiosität wurde vor diesem Hintergrund weitgehend im Privaten gelebt oder auf die Zeit nach der Rückkehr in die Heimat verdrängt. Die anvisierte Kürze des Verbleibs konnte die meisten Gastarbeiter über das Fehlen der religiösen Praxis für diese begrenzte Zeit noch hinwegtrösten. Sobald das Rotationsprinzip faktisch nicht mehr zur Anwendung kam und der Aufenthalt in Deutschland sich immer mehr in die Länge zog, stellte sich für viele die Frage, wie sie ihre gemeinschaftlichen Rituale wie das gemeinsame Freitagsgebet oder die Festtagsgebete verrichten konnten.</p>
<p>Anfangs wurden Aufenthaltsräume in den Arbeiter-Wohnheimen zu den Freitagsgebetszeiten zu Gebetsräumen umfunktioniert. Dazu reichte es, das spärliche Mobiliar zur Seite zu schieben und die mitgebrachten Gebetsteppiche auszulegen. Dem folgten zuerst zu den beiden Festtagsgebeten, später dann immer öfter zu den Freitagsgebeten auf Initiative einiger Engagierter angemietete kirchliche und kommunale Gemeindesäle.</p>
<p>Diese regelmäßigen Zusammenkünfte waren schließlich mit die Ursache für das Einsetzen eines religiösen Gemeinschaftsgeistes innerhalb der Arbeiter. In vielen Städten kamen dazu noch Studenten aus muslimischen Ländern oder konvertierte Muslime hinzu, die gemeinsam die Gründung erster kleinerer Gemeinden vorbereiteten.</p>
</section>
<section id="sesshaftwerdung-der-moscheegemeinden-1970er" class="level3">
<h3 data-anchor-id="sesshaftwerdung-der-moscheegemeinden-1970er">Sesshaftwerdung der Moscheegemeinden (1970er)</h3>
<p>Die Eröffnung der ersten dauerhaft als Gebetsraum eingerichteten Räumlichkeiten wurde zu Beginn von wenigen Einzelpersonen veranlasst. Noch bevor es eingetragene Vereine gab, entstanden so in den meisten größeren Kommunen bereits erste Gebetsräume. Erst nach und nach wurde den Akteuren bewusst und bekannt, dass es die Möglichkeit der Etablierung von Trägervereinen gab, womit die Verantwortung für den Erhalt der Gemeinde-Infrastruktur von den Schultern Einzelner auf eine größere Zahl von Unterstützern übertragen werden konnten.</p>
<p>Dieser Weg gestaltete sich jedoch als nicht so einfach, wie es aus heutiger Sicht erscheinen mag. Kaum einer der damaligen Akteure kannte einen solchen organisierten zivilgesellschaftlichen Einsatz aus der eigenen Heimat. Auch fehlte es am notwendigen juristischen Sachverstand für die Gründung einer Moscheegemeinde. Zudem waren der damaligen staatskirchenrechtlichen Praxis die Gründung und der Betrieb von Moscheegemeinden unbekannt.</p>
<p>Die frühesten Satzungen sind ein Spiegelbild dieser zaghaften Institutionalisierungsversuche. So reicht der Umfang von halbherzig umformulierten Satzungen von freien Kirchengemeinden bis hin zu umfangreichen Regelwerken, die beanspruchen, fast alle Lebensbereiche der Muslime abzudecken.</p>
<p>Die Gründung von Trägervereinen ermöglichte jedoch nicht nur die Verteilung der finanziellen Belastungen auf eine breitere Mitgliederbasis, mit ihr etablierten sich in den Gemeinden in Form von Vorständen erstmals auch Funktionsträger über den Imam hinaus.</p>
<p>Mit dem Beginn der Familienzusammenführung und dem Nachzug der Arbeiterfamilien wurden die bis dahin weitgehend noch männlich-orientierten Aufenthaltsräume inhaltlich immer mehr zu einem sozial-religiösen Raum, einer Moscheegemeinde für die gesamte Familie.</p>
</section>
<section id="etablierung-einer-dauerhaften-struktur-80er-und-90er-jahre" class="level3">
<h3 data-anchor-id="etablierung-einer-dauerhaften-struktur-80er-und-90er-jahre">Etablierung einer dauerhaften Struktur (80er und 90er Jahre)</h3>
<p>Bereits in den 80er Jahren setzte bei vielen Gemeinden eine interne funktionale Ausdifferenzierung ein. Neben dem eigentlichen Moscheevorstand bildeten sich eigene Vorstände in der Frauen-, Jugend- und Bildungsarbeit aus.</p>
<p>Weiterhin entstand immer mehr eine Hierarchie über die Moscheegemeinde hinaus. Es etablierten sich Verwaltungs- und Koordinierungsebenen auf der regionalen Ebene und Zentralstrukturen auf der Bundesebene. Die Moscheegemeinden waren zwar weiterhin zentral für das religiöse Leben der Muslime. Bestimmte Aufgaben und Funktionen wurden jedoch auf die Regional- und Zentral-Ebene übertragen. Der theologische und pädagogische Sachverstand wurde immer mehr weg von der einzelnen Gemeinde auf Ebenen verlagert, auf denen die Professionalisierung und Koordinierung viel eher möglich erschien.</p>
<p>Einzelne Moscheegemeinden erwarben bereits in den 80er Jahren und viel häufiger in den 90er Jahren erste Immobilien zur größeren Entfaltung ihrer Moscheegemeinden. Sie schlugen damit bewusst oder unbewusst einen programmatischen Weg der Sesshaftwerdung und Hinwendung nach Deutschland ein, der sicherlich einen großen Anteil an der Beheimatung von Muslimen in der “neuen Heimat” hatte.</p>
<p>In diese frühe Zeit fallen auch die ersten Einheitsbemühungen zwischen den einzelnen muslimischen Verbänden. Unter anderem wurden der Islamrat, der Islamische Arbeitskreis Deutschland und der Zentralrat in dieser Zeit gegründet. Geglückt ist die Bildung einer alle größeren Gemeinschaften umfassenden einheitlichen und belastbaren Struktur jedoch bis heute noch nicht.</p>
</section>
</section>
<section id="der-status-quo-der-muslimischen-gemeinschaften" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-status-quo-der-muslimischen-gemeinschaften">Der Status Quo der muslimischen Gemeinschaften</h2>
<section id="rechtlich-politische-problematik" class="level3">
<h3 data-anchor-id="rechtlich-politische-problematik">Rechtlich-Politische Problematik</h3>
<p>Die bestehenden muslimischen Gemeinschaften sind bisher noch als eingetragene Vereine organisiert. Gemeinschaften wie die DITIB, die IGMG, der VIKZ, die ATIB, die IGDB oder die IGD sind jedoch nach dem eigenen Verständnis aber auch aus ihrem Wirken heraus als Religionsgemeinschaften anzusehen.</p>
<p>Die Moscheegemeinden auf der kommunalen Ebene werden mittlerweile auch von der Wissenschaft, aber auch von Politik und Verwaltung als Religionsgemeinschaften oder Teile von Religionsgemeinschaften akzeptiert. Bis Mitte der 2000er Jahre wurde weniger die Moscheegemeinde als vielmehr die Rolle und Natur der Landes- und Bundesebenen und die der darüber liegenden Dachverbände in Frage gestellt.</p>
<p>Mittlerweile haben insbesondere in Ländern wie in Hamburg, Niedersachsen und Hessen religionsverfassungsrechtliche und -soziologische Gutachten nachgewiesen, dass es sich bei den geprüften muslimischen Gemeinschaften rechtlich und inhaltlich um Religionsgemeinschaften handelt. Diese Ergebnisse dürften weitgehend auch für viele der nicht implizit geprüften Gemeinschaften Geltung haben.</p>
<p>Die Weigerung von Politik und Verwaltung, den bestehenden Status der Verbände als Religionsgemeinschaften anzuerkennen, dürfte eher im politisch-finanziellen zu suchen sein, als tatsächlich im rechtlichen.</p>
<p>Das zersplitterte Auftreten der muslimischen Gemeinschaften verhindert jedoch immer wieder, dass Statusrechte gemeinsam eingefordert werden können. Eher kommt es sogar dazu, dass sich einzelne Gemeinschaften gegeneinander ausspielen lassen.</p>
<p>Auch wegen dieses Umstandes war es bisher keine Seltenheit, dass die muslimischen Gemeinschaften bei der Wahrnehmung von Rechten im Bereich der Kooperation mit dem Staat sich nur mit Rechten zweiter Klasse begnügen mussten.</p>
</section>
<section id="innermuslimische-problematik" class="level3">
<h3 data-anchor-id="innermuslimische-problematik">Innermuslimische Problematik</h3>
<p>Neben den allgemeinen politischen Herausforderungen mit Blick auf die Mehrheitsgesellschaft gibt es jedoch auch innermuslimische Probleme, die die Zusammenarbeit der einzelnen muslimischen Gemeinschaften erschweren und die immer wieder angestoßenen Einheitsprozesse am Ende scheitern lassen.</p>
<p>Der aktuelle Status Quo ist, dass statt der stärkeren Zusammenarbeit wieder die Ethnisierung der Gemeinschaften voranschreitet. Mittlerweile kann man sogar von einer Re-Ethnisierung der Verbandsarbeit sprechen. Die Ursachen liegen dabei einerseits in der Enttäuschung der kleineren Gemeinschaften gegenüber den Großen, wenn es um die Unterstützung ihrer Institutionalisierung und die aktivere Einbindung in Entscheidungsfindungsprozesse geht. Andererseits spielt aber auch die Überforderung der größeren Gemeinschaften eine gewichtige Rolle, neben der notwendigen eigenen Institutionalisierung und Professionalisierung diesbezüglich auch den kleineren Gemeinschaften die nötige Unterstützung zukommen zu lassen.</p>
<p>Die aktuelle Folge dieser Entwicklung ist, dass die muslimische Institutionalisierung in Deutschland in ihrem – institutionell betrachtet recht jungen – fünften Jahrzehnt noch immer keine gefestigten Koordinierungs- und Austauschstrukturen vorweisen kann, die auch in der Krisensituation belastbar wären und funktionieren können.</p>
<p>Die fehlenden gemeinsamen Entscheidungsstrukturen, die voranschreitende Zersplitterung in kleinere, ethnisch organisierte Einheiten und akuter Experten- und Fachkräftemangel bis in die Spitzengremien hinein führen schließlich dazu, dass die Sprachlosigkeit bei Fachthemen eher zugenommen hat. Einige wenige Gemeinschaften konnten zwar im öffentlichen Auftreten und bei Fragen der Wahrnehmung als islamische Gemeinschaft ihre Konturen schärfen, es mangelt jedoch noch immer an der adäquaten Besetzung von religionsverfassungsrechtlichen, politischen, aber auch theologischen Themen. Der Mangel an inneren Debatten zwischen den Gemeinschaften führt schließlich zur weitgehenden Abwesenheit von gemeinsam erarbeiteten Konzepten und Positionen.</p>
<p>Im Ergebnis stellt diese Situation nicht nur für die muslimischen Gemeinschaften eine Herausforderung dar, sondern auch für ihre aktuellen und zukünftigen Kooperationspartner. Immer wieder entstehen Missverständnisse und Konflikte, die aber in den seltensten Fällen das Resultat einer absichtlich ablehnenden Haltung sind, vielmehr strukturellen und persönlichen Unzulänglichkeiten und Überlastungssituationen geschuldet sind.</p>
</section>
<section id="bekenntniseinheit-nicht--gemeinschaft" class="level3">
<h3 data-anchor-id="bekenntniseinheit-nicht--gemeinschaft">Bekenntniseinheit nicht -gemeinschaft</h3>
<p>Dabei bestehen innerhalb der sunnitischen Gemeinschaften keine bekenntnismäßigen Unterschiede. Sie gehören mehrheitlich den sunnitischen Rechtsschulen des Imam Abu Hanifa oder des Imam Schafi an, wenige der malikitischen oder hanbalitischen Rechtsschule. Die wenigsten der einfachen Moscheegänger dürften jedoch in der Lage sein, die wesentlichen Aspekte zu benennen, in denen sich diese Rechtschulen untereinander unterscheiden. In theologisch-inhaltlichen Fragen gibt es demnach zumindest bei der sunnitischen Mehrheit keine wesentlichen Differenzen. Mittlerweile kann in Deutschland sogar die Beziehung zwischen schiitischen und sunnitischen Gemeinschaften als entspannt angesehen werden. So sind in der Schura Hamburg, der Schura Niedersachsen, der Schura Bremen, in der Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg und schließlich im ZMD und im Islamrat sowohl sunnitische als auch schiitische Gemeinden gemeinsam organisiert.</p>
<p>Konkret kann hinsichtlich der einzelnen Moscheeverbände kaum eine theologische Unterscheidbarkeit ausgemacht werden. Konsequenterweise werden innerhalb der Gemeinschaft die Unterschiede zwischen den einzelnen Verbänden auch nicht als theologische wahrgenommen. Gerade bei Fragen des Ritus und der religiösen Praxis werden die Moscheegemeinden in der muslimischen Basis als gleichwertig angesehen. Die Mitgliedschaft einzelner Muslime bei mehreren Moscheegemeinden, die an sich unterschiedlichen Verbänden angehören, ist keine Seltenheit. Die Frage, in welcher Moscheegemeinde man das Freitagsgebet verrichtet, entscheidet sich nach jeweils individuellen Vorlieben, nicht nach einem theologischen Zugehörigkeitsverständnis.</p>
<p>Eine bekenntnismäßige Unterscheidung zwischen den Moscheegemeinden, insbesondere zwischen den sunnitischen, kann nicht begründet werden. Es besteht zwischen den Gemeinschaften innerhalb des Koordinationsrates der Muslime (KRM) keine Bekenntnisgemeinschaft sondern Bekenntniseinheit. Dies wiederum stellt eine wichtige Voraussetzung für die Beantwortung weiterer Fragen des Religionsverfassungsrechtes dar.</p>
</section>
</section>
<section id="möglichkeit-und-notwendigkeit-der-zusammenarbeit-von-muslimischen-gemeinschaften" class="level2">
<h2 data-anchor-id="möglichkeit-und-notwendigkeit-der-zusammenarbeit-von-muslimischen-gemeinschaften">Möglichkeit und Notwendigkeit der Zusammenarbeit von muslimischen Gemeinschaften</h2>
<p>Die unterschiedlichen muslimischen Gemeinschaften stehen hinsichtlich der rechtlichen und gesellschaftlichen Partizipation des Islams in Deutschland vor ähnlichen Herausforderungen. Aufgrund des unterschiedlichen Grades der Institutionalisierung und Professionalisierung wurden sie bis Ende der 90er Jahre mit diesen Fragen jedoch zu unterschiedlichen Zeiten konfrontiert. Die Fokussierung auf muslimische Gemeinschaften in der Religionspolitik spätestens seit Mitte der 2000er Jahre und die zusätzliche Aufnahme der Integrations- und Sicherheitspolitik in diese Debatte hat zu einem Nivellierungs-, oder zumindest einem beschleunigtem Weiterentwicklungsdruck geführt. Statt der bisher eher gemächlichen und im Wege des Trial-and-Error stattfindenden Entwicklung im eigenen Tempo, mussten die Gemeinschaften nun zusätzlich einer öffentlichen Erwartung gerecht werden.</p>
<p>Insbesondere die Debatte um den islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen wirkt als Katalysator für diese Entwicklung. Dieser Druck reichte jedoch nicht aus, um die in Jahrzehnte aufgestauten und nicht gelösten Entwicklungsdefizite von heute auf morgen zu lösen. Auf Seiten der Kooperationspartner führte dies immer wieder zu Missverständnissen und Frustrationen. Probleme auf Seiten der muslimischen Gemeinschaften, die eigentlich auf organisatorisch oder inhaltlich noch nicht gelöste Fragen zurückzuführen waren, wurden als Verweigerungs- oder Verzögerungstaktik wahrgenommen.</p>
<section id="möglichkeiten-der-zusammenarbeit" class="level3">
<h3 data-anchor-id="möglichkeiten-der-zusammenarbeit">Möglichkeiten der Zusammenarbeit</h3>
<p>Neben dem eigenen inneren Antrieb, die muslimische Einheit voranzutreiben, war es auch dieser äußere Druck, der die Bildung von gemeinsamen Strukturen voranschreiten ließ. So etablierte sich im März 2007 der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM). Der KRM setzte sich zusammen aus der Ditib, dem Islamrat, dem VIKZ und dem ZMD. Vertreten waren in diesem Gremium damit fast 90 Prozent aller Moscheegemeinden in Deutschland.</p>
<p>Ziel des Koordinationsrates war es, die Etablierung gemeinsamer Strukturen auf der Landesebene in der Form von Landesreligionsgemeinschaften voranzutreiben. Damit sollten auf der Ebene der Bundesländer die Anforderungen, die zuletzt in mehreren Entscheidungen von Bundesverwaltungs- und verfassungsgericht mit Blick auf (muslimische) Religionsgemeinschaften formuliert worden sind, erfüllt werden. So sollten zum einen die Bundesländer jeweils einen gemeinsamen Ansprechpartner für die Belange der Muslime in ihrem Land haben, zum anderen sollten die muslimischen Gemeinschaften weiter zusammenwachsen und bei gemeinsamen Fragestellungen auch gemeinsam handeln.</p>
<p>Damit sollten neben der Schaffung der “Einheit der Muslime” in Deutschland auch viele der bestehenden Unzulänglichkeiten innerhalb der muslimischen Gemeinschaften überwunden werden. Durch die Schaffung von Synergien sollten mehr gemeinsame Positionen und Inhalte erarbeitet werden und gemeinsame Interessen wiederum gemeinsam vertreten werden. Schließlich sollte ein einheitliches Auftreten gegenüber dem Staat möglich sein.</p>
</section>
<section id="notwendigkeit-der-kooperation" class="level3">
<h3 data-anchor-id="notwendigkeit-der-kooperation">Notwendigkeit der Kooperation</h3>
<p>Die Zusammenarbeit der bis dahin eher isoliert voneinander agierenden Gemeinschaften erwies sich insbesondere in den Bereichen notwendig, die gemeinhin unter dem Begriff der “res mixta” zusammengefasst werden. Der Aspekt der Zusammenarbeit und der Kooperation mit dem Staat in diesen Bereichen führte auf muslimischer Seite zu einer weitaus größeren Begründungs- und Darlegungsanforderung hinsichtlich der eigenen Positionen, Strukturen und Inhalte, als es für die bisher eher nach innen fokussierte Arbeit der Gemeinschaften notwendig gewesen war. Vieles bisher Selbstverständliche musste nun einem Partner verständlich oder zumindest nachvollziehbar gemacht werden, der bisher im Bereich der “res mixta” kaum mit muslimischen Gemeinden zu tun gehabt hatte und weitgehend aus den Erfahrungen mit den Kirchen vorgeprägt war.</p>
<p>Im Gegensatz zu den korporierten Kirchen hatten wiederum die muslimischen Gemeinschaften kaum Erfahrungen im Umgang mit einem neutralen, aber an der Zusammenarbeit mit Religionsgemeinschaften in bestimmten Bereichen interessierten und sogar von dieser Kooperation abhängigen Staat zu tun.</p>
<p>Während der Staat, hier insbesondere in Form der Kultusbehörden in den Ländern, zumindest auf einen etablierten und funktionierenden Behördenapparat zurückgreifen konnte, mussten die muslimischen Gemeinschaften die notwendigen Strukturen, aber auch Inhalte noch erst aufbauen. Ein Unterfangen, das sich als schwierig herausstellte. Aufgrund der jeweils eigenen geringen Ressourcen und der unterschiedlich schwachen Infrastruktur erwies sich immer wieder eine innermuslimische Kooperation als alternativlos.</p>
</section>
<section id="bereiche-der-kooperation-auswahl" class="level3">
<h3 data-anchor-id="bereiche-der-kooperation-auswahl">Bereiche der Kooperation (Auswahl)</h3>
<p>Wesentliche Bereiche der Kooperation zwischen den Gemeinschaften sind im Bereich der “res mixta” aber auch im Bereich der alle muslimischen Gemeinschaften betreffenden Themen vorzufinden. Exemplarisch sollen hier folgende Bereiche und die Notwendigkeit der Kooperation in diesen angerissen werden:</p>
<ol type="1">
<li>Religionsunterricht an öffentlichen Schulen</li>
<li>Theologische Fakultäten</li>
<li>Friedhöfe</li>
<li>Wohlfahrtseinrichtungen</li>
<li>Feiertags- und Gebetszeitenbestimmung</li>
</ol>
<section id="religionsunterricht-an-öffentlichen-schulen" class="level4">
<h4 data-anchor-id="religionsunterricht-an-öffentlichen-schulen">Religionsunterricht an öffentlichen Schulen</h4>
<p>Inhaltlich bestehen keine Bekenntnisunterschiede zwischen den sunnitischen Gemeinschaften, die einen nach Verbandszugehörigkeit getrennten Unterricht erfordern würden. Auf der Grundschulebene können sich sogar sunnitische und schiitische Gemeinschaften auf ein Kerncurriculum einigen, wie die Entwicklungen um die Einführung eines islamischen Kerncurriculums in Niedersachsen gezeigt haben.</p>
<p>Damit dennoch ein getrennter Unterricht eingeführt werden könnte, wird die Schulverwaltung den Nachweis einer inhaltlichen Unterscheidbarkeit zwischen den antragstellenden Gemeinschaften auf der Bekenntnisebene einfordern. Unterschiede in der Pädagogik oder Didaktik wären keine ausreichenden Gründe.</p>
<p>Bei der vorliegenden Bekenntnisgleichheit der sunnitischen Gemeinschaften dürfte die dazu notwendige Argumentation problematisch sein. Es ist zu erwarten, dass gerade die Notwendigkeit der Unterscheidbarkeit zum Aufkommen künstlicher theologischer Unterscheidungsmerkmale zwischen den Gemeinschaften führen wird. Damit würden aber bisher als bekenntnisgleich anzusehende Gemeinschaften der Gefahr gegenüber stehen, bewusst oder unbewusste Unterschiede zwischen den Verbänden künstlich überzubetonen oder diese gar erst zu konstruieren und die Trennung zwischen den Gemeinschaften eher zu verfestigen, als zueinander zu finden.</p>
</section>
<section id="theologische-fakultäten" class="level4">
<h4 data-anchor-id="theologische-fakultäten">Theologische Fakultäten</h4>
<p>Die muslimische Community in Deutschland hat einen Bedarf an theologischen Bildungsstätten, die die grundlegende Wissenstradition des Islams aufgreifen und weiterentwickeln. Neben dem Betrieb von eigenen Einrichtungen bietet sich dazu in Deutschland auch die Einrichtung von theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten an – eine Möglichkeit, die mittlerweile bereits zur Realität geworden ist.</p>
<p>Gerade die Einrichtung von theologischen Lehrstühlen an den staatlichen Universitäten erfordert eine Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften. Weder gibt es zahlenmäßig genug ausreichend qualifiziertes Lehrpersonal, damit jede Gemeinschaften “eigene” universitäre Fakultäten einrichten kann, noch könnte theologisch nachvollziehbar begründet werden, welche inhaltlichen Unterschiede zwischen den jeweils “eigenen” bekenntnisgleichen Einrichtungen bestehen sollen.</p>
<p>Zumindest die sunnitischen Gemeinschaften in Deutschland bauen auf theologische Grundsätze auf, deren Entstehung noch weit vor der Entstehung der Gemeinschaften zurückliegt.</p>
</section>
<section id="friedhöfe" class="level4">
<h4 data-anchor-id="friedhöfe">Friedhöfe</h4>
<p>Während in den letzten 20 Jahren die Einrichtung von muslimischen Grabfeldern in bestehenden kommunalen Friedhöfen den Bedarf an Begräbnisstätten für Muslime noch decken konnte, stellt sich heute immer häufiger die Frage nach einem eigenen Friedhof für Muslime.</p>
<p>Theologisch ist es dabei nicht begründbar, dass es für jede muslimische Gemeinschaft einen eigenen Friedhof geben muss. So ist es keine Seltenheit, dass Mitglieder einer Familie jeweils unterschiedliche Gemeinden besuchen. Dabei spielen jedoch die persönlichen Präferenzen und Vorlieben des jeweiligen Familienmitglieds eine Rolle, nicht eine tiefergehende theologische Positionierung oder Unterscheidung.</p>
<p>Die Einrichtung von Friedhöfen entlang von Verbandsgrenzen würde sowohl hinsichtlich der familiären Gefühle, aber auch hinsichtlich des innermuslimischen Gemeinschaftsverständnisses mehr als problematisch sein.</p>
<p>Zudem wird es für die Moscheegemeinden in einer Kommune bereits eine immense Herausforderung sein, gemeinsam die Verpflichtungen eines gemeinsamen muslimischen Friedhofs zu erfüllen. Kaum eine der noch weitgehend ehrenamtlich geleiteten Gemeinden wird mittelfristig in der Lage sein, alleine einen Friedhof – mit all seinen finanziellen Belastungen – zu betreiben.</p>
</section>
<section id="wohlfahrtseinrichtungen" class="level4">
<h4 data-anchor-id="wohlfahrtseinrichtungen">Wohlfahrtseinrichtungen</h4>
<p>Einer Trennung nach Verbandszugehörigkeit würde es auch in fast allen Wohlfahrtseinrichtungen an einer Sinnhaftigkeit fehlen. In Bereichen wie in Kindergärten oder in Altenheimen wird die jeweilige Verbandszugehörigkeit kaum Auswirkungen auf die inhaltliche Ausrichtung der Einrichtung haben. Vielmehr werden sich mögliche unterschiedliche Konzepte nicht in theologischen Aspekten unterscheiden, sondern eher hinsichtlich des Profils oder der angebotenen Dienstleistungspalette.</p>
<p>Sinnvoller erscheint es für die muslimischen Gemeinschaften, Schaffung gemeinsame Kriterien und Mindeststandards zu formulieren und deren Einhaltung zu gewährleisten. Dabei wird die Unterscheidung eher über das jeweilige Profil und die Angebote an die Kunden der jeweiligen Einrichtungen geschehen, nicht unbedingt über die Verbandszugehörigkeit. Die Etablierung eines gemeinsamen, muslimischen Wohlfahrtsverbands wird dazu der richtige Weg sein.</p>
</section>
<section id="feiertage-und-gebetszeiten" class="level4">
<h4 data-anchor-id="feiertage-und-gebetszeiten">Feiertage und Gebetszeiten</h4>
<p>Die Frage der Feiertage und Gebetszeiten ist an sich eine innerislamische Fragestellung. Aber zumindest hinsichtlich möglicher Schul- und Arbeitsbefreiungen hat es auch eine öffentliche Relevanz.</p>
<p>Noch immer führen unterschiedliche Berechnungsmethoden dazu, dass Muslime in Deutschland ihre wichtigsten Feiertage an unterschiedlichen Tagen begehen. Mit der Gründung des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland trat bereits zumindest für die Mitgliedsgemeinden des KRM eine Vereinheitlichung ein. Eine allgemeine Einigung konnte jedoch bisher noch immer nicht erreicht werden. Ein mehr an Kooperation zwischen den muslimischen Gemeinschaften würde das gemeinsame Feiern und das gemeinsame Beten erleichtern.</p>
</section>
</section>
</section>
<section id="zukunftsperspektiven-für-die-muslimische-verbandslandschaft-in-deutschland" class="level2">
<h2 data-anchor-id="zukunftsperspektiven-für-die-muslimische-verbandslandschaft-in-deutschland">Zukunftsperspektiven für die muslimische Verbandslandschaft in Deutschland</h2>
<section id="einzelkörperschaften-mit-punktueller-zusammenarbeit" class="level3">
<h3 data-anchor-id="einzelkörperschaften-mit-punktueller-zusammenarbeit">Einzelkörperschaften mit punktueller Zusammenarbeit</h3>
<p>Es ist noch weitgehend ungeklärt, in welche Richtung sich die Institutionalisierung der muslimischen Verbandslandschaft weiter entwickeln wird. Zwei Optionen scheinen dabei nahe liegend zu sein: die getrennte Erlangung des Körperschaftsstatusses durch mehrere Gemeinschaften oder die Etablierung gemeinsamer Religionsgemeinschaften auf der Landesebene, die wiederum die Körperschaftsfunktion erfüllen sollen.</p>
<p>In den letzten Jahren hat es bereits mehrere Anläufe zur Bildung gemeinsamer Landesreligionsgemeinschaften gegeben. Bisher konnten sich solche Strukturen jedoch nur in wenigen Bundesländern in Ansätzen etablieren. Nicht alle größeren Gemeinschaften konnten eingebunden werden. Angesichts der derzeit wieder stärker wirkenden Fliehkräfte innerhalb des KRMs erscheint kurzfristig die Etablierung von jeweils eigenen Körperschaften die wahrscheinlichere Entwicklung zu sein. Damit würde es zwar innerhalb der Körperschaften klare Strukturen und klare Zuordnungen geben. Dieser vermeintlich einfachere Weg wartet jedoch mit spezifisch eigenen Problemen auf und verstärkt die bestehenden Probleme, die auf die fehlenden Kooperationsmöglichkeiten zurückgehen.</p>
<p>Eines der größten Probleme dürfte in der Unterscheidbarkeit der unterschiedlichen Körperschaften liegen, die sich alle ein gemeinsames Bekenntnis teilen. So würde es gerade in den Bereichen der Kooperation mit dem Staat Überschneidungen geben. Auch dürfte das unvermeidliche “Wettrennen” um die Erlangung des Körperschaftsstatusses nicht unbedingt zur Steigerung der Kooperationsbereitschaft innerhalb der Gemeinschaften beitragen. Damit wäre die Inangriffnahme der gemeinsamen Herausforderungen weiterhin nur unter erschwerten Bedingungen möglich.</p>
<p>Zudem würde der naheliegende Konfliktfall der Erteilung des Körperschaftsstatusses an nur eine Gemeinschaft recht schnell rechtliche Verfahren nach sich ziehen. Zahlreiche Entscheidungen der Verwaltungsgerichte und schließlich des Bundesverfassungsgerichts im Zusammenhang mit dem Zentralrat der Juden und den nicht an diesen angeschlossenen jüdischen Gemeinden haben gezeigt, dass bekenntnisnahe oder -gleiche Gemeinschaften in vielen Bereichen zusammenarbeiten müssen.</p>
<p>Das BVerfG hat in dieser Frage geurteilt, dass die Aufgabenübertragung an eine Gemeinschaft nicht dazu führen darf, dass die anspruchsberechtigte Gemeinschaft über Gegenstände entscheidet, auf den eine konkurrierende andere Gemeinschaft die gleiche grundrechtliche Berechtigung geltend machen kann. Am Ende bedeutet dies eine faktische Zusammenfassung von bekenntnisnahen Gemeinschaften im Bereich der Kooperation und Förderung. Diese Zusammenfassung würde damit jedoch nicht einvernehmlich und friedensstiftend sein.</p>
<p>Statt aus eigenem Antrieb nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu suchen, wäre man so über den Gerichtsweg zu einer halbherzigen und unausgegorenen Partnerschaft gezwungen.</p>
</section>
<section id="religionsgemeinschaften-auf-der-landesebene" class="level3">
<h3 data-anchor-id="religionsgemeinschaften-auf-der-landesebene">Religionsgemeinschaften auf der Landesebene</h3>
<p>Eine andere Möglichkeit der weitergehenden Institutionalisierung der muslimischen Gemeinschaft wäre die Etablierung von gemeinsamen Religionsgemeinschaften auf der Landesebene. Neben der Möglichkeit, die gemeinsamen Herausforderungen tatsächlich gemeinsam in Angriff zu nehmen, würde solch eine Struktur sowohl die religionsverfassungsrechtlichen Vorgaben zur Bildung einer gemeinsamen Vertretung berücksichtigen, als auch die stärkere Einbindung der muslimischen Basis in die Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse ermöglichen.</p>
<p>Das Fundament dieser Form der Institutionalisierung wäre die Moscheegemeinde. Die Religionsgemeinschaftseigenschaft von Moscheegemeinden wird sowohl in Wissenschaft aber auch in Verwaltung und Politik kaum noch mehr in Zweifel gezogen. Die Moscheegemeinden sind die Hauptorte der Verwirklichung des gemeinschaftlichen islamischen Gemeindelebens. Dort finden die wichtigsten gemeinsamen Rituale und auch das religiös-soziale Leben der Gemeindemitglieder statt.</p>
<p>Die stärkere Einbindung der Moscheegemeinde in die Entscheidungsprozesse der Landesreligionsgemeinschaft würde neben der demokratischen Basislegitimierung der Landesreligionsgemeinschaften auch die paritätische Mitwirkung aller Beteiligten ermöglichen. Eine demokratische Legitimierung ist rechtlich zwar nicht notwendig, über diesen Weg könnte jedoch das Engagement in den Gemeinden verstärkt und mehr Freiwillige für die ehrenamtliche Arbeit auf der Orts- und Landesebene gefunden werden.</p>
<p><img src="https://ssl-vg03.met.vgwort.de/na/be2aee57b260444d8abe618508b05c45.png" class="img-fluid"></p>
<hr>
<div class="section-tint">
<p><strong>Neue Analysen direkt ins Postfach.</strong> Kein Spam — nur neue Beiträge wenn sie erscheinen.</p>
<p><a href="../../newsletter.html" class="btn btn-outline-primary">Zum Newsletter anmelden</a></p>
</div>


</section>
</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html</guid>
  <pubDate>Thu, 26 Feb 2015 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/moschee-ehrenfeld-bearbeitet.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
</channel>
</rss>
