
Veranstaltungsbericht zur ICCJ International Conference 2026
Vom 12. bis 15. Juli 2026 hat der International Council of Christians and Jews gemeinsam mit dem Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit nach Hannover geladen. Das Thema der Jahreskonferenz lautete „Repentance, Repair, and Reconciliation: Religious Resources for Tumultuous Times“. Am Montag, dem 13. Juli, sprach Engin Karahan im zweiten Plenum, das danach fragte, was Liturgien, Rituale und Bräuche über Umkehr, Heilung und Versöhnung lehren. Mit ihm auf dem Podium saßen Ruth Langer (USA), Geoffrey Ready (Kanada) und Anne Marie Reijnen (Frankreich), moderiert von Katarzyna Kowalska (Polen).
Karahan begann mit einer Verortung. Er hat mehr als zwei Jahrzehnte im Leben einer organisierten muslimischen Gemeinschaft in Deutschland verbracht und blickt heute analytischer auf Texte und Praxis, geprägt von der historisch-kritischen Arbeit der zeitgenössischen türkischen Theologie. Sein Beitrag verstand sich deshalb als Karte muslimischer Stimmen. Für den Islam insgesamt zu sprechen, beanspruchte er nicht.
Als Rahmen führte er Ehl-i Kıble ein, die Leute der Gebetsrichtung. Nach diesem Grundsatz der frühen sunnitischen Theologie darf niemand, der sich im Gebet zur Kaaba ausrichtet und das Grundbekenntnis teilt, wegen theologischer Differenz allein aus dem Islam ausgeschlossen werden. Karahan betonte, dass dieses Verfahren aus Jahrhunderten des Streits um eine verbindliche Orthodoxie hervorging. Es hat überlebt, weil keiner der Versuche theologischer Schließung gelang.
Auf die Frage des Plenums gibt es deshalb keine einzelne muslimische Antwort. Karahan skizzierte sechs Positionen, von der ritualbetonten ašʿarītisch-ḥanbalitischen Tradition über Māturīdīs fragende Vernunft, die Muʿtazila mit ihrer Pflicht zur Wiedergutmachung und die sufische Arbeit am Selbst bis zum Neo-Traditionalismus und zu den historisch-kritischen Stimmen. Daran schloss er eine Diagnose an. Wo überlieferte Formen und heutige Lebenswirklichkeit auseinanderdriften, entstehen Pathologien, am folgenreichsten das künstliche Biotop, dessen Last die einfachen Anhänger im Stillen tragen.
Zum Schluss bot Karahan Ehl-i Kıble dem interreligiösen Tisch als Ressource an. Das rabbinische „diese wie jene sind Worte des lebendigen Gottes“ und die christliche Unterscheidung zwischen fundamentalia und adiaphora folgen einer verwandten Logik. Umkehr, Heilung und Versöhnung verlangen über Traditionsgrenzen hinweg keine gemeinsame Theologie, wohl aber die Bereitschaft, am selben Tisch zu bleiben.
Die ausführliche Argumentation mit allen sechs Positionen und der Diagnose erscheint am Montag, dem 28. September 2026, im Beitrag Ehl-i Kıble: Ein Verfahren, um Differenz auszuhalten. Eine englische Fassung folgt am Mittwoch, dem 30. September 2026, unter dem Titel Ehl-i Kıble: A Procedure for Living with Difference.
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