Wo die muslimische Wohlfahrt längst arbeitet

Am 23. September 2026 schloss Engin Karahan die FEX-Reihe ab. Teil 3, „Jenseits der Verbände”, fragte, mit wem Politik und Verwaltung die Übersetzungsarbeit leisten können, und warum die Antwort selten bei den Moscheeverbänden liegt.
Gesellschaft-Politik
Veranstaltung
Autor:in

Engin Karahan

Veröffentlichungsdatum

25. September 2026

Wo die muslimische Wohlfahrt längst arbeitet

Veranstaltungsbericht zum FEX-Online-Lunch

Am 23. September 2026 endete mit Teil 3 die dreiteilige Online-Lunch-Reihe der FEX, in der Engin Karahan die Linie seines Impulspapiers Versäumte Chancen? entfaltet hat. Im Auftakt im Mai ging es um das Ob und das Wie viel, im Juli um das Warum. Der dritte Termin stellte die praktische Frage: Wenn Kommune, Land oder Fachstelle kooperieren wollen, mit wem eigentlich?

Die übliche Antwort lautet seit rund zwanzig Jahren, mit den Moscheeverbänden. Sie folgt einer nachvollziehbaren Logik. Der deutsche Sozialstaat arbeitet subsidiär, die großen Wohlfahrtsverbände sind aus Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften gewachsen, und so liegt der Gedanke an einen muslimischen Wohlfahrtsverband auf Basis der Verbände nahe. Karahan legte offen, dass er diese Position vor gut zehn Jahren selbst vertreten hat, und begründete, warum er sie heute revidiert. Caritas und Diakonie sind über Generationen gewachsen, das Dach kam nach den Einrichtungen. Moscheegemeinden sind religiöse Laienorganisationen, getragen von Ehrenamtlichen. Ein Sozialträger braucht Hauptamt, Antragskompetenz, Qualitätsmanagement und Vorfinanzierung. Genug Geld allein macht aus dem einen nicht das andere.

Wie sich das in der Praxis auswirkt, zeigte er an der Flüchtlingshilfe 2015/16. Die Gemeinden haben damals viel geleistet, Förderprogramme zur Professionalisierung standen bereit, abgerufen wurden die Mittel kaum. Karahan beschrieb die Verbandszentralen als Nadelöhr, administrativ überfordert und mit Vorständen, bei denen man für soziale Initiativen um Erlaubnis bitten muss. Das 2016 von sieben Dachverbänden gegründete Islamische Kompetenzzentrum für Wohlfahrtswesen (IKW) hat laut einer Antwort der Bundesregierung von 2017 bis 2025 rund 1,54 Millionen Euro Bundesmittel erhalten, bei einem ausgewiesenen Eigenanteil von 3,8 Prozent. Hauptamtliche Regelangebote in den Gemeinden sind daraus kaum entstanden. Für die fehlende Dynamik nannte Karahan auch Interessen. Spenden fließen in verbandseigene Hilfswerke mit Projekten vor allem im Ausland, und eine Gemeinde mit eigenem Personal und eigenem Förderbescheid wird unabhängiger von ihrer Zentrale.

Die Blockade hat auch eine staatliche Seite. Eigenanteile, Vorfinanzierung und Verwendungsnachweise sind für etablierte Träger gebaut. Die Verwaltung sucht ein kirchenanaloges Gegenüber mit einer Unterschrift und stärkt damit die Hierarchien, die das Nadelöhr bilden. Und muslimische Akteure kommen oft nur in der Prävention vor. Aber, eine muslimische Kita ist eine Kita, kein Präventionsprojekt.

Wer unter diesen Bedingungen fachlich arbeiten will, geht. Mit Albert O. Hirschmans Begriffspaar von Exit und Voice beschrieb Karahan einen Brain Drain, bei dem gerade die professionalisierte Generation die Verbände verlässt oder gar nicht erst eintritt. Sie gründet eigene Fachvereine, religiös motiviert, aber bewusst ohne den Anspruch, Religionsgemeinschaft zu sein. Beispiele sind das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln, seit Langem Mitglied im Paritätischen, oder der Sozialdienst muslimischer Frauen mit einer Zweigstelle in Stuttgart. In einer Übersicht des Mediendienstes Integration von 2019 fand Karahan sieben Organisationen im Feld Wohlfahrt, nur zwei davon Verbandsgründungen. Die muslimische Wohlfahrt, die sich die Politik vom Verband erhofft, gibt es also längst, nur an anderer Stelle. Sie ist fachlich stark, aber klein, spendenfinanziert und ohne Sitz an den Tischen, an denen verteilt wird. Den Gemeinden schrieb Karahan dabei eine Holschuld zu. Sie sollten ihre jungen Fachkräfte unterstützen und Engagement außerhalb der eigenen Gruppe wertschätzen.

Für den Einstieg dieser Akteure empfahl er das Andocken an die bestehende Wohlfahrtslandschaft statt eines neuen Spitzenverbands. Tandems mit etablierten Trägern seien sinnvoll, aber nur mit geteilten Mitteln, Stellen und Entscheidungsrechten. In der bisherigen Praxis stellt der große Träger den Antrag und beschäftigt das Personal, der migrantische Partner liefert den Zugang und bekommt ein Logo auf dem Flyer. Den etablierten Trägern legte er außerdem nahe, die Kompetenz ins eigene Haus zu holen, durch Einstellungen in die Regelstruktur, Fachvereine als Mitglieder und kultursensible Regelangebote. Für Politik und Verwaltung heißt das, Förderung an Regelstrukturen und Eigenbeitrag zu knüpfen, Zugangshürden zu senken und Beiräte nicht nur mit Verbänden zu besetzen.

Damit schloss sich der Bogen der Reihe. Teil 1 hatte gezeigt, dass die Institutionen diesen Pool aus Gründen des Funktionserhalts brauchen, Teil 2, dass der Zugang an der Form scheitert und nicht am Willen. Teil 3 beantwortete die Frage nach den Übersetzern: Sie sitzen häufig nicht dort, wo Politik und Verwaltung sie bisher suchen.


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