
Der Forschungsbericht „Männlichkeit im Wandel” des Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich ist deutlich mehr als ein weiterer Kommentar zur angeblich toxischen Männlichkeit. Er umfasst 122 Seiten, beruht auf 6.138 auswertbaren Datensätzen und untersucht Männlichkeitsbilder, Gewaltakzeptanz, Partnerschaft, Sexualität, Herkunft, Bildung und soziale Lage in einer Breite, die in der deutschsprachigen Debatte selten ist.
Gerade deshalb lohnt sich eine genaue Lektüre. Die Studie zeigt nicht, dass Männlichkeit als solche ein Problem wäre. Sie zeigt, welche Vorstellungen von Männlichkeit problematisch werden können. Gefährlich wird es dort, wo Männlichkeit als bedrohte Identität erlebt wird, wo Dominanz als Schutz erscheint, wo Gewalt als legitime Wiederherstellung von Status gilt und Gleichstellung als Entwertung gedeutet wird.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wenn Männer nur als Risiko beschrieben werden, suchen viele junge Männer andere Orte, an denen sie als Lösung angesprochen werden. Diesen Punkt habe ich bereits im Beitrag „Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger” aufgegriffen, dort ausgehend vom Bundesforum-Männer-Interview mit Simon Fokt von PathForge. Wer die Manosphere verstehen will, muss bei dieser Funktion anfangen. Sie ist erfolgreich, weil sie Ordnung, Anerkennung, Disziplin, sexuelle Orientierung und Zugehörigkeit anbietet. Das macht sie nicht harmlos. Es macht sie funktional.
Der Faktor M beschreibt ein Muster, keine Männernatur
Die Zürcher Studie arbeitet mit mehreren etablierten Skalen. Erfasst wurden unter anderem Konformität mit Männlichkeitsnormen, Manbox-Vorstellungen, maskulistische Bedrohungsgefühle, gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen, Anti-Egalitarismus, Misogynie, Sexismus, Homophobie und Queerfeindlichkeit. Aus diesen Dimensionen leiten die Autorinnen und Autoren den sogenannten Faktor M ab.
Dieser Faktor M bündelt ein Einstellungsmuster. In ihm erscheinen „echte Männer” als bedroht. Männlichkeit wird mit Überlegenheit, Härte, Abgrenzung und Verteidigung verbunden. Gleichstellung, weibliche Selbstbestimmung und queere Sichtbarkeit wirken in diesem Muster wie ein Angriff auf den eigenen Status.
In der UZH-Meldung zur Studie beschreibt Ribeaud diesen Faktor als Haltung, die „echte Männlichkeit” bedroht sieht und mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, Verachtung sexueller Minderheiten und Ablehnung von Gleichstellung verbunden ist. Der Forschungsbericht begründet diese Verdichtung empirisch, weil die untersuchten Einstellungen nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern statistisch eng miteinander zusammenhängen.
In meinem Beitrag „Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind” habe ich Männlichkeit als wirksames Orientierungsangebot beschrieben. Auch die Zürcher Studie lässt sich so lesen. Männlichkeit beantwortet Fragen, die für viele Jungen und Männer nicht theoretisch sind. Was ist Stärke? Wie gehe ich mit Kränkung um? Wann bekomme ich Respekt? Darf ich verletzlich sein? Muss ich Kontrolle ausüben, um mich sicher zu fühlen?
Wenn diese Fragen schlecht beantwortet werden, entsteht ein riskantes Muster. Wenn sie gut beantwortet werden, kann Männlichkeit eine Ressource für Verantwortung, Bindung, Mut und Selbstachtung sein.
Junge Männer fallen besonders auf
Die stärksten Befunde betreffen junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren. Fast jeder zweite junge Mann in der Schweiz sieht Männlichkeit bedroht und an den Rand gedrängt. 47,7 Prozent dieser Altersgruppe stimmen der Aussage zu, manchmal sei Gewalt notwendig. Bei Männern über 25 Jahren sind es 25,5 Prozent.
Auch die Bedrohungsgefühle sind deutlich. 57,2 Prozent der jungen Männer stimmen der Aussage zu, männliche Werte wie Stärke, Mut und Ehre verlören an Bedeutung. 50,5 Prozent meinen, richtige Männer würden immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt. 50,3 Prozent sorgen sich darüber, dass viele Männer sich mittlerweile immer weiblicher verhielten.
Man kann diese Zahlen leicht skandalisieren. Man sollte sie aber zuerst verstehen. Sie zeigen einen Geschlechtergraben in einer jungen Generation, in der viele Frauen egalitärer und offener geworden sind, während ein relevanter Teil junger Männer auf Rückzug, Abgrenzung und Verteidigung setzt. Die Studie spricht vorsichtig von einer möglichen disruptiven Entwicklung in der Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Geschlechterfragen.
Dabei bleibt offen, ob es sich um einen Alterseffekt oder einen Kohorteneffekt handelt. Vielleicht relativieren sich manche Einstellungen mit Beruf, Partnerschaft, Krisenerfahrungen oder Elternschaft. Vielleicht trägt die heutige Generation junger Männer bestimmte Muster aber auch länger mit sich. Die Studie ist eine Querschnittserhebung und kann diese Frage nicht abschließend beantworten. Für Prävention ist trotzdem relevant, dass ein Teil junger Männer bereits heute über Bedrohung, Abgrenzung und Gewaltakzeptanz erreichbar ist. Damit muss pädagogische, politische und zivilgesellschaftliche Arbeit umgehen, ohne aus Korrelationen vorschnell Ursachen zu machen.
Bildung schützt, aber sie erklärt nicht alles
Besonders interessant ist der Zusammenhang mit Bildung und sozialem Status. Männer mit niedriger Bildung, geringem Berufsstatus und wenig Einkommen sind in der Faktor-M-High-Score-Gruppe deutlich überrepräsentiert. Bei Männern mit höchstens obligatorischer Schulbildung liegt der Anteil bei 33 Prozent, bei Männern mit Berufslehre bei 30 Prozent, bei Hochschulabsolventen bei 11 Prozent.
Noch auffälliger ist der Befund bei jungen Männern mit Berufslehre. Fast jeder zweite 18 bis 24 Jahre alte Mann in dieser Gruppe gehört zur High-Score-Gruppe. Der Jugendeffekt zeigt sich also vor allem bei Männern ohne höheren Bildungsabschluss. Bei Gymnasiasten und Hochschulabsolventen ist er deutlich schwächer.
Dieser Befund setzt beruflich gebildete junge Männer nicht herab. Er verweist auf soziale Räume, in denen Statusunsicherheit, Zukunftsdruck und traditionelle Anerkennungsmodelle stärker ineinandergreifen können. Wer wenig gesellschaftliche Aufstiegserzählung angeboten bekommt, hält sich leichter an ein Männlichkeitsmodell, das wenigstens Respekt, Härte und Überlegenheit verspricht.
Für die Praxis heißt das, dass Gleichstellungsarbeit über Universitäten, Kampagnen und urbane Milieus hinausreichen muss. Sie muss dort glaubwürdig werden, wo junge Männer arbeiten, lernen, scheitern, konkurrieren und sich vergleichen. Berufsschulen, Jugendhilfe, Sport, Ausbildung, Betriebe, digitale Räume und lokale Vereine sind dafür wichtiger als moralisch saubere Debattenräume.
Herkunft darf weder tabuisiert noch missbraucht werden
Die Studie enthält einen heiklen, aber wichtigen Teil zu Herkunft und Konfession. Gemessen am Geburtsland des Vaters zeigen sich deutliche Unterschiede. Männer mit väterlichen Wurzeln in der Schweiz liegen bei 18,4 Prozent in der High-Score-Gruppe. Bei Männern mit Wurzeln in Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten sind es 31,5 Prozent, bei Männern aus dem ehemaligen Ostblock 34,8 Prozent und bei Männern mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien 49,7 Prozent.
Solche Zahlen werden schnell missbraucht. Man kann aus ihnen eine ethnische oder religiöse Defiziterzählung bauen. Das wäre analytisch schwach und politisch gefährlich. Die Autorinnen und Autoren tun das ausdrücklich nicht. Sie diskutieren Bildung, soziale Lage, Diaspora-Dynamiken, gesellschaftliche Zusammenbrüche, Kriegserfahrungen, Geschlechterregime, Diskriminierungserfahrungen und prekäre Lebenslagen.
Trotzdem wäre es falsch, diese Befunde aus Angst vor Missbrauch zu verschweigen. Patriarchale und religiös oder kulturell codierte Männlichkeitsbilder existieren. Sie prägen Familien, Peergroups, Vereine, Moscheen, digitale Räume und Jugendszenen. Wer sie aus antirassistischer Vorsicht romantisiert, lässt gerade jene Jungen und Mädchen allein, die unter ihnen leben. Wer sie dagegen als Wesensmerkmal bestimmter Gruppen behandelt, betreibt keine Analyse, sondern sortiert Menschen nach Herkunft.
Die brauchbare Linie liegt dazwischen. Ich habe sie im Beitrag über Männlichkeitsbilder und Radikalisierungsprävention bereits so formuliert. Kritik an patriarchalen Dynamiken darf nicht rassistisch werden. Antirassismus darf nicht bedeuten, patriarchale Dynamiken zu verharmlosen.
Gerade muslimische und migrantische Communities haben hier eine eigene Verantwortung. Sie können sich nicht darauf beschränken, berechtigte Stigmatisierungserfahrungen zu benennen. Sie müssen auch fragen, welche Bilder von Stärke, Ehre, Schutz, Gehorsam, Sexualität und Familie sie selbst weitergeben. Das betrifft religiöse Bildungsarbeit, Jugendarbeit, Väterarbeit, Ehevorbereitung, Social-Media-Kommunikation und die ganz alltägliche Sprache über Jungen und Mädchen.
Die Manosphere gewinnt über Funktion, nicht über Wahrheit
Die Studie beweist nicht, dass TikTok, YouTube oder die Manosphere diese Einstellungen verursachen. Das wäre eine zu schnelle Lesart. Sie zeigt aber, dass digitale Räume ein wichtiger Vermittlungsraum sind. Unter jungen Deutschschweizern berichten 41 Prozent Bezüge zur digitalen Manosphere. In der Westschweiz sind es 29 Prozent, in der italienischsprachigen Schweiz 21 Prozent. Die genaueren Zusammenhänge sollen in einem zweiten Teilbericht untersucht werden.
Für die politische und pädagogische Praxis reicht der Hinweis trotzdem aus. Junge Männer wachsen heute in digitalen Umgebungen auf, in denen Männlichkeit permanent erklärt, verkauft und belohnt wird. Plattformen bevorzugen klare Feindbilder, starke Gesten, einfache Statusversprechen und emotionale Verdichtung. Ein junger Mann, der sich beschämt, sexuell abgelehnt, sozial unsicher oder ökonomisch unter Druck fühlt, findet dort schnell eine Erklärung. Frauen sind schuld. Feminismus ist schuld. Migration ist schuld. Der Westen ist verweichlicht. Religion muss wieder härter werden. Männer müssen zurück an die Spitze.
Das ist gefährlich, aber es funktioniert als Deutungsangebot. Deshalb reicht es nicht, Influencer aus der Manosphere lächerlich zu machen. Viele Jugendliche erleben sie als verständlich, diszipliniert, erfolgreich und klar. Wer dem nur mit moralischer Distanz begegnet, verliert die Beziehung, bevor überhaupt pädagogische Arbeit beginnen kann.
Eine bessere Antwort muss die Bedürfnisse ernst nehmen, ohne die Ideologie zu übernehmen. Viele junge Männer suchen Anerkennung, Orientierung, körperliche Selbstwirksamkeit, sexuelle Sicherheit, Zugehörigkeit und eine Sprache für Kränkung. Diese Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn progressive Milieus sie peinlich finden. Dann werden sie von anderen besetzt.
Positive Männlichkeit braucht eine ernsthafte Sprache
Der Begriff der positiven Männlichkeit ist riskant, weil er leicht nach Rückkehr zu alten Rollen klingt. Männer als Beschützer, Versorger und harte Patriarchen brauchen wir nicht neu aufzuwärmen. Diese Nostalgie ist Teil des Problems.
Trotzdem braucht es positive Männlichkeitsbilder. In dem bereits genannten Beitrag habe ich dafür eine Linie formuliert. Positive Männlichkeit meint keine Rückkehr zum Beschützer, Ernährer oder harten Patriarchen, sondern Stärke ohne Dominanz, Verantwortung ohne Besitzanspruch, Selbstachtung ohne Abwertung, Mut ohne Gewalt, Disziplin ohne Härtekult und Beziehungskompetenz ohne Scham. Für die Lektüre der Zürcher Studie lässt sich diese Linie um Spiritualität ohne Patriarchat und Verantwortung ohne Opferinszenierung erweitern.
Solche Bilder entstehen nicht durch Plakate allein. Sie entstehen durch Beziehungen, Institutionen und Übungsräume. Jungen brauchen Männer, die Konflikte austragen können, ohne zu demütigen. Sie brauchen Väter, Trainer, Lehrer, Sozialarbeiter, Imame, Ausbilder und ältere Freunde, die Stärke nicht mit Kontrolle verwechseln. Sie brauchen Räume, in denen Scham, Zurückweisung, Konkurrenz, Sexualität und Scheitern besprechbar werden, bevor sie sich in Frauenfeindlichkeit oder Gewaltfantasien übersetzen.
Auch Mädchen und Frauen profitieren davon. Gleichstellung wird nicht stabiler, wenn Jungen nur lernen, welche Begriffe sie meiden sollen. Sie wird stabiler, wenn Jungen lernen, Beziehungen ohne Herrschaft zu führen, Kränkungen ohne Gewalt zu verarbeiten und Verantwortung ohne Besitzdenken zu übernehmen.
Was aus der Studie folgen sollte
Die Zürcher Studie ist ein Schweizer Befund. Deutschland sollte ihn nicht kopieren, aber ernst nehmen. Wir brauchen vergleichbare Daten, eine stärkere Verbindung von Jungenarbeit, Gewaltprävention, politischer Bildung, digitaler Medienpädagogik und migrantischer Bildungsarbeit. Vor allem brauchen wir weniger Scheu vor Ambivalenz.
Männlichkeit ist weder Naturgesetz noch bloßer Diskurs. Sie ist ein soziales Orientierungsangebot mit realen Folgen. Manche Formen machen Männer beziehungsfähiger, verantwortlicher und freier. Andere machen sie einsamer, aggressiver und manipulierbarer.
Wer junge Männer erreichen will, muss ihnen mehr anbieten als Beschämung. Aber er darf ihnen auch nicht einreden, Dominanz sei bloß eine missverstandene Form von Stärke. Die Aufgabe ist anspruchsvoller. Wir müssen Männlichkeit so bearbeiten, dass Jungen und Männer nicht aus Angst vor Bedeutungsverlust nach unten treten, sondern lernen, Verantwortung ohne Herrschaft zu übernehmen.
Das wäre kein Nebenthema von Gleichstellungspolitik. Es gehört in Schule, Jugendhilfe, Prävention, Religionsgemeinschaften, Sport, Ausbildung und digitale Bildung. Wer dort keine glaubwürdige Sprache für Männlichkeit findet, lässt sie von denen formulieren, die aus Kränkung ein Geschäftsmodell und aus Dominanz ein Heilsversprechen machen.
Quellen
- Ribeaud, D., Buzzi, C. & Theunert, M. (2026). Männlichkeit im Wandel. Forschungsbericht. Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich.
- Universität Zürich (2026). Medienmeldung: Männlichkeit im Wandel. news.uzh.ch.
Siehe auch
- Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind
- Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger
- Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder
- Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder – Rückblick auf das 9. Dialogforum Integration
- Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung – Lehrerfortbildung in Berlin