Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind

Beim IM/PULS, dem Forum für Zukunft von Bündnis 90/Die Grünen, in Berlin habe ich auf dem Panel „Echte Männer? Wie funktioniert Radikalisierung im Internet und was hat das mit neuen Männlichkeitsbildern zu tun?“ mitdiskutiert. Mit auf dem Panel waren Dr. Johannes Hillje (Autor und Politikberater) und Veronika Kracher (Autorin und Publizistin), die Moderation lag bei Lilian Boehme. Ich war im Vorfeld nicht sicher, wie anschlussfähig meine Perspektive in diesem Rahmen sein würde. Denn wer über Männlichkeit spricht, gerät schnell zwischen zwei verkürzte Lesarten. Die eine hält Männlichkeit im Kern für Natur und damit für kaum veränderbar. Die andere hält sie für bloßen Diskurs, der sich durch andere Begriffe schon auflösen lasse. Beides greift zu kurz.

Meine Ausgangsthese war deshalb eine andere. Männlichkeit ist kein Wesen, aber auch nichts Beliebiges. Sie ist ein wirksames Orientierungsangebot. Sie beantwortet Fragen, die für viele Jungen und junge Männer alles andere als abstrakt sind. Was ist Stärke? Wie gehe ich mit Kränkung um? Woher bekomme ich Anerkennung? Darf ich verletzlich sein? Was bedeutet Verantwortung? Und wie kann ich jemand sein, ohne andere abwerten zu müssen?

Gerade deshalb wird Männlichkeit im digitalen Raum so leicht funktionalisiert. Radikale Akteure beginnen nicht immer mit einer ausgearbeiteten Ideologie. Häufig beginnt es viel niedriger, mit Selbstoptimierung, Disziplin, Statusversprechen, scheinbarer Klarheit, Zugehörigkeit und einer Erklärung für die eigene Ohnmacht. Der toxische Teil kommt oft erst später. Erst wird ein Bedürfnis angesprochen, dann ein Weltbild angeboten. Aus Kränkung wird ein Deutungsrahmen, aus Verunsicherung ein Feindbild, aus dem Wunsch nach Stärke ein Angebot von Dominanz.

Das macht diese Inhalte so gefährlich. Sie sind nicht deshalb wirksam, weil sie intellektuell besonders überzeugend wären, sondern weil sie psychologisch gut gebaut sind. Sie geben jungen Männern Sprache, Status und Zugehörigkeit in einer Phase, in der demokratische Bildungsräume oft unsicher bleiben. Viele Schulen, Jugendhilfeträger und politische Bildungsformate wissen, dass TikTok, Instagram, YouTube, Gaming-Communities und Messenger-Gruppen zentrale Sozialisationsräume geworden sind. Aber sie behandeln diese Räume noch zu häufig wie ein Außenproblem. Man warnt davor, man kritisiert sie, man möchte sie regulieren. Man versteht sie aber noch zu selten als das, was sie längst sind, nämlich informelle Bildungsorte.

Auch die Plattformen tragen Verantwortung. Algorithmen sind keine neutralen Sortiermaschinen. Sie belohnen Aufmerksamkeit, Zuspitzung, affektive Verdichtung, Konflikt und einfache Erklärungen. Das bedeutet nicht, dass Plattformen Radikalisierung allein erzeugen. Aber sie schaffen Bedingungen, unter denen radikale Angebote leichter andocken, sich wiederholen und normalisieren können. Wer Jugendliche verstehen will, muss deshalb nicht nur auf Inhalte schauen, sondern auf Ausspielungslogiken, Wiederholung, ästhetische Formen und die kleinen Übergänge von Lifestyle zu Ideologie.

Ein wichtiger Punkt war mir dabei die Begriffspolitik. Wenn demokratische Räume Begriffe wie Stärke, Verantwortung oder Männlichkeit nur noch unter Verdacht stellen, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum bleibt nicht leer. Es wird gefüllt von Influencern, autoritären Bewegungen, religiösen Hardlinern, Business-Gurus und Manosphere-Kanälen. Jungen und junge Männer hören nicht auf, nach Männlichkeit zu fragen, nur weil progressive Milieus den Begriff schwierig finden. Dann lernen sie eben anderswo, was angeblich „echte Männer“ sind.

Das heißt nicht, alte Rollenbilder zu rehabilitieren. Positive Männlichkeit darf nicht die Rückkehr zum Beschützer, Ernährer oder harten Patriarchen sein. Gemeint ist etwas anderes, nämlich Stärke ohne Dominanz, Verantwortung ohne Besitzanspruch, Selbstachtung ohne Abwertung, Mut ohne Gewalt, Disziplin ohne Härtekult und Beziehungskompetenz ohne Scham. Eine demokratische Auseinandersetzung mit Männlichkeit muss Männern etwas zumuten, aber auch etwas zutrauen.

Besonders wichtig bleibt für mich die Arbeit an der Schnittstelle von digitaler Radikalisierung, Migration, Religion und Zugehörigkeit. In muslimischen und migrantischen Kontexten müssen wir klarer sprechen als bisher. Es wäre falsch, patriarchale Dynamiken zu kulturalisieren, als seien sie einfach „deren“ Problem. Genauso falsch wäre es, aus Angst vor Stigmatisierung über religiös legitimierte oder kulturell aufgeladene Männlichkeitsbilder gar nicht mehr zu sprechen. Antirassismus darf nicht bedeuten, patriarchale Dynamiken zu romantisieren. Und Kritik an patriarchalen Dynamiken darf nicht rassistisch werden.

Gerade in diesem Zwischenraum entstehen neue Herausforderungen. Globale Manosphere-Narrative werden lokal übersetzt. Der „Alpha“, der „Provider“, der „Beschützer“ erscheint dann in religiöser oder kultureller Verpackung. Kontrolle wird als Verantwortung ausgegeben, Eifersucht als Moral, Dominanz als Schutz. In solchen Fällen hilft es wenig, nur auf die religiöse Oberfläche zu schauen. Oft handelt es sich um Mimikry. Der Kern ist eine moderne, global zirkulierende patriarchale Ideologie, die sich lokal ein passendes Gewand sucht.

Für mich war dieser Tag deshalb mehr als ein Paneltermin. Er hat gezeigt, dass eine nüchterne, nicht moralisierende Sprache über Männlichkeit möglich ist, auch in einem Umfeld, in dem der Begriff schnell Abwehr auslösen kann. Wir müssen destruktive Männlichkeitsnormen klar benennen. Aber wir dürfen jungen Männern nicht nur sagen, was sie nicht sein sollen. Wenn demokratische Räume keine besseren Antworten auf Stärke, Anerkennung, Verletzlichkeit und Zugehörigkeit geben, überlassen sie diese Begriffe den Falschen.

Radikalisierungsprävention beginnt daher nicht erst dort, wo Ideologie offen sichtbar wird. Sie beginnt früher. Sie beginnt bei den Orientierungsangeboten, die Jugendliche attraktiv finden, bei den Plattformlogiken, die diese Angebote verstärken, bei den Bildungskontexten, die digitale Räume noch zu selten verstehen, und bei der Frage, ob demokratische Akteure den Mut haben, auch schwierige Begriffe wie Männlichkeit wieder selbst zu besetzen.

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