
Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day hat eine Frage zurück in die öffentliche Debatte gebracht, die nach beinahe jeder islamistisch begründeten Gewalttat gestellt wird. Warum wurde die Radikalisierung nicht rechtzeitig erkannt?
Die Frage ist verständlich. Sie enthält allerdings eine herausfordernde Erwartung. Präventionsarbeit erscheint darin als eine Art Frühwarnsystem, das zuverlässig erkennen soll, welcher radikalisierte Mensch tatsächlich Gewalt ausüben wird. Bleibt eine solche Warnung aus, gilt das Programm schnell als gescheitert. Kommt es trotz Beratung zu einer Tat, wird aus einem konkreten Fall ein pauschales Urteil über die Wirkungslosigkeit von Deradikalisierung.
Der Deutschlandfunk hat den Anschlag zum Anlass genommen1, in seiner Sendung „Der Tag“ erneut nach den Möglichkeiten islamistischer Radikalisierungsprävention zu fragen. Zu Gast war Mimoun Berrissoun, der die Organisation 180 Grad Wende2 2012 gegründet hat und bis heute leitet. Die Sendung stellt seine Antworten den Forderungen gegenüber, die in den Tagen nach der Tat aus unterschiedlichen Kreisen kamen. Verlangt wurden Präventivhaft für Gefährder, der Ausschluss vom Jugendstrafrecht und der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft bei doppelter Staatsangehörigkeit. Die folgenden Bezüge stammen aus der Audiofassung.
Berrissouns zentrale Beobachtung widerspricht dabei der Erwartung, die in der öffentlichen Debatte den meisten Raum einnimmt. Auf die Frage, ob nicht reale Orte und reale Personen den Ausschlag gäben, antwortet er, Radikalisierung passiere „primär digital“ (ab Minute 8). Beim Anschlag von Solingen habe der Attentäter über das Internet Kontakt zum sogenannten Islamischen Staat gehabt, nicht über seine Unterkunft und nicht über eine Gemeinde. Einzelne radikalisierende Mentoren gebe es durchaus, sie ließen sich aber keiner bestimmten Moschee zuordnen. Diese Zuspitzung auf den digitalen Raum trifft einen realen Befund. Sie beantwortet allerdings nicht, warum eine Botschaft ausgerechnet bei einem bestimmten jungen Mann ankommt.
Vor der Frage nach Beratung und Deradikalisierung steht eine andere Aufgabe. Muslimische Verbände und Communities müssen sich dazu verhalten, welches Menschenbild sie vertreten und welche Abwertungen sie in ihren eigenen Räumen dulden. In derselben Sendung benennt Eren Güvercin von der Alhambra Gesellschaft, dass es in Teilen der muslimischen Community Akteure gibt, die queeres Leben ablehnen und Ressentiments schüren, und dass große Teile dieser Community das Thema tabuisieren.
In meinem Beitrag „Der Mensch, von dem wir sprechen“ habe ich nach dem CSD-Anschlag versucht, diese Auseinandersetzung nicht als äußere Belehrung, sondern mit Begriffen aus der eigenen Ideen- und Begriffswelt zu führen. Der Beitrag richtet sich dabei an die Gemeinden und Verbände selbst. Sie beanspruchen die Deutungshoheit darüber, was der Islam ist, und weisen zugleich jede Zuständigkeit dafür zurück, was nicht dazugehört. Queere Muslime berichten, dass sie wegen queerfeindlicher Aussagen nicht mehr in jeder Gemeinde beten können. Es fehlt die Bereitschaft, die Sache an dem Ort zu sagen, an dem sie wehtut, also in der Gemeinde, im Vorstand, in der Ausbildung der Imame und im Religionsunterricht. Diese Auseinandersetzung ersetzt Präventionsarbeit nicht, sie entscheidet aber mit darüber, ob Präventionsarbeit in muslimischen Räumen auf eine tragfähige Haltung trifft oder an einer Leerstelle arbeitet.
Prävention kann Risiken bearbeiten, aber keine Zukunft vorhersagen
Radikalisierung ist kein linearer Prozess, an dessen Ende zwangsläufig Gewalt steht. Menschen können rigide religiöse oder politische Positionen vertreten, ohne eine Gewalttat zu planen. Umgekehrt können Personen in Beratungsgesprächen kontrolliert und unauffällig wirken, obwohl sie ihre Gewaltabsicht verbergen. Wer aus einzelnen Äußerungen unmittelbar eine sichere Prognose ableiten will, überschätzt die diagnostischen Möglichkeiten von Pädagogik und Sozialarbeit.
Berrissoun zieht diese Grenze im Deutschlandfunk von der anderen Seite. Er sagt ausdrücklich, er spreche nicht über Profile wie den Täter vom Samstagabend, die so verfestigt seien, dass sie nicht mehr erreichbar sind, sondern über eine sehr viel größere und vulnerable Gruppe von Mitläufern am Anfang einer Radikalisierung (ab Minute 11). Wer diese Unterscheidung zieht, sagt damit auch, wofür Präventionsarbeit nicht zuständig ist. Genau diese Selbstbegrenzung fehlt in der politischen Erwartung, die nach jedem Anschlag an die Präventionsarbeit herangetragen wird.
Das bedeutet nicht, dass Prävention im Ungefähren arbeiten darf. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verweist für die Beratung bei islamistisch begründeter Radikalisierung auf das Instrument ZiVI-Extremismus3, mit dem Beratungsverläufe strukturiert und anhand relevanter Kriterien ausgewertet werden sollen. Solche Instrumente ersetzen kein fachliches Urteil, können aber verhindern, dass Beobachtungen unsystematisch bleiben oder Warnzeichen zwischen verschiedenen Stellen verloren gehen.
Darin liegt eine notwendige Unterscheidung. Prävention soll Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen, ideologische Bindungen irritieren und soziale Alternativen stärken. Sicherheitsbehörden müssen dagegen konkrete Gefahren aufklären und gegebenenfalls eingreifen. Beide Bereiche brauchen einen geregelten Informationsaustausch, dürfen aber nicht miteinander verschmolzen werden. Wird jede pädagogische Beziehung zu einer verdeckten Sicherheitsmaßnahme, verlieren Beratungsstellen gerade den Zugang, den sie für ihre Arbeit benötigen. Werden konkrete Gefahrenhinweise dagegen mit Verweis auf Vertraulichkeit ignoriert, wird aus Beziehungsarbeit Verantwortungslosigkeit.
Deradikalisierung beginnt vor der Fallarbeit
Die öffentliche Debatte konzentriert sich nach einem Anschlag fast vollständig auf bereits radikalisierte und möglicherweise gewaltbereite Personen. Damit beginnt sie an dem Punkt, an dem die Handlungsmöglichkeiten am begrenztesten sind.
Davor liegt der digitale Raum, in dem junge Menschen auf propagandistische Angebote treffen, lange bevor eine Beratungsstelle mit ihnen in Kontakt kommt. Das von mir geleitete Projekt Behind the Feed4 der Alhambra Gesellschaft arbeitet deshalb mit einem inokulationsbasierten Ansatz. Inokulation oder Prebunking bedeutet, Manipulationstechniken vor einer unvorbereiteten Exposition sichtbar zu machen. Jugendliche und Fachkräfte sehen dann nicht bloß eine Behauptung, sondern können die emotionalen Trigger, die Wir-Ihr-Konstruktion, die Inszenierung religiöser Autorität und die Plattformästhetik erkennen, mit denen Propaganda arbeitet.
Das Projekt soll die Urteilskraft stärken, bevor sich eine ideologische Bindung verfestigt. Es fragt, wie politische Ideologie als religiöse Wahrheit ausgegeben wird und wie sich diese Technik durchschauen lässt. Wenn Berrissoun beschreibt, wie Jugendliche bei TikTok ein Video nach dem anderen erhalten, bis sich ein Feindbild verfestigt hat, dann beschreibt er die Exposition, für die dieser Ansatz die Vorbereitung liefern soll.
Islamistische Radikalisierung kann an sehr unterschiedlichen sozialen Orten stattfinden. Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt5 unter anderem Schulen, Freundeskreise, das Internet, die Straße, Moscheen und Haftanstalten. Diese Aufzählung zeigt zugleich, weshalb eine pauschale Suche nach dem einen Radikalisierungsort in die Irre führt. Weder die Moschee noch das Internet noch die Haftanstalt erklärt für sich genommen einen individuellen Verlauf.
Gemeinden sind kein Schutzfaktor an sich
Berrissoun fügt der Aufzählung möglicher Radikalisierungsorte ein Argument hinzu, das in der Debatte über Moscheegemeinden meist fehlt. Die islamistische Ideologie richtet sich auch gegen Muslime, die aus Sicht ihrer Anhänger keine richtigen Muslime sind. Wer sie übernommen hat, distanziert sich von den Gemeinden und ist über sie gerade nicht mehr erreichbar (ab Minute 9). Die Erwartung, Moscheen müssten die bereits Radikalisierten bemerken und melden, geht damit an der Wirklichkeit vorbei.
Aus dieser Beobachtung zieht Berrissoun allerdings einen Schluss, dem ich nicht folge. Er sieht in den Gemeinden den geeigneten Zugang zu jenen Jugendlichen, bei denen sich die Ideologie noch nicht verfestigt hat, und arbeitet deshalb mit geschulten Schlüsselpersonen aus den Communities, die Jugendliche im Sozialraum, im Sportverein oder in der Moschee ansprechen und an die Beratung vermitteln. Das setzt voraus, dass die Gemeinde selbst ein Ort ist, an dem eine plurale Auslegung des Glaubens vermittelt wird. Genau darüber wird in der Debatte zu wenig gestritten.
Murat Kayman stellt diese Prämisse6 in Frage. Seit rund zwanzig Jahren stützt sich die deutsche Religionspolitik auf die Annahme, Moscheegemeinden wirkten gegen Radikalisierung. Sein Anlass sind zwei Interviews des Extremismusforschers Özgür Özvatan. Im Freitag7 beschreibt Özvatan Radikalisierung als Beziehungsgeschehen, an dessen Anfang Einsamkeit steht und sieht in der Religion nicht den Antrieb. Fünf Tage später ist im Deutschlandfunk religiöse Bildung das zentrale Präventionsmittel und die muslimischen Communities sind die unterschätzten Akteure. Kayman legt beide Interviews nebeneinander und hält fest, welche Frage dabei ausbleibt. Womit werden junge Männer religiös gebildet? Wer religiöse Bildung als Heilmittel empfiehlt, ohne ihre Inhalte zu benennen, umgeht die eigentliche Auseinandersetzung.
Kayman hält dieser Darstellung Befunde von Peter Wetzels und Katrin Brettfeld aus dem Forschungsverbund MOTRA entgegen. Danach ist nicht die Frömmigkeit als solche ausschlaggebend, sondern das vermittelte Glaubensverständnis. Wo gelehrt wird, es gebe nur eine gültige Auslegung des Islam, finden sich islamistische Einstellungen bei annähernd jedem Dritten. In traditionalistisch geprägten Gruppen trifft das auf etwa jeden Siebten zu. Dort, wo andere Auslegungen zugelassen werden, sinkt der Anteil auf einen von zweihundert Befragten. Religiöse Bindung schützt demnach nicht von selbst. Sie kann je nach vermitteltem Inhalt auch verstärkend wirken.
Kaymans Zuspitzung trifft den Kern. Wer von der liberalen Mehrheit in den Gemeinden spricht, beschreibt nicht die Gemeinden, sondern wie sie sein müssten. Kayman verweist auf zentral vorgegebene Freitagspredigten, auf das Ausbleiben einer Predigt zum Berliner Anschlag und darauf, dass Homosexualität tabuisiert statt bearbeitet wird.
Das deckt sich mit dem, was ich seit Jahren beschreibe. Bereits 2018 habe ich in „Wer stehen bleibt, kommt nicht voran“ festgehalten, dass die selbstkritische Bestandsaufnahme in den Verbänden nicht als struktureller Diskurs geführt, sondern als Infragestellung der jeweiligen Autorität behandelt wird und dass Kritiker regelmäßig nach außen gedrängt werden. Eine Institution, die diesen Mechanismus nicht bearbeitet hat, ist kein verlässlicher Präventionsakteur. Sie kann einer werden, wenn sie plurale Auslegungen tatsächlich vermittelt und andere Positionen anerkennt. Bis dahin bleibt die Zuschreibung eine Erwartung an die Gemeinden und keine Beschreibung ihrer Praxis.
Wo frühe Prävention ansetzt
Frühe Prävention muss dort ansetzen, wo Jugendliche Zugehörigkeit, Anerkennung und Orientierung suchen. Islamistische Akteure bieten nicht lediglich religiöse Lehren an. Sie verbinden religiöse Versatzstücke mit einfachen Feindbildern, männlichen Überlegenheitsvorstellungen und dem Versprechen einer widerspruchsfreien Identität. Gesellschaftliche Ausgrenzung erzeugt diesen Islamismus nicht automatisch. Sie kann jedoch den Resonanzraum vergrößern, in dem islamistische Deutungen plausibel erscheinen.
Daraus folgt keine Entschuldigung für ideologische Entscheidungen. Es folgt vielmehr ein professioneller Auftrag. Wer Radikalisierung verhindern will, muss sowohl die islamistische Ideologie klar benennen als auch verstehen, welche sozialen und biografischen Konflikte sie für einen Menschen scheinbar löst.
In der Frage nach dem Elternhaus folge ich Berrissoun wieder. Er widerspricht dort einer verbreiteten Annahme. In den radikalisierten Fällen seiner Beratungsarbeit sei die konservative Erziehung nicht der ausschlaggebende Faktor gewesen, sondern erfahrene Gewalt, erlebte Abneigung oder ein abgebrochener Kontakt zur Familie. Umgekehrt wirke eine tragfähige und gewaltfreie Familienbindung als Schutzfaktor (ab Minute 13). Das entlastet Eltern nicht von Verantwortung. Es verschiebt die Frage von der Religiosität einer Familie auf die Qualität ihrer Beziehungen. Auch muslimische Eltern kennen dabei die Details dieser Ideologie in der Regel nicht und brauchen selbst Zugang zu den Warnsignalen.
Queerfeindlichkeit ist kein Nebenschauplatz
Nach einem Angriff auf einen CSD darf die Auseinandersetzung mit Islamismus nicht so geführt werden, als sei die Auswahl des Ziels nebensächlich. Antifeministische und queerfeindliche Narrative gehören zum ideologischen Angebot islamistischer Online-Milieus. In meinem Beitrag „Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind“ habe ich beschrieben, wie eng Radikalisierung im Netz mit der Herstellung von Männlichkeit verbunden ist. Wer diese Verbindung ausblendet, übersieht, warum sich der Hass so verlässlich gegen queere Menschen richtet.
Diese Erzählungen zirkulieren nicht nur in ausdrücklich islamistischen Milieus. In meinem Beitrag über digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder habe ich beschrieben, wie Manosphere-Narrative in muslimischen Kontexten religiös umgerahmt werden können. Der frühere AfD-Beitrag verweist auf eine weitere Anschlussstelle: Queerfeindlichkeit kann zum Brückennarrativ zwischen unterschiedlichen autoritären und ultranationalistischen Milieus werden. Das erklärt weder islamistische Gewalt noch macht es jede konservative Position zu Extremismus. Es zeigt, warum Prävention die Abwertung queerer Menschen als politische Ideologie und nicht als bloße Privatmeinung behandeln muss.
Prävention muss deshalb mehr leisten, als junge Menschen allgemein vor Gewalt zu warnen. Sie muss die Abwertung queerer Menschen, autoritäre Geschlechterbilder und religiös begründete Herrschaftsansprüche inhaltlich bearbeiten. Dabei genügt es nicht, abstrakt auf Menschenwürde oder Toleranz zu verweisen. Jugendliche brauchen Räume, in denen religiöse Überzeugungen, Sexualität, Geschlechterrollen und Zugehörigkeit ohne islamistische Eindeutigkeitszwänge verhandelt werden können.
Wie das praktisch aussehen kann, beschreibt Berrissoun an einem Umweg über die eigene Betroffenheit. Seine Teams bearbeiten mit Jugendlichen zunächst antimuslimischen Rassismus, weil sie dessen Mechanik aus eigener Erfahrung kennen, und wechseln anschließend zum Antisemitismus. Die Einsicht, dass dahinter dasselbe Muster steckt, lässt sich dann auf weitere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit übertragen (ab Minute 19). Der Ansatz setzt voraus, dass Fachkräfte die Abwertungserfahrung der Jugendlichen ernst nehmen, ohne sie gegen die Abwertung anderer aufzurechnen.
Gegen diese Kopplung habe ich allerdings Vorbehalte, die ich in „Die Komfortzone der Symmetrie“ ausführlicher begründet habe. Wird Antisemitismus vor allem über die eigene Diskriminierungserfahrung zugänglich gemacht, erscheint er als Schwesterphänomen der Islamfeindlichkeit. Aus dem Blick gerät dabei der Antisemitismus, der in muslimisch geprägten Milieus selbst hervorgebracht wird, in Predigten, auf Schulhöfen und in transnationalen Onlinenetzwerken. Die Opfererfahrung wird zur Eintrittskarte in ein Thema, bei dem irgendwann auch die Täterperspektive verhandelt werden müsste. Hinzu kommt, dass beide Phänomene sich in Genese, Trägerschaft und Staatsnähe unterscheiden. Zusammen denken darf deshalb nicht heißen, sie gleich zu behandeln.
Für den Einstieg in ein Gespräch mit Jugendlichen mag der Weg über die eigene Erfahrung trotzdem der gangbare sein. Entscheidend ist, ob es beim Einstieg bleibt. Endet die Arbeit dort, wo die Symmetrie hergestellt ist, hat sie den schwierigeren Teil ausgelassen.
Gerade muslimische Pädagoginnen und Pädagogen, Theologinnen und Theologen sowie glaubwürdige Bezugspersonen können dabei Zugänge eröffnen, die staatlichen Stellen häufig fehlen. Das sind Personen und keine Institutionen. Dass muslimische Einrichtungen seit Jahren in Teilbereichen der Präventionsarbeit vorkommen, dokumentiert der Infodienst Radikalisierungsprävention8. Über das Glaubensverständnis, das in der Fläche vermittelt wird, sagt diese Beteiligung nichts.
Zugleich darf der Staat die Auseinandersetzung mit Islamismus nicht an muslimische Gemeinden delegieren. Moscheegemeinden sind weder Hilfspolizei noch kollektiv für die Radikalisierung einzelner Muslime verantwortlich. Eine Förderpolitik, die sie ohne Blick auf die vermittelten Inhalte als Präventionsakteure einsetzt, stützt allerdings unter Umständen genau die Deutungen, die sie eindämmen will.
Programme brauchen Kontinuität und überprüfbare Ziele
Nach Anschlägen wird regelmäßig mehr Prävention verlangt. In ruhigeren Zeiten geraten dieselben Angebote unter Rechtfertigungs- und Finanzierungsdruck. Diese kurzfristige politische Logik widerspricht der Arbeitsweise von Prävention. Vertrauensbeziehungen, qualifiziertes Personal und lokale Kooperationen lassen sich nicht innerhalb weniger Monate aufbauen und nach Ende einer Projektförderung folgenlos wieder auflösen.
Eine dauerhafte Finanzierung allein genügt jedoch ebenfalls nicht. Programme müssen erklären können, welche Veränderungen sie erreichen wollen. Der Abbruch extremistischer Kontakte, eine sinkende Gewaltbereitschaft, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und eine stabilere Alltagsstruktur sind unterschiedliche Ziele. Sie können sich gegenseitig unterstützen, sind aber nicht identisch. Wer alle diese Entwicklungen unter dem Begriff Deradikalisierung zusammenfasst, erschwert eine seriöse Bewertung.
Berrissoun nennt es einen großen Fehler, Deradikalisierung über Aufklärungsseminare erreichen zu wollen. Aufklärung müsse stattfinden, parallel dazu aber die soziale Integration organisiert werden, vom nachgeholten Schulabschluss über die Vorbereitung auf die Berufsschule bis zur Ausbildung im Wunschberuf (ab Minute 17). Sein Argument dafür ist ein praktisches. Wer eine Ausbildung bekommt, hat etwas, wofür sich das Leben lohnt. Damit benennt er zugleich Ziele, deren Erreichen sich überprüfen lässt, während der Begriff Deradikalisierung selbst kaum messbar bleibt.
An dieser Stelle habe ich eine Frage, die ich an die eigene Arbeit genauso richte wie an die anderer. Wie viel Kraft fließt in die Aufgabe, der Öffentlichkeit zu erklären, was der Islam eigentlich sei, und wie viel in die Arbeit mit denen, bei denen sich tatsächlich etwas zusammenbraut?
Dass diese Erklärarbeit anfällt, bestreite ich nicht. Sie gehört allerdings zu den muslimischen Verbänden und Gemeinden. Dass diese sie kaum leisten, hat Gründe, die ich in „Wessen Religion, wessen Gemeinschaft?“ ausgeführt habe. Die Strukturen sind historisch auf andere Zwecke hin gewachsen, ihre Repräsentation deckt einen schrumpfenden Teil der Muslime ab, und ihre religiöse Deutungsarbeit ist in Teilen an Interessen gebunden, die nicht hier verhandelt werden. Viele Fachkräfte in der Präventionsarbeit sehen das ähnlich.
Daraus folgt allerdings keine Zuständigkeit. Ein Präventionsprojekt kann diese Lücke bei allem guten Willen nicht füllen. Es hat dafür weder das Mandat noch die Reichweite, und wenn es die Aufgabe dennoch übernimmt, verschiebt sich sein Auftrag von der Prävention hin zur Richtigstellung eines Bildes. Die Arbeit an der eigenen religiösen Selbstverständigung bleibt Sache derer, die für sich in Anspruch nehmen, den Islam zu vertreten.
Ähnlich frage ich mich, in welchem Verhältnis in Fallbesprechungen und Sachberichten das Verständnis für die Lebenslage einer Person zu der Frage steht, welche Gefahr von ihr ausgehen könnte. Biografische Brüche zu verstehen, ist die Voraussetzung jeder Beziehungsarbeit. Es ersetzt aber nicht die nüchterne Einschätzung, ob jemand für andere gefährlich wird. Ich habe für diesen Eindruck keine Belege und formuliere ihn deshalb als Zweifel und nicht als Feststellung. Dass er sich so schwer ausräumen lässt, hat allerdings mit dem zu tun, was ich oben beschrieben habe. Solange kaum jemand systematisch erhebt, worauf Programme tatsächlich hinarbeiten, bleibt für solche Zweifel viel Raum.
Zur Qualitätsfrage gehört auch Kontextwissen. Muslimische Mitarbeitende und Sprachkenntnisse in den Teams sind ein Gewinn, sie vermitteln aber nicht automatisch Kenntnis digitaler Codes, Akteursnetzwerke oder der Plattformästhetik, in der sich Ideologie als bloße Frömmigkeit ausgeben kann. Diese Unterscheidung darf nicht vom Bauchgefühl einzelner Fachkräfte abhängen. Gemeinsame Kriterien und Fortbildungen helfen, normale Religiosität weder zu pathologisieren noch politische Ideologisierung zu übersehen.
Auch ein äußerlich angepasstes Verhalten beweist noch keine ideologische Distanzierung. Umgekehrt ist eine fortbestehende konservative oder fundamentalistische Religiosität nicht automatisch ein Beleg für Gewaltbereitschaft. Prävention braucht daher Kriterien, die weder naiv noch gesinnungspolizeilich sind.
Verantwortung lässt sich nicht an ein Programm abgeben
Der Wunsch nach einer Methode, die jeden künftigen Täter rechtzeitig erkennt, wird unerfüllt bleiben. Daraus folgt nicht, dass Deradikalisierungsarbeit wirkungslos wäre. Es folgt, dass ihr Auftrag realistischer und ihre Einbindung verbindlicher werden muss.
Wenn konkrete Gefahrenhinweise vorliegen, braucht es sicherheitsbehördliches Handeln. Wenn Menschen ansprechbar sind, braucht es professionelle Beratung und belastbare Beziehungen. Wenn islamistische Akteure soziale Konflikte, Muslimfeindlichkeit oder religiöse Orientierungslosigkeit instrumentalisieren, braucht es politische Bildung und glaubwürdige muslimische Gegenstimmen. Wenn queerfeindliche Ideologie ein Tatmotiv prägt, müssen Schutz und Solidarität mit den Betroffenen den Ausgangspunkt bilden und dürfen nicht zur nachgereichten Geste werden.
Prävention scheitert nicht erst dann, wenn eine beratene Person eine Straftat begeht. Sie scheitert auch, wenn Zuständigkeiten unklar bleiben, Erkenntnisse nicht zusammengeführt werden, Projekte nach kurzer Laufzeit verschwinden oder muslimische Akteure nur nach Anschlägen als Ansprechpartner entdeckt werden. Sie scheitert ebenso, wenn Gemeinden pauschal als Schutzfaktor verbucht werden, ohne dass jemand fragt, welches Glaubensverständnis dort tatsächlich vermittelt wird. Kein einzelnes Programm kann diese Versäumnisse auffangen.

Fußnoten
Deutschlandfunk, Sendung „Der Tag”: „Nach CSD-Anschlag: Wie kann Radikalisierung gestoppt werden?“, 28.07.2026, mit Mimoun Berrissoun (180 Grad Wende e. V.), Moderation Josephine Schulz. Die Aussagen sind sinngemäß nach der Audiofassung wiedergegeben, die Minutenangaben beziehen sich auf diese Fassung. Abgerufen am 07.08.2026.↩︎
180 Grad Wende e. V., Köln. Mimoun Berrissoun ist Gründer und Geschäftsführer der Organisation. Abgerufen am 08.08.2026.↩︎
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Beratungsstelle Radikalisierung, mit dem Zielerreichungs- und Verlaufsbewertungsinstrument zur Einschätzung des Handlungs- und Interventionsbedarfs bei islamistisch begründeter Radikalisierung (ZiVI-Extremismus). Abgerufen am 29.07.2026.↩︎
Alhambra Gesellschaft e. V.: Behind the Feed – Digitale Resilienz. Abgerufen am 29.07.2026.↩︎
Bundeszentrale für politische Bildung: „Orte der islamistischen Radikalisierung” (Hans-Gerd Jaschke), Dossier Islamismus, 04.05.2018. Abgerufen am 29.07.2026.↩︎
Murat Kayman: „Unterschätzte Player”, murat-kayman.de, 07.08.2026. Der Titel nimmt den Titel des Deutschlandfunk-Beitrags mit Özgür Özvatan vom 03.08.2026 auf. Kayman stützt sich auf Befunde von Peter Wetzels und Katrin Brettfeld (Universität Hamburg) aus dem Forschungsverbund MOTRA, ohne eine formale Quellenangabe zu nennen. Abgerufen am 07.08.2026.↩︎
Der Freitag: „Extremismusforscher Özgür Özvatan über Abdul B.: ‚Am Anfang steht Einsamkeit’“, 28.07.2026. Abgerufen am 08.08.2026.↩︎
Bundeszentrale für politische Bildung, Infodienst Radikalisierungsprävention: „Muslimische Institutionen und Moscheegemeinden” (Samy Charchira), 05.03.2018. Abgerufen am 29.07.2026.↩︎