Eine klassische Waage auf einem Tisch, dramatisch beleuchtet, als Symbol für Abwägung und scheinbare Symmetrie.

Die Komfortzone der Symmetrie

Wenn das „Zusammendenken“ zur Entlastung wird

Es gehört inzwischen zum guten Ton der politischen Bildungsarbeit, Antisemitismus und Islam- und Muslimfeindlichkeit „zusammen zu denken“. Das klingt vernünftig, und in einem präzisen Sinn ist es das auch. Beide Phänomene sind real, beide haben seit dem 7. Oktober 2023 messbar zugenommen, beide verdienen eine ernsthafte Auseinandersetzung. Wer Betroffene des einen gegen Betroffene des anderen ausspielt, betreibt Opferkonkurrenz. Diese ist weder analytisch haltbar noch moralisch vertretbar.

Und doch beschleicht mich bei der wachsenden Selbstverständlichkeit dieser Kopplung ein Unbehagen. Nicht, weil die beiden Phänomene nichts miteinander zu tun hätten. Sondern weil die Verknüpfung in der Praxis zwei sehr unterschiedliche, einander spiegelnde Funktionen erfüllt. Beide haben mit aufrichtiger Auseinandersetzung wenig zu tun.

Die erste Funktion ist bekannt und kommt von rechts. Sie lautet sinngemäß: „Über Islamfeindlichkeit reden wir, aber bitte erst, nachdem wir über islamistischen Extremismus geredet haben.“ Hier dient die Kopplung dazu, den Diskurs über Islam- und Muslimfeindlichkeit unter einen permanenten Vorbehalt zu stellen, ihn an ein Wohlverhalten zu knüpfen, einen latenten Generalverdacht zu konservieren. Diese Instrumentalisierung ist hinlänglich kritisiert worden, und die Kritik ist berechtigt. Islam- und Muslimfeindlichkeit ist kein Verhandlungsgegenstand, der erst nach erbrachtem Loyalitätsnachweis thematisiert werden darf.

Über die zweite Funktion wird seltener gesprochen, und ich will sie hier benennen, nicht als Außenstehender, sondern als jemand, der zum muslimischen Kulturkreis gehört und seit Jahren über diese Community schreibt. Denn die Kopplung wird nicht nur von rechts missbraucht. Sie wird auch aus der eigenen Community heraus eingefordert. Und dort erfüllt sie eine Aufgabe, die ihrem emanzipatorischen Anspruch genau entgegengesetzt ist. Sie macht den Antisemitismus in den eigenen Reihen unsichtbar, indem sie ihn in einer rhetorischen Balance auflöst.

Ich habe an anderer Stelle dargelegt, dass es einen eigenständigen Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus gibt, nicht bloß als Import westlicher Ideologeme, sondern als ein über transnationale, theologische und nationalistische Kanäle religiös unterfüttertes, eigenständig gewordenes Phänomen. Wer das anerkennt, kann die symmetrisierende Kopplung nicht mehr für eine harmlose Geste halten. Denn sie verlangt, ein Problem, das man hat, nur noch im Doppelpack mit einem Problem zu verhandeln, das man erleidet. Das ist keine Symmetrie. Das ist eine Entlastungsfigur.

In meinen früheren Beiträgen habe ich beschrieben, wie die Flucht ins Globale und der Schutzschild der Vielfalt funktionieren, als Mechanismen, die eine schmerzhafte lokale Verantwortungsdebatte in eine bequeme Abstraktion überführen. Die symmetrisierende Kopplung gehört in dieselbe Familie. Sie ist die jüngste, höflichste und am schwersten zu kritisierende Variante derselben Bewegung. Eine Anatomie in drei Schritten.

Phänomen 1: Die Waagschalen-Geste

Der erste Mechanismus ist das kleine Wort, das alles trägt, das „aber“.

„Wir verurteilen jeden Antisemitismus, aber dann muss man auch über Islam- und Muslimfeindlichkeit sprechen.“ Der Satz klingt nach Ausgewogenheit. Tatsächlich ist er ein rhetorisches Scharnier. Die Selbstkritik wird ausgesprochen und im selben Atemzug wieder eingeklammert, relativiert, in eine Waagschale gelegt, deren Gegengewicht sofort mitgeliefert wird. Was als doppelte Verurteilung auftritt, ist in Wahrheit eine konditionierte. Der eigene Antisemitismus wird nur unter der Bedingung verhandelbar, dass im gleichen Satz die eigene Opfererfahrung mitverhandelt wird.

Man stelle sich die Geste in einem anderen Kontext vor. Eine Institution, die nach internen Missständen erklärt: „Wir nehmen die Vorwürfe ernst, aber man muss auch sehen, wie unfair über uns berichtet wird.“ Niemand würde das für eine ernsthafte Aufarbeitung halten. Man würde es als das erkennen, was es ist, nämlich eine Vorwärtsverteidigung im Gewand der Einsicht.

Die Waagschalen-Geste lebt davon, dass beide Seiten der Waage als gleichgestaltig erscheinen. Genau das sind sie nicht, wozu ich am Ende komme. Zunächst genügt die Feststellung, dass eine Selbstkritik, die nur in der Kopplung mit einer Fremdkritik zu haben ist, keine Selbstkritik ist. Sie ist eine Bedingung, die als Bekenntnis kostümiert wird.

Phänomen 2: Die Opferrolle als Eintrittskarte

Der zweite Mechanismus ist subtiler und betrifft die Frage, in welcher Rolle Antisemitismus überhaupt vorkommen darf.

In der symmetrisierenden Rahmung erscheint Antisemitismus fast ausschließlich als etwas, das Muslime trifft, als Schwesterphänomen rassistischer Diskriminierung, als ein „auch wir kennen Ausgrenzung“. Was systematisch unterbelichtet bleibt, ist Antisemitismus als etwas, das in muslimisch geprägten Milieus produziert wird, also in Predigten, in Schulhöfen, auf Demonstrationen, in transnationalen Onlinenetzwerken, in der unkritischen Tradierung antisemitischer „geistiger Führer“.

Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern die eigentliche Pointe der Geste. Die Opferrolle fungiert als Eintrittskarte in den Diskurs. Über Antisemitismus lässt sich reden, solange man dabei selbst auf der Seite der von Diskriminierung Betroffenen sitzt. Sobald man die Täterperspektive einnehmen müsste, also die unbequeme Frage, was in den eigenen Strukturen, der eigenen Theologie-Rezeption, dem eigenen Schweigen geschieht, schließt sich das Fenster.

Es ist exakt das Muster, das ich beim „Schutzschild der Vielfalt“ beschrieben habe, nur auf ein neues Feld übertragen. Dort entlastete der Verweis auf innere Pluralität die Verbandsführungen von ihrer Verantwortung. Hier entlastet der Verweis auf die eigene Diskriminierungserfahrung die Community von der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Antisemitismus. Die Selbstthematisierung wird so umgeleitet, dass sie nie beim eigenen Handeln ankommt.

Wo man die Geste beobachten kann

Wer die beiden bisher beschriebenen Mechanismen für analytische Konstruktion hält, kann sie im Protokoll besichtigen. In den vertraulichen Gesprächsrunden der Deutschen Islam Konferenz nach dem 7. Oktober 2023, einer Folge nicht-öffentlicher Treffen im Bundesinnenministerium, deren Verlauf WELT AM SONNTAG anhand von Interviews und internen, vom BMI nur eingeschränkt herausgegebenen Dokumenten rekonstruiert hat, zeigte sich die Figur in Reinform. Nahezu alle Vertreter der Islamverbände erklärten, Antisemitismus durch Gemeindemitglieder sei für sie ein zweitrangiges Thema, da Judenhass „in der Regel nicht von Muslimen“ ausgehe. Gleichzeitig sei seit dem Hamas-Angriff die Islam- und Muslimfeindlichkeit stark gestiegen. Statt Konzepte gegen Juden- und Israelfeindlichkeit in den eigenen Reihen zu erarbeiten, forderten die Vertreter mehr Würdigung durch die Bundesregierung und verlangten, das Ministerium möge auf die Medienberichterstattung einwirken. Der Vorsitzende des der Millî-Görüş-Bewegung nahestehenden Islamrats nannte eine weitere Veranstaltung zum Thema „unangemessen“, die Community habe „andere Sorgen“, und blieb dem Folgetermin demonstrativ fern.

Was ich oben als analytische Kategorien beschrieben habe, ist hier kein Deutungsangebot mehr, sondern dokumentiertes Verhalten. Bemerkenswert ist der zusätzliche Zug, eine Positionierung gegen Antisemitismus müsse „religiös vertretbar“ sein und die Basis „mitnehmen“. Sie wird also unter den Vorbehalt innergemeindlicher Vermittelbarkeit gestellt.

Die Deutsche Islam Konferenz ist hier nicht der Sonderfall, sondern die Stelle, an der eine ohnehin verbreitete Haltung aktenkundig wird, weil sie ausnahmsweise dokumentiert ist. Dieselbe Bewegung, die Bereitschaft, über den eigenen Antisemitismus nur im Doppel mit der eigenen Diskriminierungserfahrung zu sprechen, begegnet mir aus eigener Anschauung regelmäßig auch jenseits dieses Formats, in Gremien, Vorbereitungsrunden und Programmdebatten, in denen über die Verknüpfung beider Themen entschieden wird. Dort ist die Kopplung für Verbandsseite nicht bloß ein hingenommener Rahmen, sondern eine erwünschte Bedingung. Antisemitismus soll, wenn überhaupt, nur gemeinsam mit Islam- und Muslimfeindlichkeit auf die Tagesordnung. Das ist eine Beobachtung als Beteiligter und kein Aktenzitat, aber die WELT-Recherche zeigt, dass diese Wahrnehmung kein Einzeleindruck ist, sondern ein Muster trifft. Genau an diesem Punkt kippt eine legitime Verknüpfung in eine Entlastungsfigur.

Phänomen 3: Die eingeebnete Asymmetrie

Der dritte Mechanismus ist der theoretisch anspruchsvollste, und hier liegt zugleich der Punkt, an dem das „Zusammendenken“ sich rehabilitieren ließe.

Antisemitismus und Islam- und Muslimfeindlichkeit „zusammen zu denken“ unterstellt eine Gleichgestalt, die einer Prüfung nicht standhält. Die beiden Phänomene unterscheiden sich in ihrer Genese, in ihrer Trägerschaft und in ihrer Staatsnähe. Antisemitismus in muslimischen Milieus speist sich aus einem eigenständigen Geflecht theologischer Rückprojektionen, nationalistischer Verschwörungsnarrative und transnational importierter Denkfiguren, getragen auch von Akteuren mit Repräsentationsanspruch und institutioneller Anbindung an Herkunftsstaaten. Auch die Forschung widerspricht der Vorstellung, dieser Antisemitismus sei lediglich eine Reaktion auf Diskriminierungserfahrung oder ein bloßes Spiegelphänomen rassistischer Ausgrenzung. Der Forschungsüberblick von Sina Arnold zeichnet ein heterogenes Bedingungsgefüge nach, in dem politische, religiös-ideologische und sozialisatorische Faktoren zusammenwirken. Qualitative Studien wie die von Stefan E. Hößl (Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen, Springer VS 2020) zeigen, dass diese Einstellungen sich nicht umstandslos aus Marginalisierung ableiten lassen, sondern eigene Tradierungswege haben. Islam- und Muslimfeindlichkeit ist demgegenüber ein Ausgrenzungsverhältnis einer Mehrheits- gegenüber einer Minderheitsgesellschaft. Beide sind real, beide sind verwerflich, aber sie haben nicht dieselbe Struktur, nicht dieselben Träger, nicht dieselbe Position im gesellschaftlichen Machtgefüge.

Wer beide unter einer Symmetrie-Rhetorik einebnet, verfehlt beide. Er entschärft den einen, indem er ihn zur bloßen Spiegelung des anderen macht, und er trivialisiert den anderen, indem er ihn an eine Zwangskopplung bindet. „Zusammen denken“ darf nicht heißen „gleich behandeln“. Es müsste im Gegenteil bedeuten, beide so präzise zu unterscheiden, dass die jeweils spezifische Verantwortung sichtbar wird, die der Mehrheitsgesellschaft hier, die der muslimischen Zivilgesellschaft dort.

An dieser Stelle ist Redlichkeit über den eigenen Standort geboten. Es gibt, soweit ich sehe, keine etablierte Forschungslinie, die das hier beschriebene Muster ausformuliert, also die symmetrisierende Kopplung als innermuslimische Entlastungsfigur beim Thema Antisemitismus. Die einschlägige Präventions- und Bildungsforschung koppelt die beiden Phänomene durchaus, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Bericht von Langner und Jungmann (Deutsches Jugendinstitut 2024) und die daran anschließende Einordnung bei ufuq.de behandeln Islam- und Muslimfeindlichkeit vor allem als Rahmenbedingung und teils als Risikofaktor von Radikalisierung, als „Störfaktor“ in Distanzierungsprozessen, an den islamistische Mobilisierung anschließen kann. Diese Perspektive sieht eine reale Instrumentalisierungsrichtung scharf, nämlich die Versicherheitlichung von Muslimen, die Verengung des Themas auf seinen Nutzen für die Extremismusprävention. Diese Sorge teile ich. Aber dieselbe Forschung blendet die hier verhandelte Gegenrichtung weitgehend aus, also die Möglichkeit, dass die Kopplung nicht nur den Rassismusdiskurs versicherheitlicht, sondern auch den Antisemitismusdiskurs entlastet. Mein Beitrag bewegt sich also nicht im Rückenwind eines Forschungskonsenses, sondern adressiert dessen blinden Fleck. Das ist eine Behauptung, die für sich steht und nicht durch geliehene Autorität gestützt werden soll. Ihre Evidenz liegt nicht in der Theorie, sondern in dem oben beschriebenen, dokumentierten wie selbst beobachteten Verhalten.

Genau hier wäre die Kopplung zu retten. Nicht als rhetorische Balance, sondern als doppelte, je eigene Zumutung. Die Mehrheitsgesellschaft muss Islam- und Muslimfeindlichkeit ohne Vorbehalt benennen, ohne sie an einen Extremismusnachweis zu knüpfen. Und die muslimische Zivilgesellschaft muss den Antisemitismus in den eigenen Reihen ohne Vorbehalt benennen, ohne ihn an die eigene Diskriminierungserfahrung zu koppeln. Erst wenn beide Seiten ihre jeweilige Hausaufgabe ohne Verweis auf die andere machen, ist das „Zusammendenken“ aufrichtig. Solange die eine Seite nur unter Vorbehalt redet und die andere nur im Doppelpack, verbindet die Kopplung nicht zwei Phänomene, sondern zwei Vermeidungsstrategien.

Aufrichtigkeit vor Symmetrie

Wer das „Zusammendenken“ ernst meint, muss bereit sein, den unbequemeren Teil zuerst und ohne Gegenleistung zu erbringen.

Für mich als jemanden aus der muslimischen Community heißt das konkret, dass der Antisemitismus in unseren Milieus kein Verhandlungsposten ist, den man erst dann auf den Tisch legt, wenn die andere Seite ihre Vorleistung erbracht hat. Er ist eine eigene, voraussetzungslose Aufgabe. Ihn nur im Schutz einer Symmetrie zu thematisieren, in der er zur halben Wahrheit eingeklammert wird, ist nicht weniger ein Ausweichmanöver als die Flucht ins Globale oder der Schutzschild der Vielfalt. Es ist nur das höflichere.

Die Komfortzone der Komplexität war die Flucht in eine unverfügbare globale Abstraktion. Die Komfortzone der Symmetrie ist subtiler. Sie flüchtet nicht aus dem Thema, sie umarmt es, so fest, dass das Unbequeme darin erstickt. Beide Bewegungen eint dieselbe Vermeidung der einen Frage, nämlich die nach der Verantwortung für das Zusammenleben hier und jetzt.

Echte moralische Haltung beginnt nicht mit dem ausbalancierten Satz. Sie beginnt mit dem Teil der Wahrheit, den auszusprechen wehtut, bevor man ihn mit dem Teil aufwiegt, der entlastet.

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