
Der neue Bericht zum 6. Deutschen Freiwilligensurvey (Datengrundlage 2024) verschiebt eine Debatte, die in Deutschland oft zu bequem geführt wird. Menschen mit Migrationshintergrund engagieren sich nicht weniger als früher. Ihre Engagementquote liegt laut Kurzbericht bei 28,4 Prozent, niedriger als die 40,1 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund, aber gegen den allgemeinen Trend stabil. Der leichte Rückgang der Gesamtbeteiligung, von 39,7 auf 36,7 Prozent, geht allein auf Personen ohne Migrationshintergrund zurück. Innerhalb der Gruppe mit Migrationshintergrund engagieren sich die hier Geborenen mit 36,3 Prozent fast so häufig wie die Gesamtbevölkerung. Bei Menschen mit eigener Zuwanderungserfahrung ist die Quote gegenüber 2019 sogar gestiegen.
Die alte Frage wird damit präziser. Wenn migrantisches und muslimisches Engagement in vielen klassischen Institutionen weiterhin unterrepräsentiert ist, trägt der fehlende Wille einzelner Menschen die Erklärung nicht. Entscheidend ist auch, welche Formen von Engagement sichtbar werden, welche als vollwertig gelten und welche Zugänge überhaupt als eigene Möglichkeit erkannt werden.
In meinem Impulspapier „Versäumte Chancen?“ habe ich argumentiert, dass Verwaltung, Unternehmen, Wohlfahrtsverbände, Feuerwehr, THW, Sportvereine und NGOs ihren Nachwuchs künftig aus einer deutlich diverseren Bevölkerung gewinnen müssen. Das bleibt richtig. Diese Öffnung reicht aber nicht aus, solange sie nur als institutionelle Selbstbeschreibung existiert. Eine Tür kann offenstehen und für viele trotzdem unsichtbar bleiben.
Warum die klassischen Formen fremd bleiben
Viele Organisationen sagen heute, dass alle willkommen seien. Das ist ein Fortschritt gegenüber alten Ausschlussmustern. Es beantwortet aber noch nicht, ob die angesprochenen Menschen diese Einladung überhaupt wahrnehmen. Ein Leitbild auf einer Website erreicht keine Familie, in der niemand weiß, was das THW genau macht. Ein Plakat der Freiwilligen Feuerwehr erklärt nicht, warum Bürgerinnen und Bürger in ihrer Freizeit Aufgaben übernehmen, die in vielen Herkunftsgesellschaften eindeutig dem Staat zugeschrieben werden. Ein Wohlfahrtsverband kann formal offen sein und habituell trotzdem so wirken, als sei er für andere gemacht.
Gerade klassische Engagementformen sind kulturell voraussetzungsreich. Freiwillige Feuerwehr, Elternvertretung, Vereinsvorstand, kommunale Beiratsarbeit oder Jugendverbandsarbeit sind keine universalen Selbstverständlichkeiten, sondern historisch gewachsene Formen deutscher Zivilgesellschaft. Wer mit ihnen aufgewachsen ist, erkennt sie intuitiv als Räume der Mitgestaltung. Wer damit nicht sozialisiert wurde, sieht zunächst eher einen fremden Apparat, eine Behördennähe, eine Freizeitkultur oder eine Gruppe, zu der man nicht selbstverständlich dazugehört.
Öffnung braucht deshalb Übersetzung. Was macht diese Institution? Warum ist sie wichtig? Welche Rechte und Pflichten entstehen durch Mitgliedschaft? Wer entscheidet dort? Welche Rolle spielen Geselligkeit, Sprache, religiöse Alltagspraktiken oder familiäre Erwartungen? Wird man als Mitgestalter gesucht oder nur als Zeichen gelungener Vielfalt? Ohne solche Übersetzungsarbeit bleibt die Einladung abstrakt. Sie existiert organisatorisch, aber nicht sozial.
Der Blick in die Türkei erklärt einen Teil der Distanz
Eine türkische Quelle, die ich im Impulspapier bereits aufgegriffen habe, hilft, diese Distanz zu verstehen. Die Studie „Türkiye’de Sivil Toplum Algısı“ des Sivil Toplum Geliştirme Merkezi beruht auf rund 3.000 persönlichen Interviews aus dem Winter 2023/24 und zeigt, wie schwach organisierte Zivilgesellschaft in der Türkei im Alltag vieler Menschen verankert ist. Nur 7,7 Prozent der Befragten sind Mitglied oder freiwillig in einer zivilgesellschaftlichen Organisation aktiv. Die reine Mitgliedschaft liegt bei 4,1 Prozent. 77,2 Prozent haben keinerlei Beziehung zu solchen Organisationen.
Aufschlussreich ist aber weniger die niedrige Quote als das Bild, das die Befragten von Zivilgesellschaft haben. Gefragt, was der Begriff auslöst, nennen sie vor allem Freiwilligkeit, Solidarität, Spende und Hilfe. Anwaltschaft, Demokratie und politisches Eintreten tauchen nur am Rand auf, jeweils bei rund sechs Prozent oder darunter. Zivilgesellschaft erscheint als Wohltätigkeit, kaum als Mitgestaltung oder Interessenvertretung. Die häufigste Form des Kontakts ist entsprechend die Spende per SMS, vor allem nach dem Erdbeben von 2023. Sechs von zehn Befragten geben zudem an, wenig oder gar nichts darüber zu wissen, was solche Organisationen eigentlich tun.
Besonders deutlich wird die Distanz an einem weiteren Befund. Wer nicht Mitglied oder freiwillig aktiv ist, nennt als Grund vor allem fehlende Zeit. Aber zwölfeinhalb Prozent geben an, dass sie sich scheuen oder Angst haben, an solchen Aktivitäten teilzunehmen, bei den unter 35-Jährigen sind es gut fünfzehn Prozent. Der Bericht bringt das mit der gesetzlichen Pflicht in Verbindung, Mitglieder den Behörden zu melden. Organisierte Mitgliedschaft erscheint dann als etwas, das unter staatlicher Beobachtung steht und politisch heikel sein kann.
Diese Zahlen lassen sich nicht eins zu eins auf türkeistämmige Communities in Deutschland übertragen. Sie erklären aber einen Erfahrungshorizont. Wer aus einem Kontext kommt, in dem organisierte Zivilgesellschaft schwach sichtbar ist, in dem Vereine als staatsnah, politisch heikel, elitär oder schlicht irrelevant gelten und in dem Engagement vor allem als Hilfe innerhalb von Familie, Nachbarschaft oder Gemeinde verstanden wird, bringt nicht automatisch ein positives Verhältnis zur deutschen Vereins- und Ehrenamtskultur mit. Eine Kultur, die stark auf Mitgliedschaft, Gremien und Mitbestimmung setzt, wirkt von dort aus zunächst fremd.
Das betrifft auch die zweite und dritte Generation. Solche Deutungsmuster werden in Familien weitergegeben, manchmal offen, häufiger unausgesprochen. Wenn der Staat für Sicherheit zuständig ist, warum sollte man zur Freiwilligen Feuerwehr gehen? Wenn organisierte Mitgliedschaft eher mit Risiko als mit Mitgestaltung verbunden wird, warum sollte man sich in kommunalen Strukturen exponieren? Das sind keine Ausreden, aber eine soziale Realität, die man ernst nehmen muss, wenn man sie verändern will.
Die Communities dürfen nicht in der Rolle der Umworbenen bleiben
Die Verantwortung liegt auch bei den Communities. Es wäre zu bequem, allein auf Verwaltung, Unternehmen und NGOs zu zeigen. Sie müssen ihre Zugänge öffnen, verständlicher und glaubwürdiger werden. Muslimische und migrantische Communities können sich aber nicht dauerhaft darauf beschränken, auf bessere Einladungen zu warten.
Wer Teil dieses Gemeinwesens ist, muss auch dort Verantwortung übernehmen, wo das Gemeinsame organisiert wird. Die eigene Moschee, der eigene Kulturverein und die Hilfe für die eigene Gruppe bleiben wichtig. Dort findet man Vertrauen und eine gemeinsame Sprache. Wenn Engagement aber dauerhaft nur innerhalb der eigenen Binnenstrukturen bleibt, entsteht keine gleichberechtigte Mitgestaltung der Gesellschaft.
Gerade muslimische Organisationen müssten deshalb offensiver vermitteln, dass Engagement außerhalb der eigenen Community kein Verlust ist. Ein muslimischer Jugendlicher, der bei der Tafel hilft, im Sportverein Verantwortung übernimmt, bei der Feuerwehr mitmacht oder sich in der Jugendhilfe qualifiziert, entfernt sich damit nicht von Herkunft oder Religion, sondern übersetzt Verantwortung in das Gemeinwesen, in dem er lebt.
Das verlangt auch innermuslimische Selbstkritik. Zu oft wird Engagement noch dort besonders gewürdigt, wo es der eigenen Gruppe dient. Die Moschee sucht Helfer für Veranstaltungen, Spendensammlungen, Unterricht, Ramadan-Organisation oder Bauprojekte. Das ist legitim. Es bleibt aber zu eng, wenn die gleiche Energie nicht auch in allgemeine zivilgesellschaftliche Strukturen führt.
Beide Seiten müssen sich bewegen
Der Freiwilligensurvey zeigt, dass Engagementpotenzial vorhanden ist. Die STGM-Studie hilft zu verstehen, warum organisierte Zivilgesellschaft nicht für alle gleichermaßen selbstverständlich ist und warum sie vielen eher als Wohltätigkeit denn als Mitgestaltung erscheint. Daraus folgt eine pragmatische Aufgabe.
Institutionen müssen ihre Türen öffnen und sichtbar machen. Sie müssen erklären, wer sie sind, warum sie relevant sind und weshalb Menschen aus migrantischen und muslimischen Communities dort nicht Gäste, sondern künftige Träger sein sollen. Das bedeutet aufsuchende Arbeit, Kooperation mit Schulen, Jugendzentren, Moscheegemeinden, Elternnetzwerken und lokalen Multiplikatoren. Es bedeutet auch, interne Routinen zu prüfen, die Menschen formal nicht ausschließen, aber faktisch fernhalten.
Gleichzeitig braucht es eine Bewegung aus den Communities heraus, einen eigenen Anspruch auf Mitgestaltung. Wer Feuerwehr, Wohlfahrt, Verwaltung, Schule, Sport und Zivilgesellschaft den anderen überlässt, darf sich später nicht wundern, wenn die eigenen Perspektiven dort fehlen.
Die Einladung ist der Anfang. Entscheidend wird sein, ob die Menschen wissen, dass es diese Strukturen gibt, ob sie verstehen, was dahinter liegt, und ob sie den Schritt hinein als eigenen Schritt begreifen. Dort entscheidet sich, ob der demografische Wandel die Zivilgesellschaft erneuert. Sonst bleibt es bei einer weiteren versäumten Chance.
Quellen und Anknüpfungen
- Bundesregierung: Bericht zum 6. Deutschen Freiwilligensurvey
- STGM: Türkiye’de Sivil Toplum Algısı
- Engin Karahan: „Versäumte Chancen?“