
Vom 9. bis 11. Februar 2026 hat die Evangelische Akademie Loccum zur Tagung „Antisemitismus und Rassismus – Verstehen, ins Gespräch bringen und gemeinsam begegnen” geladen. Ihr Anliegen: zwei meist getrennt verhandelte Diskursarenen zusammenzubringen und zu klären, warum Antisemitismus nicht in Rassismus „aufgeht” – und warum es trotzdem nötig ist, beide gemeinsam anzugehen. Ich war an zwei Stellen beteiligt: als Referent mit einem Vortrag am Dienstag und als Diskutant im Abschlusspanel am Mittwoch.
Der Vortrag: Antisemitismus in muslimischen Milieus
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob hohe Zustimmungswerte zu (sekundär-)antisemitischen Aussagen Folge einer theologischen Essenz sind – oder einer sozialen Funktion. Mein Zugang war ausdrücklich keine Apologie, sondern eine Binnen-Analyse der Mechanismen:
- Politisierung statt Tradition: Moderne Identitätskonflikte werden nachträglich „islamisiert” – Theologie wird zur Legitimation nationalistischer Ideologien funktionalisiert. Aus der vormodernen theologischen Kategorie wird eine moderne politische.
- Zwei Fallbeispiele: der „Garkad-Baum”, der von einem eschatologischen Narrativ über die Hamas-Charta zum mobilisierenden Social-Media-Meme wird; und transhistorische Mythen, die osmanische Folklore mit modernen Verschwörungstheorien (bis zur Epstein-Affäre) verknüpfen und ein „ewiges, unveränderliches Wesen des Juden” konstruieren.
- Narrative der Ferne: Im institutionellen Vakuum werden Diskriminierungs- und Ohnmachtserfahrungen über importierte Konflikte externalisiert; der Nahostkonflikt dient als Projektionsfläche.
- Das Schweigen der Mitte: Nach dem 7. Oktober reagieren große Verbände mit „organisierter Ambivalenz” – Rhetorik der „Eskalation” statt klarer Benennung, Fokus auf die eigene Opferrolle. Die Folge ist ein Verlust der Deutungshoheit bei der Jugend und das Überlassen des Feldes an radikale Social-Media-Akteure.
Mein Fazit: Antisemitismus ist real – unabhängig von der eigenen Rassismuserfahrung. Es braucht eine selbstkritische, kontextualisierte Lesart der Quellen und Verbände, die ihren Vertretungsanspruch auch in Krisen einlösen, statt sich zurückzuziehen.
Das Abschlusspanel: Muslimfeindlichkeit – vom Dokumentieren zum Handeln
Am Schlusstag habe ich im Panel „Wie verschaffen wir zwei zentralen Anliegen mehr Platz?” den Blick nach außen gewendet. Wenn ich tags zuvor den Finger in die eigene Wunde gelegt hatte, ging es nun um Muslimfeindlichkeit als tägliche Realität – den Neurologen, dessen Kompetenz im Krankenhaus infrage gestellt wird, die Studentin mit Bestnoten ohne Stelle, den jungen Mann, der im Zug immer der Einzige ist, der kontrolliert wird.
Meine provokante Frage an die Runde: Verwalten wir den Rassismus eher, als die Menschen zu befähigen, sich gegen ihn zu wehren? Wir haben gute Strukturen zum Melden und Zählen – aber wenn der Meldung keine Konsequenz folgt, produzieren wir eine „Erfahrung von organisierter Ohnmacht”. Dazu kommt die Frage nach den richtigen Verbündeten: Politik und Zivilgesellschaft schauen reflexhaft auf die Moscheegemeinden, doch ein Imam ist Seelsorger und Theologe, kein Antidiskriminierungsjurist.
Mein Plädoyer: vom „Sprechen über Leid” zum „Durchsetzen von Recht”. Statt nur „Safer Spaces” zum Luftholen brauchen wir auch „Brave Spaces” und professionelle Strukturen, die Betroffene befähigen, das AGG zu nutzen, zu klagen, ihr Recht durchzusetzen. Resilienz entsteht nicht aus Mitleid, sondern aus Selbstwirksamkeit – und das ist zugleich die beste Prävention gegen Rückzug und Radikalisierung.
Weiterlesen
- Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus
- Die Komfortzone der Symmetrie
- Nahost-Debatte: Aufrichtigkeit vor Theorie
Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder eine Moderation zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die Kontaktseite.