
Veranstaltungsbericht zum FEX-Online-Lunch
Am 9. Juli 2026 war Engin Karahan erneut zu Gast beim Online-Lunch der FEX-Reihe. Teil 2 knüpfte an den Auftakt im Mai an. Klärte Teil 1 das Ob und das Wie viel, ging es diesmal um das Warum: Warum bleiben Menschen mit Einwanderungsgeschichte in klassischen Institutionen unterrepräsentiert, obwohl sie an der Basis längst systemtragend sind?
Karahan setzte am verbreiteten Reflex an, wonach diese Gruppe sich weniger engagiere und dem Staat weniger vertraue. Der Sechste Freiwilligensurvey 2024 dreht dieses Bild um. Der Rückgang des Engagements geht allein auf die Mehrheit ohne Migrationshintergrund zurück; bei Menschen mit Migrationshintergrund ist die Quote stabil, die zweite Generation liegt fast auf dem Niveau der Gesamtbevölkerung. Auch beim Vertrauen zeigt das SVR-Integrationsbarometer 2024 das Gegenteil des Reflexes: Menschen mit Migrationshintergrund vertrauen staatlichen Institutionen im Schnitt eher mehr.
Wenn es also weder am Willen noch am Vertrauen liegt, bleibt die Form. Informell, in Nachbarschaft und Projekten, sind Menschen mit Migrationshintergrund sogar überrepräsentiert. Die Lücke entsteht erst beim vereinsförmig organisierten Ehrenamt. Das führte Karahan am Kontrast von Pflege und Feuerwehr vor: Die Pflege ist Existenzsicherung mit klarem Zugang über Ausbildung und Vertrag und funktioniert quer durch alle Herkünfte. Die Freiwillige Feuerwehr verlangt unbezahltes Engagement in der Freizeit, Zugang über Vereinscodes und eine bestimmte Sozialisation.
Dahinter stehen unterschiedliche Staatsbilder. Wo Sicherheit historisch als exklusive Staatsaufgabe galt, ist das deutsche Modell „Bürger löscht in der Freizeit” keine Selbstverständlichkeit. Karahan zeigte zwei Wege in dieselbe Lücke: die Türkei, wo der Staat Selbstorganisation lange verdrängte, und Italien, wo Solidarität eher über Familie und informelle Netze läuft als über den Verein. Alte Demokratie oder autoritäre Prägung, katholisch oder muslimisch – die niedrige Quote im formalen Ehrenamt hat verschiedene Wurzeln, aber dieselbe Gestalt. Das vereinsförmige Ehrenamt ist damit eine kulturell spezifische Form, kein universeller Maßstab für Bürgersinn.
Die Spaltung läuft in beide Richtungen. Auch der Staat sortiert nach Codes. In der Bundesverwaltung liegt der Anteil mit Migrationshintergrund bei rund zwölf Prozent, bei etwa achtundzwanzig Prozent in der Erwerbsbevölkerung, und mit jeder Hierarchieebene wird er kleiner. Der ministerielle Habitus mit seinen Kürzeln und ungeschriebenen Regeln hält Distanz. Es ist derselbe Filter, den Teil 1 in der Wirtschaft beschrieben hatte, nur in der Behörde.
Daraus folgt für Karahan eine praktische Linie: übersetzen statt fordern. Informelles Engagement mitzählen statt nur Vereinsquoten, die Form Ehrenamt erklären und öffnen, den eigenen Habitus im Zugang und Aufstieg prüfen, fachliche Eignung über kulturelle Passung stellen. Beide Seiten müssen sich bewegen. Teil 3 der Reihe richtet den Blick am 23. September „Jenseits der Verbände” auf neue Akteure und die Frage, wie Politik und Verwaltung deren Potenziale nutzen können.
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