Beitragsbild zum Beitrag „Funktionserhalt statt Diversitäts-Lyrik“

Wer rückt in zehn Jahren noch aus?

Veranstaltungsbericht zum FEX-Online-Lunch

Am 20. Mai 2026 war Engin Karahan zu Gast beim Online-Lunch der FEX-Reihe. Den Auftakt bildete ein Impuls, der die analytische Linie aus seinem Impulspapier Versäumte Chancen? aufgriff und für das Online-Format zuspitzte. Die FEX-Eventseite mit Teil 1 im Archiv sowie den Ankündigungen für Teil 2 und Teil 3 findet sich hier. Wer die Datengrundlage und die ausführliche Argumentation nachlesen möchte, findet beides im Beitrag Versäumte Chancen?.

Die Debatte verläuft meist über moralische Repräsentation. Karahan setzte stattdessen bei der materiellen Frage an, auf welcher personellen Basis Institutionen überhaupt arbeitsfähig bleiben. Es geht nicht um symbolische Vielfalt als Selbstzweck, sondern um die Zukunft von Daseinsvorsorge, Sicherheit, Pflege, Verwaltung und zivilgesellschaftlicher Arbeit. Die Leitfrage lautet deshalb nicht, ob Institutionen „bunter“ wirken, sondern ob sie in einigen Jahren noch genügend Menschen für ihre Aufgaben gewinnen.

Den üblichen Goodwill-Frame wies er zurück. Es geht nicht darum, Migrantinnen und Migranten einen Gefallen zu tun, sondern darum, die eigene Infrastruktur funktionsfähig zu halten. Wo Institutionen ihre Rekrutierungslogiken nicht an die veränderte Bevölkerungsstruktur anpassen, entstehen Engpässe bei Einsatzkräften, Pflegepersonal, Verwaltung und im Ehrenamt. Diversität ist hier keine Imagefrage, sondern eine Überlebensfrage.

An Bundeswehr und Polizei zeigt sich, wie schief die Debatte oft geführt wird. Beide gelten als Referenzfälle in Repräsentationsdebatten, doch gerechnet wird häufig mit den falschen Bezugsgrößen. Maßgeblich ist nicht der gesellschaftliche Durchschnitt, sondern die junge Kohorte, aus der überhaupt rekrutiert wird. Wer mit irreführenden Zahlen arbeitet, feiert Erfolge an der falschen Stelle. Und er übersieht, dass Bewerberinnen und Bewerber durchaus vorhanden sein können, aber an institutionellen Auswahl- und Habitusfiltern scheitern.

Bundeswehr und Polizei sind dabei nur die sichtbarsten Fälle. Betroffen von derselben demografischen Verschiebung sind alle vier Quadranten, staatlich und zivilgesellschaftlich, hauptamtlich und ehrenamtlich. Das Problem endet nicht bei Polizei oder Schule, es reicht ebenso in Feuerwehr, THW, Pflege, Wohlfahrtsverbände, Religionsgemeinschaften und lokale Initiativen. Der zentrale Satz des Abends fiel entsprechend knapp aus. Kein Quadrant kann sich aus dem schrumpfenden Pool allein speisen.

Beim Befund blieb es nicht. Der Ausblick auf die weitere Reihe wurde konkret. Teil 2 am 9. Juli behandelt die strukturellen Divergenzen im Staatsverständnis, also jene kulturellen Codes, die erklären, warum viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte in klassischen Institutionen unterrepräsentiert bleiben. Diesen Punkt entfaltet, am Beispiel der ehrenamtlichen Gefahrenabwehr, auch der Beitrag Versäumte Chancen?. Teil 3 am 23. September richtet den Blick auf neue Akteure jenseits der Verbände und fragt, wie Politik und Verwaltung deren Potenziale nutzen können, statt sie an starre Strukturen zu verlieren.

So war der Online-Lunch kein Plädoyer für „mehr Vielfalt“ im bloßen Slogan-Sinn, sondern eine nüchterne Aufforderung, Institutionen von ihrer materiellen Basis her zu denken. Wer heute nicht über Anschlussfähigkeit, Rekrutierung und Funktionsfähigkeit spricht, diskutiert an der Zukunft der Institutionen vorbei.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Text nimmt die Debatte über „gut genug“ als europäische KI-Strategie zum Anlass. Für Soziale Arbeit, Jugendhilfe und Beratung zählt...
Beim IM/PULS, dem Forum für Zukunft von Bündnis 90/Die Grünen, in Berlin habe ich auf dem Panel „Echte Männer? Wie...
Wenn das „Zusammendenken“ zur Entlastung wird Es gehört inzwischen zum guten Ton der politischen Bildungsarbeit, Antisemitismus und Islam- und Muslimfeindlichkeit...