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<title>Ethos &amp; Polis</title>
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<description>Fachbeiträge zu Radikalisierungsprävention, Männlichkeitsbildern, Antisemitismus, KI-Aufsicht und Integrationspolitik.</description>
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<lastBuildDate>Mon, 22 Jun 2026 00:00:00 GMT</lastBuildDate>
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  <title>Wenn Männlichkeit zur bedrohten Identität wird</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-maennlichkeit-zur-bedrohten-identitaet-wird.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/maennlichkeit-junger-mann-urban.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Wenn Männlichkeit zur bedrohten Identität wird"></p>
<p>Der Forschungsbericht <a href="https://www.jacobscenter.uzh.ch/dam/jcr:ea186cf6-13b4-4e98-87f8-5f6d9bbcc2e7/Maennlichkeit_im_Wandel-Studienbericht.pdf">„Männlichkeit im Wandel”</a> des Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich ist deutlich mehr als ein weiterer Kommentar zur angeblich toxischen Männlichkeit. Er umfasst 122 Seiten, beruht auf 6.138 auswertbaren Datensätzen und untersucht Männlichkeitsbilder, Gewaltakzeptanz, Partnerschaft, Sexualität, Herkunft, Bildung und soziale Lage in einer Breite, die in der deutschsprachigen Debatte selten ist.</p>
<p>Gerade deshalb lohnt sich eine genaue Lektüre. Die Studie zeigt nicht, dass Männlichkeit als solche ein Problem wäre. Sie zeigt, welche Vorstellungen von Männlichkeit problematisch werden können. Gefährlich wird es dort, wo Männlichkeit als bedrohte Identität erlebt wird, wo Dominanz als Schutz erscheint, wo Gewalt als legitime Wiederherstellung von Status gilt und Gleichstellung als Entwertung gedeutet wird.</p>
<p>Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wenn Männer nur als Risiko beschrieben werden, suchen viele junge Männer andere Orte, an denen sie als Lösung angesprochen werden. Diesen Punkt habe ich bereits im Beitrag <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html">„Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger”</a> aufgegriffen, dort ausgehend vom <a href="https://bundesforum-maenner.de/mitgliederinterview-pathforge/">Bundesforum-Männer-Interview mit Simon Fokt</a> von <a href="https://path-forge.org/">PathForge</a>. Wer die Manosphere verstehen will, muss bei dieser Funktion anfangen. Sie ist erfolgreich, weil sie Ordnung, Anerkennung, Disziplin, sexuelle Orientierung und Zugehörigkeit anbietet. Das macht sie nicht harmlos. Es macht sie funktional.</p>
<section id="der-faktor-m-beschreibt-ein-muster-keine-männernatur" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-faktor-m-beschreibt-ein-muster-keine-männernatur">Der Faktor M beschreibt ein Muster, keine Männernatur</h2>
<p>Die Zürcher Studie arbeitet mit mehreren etablierten Skalen. Erfasst wurden unter anderem Konformität mit Männlichkeitsnormen, Manbox-Vorstellungen, maskulistische Bedrohungsgefühle, gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen, Anti-Egalitarismus, Misogynie, Sexismus, Homophobie und Queerfeindlichkeit. Aus diesen Dimensionen leiten die Autorinnen und Autoren den sogenannten Faktor M ab.</p>
<p>Dieser Faktor M bündelt ein Einstellungsmuster. In ihm erscheinen „echte Männer” als bedroht. Männlichkeit wird mit Überlegenheit, Härte, Abgrenzung und Verteidigung verbunden. Gleichstellung, weibliche Selbstbestimmung und queere Sichtbarkeit wirken in diesem Muster wie ein Angriff auf den eigenen Status.</p>
<p>In der <a href="https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/Maennlichkeit.html">UZH-Meldung zur Studie</a> beschreibt Ribeaud diesen Faktor als Haltung, die „echte Männlichkeit” bedroht sieht und mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, Verachtung sexueller Minderheiten und Ablehnung von Gleichstellung verbunden ist. Der Forschungsbericht begründet diese Verdichtung empirisch, weil die untersuchten Einstellungen nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern statistisch eng miteinander zusammenhängen.</p>
<p>In meinem Beitrag <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html">„Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind”</a> habe ich Männlichkeit als wirksames Orientierungsangebot beschrieben. Auch die Zürcher Studie lässt sich so lesen. Männlichkeit beantwortet Fragen, die für viele Jungen und Männer nicht theoretisch sind. Was ist Stärke? Wie gehe ich mit Kränkung um? Wann bekomme ich Respekt? Darf ich verletzlich sein? Muss ich Kontrolle ausüben, um mich sicher zu fühlen?</p>
<p>Wenn diese Fragen schlecht beantwortet werden, entsteht ein riskantes Muster. Wenn sie gut beantwortet werden, kann Männlichkeit eine Ressource für Verantwortung, Bindung, Mut und Selbstachtung sein.</p>
</section>
<section id="junge-männer-fallen-besonders-auf" class="level2">
<h2 data-anchor-id="junge-männer-fallen-besonders-auf">Junge Männer fallen besonders auf</h2>
<p>Die stärksten Befunde betreffen junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren. Fast jeder zweite junge Mann in der Schweiz sieht Männlichkeit bedroht und an den Rand gedrängt. 47,7 Prozent dieser Altersgruppe stimmen der Aussage zu, manchmal sei Gewalt notwendig. Bei Männern über 25 Jahren sind es 25,5 Prozent.</p>
<p>Auch die Bedrohungsgefühle sind deutlich. 57,2 Prozent der jungen Männer stimmen der Aussage zu, männliche Werte wie Stärke, Mut und Ehre verlören an Bedeutung. 50,5 Prozent meinen, richtige Männer würden immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt. 50,3 Prozent sorgen sich darüber, dass viele Männer sich mittlerweile immer weiblicher verhielten.</p>
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Abbildung&nbsp;1: Bedrohungsgefühle und Gewaltakzeptanz bei jungen Männern. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026.
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</div>
</div>
<p>Man kann diese Zahlen leicht skandalisieren. Man sollte sie aber zuerst verstehen. Sie zeigen einen Geschlechtergraben in einer jungen Generation, in der viele Frauen egalitärer und offener geworden sind, während ein relevanter Teil junger Männer auf Rückzug, Abgrenzung und Verteidigung setzt. Die Studie spricht vorsichtig von einer möglichen disruptiven Entwicklung in der Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Geschlechterfragen.</p>
<p>Dabei bleibt offen, ob es sich um einen Alterseffekt oder einen Kohorteneffekt handelt. Vielleicht relativieren sich manche Einstellungen mit Beruf, Partnerschaft, Krisenerfahrungen oder Elternschaft. Vielleicht trägt die heutige Generation junger Männer bestimmte Muster aber auch länger mit sich. Die Studie ist eine Querschnittserhebung und kann diese Frage nicht abschließend beantworten. Für Prävention ist trotzdem relevant, dass ein Teil junger Männer bereits heute über Bedrohung, Abgrenzung und Gewaltakzeptanz erreichbar ist. Damit muss pädagogische, politische und zivilgesellschaftliche Arbeit umgehen, ohne aus Korrelationen vorschnell Ursachen zu machen.</p>
</section>
<section id="bildung-schützt-aber-sie-erklärt-nicht-alles" class="level2">
<h2 data-anchor-id="bildung-schützt-aber-sie-erklärt-nicht-alles">Bildung schützt, aber sie erklärt nicht alles</h2>
<p>Besonders interessant ist der Zusammenhang mit Bildung und sozialem Status. Männer mit niedriger Bildung, geringem Berufsstatus und wenig Einkommen sind in der Faktor-M-High-Score-Gruppe deutlich überrepräsentiert. Bei Männern mit höchstens obligatorischer Schulbildung liegt der Anteil bei 33 Prozent, bei Männern mit Berufslehre bei 30 Prozent, bei Hochschulabsolventen bei 11 Prozent.</p>
<div id="cell-fig-bildung" class="cell" data-execution_count="3">
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H\u00f6here Bildung geht mit niedrigeren Faktor-M-Werten einher.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":1,"yanchor":"top","yref":"paper","yshift":-38},{"font":{"color":"#888888","size":9},"showarrow":false,"text":"Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi & Theunert 2026.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":0,"yanchor":"bottom","yref":"paper","yshift":-44}]},                        {"responsive": true}                    ).then(function(){
                            
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            Plotly.purge(gd);
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        }}
}});

// Listen for the removal of the full notebook cells
var notebookContainer = gd.closest('#notebook-container');
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    x.observe(notebookContainer, {childList: true});
}}

// Listen for the clearing of the current output cell
var outputEl = gd.closest('.output');
if (outputEl) {{
    x.observe(outputEl, {childList: true});
}}

                        })                };            </script>        </div>
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-bildung-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;2: Faktor-M-High-Score nach Bildungsniveau. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
<p>Noch auffälliger ist der Befund bei jungen Männern mit Berufslehre. Fast jeder zweite 18 bis 24 Jahre alte Mann in dieser Gruppe gehört zur High-Score-Gruppe. Der Jugendeffekt zeigt sich also vor allem bei Männern ohne höheren Bildungsabschluss. Bei Gymnasiasten und Hochschulabsolventen ist er deutlich schwächer.</p>
<p>Dieser Befund setzt beruflich gebildete junge Männer nicht herab. Er verweist auf soziale Räume, in denen Statusunsicherheit, Zukunftsdruck und traditionelle Anerkennungsmodelle stärker ineinandergreifen können. Wer wenig gesellschaftliche Aufstiegserzählung angeboten bekommt, hält sich leichter an ein Männlichkeitsmodell, das wenigstens Respekt, Härte und Überlegenheit verspricht.</p>
<p>Für die Praxis heißt das, dass Gleichstellungsarbeit über Universitäten, Kampagnen und urbane Milieus hinausreichen muss. Sie muss dort glaubwürdig werden, wo junge Männer arbeiten, lernen, scheitern, konkurrieren und sich vergleichen. Berufsschulen, Jugendhilfe, Sport, Ausbildung, Betriebe, digitale Räume und lokale Vereine sind dafür wichtiger als moralisch saubere Debattenräume.</p>
</section>
<section id="herkunft-darf-weder-tabuisiert-noch-missbraucht-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="herkunft-darf-weder-tabuisiert-noch-missbraucht-werden">Herkunft darf weder tabuisiert noch missbraucht werden</h2>
<p>Die Studie enthält einen heiklen, aber wichtigen Teil zu Herkunft und Konfession. Gemessen am Geburtsland des Vaters zeigen sich deutliche Unterschiede. Männer mit väterlichen Wurzeln in der Schweiz liegen bei 18,4 Prozent in der High-Score-Gruppe. Bei Männern mit Wurzeln in Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten sind es 31,5 Prozent, bei Männern aus dem ehemaligen Ostblock 34,8 Prozent und bei Männern mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien 49,7 Prozent.</p>
<div id="cell-fig-herkunft" class="cell" data-execution_count="4">
<div id="fig-herkunft" class="cell-output cell-output-display quarto-float quarto-figure quarto-figure-center">
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<div style="height:691px; width:100%;">            <script src="https://cdnjs.cloudflare.com/ajax/libs/mathjax/2.7.5/MathJax.js?config=TeX-AMS-MML_SVG"></script><script>if (window.MathJax && window.MathJax.Hub && window.MathJax.Hub.Config) {window.MathJax.Hub.Config({SVG: {font: "STIX-Web"}});}</script>                <script>window.PlotlyConfig = {MathJaxConfig: 'local'};</script>
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Die Studie warnt vor monokausaler Kulturdeutung.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":1,"yanchor":"top","yref":"paper","yshift":-38},{"font":{"color":"#888888","size":9},"showarrow":false,"text":"Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi & Theunert 2026.","x":0,"xanchor":"left","xref":"paper","y":0,"yanchor":"bottom","yref":"paper","yshift":-44}]},                        {"responsive": true}                    ).then(function(){
                            
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            Plotly.purge(gd);
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        }}
}});

// Listen for the removal of the full notebook cells
var notebookContainer = gd.closest('#notebook-container');
if (notebookContainer) {{
    x.observe(notebookContainer, {childList: true});
}}

// Listen for the clearing of the current output cell
var outputEl = gd.closest('.output');
if (outputEl) {{
    x.observe(outputEl, {childList: true});
}}

                        })                };            </script>        </div>
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<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-herkunft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;3: Faktor-M-High-Score nach väterlicher Herkunftsregion. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026. Die Zahlen beschreiben Unterschiede, erklären sie aber nicht monokausal.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
<p>Solche Zahlen werden schnell missbraucht. Man kann aus ihnen eine ethnische oder religiöse Defiziterzählung bauen. Das wäre analytisch schwach und politisch gefährlich. Die Autorinnen und Autoren tun das ausdrücklich nicht. Sie diskutieren Bildung, soziale Lage, Diaspora-Dynamiken, gesellschaftliche Zusammenbrüche, Kriegserfahrungen, Geschlechterregime, Diskriminierungserfahrungen und prekäre Lebenslagen.</p>
<p>Trotzdem wäre es falsch, diese Befunde aus Angst vor Missbrauch zu verschweigen. Patriarchale und religiös oder kulturell codierte Männlichkeitsbilder existieren. Sie prägen Familien, Peergroups, Vereine, Moscheen, digitale Räume und Jugendszenen. Wer sie aus antirassistischer Vorsicht romantisiert, lässt gerade jene Jungen und Mädchen allein, die unter ihnen leben. Wer sie dagegen als Wesensmerkmal bestimmter Gruppen behandelt, betreibt keine Analyse, sondern sortiert Menschen nach Herkunft.</p>
<p>Die brauchbare Linie liegt dazwischen. Ich habe sie im Beitrag über Männlichkeitsbilder und Radikalisierungsprävention bereits so formuliert. Kritik an patriarchalen Dynamiken darf nicht rassistisch werden. Antirassismus darf nicht bedeuten, patriarchale Dynamiken zu verharmlosen.</p>
<p>Gerade muslimische und migrantische Communities haben hier eine eigene Verantwortung. Sie können sich nicht darauf beschränken, berechtigte Stigmatisierungserfahrungen zu benennen. Sie müssen auch fragen, welche Bilder von Stärke, Ehre, Schutz, Gehorsam, Sexualität und Familie sie selbst weitergeben. Das betrifft religiöse Bildungsarbeit, Jugendarbeit, Väterarbeit, Ehevorbereitung, Social-Media-Kommunikation und die ganz alltägliche Sprache über Jungen und Mädchen.</p>
</section>
<section id="die-manosphere-gewinnt-über-funktion-nicht-über-wahrheit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-manosphere-gewinnt-über-funktion-nicht-über-wahrheit">Die Manosphere gewinnt über Funktion, nicht über Wahrheit</h2>
<p>Die Studie beweist nicht, dass TikTok, YouTube oder die Manosphere diese Einstellungen verursachen. Das wäre eine zu schnelle Lesart. Sie zeigt aber, dass digitale Räume ein wichtiger Vermittlungsraum sind. Unter jungen Deutschschweizern berichten 41 Prozent Bezüge zur digitalen Manosphere. In der Westschweiz sind es 29 Prozent, in der italienischsprachigen Schweiz 21 Prozent. Die genaueren Zusammenhänge sollen in einem zweiten Teilbericht untersucht werden.</p>
<div id="cell-fig-manosphere" class="cell" data-execution_count="5">
<div id="fig-manosphere" class="cell-output cell-output-display quarto-float quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-manosphere-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
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// Listen for the clearing of the current output cell
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</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-manosphere-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;4: Berichtete Manosphere-Bezüge junger Männer nach Sprachregion. Eigene Darstellung nach Ribeaud, Buzzi &amp; Theunert 2026. Der Befund zeigt keine Kausalität der Mediennutzung.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
<p>Für die politische und pädagogische Praxis reicht der Hinweis trotzdem aus. Junge Männer wachsen heute in digitalen Umgebungen auf, in denen Männlichkeit permanent erklärt, verkauft und belohnt wird. Plattformen bevorzugen klare Feindbilder, starke Gesten, einfache Statusversprechen und emotionale Verdichtung. Ein junger Mann, der sich beschämt, sexuell abgelehnt, sozial unsicher oder ökonomisch unter Druck fühlt, findet dort schnell eine Erklärung. Frauen sind schuld. Feminismus ist schuld. Migration ist schuld. Der Westen ist verweichlicht. Religion muss wieder härter werden. Männer müssen zurück an die Spitze.</p>
<p>Das ist gefährlich, aber es funktioniert als Deutungsangebot. Deshalb reicht es nicht, Influencer aus der Manosphere lächerlich zu machen. Viele Jugendliche erleben sie als verständlich, diszipliniert, erfolgreich und klar. Wer dem nur mit moralischer Distanz begegnet, verliert die Beziehung, bevor überhaupt pädagogische Arbeit beginnen kann.</p>
<p>Eine bessere Antwort muss die Bedürfnisse ernst nehmen, ohne die Ideologie zu übernehmen. Viele junge Männer suchen Anerkennung, Orientierung, körperliche Selbstwirksamkeit, sexuelle Sicherheit, Zugehörigkeit und eine Sprache für Kränkung. Diese Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn progressive Milieus sie peinlich finden. Dann werden sie von anderen besetzt.</p>
</section>
<section id="positive-männlichkeit-braucht-eine-ernsthafte-sprache" class="level2">
<h2 data-anchor-id="positive-männlichkeit-braucht-eine-ernsthafte-sprache">Positive Männlichkeit braucht eine ernsthafte Sprache</h2>
<p>Der Begriff der positiven Männlichkeit ist riskant, weil er leicht nach Rückkehr zu alten Rollen klingt. Männer als Beschützer, Versorger und harte Patriarchen brauchen wir nicht neu aufzuwärmen. Diese Nostalgie ist Teil des Problems.</p>
<p>Trotzdem braucht es positive Männlichkeitsbilder. In dem bereits genannten Beitrag habe ich dafür eine Linie formuliert. Positive Männlichkeit meint keine Rückkehr zum Beschützer, Ernährer oder harten Patriarchen, sondern Stärke ohne Dominanz, Verantwortung ohne Besitzanspruch, Selbstachtung ohne Abwertung, Mut ohne Gewalt, Disziplin ohne Härtekult und Beziehungskompetenz ohne Scham. Für die Lektüre der Zürcher Studie lässt sich diese Linie um Spiritualität ohne Patriarchat und Verantwortung ohne Opferinszenierung erweitern.</p>
<p>Solche Bilder entstehen nicht durch Plakate allein. Sie entstehen durch Beziehungen, Institutionen und Übungsräume. Jungen brauchen Männer, die Konflikte austragen können, ohne zu demütigen. Sie brauchen Väter, Trainer, Lehrer, Sozialarbeiter, Imame, Ausbilder und ältere Freunde, die Stärke nicht mit Kontrolle verwechseln. Sie brauchen Räume, in denen Scham, Zurückweisung, Konkurrenz, Sexualität und Scheitern besprechbar werden, bevor sie sich in Frauenfeindlichkeit oder Gewaltfantasien übersetzen.</p>
<p>Auch Mädchen und Frauen profitieren davon. Gleichstellung wird nicht stabiler, wenn Jungen nur lernen, welche Begriffe sie meiden sollen. Sie wird stabiler, wenn Jungen lernen, Beziehungen ohne Herrschaft zu führen, Kränkungen ohne Gewalt zu verarbeiten und Verantwortung ohne Besitzdenken zu übernehmen.</p>
</section>
<section id="was-aus-der-studie-folgen-sollte" class="level2">
<h2 data-anchor-id="was-aus-der-studie-folgen-sollte">Was aus der Studie folgen sollte</h2>
<p>Die Zürcher Studie ist ein Schweizer Befund. Deutschland sollte ihn nicht kopieren, aber ernst nehmen. Wir brauchen vergleichbare Daten, eine stärkere Verbindung von Jungenarbeit, Gewaltprävention, politischer Bildung, digitaler Medienpädagogik und migrantischer Bildungsarbeit. Vor allem brauchen wir weniger Scheu vor Ambivalenz.</p>
<p>Männlichkeit ist weder Naturgesetz noch bloßer Diskurs. Sie ist ein soziales Orientierungsangebot mit realen Folgen. Manche Formen machen Männer beziehungsfähiger, verantwortlicher und freier. Andere machen sie einsamer, aggressiver und manipulierbarer.</p>
<p>Wer junge Männer erreichen will, muss ihnen mehr anbieten als Beschämung. Aber er darf ihnen auch nicht einreden, Dominanz sei bloß eine missverstandene Form von Stärke. Die Aufgabe ist anspruchsvoller. Wir müssen Männlichkeit so bearbeiten, dass Jungen und Männer nicht aus Angst vor Bedeutungsverlust nach unten treten, sondern lernen, Verantwortung ohne Herrschaft zu übernehmen.</p>
<p>Das wäre kein Nebenthema von Gleichstellungspolitik. Es gehört in Schule, Jugendhilfe, Prävention, Religionsgemeinschaften, Sport, Ausbildung und digitale Bildung. Wer dort keine glaubwürdige Sprache für Männlichkeit findet, lässt sie von denen formulieren, die aus Kränkung ein Geschäftsmodell und aus Dominanz ein Heilsversprechen machen.</p>
</section>
<section id="quellen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen">Quellen</h2>
<ul>
<li>Ribeaud, D., Buzzi, C. &amp; Theunert, M. (2026). <a href="https://www.jacobscenter.uzh.ch/dam/jcr:ea186cf6-13b4-4e98-87f8-5f6d9bbcc2e7/Maennlichkeit_im_Wandel-Studienbericht.pdf">Männlichkeit im Wandel. Forschungsbericht.</a> Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich.</li>
<li>Universität Zürich (2026). <a href="https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/Maennlichkeit.html">Medienmeldung: Männlichkeit im Wandel.</a> news.uzh.ch.</li>
</ul>
</section>
<section id="siehe-auch" class="level2">
<h2 data-anchor-id="siehe-auch">Siehe auch</h2>
<ul>
<li><a href="../../echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind/">Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind</a></li>
<li><a href="../../gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger/">Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger</a></li>
<li><a href="../../digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder/">Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</a></li>
<li><a href="../../digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder-ein-rueckblick-auf-das-9-dialogforum-integration/">Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder – Rückblick auf das 9. Dialogforum Integration</a></li>
<li><a href="../../maennlichkeitsbilder-tradition-radikalisierung-lehrerfortbildung-berlin/">Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung – Lehrerfortbildung in Berlin</a></li>
</ul>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-maennlichkeit-zur-bedrohten-identitaet-wird.html</guid>
  <pubDate>Mon, 22 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/maennlichkeit-junger-mann-urban.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Mitgestalten statt umworben werden</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Mitgestalten statt umworben werden"></p>
<p>Der neue <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064">Bericht zum 6. Deutschen Freiwilligensurvey</a> (Datengrundlage 2024) verschiebt eine Debatte, die in Deutschland oft zu bequem geführt wird. Menschen mit Migrationshintergrund engagieren sich nicht weniger als früher. Ihre Engagementquote liegt laut Kurzbericht bei 28,4 Prozent, niedriger als die 40,1 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund, aber gegen den allgemeinen Trend stabil. Der leichte Rückgang der Gesamtbeteiligung, von 39,7 auf 36,7 Prozent, geht allein auf Personen ohne Migrationshintergrund zurück. Innerhalb der Gruppe mit Migrationshintergrund engagieren sich die hier Geborenen mit 36,3 Prozent fast so häufig wie die Gesamtbevölkerung. Bei Menschen mit eigener Zuwanderungserfahrung ist die Quote gegenüber 2019 sogar gestiegen.</p>
<div id="cell-fig-engagement" class="cell" data-execution_count="2">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-engagement" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm der Engagementquoten 2024. Bevölkerung gesamt 36,7 Prozent, ohne Migrationshintergrund 40,1 Prozent, mit Migrationshintergrund und hier geboren 36,3 Prozent, mit Migrationshintergrund gesamt 28,4 Prozent.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-engagement-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden_files/figure-html/fig-engagement-output-1.png" alt="Balkendiagramm der Engagementquoten 2024. Bevölkerung gesamt 36,7 Prozent, ohne Migrationshintergrund 40,1 Prozent, mit Migrationshintergrund und hier geboren 36,3 Prozent, mit Migrationshintergrund gesamt 28,4 Prozent." width="915" height="451" class="figure-img">
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-engagement-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;1: Engagementquoten 2024 nach dem 6. Deutschen Freiwilligensurvey. Die Lücke konzentriert sich auf die erste Generation, während die hier Geborenen fast auf dem Gesamtniveau liegen.
</figcaption>
</figure>
</div>
</div>
</div>
<p>Die alte Frage wird damit präziser. Wenn migrantisches und muslimisches Engagement in vielen klassischen Institutionen weiterhin unterrepräsentiert ist, trägt der fehlende Wille einzelner Menschen die Erklärung nicht. Entscheidend ist auch, welche Formen von Engagement sichtbar werden, welche als vollwertig gelten und welche Zugänge überhaupt als eigene Möglichkeit erkannt werden.</p>
<p>In meinem Impulspapier <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">„Versäumte Chancen?“</a> habe ich argumentiert, dass Verwaltung, Unternehmen, Wohlfahrtsverbände, Feuerwehr, THW, Sportvereine und NGOs ihren Nachwuchs künftig aus einer deutlich diverseren Bevölkerung gewinnen müssen. Das bleibt richtig. Diese Öffnung reicht aber nicht aus, solange sie nur als institutionelle Selbstbeschreibung existiert. Eine Tür kann offenstehen und für viele trotzdem unsichtbar bleiben.</p>
<section id="warum-die-klassischen-formen-fremd-bleiben" class="level2">
<h2 data-anchor-id="warum-die-klassischen-formen-fremd-bleiben">Warum die klassischen Formen fremd bleiben</h2>
<p>Viele Organisationen sagen heute, dass alle willkommen seien. Das ist ein Fortschritt gegenüber alten Ausschlussmustern. Es beantwortet aber noch nicht, ob die angesprochenen Menschen diese Einladung überhaupt wahrnehmen. Ein Leitbild auf einer Website erreicht keine Familie, in der niemand weiß, was das THW genau macht. Ein Plakat der Freiwilligen Feuerwehr erklärt nicht, warum Bürgerinnen und Bürger in ihrer Freizeit Aufgaben übernehmen, die in vielen Herkunftsgesellschaften eindeutig dem Staat zugeschrieben werden. Ein Wohlfahrtsverband kann formal offen sein und habituell trotzdem so wirken, als sei er für andere gemacht.</p>
<p>Gerade klassische Engagementformen sind kulturell voraussetzungsreich. Freiwillige Feuerwehr, Elternvertretung, Vereinsvorstand, kommunale Beiratsarbeit oder Jugendverbandsarbeit sind keine universalen Selbstverständlichkeiten, sondern historisch gewachsene Formen deutscher Zivilgesellschaft. Wer mit ihnen aufgewachsen ist, erkennt sie intuitiv als Räume der Mitgestaltung. Wer damit nicht sozialisiert wurde, sieht zunächst eher einen fremden Apparat, eine Behördennähe, eine Freizeitkultur oder eine Gruppe, zu der man nicht selbstverständlich dazugehört.</p>
<p>Öffnung braucht deshalb Übersetzung. Was macht diese Institution? Warum ist sie wichtig? Welche Rechte und Pflichten entstehen durch Mitgliedschaft? Wer entscheidet dort? Welche Rolle spielen Geselligkeit, Sprache, religiöse Alltagspraktiken oder familiäre Erwartungen? Wird man als Mitgestalter gesucht oder nur als Zeichen gelungener Vielfalt? Ohne solche Übersetzungsarbeit bleibt die Einladung abstrakt. Sie existiert organisatorisch, aber nicht sozial.</p>
</section>
<section id="der-blick-in-die-türkei-erklärt-einen-teil-der-distanz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-blick-in-die-türkei-erklärt-einen-teil-der-distanz">Der Blick in die Türkei erklärt einen Teil der Distanz</h2>
<p>Eine türkische Quelle, die ich im Impulspapier bereits aufgegriffen habe, hilft, diese Distanz zu verstehen. Die Studie <a href="https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf">„Türkiye’de Sivil Toplum Algısı“</a> des Sivil Toplum Geliştirme Merkezi beruht auf rund 3.000 persönlichen Interviews aus dem Winter 2023/24 und zeigt, wie schwach organisierte Zivilgesellschaft in der Türkei im Alltag vieler Menschen verankert ist. Nur 7,7 Prozent der Befragten sind Mitglied oder freiwillig in einer zivilgesellschaftlichen Organisation aktiv. Die reine Mitgliedschaft liegt bei 4,1 Prozent. 77,2 Prozent haben keinerlei Beziehung zu solchen Organisationen.</p>
<p>Aufschlussreich ist aber weniger die niedrige Quote als das Bild, das die Befragten von Zivilgesellschaft haben. Gefragt, was der Begriff auslöst, nennen sie vor allem Freiwilligkeit, Solidarität, Spende und Hilfe. Anwaltschaft, Demokratie und politisches Eintreten tauchen nur am Rand auf, jeweils bei rund sechs Prozent oder darunter. Zivilgesellschaft erscheint als Wohltätigkeit, kaum als Mitgestaltung oder Interessenvertretung. Die häufigste Form des Kontakts ist entsprechend die Spende per SMS, vor allem nach dem Erdbeben von 2023. Sechs von zehn Befragten geben zudem an, wenig oder gar nichts darüber zu wissen, was solche Organisationen eigentlich tun.</p>
<div id="cell-fig-zivilgesellschaft" class="cell" data-execution_count="3">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-zivilgesellschaft" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm der Assoziationen zum Begriff Zivilgesellschaft. Freiwilligkeit 33 Prozent, Solidarität 32 Prozent, Spende 29,5 Prozent, Hilfe 26 Prozent, Anwaltschaft 6 Prozent, Demokratie 6 Prozent, Aktion oder Aktivismus 4 Prozent.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-zivilgesellschaft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden_files/figure-html/fig-zivilgesellschaft-output-1.png" alt="Balkendiagramm der Assoziationen zum Begriff Zivilgesellschaft. Freiwilligkeit 33 Prozent, Solidarität 32 Prozent, Spende 29,5 Prozent, Hilfe 26 Prozent, Anwaltschaft 6 Prozent, Demokratie 6 Prozent, Aktion oder Aktivismus 4 Prozent." width="916" height="554" class="figure-img">
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<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-zivilgesellschaft-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;2: Assoziationen zum Begriff Zivilgesellschaft in der Türkei nach der STGM-Studie. Wohltätige Begriffe dominieren, Mitgestaltung und politisches Eintreten bleiben am Rand.
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<p>Besonders deutlich wird die Distanz an einem weiteren Befund. Wer nicht Mitglied oder freiwillig aktiv ist, nennt als Grund vor allem fehlende Zeit. Aber zwölfeinhalb Prozent geben an, dass sie sich scheuen oder Angst haben, an solchen Aktivitäten teilzunehmen, bei den unter 35-Jährigen sind es gut fünfzehn Prozent. Der Bericht bringt das mit der gesetzlichen Pflicht in Verbindung, Mitglieder den Behörden zu melden. Organisierte Mitgliedschaft erscheint dann als etwas, das unter staatlicher Beobachtung steht und politisch heikel sein kann.</p>
<div id="cell-fig-gruende" class="cell" data-execution_count="4">
<div class="cell-output cell-output-display">
<div id="fig-gruende" class="quarto-float quarto-figure quarto-figure-center" alt="Balkendiagramm der Gründe gegen Mitgliedschaft oder Freiwilligkeit. Keine Zeit 50 Prozent, keine finanziellen Mittel 16 Prozent, Scheu oder Angst vor Teilnahme 12,5 Prozent insgesamt und 15,3 Prozent bei den unter 35-Jährigen.">
<figure class="quarto-float quarto-float-fig figure">
<div aria-describedby="fig-gruende-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
<img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden_files/figure-html/fig-gruende-output-1.png" alt="Balkendiagramm der Gründe gegen Mitgliedschaft oder Freiwilligkeit. Keine Zeit 50 Prozent, keine finanziellen Mittel 16 Prozent, Scheu oder Angst vor Teilnahme 12,5 Prozent insgesamt und 15,3 Prozent bei den unter 35-Jährigen." width="917" height="424" class="figure-img">
</div>
<figcaption class="quarto-float-caption-bottom quarto-float-caption quarto-float-fig" id="fig-gruende-caption-0ceaefa1-69ba-4598-a22c-09a6ac19f8ca">
Abbildung&nbsp;3: Gründe gegen Mitgliedschaft oder Freiwilligkeit nach der STGM-Studie. Bei den unter 35-Jährigen steigt der Anteil, der sich scheut oder Angst hat.
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<p>Diese Zahlen lassen sich nicht eins zu eins auf türkeistämmige Communities in Deutschland übertragen. Sie erklären aber einen Erfahrungshorizont. Wer aus einem Kontext kommt, in dem organisierte Zivilgesellschaft schwach sichtbar ist, in dem Vereine als staatsnah, politisch heikel, elitär oder schlicht irrelevant gelten und in dem Engagement vor allem als Hilfe innerhalb von Familie, Nachbarschaft oder Gemeinde verstanden wird, bringt nicht automatisch ein positives Verhältnis zur deutschen Vereins- und Ehrenamtskultur mit. Eine Kultur, die stark auf Mitgliedschaft, Gremien und Mitbestimmung setzt, wirkt von dort aus zunächst fremd.</p>
<p>Das betrifft auch die zweite und dritte Generation. Solche Deutungsmuster werden in Familien weitergegeben, manchmal offen, häufiger unausgesprochen. Wenn der Staat für Sicherheit zuständig ist, warum sollte man zur Freiwilligen Feuerwehr gehen? Wenn organisierte Mitgliedschaft eher mit Risiko als mit Mitgestaltung verbunden wird, warum sollte man sich in kommunalen Strukturen exponieren? Das sind keine Ausreden, aber eine soziale Realität, die man ernst nehmen muss, wenn man sie verändern will.</p>
</section>
<section id="die-communities-dürfen-nicht-in-der-rolle-der-umworbenen-bleiben" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-communities-dürfen-nicht-in-der-rolle-der-umworbenen-bleiben">Die Communities dürfen nicht in der Rolle der Umworbenen bleiben</h2>
<p>Die Verantwortung liegt auch bei den Communities. Es wäre zu bequem, allein auf Verwaltung, Unternehmen und NGOs zu zeigen. Sie müssen ihre Zugänge öffnen, verständlicher und glaubwürdiger werden. Muslimische und migrantische Communities können sich aber nicht dauerhaft darauf beschränken, auf bessere Einladungen zu warten.</p>
<p>Wer Teil dieses Gemeinwesens ist, muss auch dort Verantwortung übernehmen, wo das Gemeinsame organisiert wird. Die eigene Moschee, der eigene Kulturverein und die Hilfe für die eigene Gruppe bleiben wichtig. Dort findet man Vertrauen und eine gemeinsame Sprache. Wenn Engagement aber dauerhaft nur innerhalb der eigenen Binnenstrukturen bleibt, entsteht keine gleichberechtigte Mitgestaltung der Gesellschaft.</p>
<p>Gerade muslimische Organisationen müssten deshalb offensiver vermitteln, dass Engagement außerhalb der eigenen Community kein Verlust ist. Ein muslimischer Jugendlicher, der bei der Tafel hilft, im Sportverein Verantwortung übernimmt, bei der Feuerwehr mitmacht oder sich in der Jugendhilfe qualifiziert, entfernt sich damit nicht von Herkunft oder Religion, sondern übersetzt Verantwortung in das Gemeinwesen, in dem er lebt.</p>
<p>Das verlangt auch innermuslimische Selbstkritik. Zu oft wird Engagement noch dort besonders gewürdigt, wo es der eigenen Gruppe dient. Die Moschee sucht Helfer für Veranstaltungen, Spendensammlungen, Unterricht, Ramadan-Organisation oder Bauprojekte. Das ist legitim. Es bleibt aber zu eng, wenn die gleiche Energie nicht auch in allgemeine zivilgesellschaftliche Strukturen führt.</p>
</section>
<section id="beide-seiten-müssen-sich-bewegen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="beide-seiten-müssen-sich-bewegen">Beide Seiten müssen sich bewegen</h2>
<p>Der Freiwilligensurvey zeigt, dass Engagementpotenzial vorhanden ist. Die STGM-Studie hilft zu verstehen, warum organisierte Zivilgesellschaft nicht für alle gleichermaßen selbstverständlich ist und warum sie vielen eher als Wohltätigkeit denn als Mitgestaltung erscheint. Daraus folgt eine pragmatische Aufgabe.</p>
<p>Institutionen müssen ihre Türen öffnen und sichtbar machen. Sie müssen erklären, wer sie sind, warum sie relevant sind und weshalb Menschen aus migrantischen und muslimischen Communities dort nicht Gäste, sondern künftige Träger sein sollen. Das bedeutet aufsuchende Arbeit, Kooperation mit Schulen, Jugendzentren, Moscheegemeinden, Elternnetzwerken und lokalen Multiplikatoren. Es bedeutet auch, interne Routinen zu prüfen, die Menschen formal nicht ausschließen, aber faktisch fernhalten.</p>
<p>Gleichzeitig braucht es eine Bewegung aus den Communities heraus, einen eigenen Anspruch auf Mitgestaltung. Wer Feuerwehr, Wohlfahrt, Verwaltung, Schule, Sport und Zivilgesellschaft den anderen überlässt, darf sich später nicht wundern, wenn die eigenen Perspektiven dort fehlen.</p>
<p>Die Einladung ist der Anfang. Entscheidend wird sein, ob die Menschen wissen, dass es diese Strukturen gibt, ob sie verstehen, was dahinter liegt, und ob sie den Schritt hinein als eigenen Schritt begreifen. Dort entscheidet sich, ob der demografische Wandel die Zivilgesellschaft erneuert. Sonst bleibt es bei einer weiteren versäumten Chance.</p>
</section>
<section id="quellen-und-anknüpfungen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen-und-anknüpfungen">Quellen und Anknüpfungen</h2>
<ul>
<li>Bundesregierung: <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064">Bericht zum 6. Deutschen Freiwilligensurvey</a></li>
<li>STGM: <a href="https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf">Türkiye’de Sivil Toplum Algısı</a></li>
<li>Engin Karahan: <a href="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">„Versäumte Chancen?“</a></li>
</ul>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Soziale-Arbeit</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden.html</guid>
  <pubDate>Fri, 12 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>KI-Aufsicht entscheidet sich im Alltag</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-aufsicht-entscheidet-sich-im-alltag.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/server-room-data-center-networking-database-co-2026-01-09-10-39-47-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="KI-Aufsicht entscheidet sich im Alltag"></p>
<p>Der Bundestag befasst sich am 11. Juni 2026 mit der nationalen Durchführung der europäischen Verordnung über künstliche Intelligenz. Grundlage ist der Gesetzentwurf der Bundesregierung für ein KI-Marktüberwachungs-und-Innovationsförderungs-Gesetz, wie der <a href="https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw24-de-ki-1183820">Deutsche Bundestag in seiner Vorabdarstellung zur Abstimmung</a> ausführt.</p>
<p>Auf den ersten Blick geht es um Behördenzuständigkeiten, Aufsicht, Bußgelder, Marktüberwachung und Reallabore. Tatsächlich wird damit ein Teil der Infrastruktur festgelegt, in der KI künftig geprüft, erlaubt, begrenzt und praktisch begleitet wird. Deutschland entscheidet also nicht nur über Verwaltungswege, sondern auch darüber, wie KI in sensiblen Bereichen überhaupt nutzbar werden kann.</p>
<section id="ki-kann-soziale-arbeit-besser-unterstützen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="ki-kann-soziale-arbeit-besser-unterstützen">KI kann soziale Arbeit besser unterstützen</h2>
<p>Künstliche Intelligenz kann in sozialen Feldern sehr praktische Aufgaben übernehmen. Sie kann Fachkräfte bei Dokumentation, Recherche, Übersetzung, Fallvorbereitung und Verwaltungsabläufen entlasten. In Sozialarbeit, Jugendhilfe, Pflege und kommunaler Beratung gibt es genug Überlastung, Medienbrüche und Wissensverluste, um technische Unterstützung ernsthaft zu prüfen. Wer KI dort nur als Risiko beschreibt, übersieht die Arbeitsbedingungen vieler Fachkräfte.</p>
<p>Die Umsetzung des <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32024R1689">AI Act der Europäischen Union</a> ist deshalb wichtig. Regulierung muss Anwendungen nicht ausbremsen. Sie kann Vertrauen schaffen, wenn sie klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Verfahren und funktionierende Beschwerdewege vorgibt. Datenschutz gehört dabei nicht ans Ende eines Projekts, wenn die Software längst beschafft ist. Er muss früh mitgeplant werden: mit klaren Zwecken, begrenzter Datenverarbeitung, fachlicher Verantwortung und Verfahren, die später überprüfbar bleiben. So wird Datenschutz nicht zum pauschalen Nein, sondern zu einer Voraussetzung für den Einsatz von KI in Jugendämtern, bei freien Trägern, in Pflegeeinrichtungen oder kommunalen Beratungsstellen.</p>
</section>
<section id="die-bundesnetzagentur-wird-zur-zentralen-adresse" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-bundesnetzagentur-wird-zur-zentralen-adresse">Die Bundesnetzagentur wird zur zentralen Adresse</h2>
<p>Die Bundestagsvorlage rückt vor allem die <a href="https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/start_ki.html">Bundesnetzagentur</a> ins Zentrum. Sie soll, soweit keine andere Fachbehörde zuständig ist, als Marktüberwachungsbehörde für die Einhaltung der KI-Verordnung benannt werden. Dort sollen ein Koordinierungs- und Kompetenzzentrum sowie eine unabhängige KI-Marktüberwachungskammer für bestimmte Hochrisiko-KI-Systeme entstehen. Die Bundesnetzagentur betreibt bereits einen <a href="https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Digitales/KI/start_ki.html">KI-Service Desk</a>, der Unternehmen, Behörden und Organisationen Orientierung zur KI-Verordnung geben soll.</p>
<p>Das kann gerade für kleinere Einrichtungen wichtig werden. Viele freie Träger, kommunale Stellen oder mittelständische Anbieter haben keine eigene Rechts- oder Technikabteilung, die europäische Regulierung in praxistaugliche Entscheidungen übersetzt. Sie brauchen keine abstrakten Leitbilder, sondern belastbare Auskünfte: Was darf getestet werden? Welche Daten dürfen verwendet werden? Wann liegt ein Hochrisiko-System vor? Wer dokumentiert was? Und an wen können sich Betroffene wenden?</p>
<p>Auch die von der Bundesregierung vorgesehene Innovationsförderung verdient eine sachliche Prüfung. Nach Darstellung der <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/umsetzung-ki-verordnung-2406638">Bundesregierung zur Umsetzung der KI-Verordnung</a> soll die Bundesnetzagentur unter anderem Informationsangebote bereitstellen, Beratungsleistungen organisieren und mindestens ein KI-Reallabor einrichten. Für kleine und mittlere Unternehmen, soziale Träger und kommunale Akteure kann das ein echter Unterschied sein. Viele Anwendungen scheitern nicht an fehlender Fantasie, sondern an Unsicherheit, Haftungsangst, offenen Datenschutzfragen und fehlenden Standards. Eine gute Aufsicht muss deshalb nicht nur sanktionieren können. Sie muss auch erklären, sortieren und Wege in eine rechtssichere Umsetzung zeigen.</p>
</section>
<section id="reallabore-können-praktische-brücken-bauen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="reallabore-können-praktische-brücken-bauen">Reallabore können praktische Brücken bauen</h2>
<p>Reallabore sind nur dann mehr als ein Schlagwort, wenn sie nah genug an der Praxis bleiben. Eine Software, die Dokumentation vorbereitet, Termine priorisiert, Texte übersetzt, Akten erschließt oder Fallverläufe strukturiert, sollte nicht erst nach der Einführung auf ihre Folgen geprüft werden. Solche Anwendungen müssen unter realistischen Bedingungen getestet werden: mit klaren Zwecken, begrenzter Datenverarbeitung, fachlicher Evaluation und nachvollziehbarer Dokumentation.</p>
<p>Gerade dort kann sich zeigen, ob Datenschutz und Nutzbarkeit zusammenpassen. Aufsicht wäre dann nicht nur nachträgliche Kontrolle, sondern Teil der Entwicklung. Fehler, blinde Flecken und falsche Routinen würden früher sichtbar. Für soziale Einrichtungen ist das entscheidend, weil technische Systeme dort selten isoliert wirken. Sie verändern Arbeitsabläufe, Wahrnehmungen, Prioritäten und manchmal auch die Erwartungen an Fachkräfte.</p>
<p>Die europäische Ebene sieht solche Erprobungsräume ausdrücklich vor. Die Europäische Kommission beschreibt im Rahmen des <a href="https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai">AI Act</a> regulatorische Sandboxes als Möglichkeit, innovative KI-Lösungen unter realen Bedingungen zu testen. Wichtig ist, dass diese Räume nicht nur großen Anbietern offenstehen. Auch kleinere Anbieter, öffentliche Einrichtungen, freie Träger und fachlich spezialisierte Anwendungen brauchen Zugang. Sonst entsteht eine Schieflage: Europa setzt hohe Anforderungen, während die praktische Entwicklung vor allem dort stattfindet, wo Kapital, Rechenleistung und Plattformmacht bereits konzentriert sind.</p>
</section>
<section id="ki-standort-ist-auch-eine-sozialpolitische-frage" class="level2">
<h2 data-anchor-id="ki-standort-ist-auch-eine-sozialpolitische-frage">KI-Standort ist auch eine sozialpolitische Frage</h2>
<p>In der Debatte über KI-Aufsicht geht es meist um Risiken, Pflichten und Zuständigkeiten. Zu selten wird gefragt, wo die KI entsteht, die später in deutschen Verwaltungen, sozialen Diensten oder Bildungseinrichtungen eingesetzt wird. Diese Standortfrage ist keine Industriepolitik für Spezialisten. Sie betrifft Datenflüsse, öffentliche Beschaffung, technische Standards und demokratische Steuerungsfähigkeit.</p>
<p>Wenn soziale Einrichtungen überwiegend Systeme US-amerikanischer oder chinesischer Anbieter nutzen, geht es nicht nur um Datenschutz. Es geht auch darum, wer Infrastruktur bereitstellt, wer Geschäftsmodelle vorgibt, welche Standards sich durchsetzen und wie viel Gestaltungsmacht in Europa bleibt. Gerade in sensiblen öffentlichen Verfahren sollte diese Frage nicht erst gestellt werden, wenn die Abhängigkeiten längst entstanden sind.</p>
<p>Deutschland und Europa haben ernstzunehmende Akteure. <a href="https://aleph-alpha.com/en/">Aleph Alpha</a> steht in Deutschland für den Anspruch souveräner KI, <a href="https://bfl.ai/">Black Forest Labs</a> aus Freiburg ist im Bereich visueller generativer Modelle international sichtbar, <a href="https://mistral.ai/about/">Mistral AI</a> ist eine der wichtigsten europäischen Hoffnungen im Sprachmodellbereich, und <a href="https://www.deepl.com/">DeepL</a> zeigt seit Jahren, dass europäische KI-Produkte global konkurrenzfähig sein können. Diese Beispiele sind wichtig. Sie zeigen aber auch, wie klein das europäische Feld im Verhältnis zu den großen Plattformen aus den USA und China bleibt.</p>
<p>Die nationale Umsetzung des AI Act muss deshalb zwei Dinge zugleich schaffen. Sie muss riskante Anwendungen begrenzen, Transparenz sichern und Betroffene beschwerdefähig halten. Sie darf aber nicht dazu führen, dass europäische Anbieter stärker unter der Regulierungslast leiden als globale Konzerne, die ganze Compliance-Abteilungen finanzieren können. Dafür reicht eine Aufsicht, die nur prüft und sanktioniert, nicht aus. Sie muss beraten, Standards erklären, Verfahren beschleunigen und rechtskonforme Entwicklung erleichtern. Der KI-Service Desk und die Reallabore sind dafür wichtige Hebel.</p>
</section>
<section id="soziale-anwendungen-brauchen-fachliche-verantwortung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="soziale-anwendungen-brauchen-fachliche-verantwortung">Soziale Anwendungen brauchen fachliche Verantwortung</h2>
<p>Die heiklen Punkte verschwinden damit nicht. Gerade in sozialen Feldern wirken technische Systeme oft leise. Ein System, das Prioritäten in der Fallbearbeitung setzt, Risiken in der Jugendhilfe markiert, Leistungsansprüche vorsortiert oder Beratungsbedarfe klassifiziert, entscheidet vielleicht nicht formal über Menschen. Es kann den Weg zu einer Entscheidung trotzdem deutlich prägen.</p>
<p>In der Sozialarbeit entsteht Macht selten durch einen einzigen finalen Bescheid. Sie entsteht in Aktennotizen, Kategorien, Fristen, Warnhinweisen, Priorisierungen und Routinen. Wenn KI diese Prozesse unterstützt, muss fachlich geklärt sein, wo Unterstützung endet und verdeckte Vorentscheidung beginnt.</p>
<p>Der <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32024R1689">AI Act</a> arbeitet mit Risikoklassen. Für die Praxis reicht das allein nicht. Die nationale Umsetzung muss verhindern, dass soziale Anwendungen übersehen werden, nur weil sie nicht nach spektakulärer Hochtechnologie aussehen. Ein Algorithmus im Jugendamt, in der Pflegeplanung oder in der Leistungsverwaltung wirkt nicht weniger tief, nur weil er keine Science-Fiction-Bilder erzeugt. Gerade die unscheinbaren Systeme brauchen Aufmerksamkeit, weil sie schnell Teil alltäglicher Routinen werden.</p>
<p>Dafür braucht die KI-Aufsicht mehr als technische Prüfkompetenz. Sie braucht sozialrechtliche, datenschutzrechtliche, ethische und professionsbezogene Kompetenz. Der <a href="https://www.bfdi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/19_Handreichung-DS-und-KI.html">Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit</a> hat mit seiner Handreichung zu KI in Behörden betont, dass Datenschutz von Anfang an mitgedacht werden muss. Das sollte nicht als Absage an KI gelesen werden. Gute Datenschutzpraxis zwingt dazu, Zwecke, Rollen, Datenflüsse und Verantwortlichkeiten früh zu klären. Das hilft Einrichtungen, die KI einsetzen wollen, ohne später in rechtliche oder fachliche Grauzonen zu geraten.</p>
<p>Für soziale Felder kommt hinzu: Daten fallen nicht neutral vom Himmel. Sie entstehen in Institutionen, Zuständigkeiten, früheren Entscheidungen und gesellschaftlichen Vorannahmen. Eine KI kann solche Muster sichtbar machen und besser handhabbar machen. Sie kann sie aber auch stabilisieren, wenn niemand genau hinsieht.</p>
</section>
<section id="beschwerdewege-müssen-praktisch-funktionieren" class="level2">
<h2 data-anchor-id="beschwerdewege-müssen-praktisch-funktionieren">Beschwerdewege müssen praktisch funktionieren</h2>
<p>Die in der Bundestagsvorlage vorgesehene zentrale Anlauf- und Beschwerdestelle kann ein wichtiger Baustein werden. Wer von einer KI-gestützten Entscheidungsvorbereitung betroffen ist, braucht verständliche Informationen: War ein KI-System beteiligt? Welche Stelle ist verantwortlich? Welche Rechte bestehen? Wie lässt sich eine Prüfung auslösen?</p>
<p>Für Menschen in asymmetrischen Situationen ist das keine Formalie. Wer auf Jugendhilfe, Sozialleistungen, Aufenthaltstitel, Pflegeleistungen oder kommunale Unterstützung angewiesen ist, beschwert sich nicht leichtfertig. Ein Beschwerdeweg muss deshalb niedrigschwellig, unabhängig wahrnehmbar und fachlich anschlussfähig sein.</p>
<p>Zugleich darf die Bundesnetzagentur nicht zur Sammelstelle für alles werden, was andere Ressorts und Fachaufsichten nicht sortiert bekommen. Der Bundesrat hat laut Bundestagsdarstellung auf mögliche Doppelstrukturen hingewiesen, etwa dort, wo bei regulierten Finanztätigkeiten die BaFin zuständig sein kann. Ähnliche Fragen stellen sich auch bei sozialen Anwendungen. KI-Systeme halten sich nicht an Ressortgrenzen. Sie können Datenschutz, Verbraucherschutz, Arbeitsrecht, Kinder- und Jugendhilfe, Antidiskriminierungsrecht und kommunale Verwaltungsprozesse zugleich berühren. Eine starke zentrale Stelle braucht deshalb feste Kooperationsroutinen mit den Fachaufsichten und mit den Professionen, die später mit den Folgen arbeiten müssen.</p>
</section>
<section id="die-chance-liegt-in-verantwortbarer-nutzung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-chance-liegt-in-verantwortbarer-nutzung">Die Chance liegt in verantwortbarer Nutzung</h2>
<p>Für Sozialarbeit, Jugendhilfe, Pflege und öffentliche Beratung ergibt sich daraus eine konstruktive Linie. KI sollte nicht pauschal abgewehrt werden. Fachkräfte brauchen Entlastung, Verwaltungen brauchen bessere Werkzeuge, Träger brauchen Orientierung. Auch Betroffene können profitieren, wenn Verfahren verständlicher, schneller und besser vorbereitet werden.</p>
<p>Die Grenze liegt dort, wo technische Systeme fachliche Urteile verdecken, soziale Risiken automatisiert zuschreiben oder Betroffene von nachvollziehbarer Gegenwehr abschneiden. Deshalb muss die Umsetzung des AI Act gerade dort stark sein, wo der Markt allein keine ausreichende Korrektur bietet: in der sozialen Infrastruktur, bei vulnerablen Gruppen und in Verfahren, in denen Menschen dem Staat oder großen Trägern nicht auf Augenhöhe begegnen.</p>
<p>Eine gute KI-Aufsicht muss nicht wie Misstrauen gegen Technik auftreten. Sie sollte sinnvolle Anwendungen möglich machen, weil fachliche Verantwortung, Datenschutz und Rechte der Betroffenen von Anfang an mitgebaut werden. Und sie sollte dazu beitragen, europäische und deutsche KI-Anbieter so zu stärken, dass öffentliche Einrichtungen nicht dauerhaft zwischen Verzicht und Abhängigkeit wählen müssen. An dieser praktischen Frage entscheidet sich, ob die Bundestagsentscheidung später im Alltag ankommt.</p>
<hr>
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</div>


</section>

 ]]></description>
  <category>KI-Digital</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-aufsicht-entscheidet-sich-im-alltag.html</guid>
  <pubDate>Thu, 11 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
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</item>
<item>
  <title>Vorurteilsmotivierte Gewalt beginnt vor der Tat</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/vorurteilsmotivierte-gewalt-motra-praevention.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/person-receives-comfort-and-support-from-friends-2026-03-25-09-29-05-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Vorurteilsmotivierte Gewalt beginnt vor der Tat"></p>
<p>Das <a href="https://www.motra.info/einstellungen-zu-vorurteilsmotivierter-gewalt/">MOTRA-Profilblatt „Einstellungen zu vorurteilsmotivierter Gewalt“</a> bündelt Ergebnisse eines kriminologischen Projekts von Rowenia Bender am Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die für Prävention zentral ist: Wie verwerflich wird Gewalt wahrgenommen, wenn sie sich gegen Menschen richtet, die bereits gesellschaftlich abgewertet werden?</p>
<p>Die Antwort fällt zunächst eindeutig aus. Die Mehrheit der Befragten bewertet vorurteilsmotivierte Gewalt als sehr verwerflich. Interessant wird der Befund aber dort, wo er Unterschiede sichtbar macht. Laut Profilblatt bewerten Befragte mit einer Parteipräferenz für die AfD vorurteilsmotivierte Gewalt signifikant weniger verwerflich als Befragte mit anderen Parteipräferenzen. Auch zwischen alten und neuen Bundesländern zeigen sich Unterschiede. Zudem erhöht positiver Kontakt mit Transpersonen die Unterstützung für polizeiliches Einschreiten bei transfeindlicher Gewalt, auch vermittelt über geringere transfeindliche Einstellungen.</p>
<p>Das Profilblatt selbst bleibt knapp und ersetzt keine ausführliche Lektüre der zugrundeliegenden Präsentation oder Publikation. Die Präsentation nennt zwar Stichproben und Modellangaben, aber der öffentliche Kurzbefund bleibt eine verdichtete Darstellung und sollte entsprechend vorsichtig interpretiert werden. Aber es verweist auf einen Punkt, der in der Extremismus- und Radikalisierungsprävention oft zu wenig beachtet wird: Vorurteilsmotivierte Gewalt entsteht nicht erst im Kopf einzelner Täter. Sie wird auch durch soziale Deutungen vorbereitet. Entscheidend ist, ob bestimmte Gruppen als gleichermaßen schutzwürdig gelten oder ob ihre Verletzung weniger Empörung auslöst.</p>
<section id="der-blinde-fleck-einer-zu-engen-extremismusprävention" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-blinde-fleck-einer-zu-engen-extremismusprävention">Der blinde Fleck einer zu engen Extremismusprävention</h2>
<p>Extremismusprävention fragt häufig danach, wie Menschen sich radikalisieren, welche Ideologien sie übernehmen, in welche Netzwerke sie geraten und wann daraus Gewalt entstehen kann. Diese Perspektive ist notwendig. Sie bleibt aber unvollständig, wenn sie nur auf Täter, Szenen und Organisationen schaut.</p>
<p>Die <a href="https://www.bpb.de/themen/infodienst/549447/radikalisierung-eine-kritische-bestandsaufnahme/">bpb beschreibt in ihrer kritischen Bestandsaufnahme zum Begriff „Radikalisierung“</a>, dass sich der Blick dadurch stärker auf das Vorfeld von Gewalthandlungen verschoben hat. Genau dort liegt die Herausforderung. Das Vorfeld besteht nicht nur aus geschlossenen Milieus, Chatgruppen oder ideologischen Schulungen. Es besteht auch aus alltäglichen Bewertungen: Wird ein Angriff ernst genommen? Wird polizeiliches Einschreiten für angemessen gehalten? Werden Betroffene als glaubwürdig wahrgenommen? Oder gelten sie als „provokativ“, „selbst schuld“ oder „nicht richtig zugehörig“?</p>
<p>Gewalt braucht nicht immer offene Zustimmung. Manchmal reicht eine gedämpfte Empörung. Eine demokratische Gesellschaft verrät sich nicht erst dort, wo Gewalt gefeiert wird. Sie verrät sich früher: dort, wo die Schutzwürdigkeit eines Menschen davon abhängig gemacht wird, welcher Gruppe er zugerechnet wird.</p>
<p>Das betrifft antisemitische, rassistische und antimuslimische Gewalt ebenso wie Gewalt gegen queere und trans Personen oder gegen andere stigmatisierte Gruppen. Die Ideologien unterscheiden sich. Der Mechanismus ist ähnlich: Menschen werden aus dem Kreis derjenigen herausgeschoben, deren Verletzung als Angriff auf alle verstanden wird.</p>
</section>
<section id="kontakt-ist-mehr-als-symbolpolitik" class="level2">
<h2 data-anchor-id="kontakt-ist-mehr-als-symbolpolitik">Kontakt ist mehr als Symbolpolitik</h2>
<p>Besonders aufschlussreich ist der Befund zum Kontakt mit Transpersonen. Nach dem MOTRA-Profilblatt steigt mit positivem Kontakt die Unterstützung für polizeiliches Einschreiten bei transfeindlicher Gewalt. Ein Teil dieses Effekts läuft über geringere transfeindliche Einstellungen. Wo Menschen nicht nur als abstrakte Gruppe, sondern als konkrete Personen vorkommen, wird es schwieriger, Gewalt gegen sie zu relativieren.</p>
<p>Daraus folgt keine naive Begegnungspädagogik. Kontakt wirkt nicht automatisch. Er kann oberflächlich bleiben, asymmetrisch sein oder vorhandene Ressentiments sogar stabilisieren, wenn er unter schlechten Bedingungen stattfindet. Außerdem ersetzt Begegnung weder politische Bildung noch den Schutz durch Polizei und Justiz.</p>
<p>Trotzdem ist der Hinweis wichtig. Vorurteile leben von Distanz, Projektion und Erzählungen über „die anderen“. Wer Menschen nur als Chiffre kennt, kann sie leichter entmenschlichen. Wer ihnen im Alltag begegnet - als Kollegin, Nachbar, Vereinsmitglied, Mitschüler oder Angehörige -, nimmt Angriffe auf sie eher als reale Verletzung wahr.</p>
<p>Für Prävention bedeutet dies, dass Vielfalt nicht nur auf Plakaten stehen darf. Sie muss in gemeinsamen Räumen erfahrbar sein. Schulen, Vereine, Betriebe, Kommunen und religiöse Gemeinden können solche Räume schaffen. Entscheidend ist, dass stigmatisierte Gruppen nicht als Ausnahmefall behandelt werden, sondern als selbstverständlicher Teil des Gemeinwesens.</p>
</section>
<section id="regionale-meinungsklimata-benennen-ohne-regionen-abzuwerten" class="level2">
<h2 data-anchor-id="regionale-meinungsklimata-benennen-ohne-regionen-abzuwerten">Regionale Meinungsklimata benennen, ohne Regionen abzuwerten</h2>
<p>Der Befund zu Ost-West-Unterschieden ist politisch sensibel. Er darf nicht dazu führen, ganze Regionen moralisch abzuwerten. Prävention gewinnt nichts, wenn Menschen in den neuen Bundesländern pauschal problematisiert werden. Genauso wenig hilft es aber, regionale Unterschiede aus Angst vor Stigmatisierung zu verschweigen.</p>
<p>Meinungsklimata entstehen nicht zufällig. Sie haben mit Geschichte, sozialer Erfahrung, institutioneller Präsenz, medialen Räumen, politischer Mobilisierung und konkreten Konflikten vor Ort zu tun. Wenn bestimmte Gruppen über längere Zeit kaum als selbstverständlicher Teil des lokalen Alltags wahrgenommen werden, wenn demokratische Institutionen schwach oder distanziert erscheinen und wenn Ressentiments politisch normalisiert werden, verändert sich mehr als nur das Wahlverhalten. Es verändert sich auch, welche Gewalt als Skandal gilt und welche als „Überreaktion“, „Konflikt“ oder „verständlicher Unmut“ verharmlost wird.</p>
<p>Das Profilblatt formuliert deshalb einen wichtigen präventionspolitischen Hinweis: Vorurteilskriminalität muss im gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet werden; individuelle Einstellungen sind in regionale Meinungsklimata eingebettet. Das ist keine Entschuldigung individueller Verantwortung, sondern eine Aufforderung, genauer hinzuschauen.</p>
<p>Prävention muss lokal glaubwürdig sein. Sie muss kommunale Akteure stärken, Opferberatung sichtbar machen, Schulen und Jugendhilfe unterstützen und Polizei sowie Zivilgesellschaft in belastbare Arbeitsbeziehungen bringen. Der Staat darf Schutz nicht nur abstrakt versprechen. Er muss dort erfahrbar sein, wo Betroffene konkret unsicher sind.</p>
</section>
<section id="was-muslimische-zivilgesellschaft-daraus-lernen-muss" class="level2">
<h2 data-anchor-id="was-muslimische-zivilgesellschaft-daraus-lernen-muss">Was muslimische Zivilgesellschaft daraus lernen muss</h2>
<p>Für muslimische Akteure enthält dieses Thema eine doppelte Herausforderung. Einerseits kennen muslimische Communities die Erfahrung, dass Bedrohungen, Diskriminierung oder Gewalt gegen die eigene Gruppe relativiert werden. Islam- und Muslimfeindlichkeit lebt ebenfalls davon, dass Betroffene als weniger glaubwürdig, weniger zugehörig oder irgendwie mitverantwortlich dargestellt werden.</p>
<p>Andererseits reicht es nicht, diese Erfahrung nur für die eigene Gruppe geltend zu machen. Wer Schutz vor islamfeindlicher Gewalt fordert, muss denselben Maßstab auch dort anlegen, wo es um jüdische Menschen, queere Menschen, trans Personen, Geflüchtete, Roma, Schwarze Menschen oder andere stigmatisierte Gruppen geht. Selektive Empörung schwächt die eigene Glaubwürdigkeit. Sie macht aus Menschenrechten eine Frage der Gruppennähe.</p>
<p>Gerade innermuslimisch ist das unbequem, aber notwendig. In Teilen muslimischer Milieus gibt es eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber Islam- und Muslimfeindlichkeit, zugleich aber auch eine Abwehr, wenn es um Antisemitismus, Queerfeindlichkeit oder autoritäre Geschlechterbilder geht. Diese Spannung lässt sich nicht dadurch lösen, dass man auf die Rassismen der Mehrheitsgesellschaft verweist. Sie muss im eigenen Milieu bearbeitet werden.</p>
<p>Das bedeutet nicht, religiöse Überzeugungen aufzugeben oder theologische Differenzen zu leugnen. Es bedeutet, Gewalt, Einschüchterung und Entmenschlichung ohne Gruppenrabatt zurückzuweisen. Wer erst prüft, ob das Opfer zur eigenen religiösen, politischen oder moralischen Nähe gehört, hat den demokratischen Mindeststandard bereits verlassen.</p>
</section>
<section id="gleiche-schutzwürdigkeit-als-kern-demokratischer-prävention" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gleiche-schutzwürdigkeit-als-kern-demokratischer-prävention">Gleiche Schutzwürdigkeit als Kern demokratischer Prävention</h2>
<p>Der Wert des MOTRA-Hinweises liegt nicht in einer einzelnen Zahl. Er liegt in der Perspektivverschiebung. Prävention darf nicht erst fragen, wer bereits radikalisiert ist. Sie muss auch fragen, welche gesellschaftlichen Deutungen Gewalt vorbereiten, entschuldigen oder verharmlosen. Sie muss untersuchen, wo Opfergruppen unterschiedlich ernst genommen werden. Und sie muss erkennen, dass politische und regionale Milieus nicht nur Meinungen produzieren, sondern auch Schutz- und Unsicherheitsräume.</p>
<p>Für die Praxis folgt daraus einiges. Politische Bildung sollte Vorurteile nicht nur als falsche Meinung behandeln, sondern zeigen, wie aus Abwertung eine geringere Bereitschaft entsteht, andere zu schützen. Polizei und Justiz müssen vorurteilsmotivierte Gewalt konsequent erkennen und kommunizieren, ohne Betroffene in Beweisnot zu drängen. Kommunale Präventionsarbeit muss Begegnung ermöglichen, ohne sie zu romantisieren. Und zivilgesellschaftliche Akteure müssen bereit sein, auch die Vorurteile im eigenen Umfeld zu bearbeiten.</p>
<p>Vorurteilsmotivierte Gewalt beginnt nicht erst mit dem Angriff. Sie beginnt dort, wo Menschen innerlich aus dem Kreis derjenigen herausfallen, deren Verletzung als gemeinsamer Skandal gilt. Genau dort entscheidet sich, ob Prävention mehr ist als nachträgliche Schadensverwaltung.</p>
</section>
<section id="quellen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen">Quellen</h2>
<ul>
<li><a href="https://www.motra.info/einstellungen-zu-vorurteilsmotivierter-gewalt/">MOTRA: Einstellungen zu vorurteilsmotivierter Gewalt</a></li>
<li><a href="https://doi.org/10.13140/RG.2.2.20874.22722">DOI zur Projektzitation</a></li>
<li><a href="https://www.praeventionstag.de/nano.cms/31-dpt-uebersicht">31. Deutscher Präventionstag: Projektübersicht</a></li>
<li><a href="https://www.bpb.de/themen/infodienst/549447/radikalisierung-eine-kritische-bestandsaufnahme/">bpb: Radikalisierung – eine kritische Bestandsaufnahme</a></li>
</ul>
<hr>
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 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/vorurteilsmotivierte-gewalt-motra-praevention.html</guid>
  <pubDate>Mon, 08 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/person-receives-comfort-and-support-from-friends-2026-03-25-09-29-05-utc-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Wer rückt in zehn Jahren noch aus?</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-2.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260601-funktionserhalt-statt-diversitaets.png" class="img-fluid feature-image" alt="Wer rückt in zehn Jahren noch aus?"></p>
<p>Veranstaltungsbericht zum FEX-Online-Lunch</p>
<p>Am 20. Mai 2026 war Engin Karahan zu Gast beim Online-Lunch der FEX-Reihe. Den Auftakt bildete ein Impuls, der die analytische Linie aus seinem Impulspapier <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a> aufgriff und für das Online-Format zuspitzte. Die FEX-Eventseite mit Teil 1 im Archiv sowie den Ankündigungen für Teil 2 und Teil 3 findet sich <a href="https://fexbw.de/event/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-die-materielle-basis-der-institutionen/">hier</a>. Wer die Datengrundlage und die ausführliche Argumentation nachlesen möchte, findet beides im Beitrag <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a>.</p>
<p>Die Debatte verläuft meist über moralische Repräsentation. Karahan setzte stattdessen bei der materiellen Frage an, auf welcher personellen Basis Institutionen überhaupt arbeitsfähig bleiben. Es geht nicht um symbolische Vielfalt als Selbstzweck, sondern um die Zukunft von Daseinsvorsorge, Sicherheit, Pflege, Verwaltung und zivilgesellschaftlicher Arbeit. Die Leitfrage lautet deshalb nicht, ob Institutionen „bunter” wirken, sondern ob sie in einigen Jahren noch genügend Menschen für ihre Aufgaben gewinnen.</p>
<p>Den üblichen Goodwill-Frame wies er zurück. Es geht nicht darum, Migrantinnen und Migranten einen Gefallen zu tun, sondern darum, die eigene Infrastruktur funktionsfähig zu halten. Wo Institutionen ihre Rekrutierungslogiken nicht an die veränderte Bevölkerungsstruktur anpassen, entstehen Engpässe bei Einsatzkräften, Pflegepersonal, Verwaltung und im Ehrenamt. Diversität ist hier keine Imagefrage, sondern eine Überlebensfrage.</p>
<p>An Bundeswehr und Polizei zeigt sich, wie schief die Debatte oft geführt wird. Beide gelten als Referenzfälle in Repräsentationsdebatten, doch gerechnet wird häufig mit den falschen Bezugsgrößen. Maßgeblich ist nicht der gesellschaftliche Durchschnitt, sondern die junge Kohorte, aus der überhaupt rekrutiert wird. Wer mit irreführenden Zahlen arbeitet, feiert Erfolge an der falschen Stelle. Und er übersieht, dass Bewerberinnen und Bewerber durchaus vorhanden sein können, aber an institutionellen Auswahl- und Habitusfiltern scheitern.</p>
<p>Bundeswehr und Polizei sind dabei nur die sichtbarsten Fälle. Betroffen von derselben demografischen Verschiebung sind alle vier Quadranten, staatlich und zivilgesellschaftlich, hauptamtlich und ehrenamtlich. Das Problem endet nicht bei Polizei oder Schule, es reicht ebenso in Feuerwehr, THW, Pflege, Wohlfahrtsverbände, Religionsgemeinschaften und lokale Initiativen. Der zentrale Satz des Abends fiel entsprechend knapp aus. Kein Quadrant kann sich aus dem schrumpfenden Pool allein speisen.</p>
<p>Beim Befund blieb es nicht. Der Ausblick auf die weitere Reihe wurde konkret. Teil 2 am 9. Juli behandelt die strukturellen Divergenzen im Staatsverständnis, also jene kulturellen Codes, die erklären, warum viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte in klassischen Institutionen unterrepräsentiert bleiben. Diesen Punkt entfaltet, am Beispiel der ehrenamtlichen Gefahrenabwehr, auch der Beitrag <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a>. Teil 3 am 23. September richtet den Blick auf neue Akteure jenseits der Verbände und fragt, wie Politik und Verwaltung deren Potenziale nutzen können, statt sie an starre Strukturen zu verlieren.</p>
<p>So war der Online-Lunch kein Plädoyer für „mehr Vielfalt” im bloßen Slogan-Sinn, sondern eine nüchterne Aufforderung, Institutionen von ihrer materiellen Basis her zu denken. Wer heute nicht über Anschlussfähigkeit, Rekrutierung und Funktionsfähigkeit spricht, diskutiert an der Zukunft der Institutionen vorbei.</p>
<hr>
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 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-2.html</guid>
  <pubDate>Tue, 02 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/cp-20260601-funktionserhalt-statt-diversitaets.png" medium="image" type="image/png" height="144" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>KI muss nicht glänzen aber verantwortbar funktionieren</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-gut-genug-soziale-arbeit-europa.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/group-of-students-with-female-teacher-in-school-co-2026-03-13-05-52-47-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="KI muss nicht glänzen aber verantwortbar funktionieren"></p>
<p>Die Debatte über europäische KI ist oft von einem Minderwertigkeitskomplex geprägt. Die USA haben die Plattformen, China hat die Skalierung, Europa hat Regulierung. So wird es jedenfalls gern erzählt. Daraus entsteht schnell die Forderung, Europa müsse endlich größer, schneller und aggressiver werden.</p>
<p>Für die Soziale Arbeit ist das der falsche Maßstab. Dort braucht niemand eine Maschine, die möglichst eindrucksvoll wirkt. Eine Jugendhilfeeinrichtung, ein Wohlfahrtsverband oder eine kommunale Beratungsstelle braucht Werkzeuge für klar begrenzte Aufgaben. Sie können Dokumentation vorbereiten, Informationen auffindbar machen, Sprache vereinfachen, Übersetzungen unterstützen, Akten strukturieren und Routinen verkürzen.</p>
<p>Das klingt unspektakulär. Genau darin liegt der Punkt.</p>
<p>In der Sozialen Arbeit geht es nicht um Technikbegeisterung, um das letzte High-End LLM-Modell, sondern um Verantwortung. Hier werden Fallnotizen, Hilfepläne, Beratungsdokumentationen, Gefährdungseinschätzungen und sehr persönliche Lebensgeschichten verarbeitet. Fehler bleiben nicht abstrakt. Sie können beeinflussen, wie Fachkräfte einen Fall sehen, welche Hilfe jemand bekommt oder ob eine Familie unter Verdacht gerät.</p>
<p>Wer KI in diesen Feldern nur als Effizienzmaschine verkauft, hat den Gegenstand nicht verstanden.</p>
<section id="der-falsche-maßstab" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-falsche-maßstab">Der falsche Maßstab</h2>
<p>Die großen KI-Systeme kommen nicht als neutrale Werkzeuge in die Praxis. Sie bringen Geschäftsmodelle, Rechenzentren, Datenhunger, Abhängigkeiten und eine bestimmte Vorstellung davon mit, was als Fortschritt gilt. In einem Marketingteam mag das noch als Produktivitätsfrage erscheinen. In der Jugendhilfe oder Pflege reicht diese Perspektive nicht.</p>
<p>Schon die einfache Frage „Was kann das Tool?“ führt in die Irre. Fachlich wichtiger sind andere Fragen. Welche Daten verlassen die Organisation? Wer sieht die Eingaben? Wie wird protokolliert? Welche Fehler sind wahrscheinlich? Wer merkt, wenn eine Zusammenfassung falsch gewichtet? Wer haftet, wenn aus einer Arbeitshilfe schleichend eine Entscheidungshilfe wird?</p>
<p>Der <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=OJ:L_202401689">EU AI Act</a> und die <a href="https://www.bfdi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/DokumenteBfDI/Dokumente-allg/2025/Handreichung-KI.pdf">BfDI-Handreichung „KI in Behörden – Datenschutz von Anfang an mitdenken“</a> beantworten diese Fragen nicht für jede Einrichtung. Aber sie verschieben die Perspektive. Es geht nicht zuerst darum, was technisch möglich ist. Es geht darum, wer Verantwortung trägt, welche Risiken entstehen und welche Nutzung ausgeschlossen werden muss.</p>
<p>Eine europäische KI-Strategie, die diesen Punkt ernst nimmt, wäre weniger glamourös als die Erzählung vom nächsten globalen Modell. Sie wäre näher an Verwaltung, Datenschutz, Fachlichkeit und öffentlicher Infrastruktur. Das klingt langweilig. Für sensible Arbeitsfelder wäre es ein Fortschritt.</p>
</section>
<section id="gut-genug-kann-ein-fachlicher-maßstab-sein" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gut-genug-kann-ein-fachlicher-maßstab-sein">„Gut genug“ kann ein fachlicher Maßstab sein</h2>
<p>„Gut genug“ darf nicht mittelmäßig, billig oder irgendwie brauchbar bedeuten. In sozialen und pädagogischen Arbeitsfeldern kann es etwas anderes heißen. Ein System ist gut genug, wenn es einen klaren Zweck erfüllt, seine Grenzen offenlegt, überprüfbar bleibt und keine professionelle Verantwortung ersetzt.</p>
<p>Gerade in der Sozialen Arbeit wäre das ein sinnvoller Anspruch. Fachkräfte brauchen keine KI, die den Menschen angeblich versteht. Sie brauchen Unterstützung bei Aufgaben, die heute viel Zeit binden und wenig fachlichen Mehrwert erzeugen. Wenn ein System eine lange Akte vorstrukturiert, eine Beratung dokumentiert oder eine Sprachebene verständlicher macht, kann das helfen. Aber nur, wenn Fachkräfte das Ergebnis prüfen, korrigieren und einordnen können.</p>
<p>Die Richtung muss klar bleiben. KI kann Fachlichkeit unterstützen. Sie darf sie nicht simulieren.</p>
<p>Das gilt besonders für die Kinder- und Jugendhilfe. Dass KI dort längst angekommen ist, zeigen die <a href="https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/kuenstliche-intelligenz-fuer-das-gemeinwohl-foerdern-198160">BMFSFJ-Förderung für KI zum Gemeinwohl</a>, die Datenschutzdebatte und die Fachdebatte im Deutschen Verein zu <a href="https://www.deutscher-verein.de/presse/detail/kuenstliche-intelligenz-trifft-kinder-und-jugendhilfe-ki-digitale-technologien-als-chance-in-der-hilfeplanung/">KI und digitalen Technologien in der Hilfeplanung</a>. Das Thema ist nicht Zukunftsmusik. Es steckt bereits in Förderprogrammen, Modellprojekten und Organisationsentscheidungen.</p>
</section>
<section id="datenschutz-gehört-zur-fachlichkeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="datenschutz-gehört-zur-fachlichkeit">Datenschutz gehört zur Fachlichkeit</h2>
<p>Datenschutz wird in Digitalisierungsdebatten oft wie ein Hindernis behandelt. Für soziale Arbeitsfelder ist das zu kurz gedacht. Wer mit Armut, Flucht, Behinderung, psychischer Belastung, Familiendynamiken, Gewalt, Religion oder Herkunft arbeitet, verarbeitet keine neutralen Daten. Er verarbeitet Informationen, die Menschen verletzbar machen.</p>
<p>Deshalb sind Zweckbindung, Transparenz, Löschfristen, Beteiligung und Datenschutz-Folgenabschätzungen keine bürokratischen Extras. Sie gehören zur fachlichen Qualität. Eine Einrichtung, die KI einführt, braucht mehr als einen Vertrag mit einem Anbieter. Sie muss festlegen, welche Daten eingegeben werden dürfen, welche Anwendungen verboten sind, wer Ergebnisse kontrolliert, wie Mitarbeitende geschult werden und was passiert, wenn ein System falsche oder diskriminierende Vorschläge macht.</p>
<p>Auch der <a href="https://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/mensch-und-maschine/">Deutsche Ethikrat</a> weist seit Jahren darauf hin, dass KI menschliche Verantwortung nicht einfach ablösen kann. Für Soziale Arbeit ist dieser Punkt zentral. Hilfe, Beratung und Schutz beruhen auf Beziehung, Erfahrung, rechtlicher Einordnung und professionellem Urteil. Information allein reicht dafür nicht.</p>
<p>Wenn KI diese Arbeit entlastet, kann sie sinnvoll sein. Wenn sie Verantwortung verschiebt, wird sie gefährlich.</p>
</section>
<section id="europas-chance-liegt-nicht-im-nachahmen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="europas-chance-liegt-nicht-im-nachahmen">Europas Chance liegt nicht im Nachahmen</h2>
<p>Europa wird die großen Plattformkonzerne nicht dadurch einholen, dass es ihre Logik kopiert. Für soziale Infrastruktur wäre das auch kein sinnvolles Ziel. Entscheidend ist, ob öffentliche Hand, Wohlfahrtspflege, Hochschulen, Fachverbände und gemeinwohlorientierte Anbieter Werkzeuge entwickeln können, die für konkrete Aufgaben taugen und kontrollierbar bleiben.</p>
<p>Das wäre anspruchsvoll genug. Es würde bedeuten, nicht jedes neue Tool sofort als Fortschritt zu behandeln. Träger müssten eigene Leitlinien entwickeln, Mitarbeitende beteiligen, Datenschutz ernst nehmen und auch einmal auf Funktionen verzichten. Fachverbände müssten KI als Organisations- und Machtfrage behandeln, statt sie auf Digitalisierung zu verkürzen.</p>
<p>Sonst droht eine schleichende Privatisierung fachlicher Infrastruktur. Fallnotizen, Beratungsmuster, Hilfeplanlogiken und Verwaltungsprozesse würden dann zunehmend in Systemen bearbeitet, deren Geschäftslogik außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Das wäre keine Modernisierung der Sozialen Arbeit. Es wäre eine neue Abhängigkeit.</p>
<p>Ein vernünftiger KI-Einsatz in der Sozialen Arbeit muss diese Grenze halten. Sortieren, vorbereiten, übersetzen, zusammenfassen und erinnern kann hilfreich sein. Unbemerktes Bewerten, Priorisieren, Sanktionieren oder Verschieben von Verantwortung darf nicht dazugehören.</p>
<p>Europa muss nicht direkt an die Spitze der KI-Modell-Statistik springen. Es müsste anfangen, brauchbare und begrenzte Werkzeuge für konkrete gesellschaftliche Aufgaben zu entwickeln. Für Soziale Arbeit, Jugendhilfe und gemeinwohlorientierte Infrastruktur wäre das kein Rückschritt. Es wäre ein Maßstab, der dem KI-Hype gut täte.</p>
<hr>
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 ]]></description>
  <category>KI-Digital</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/ki-gut-genug-soziale-arbeit-europa.html</guid>
  <pubDate>Mon, 01 Jun 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
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</item>
<item>
  <title>Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Impuls_Berlin_05-20262-teaser.jpeg" class="img-fluid feature-image" alt="Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind"></p>
<p>Beim <a href="https://impuls.gruene.de/">IM/PULS</a>, dem Forum für Zukunft von Bündnis 90/Die Grünen, in Berlin habe ich auf dem Panel „Echte Männer? Wie funktioniert Radikalisierung im Internet und was hat das mit neuen Männlichkeitsbildern zu tun?” mitdiskutiert. Mit auf dem Panel waren Dr.&nbsp;Johannes Hillje (Autor und Politikberater) und Veronika Kracher (Autorin und Publizistin), die Moderation lag bei Lilian Boehme. Ich war im Vorfeld nicht sicher, wie anschlussfähig meine Perspektive in diesem Rahmen sein würde. Denn wer über Männlichkeit spricht, gerät schnell zwischen zwei verkürzte Lesarten. Die eine hält Männlichkeit im Kern für Natur und damit für kaum veränderbar. Die andere hält sie für bloßen Diskurs, der sich durch andere Begriffe schon auflösen lasse. Beides greift zu kurz.</p>
<p>Meine Ausgangsthese war deshalb eine andere. Männlichkeit ist kein Wesen, aber auch nichts Beliebiges. Sie ist ein wirksames Orientierungsangebot. Sie beantwortet Fragen, die für viele Jungen und junge Männer alles andere als abstrakt sind. Was ist Stärke? Wie gehe ich mit Kränkung um? Woher bekomme ich Anerkennung? Darf ich verletzlich sein? Was bedeutet Verantwortung? Und wie kann ich jemand sein, ohne andere abwerten zu müssen?</p>
<p>Gerade deshalb wird Männlichkeit im digitalen Raum so leicht funktionalisiert. Radikale Akteure beginnen nicht immer mit einer ausgearbeiteten Ideologie. Häufig beginnt es viel niedriger, mit Selbstoptimierung, Disziplin, Statusversprechen, scheinbarer Klarheit, Zugehörigkeit und einer Erklärung für die eigene Ohnmacht. Der toxische Teil kommt oft erst später. Erst wird ein Bedürfnis angesprochen, dann ein Weltbild angeboten. Aus Kränkung wird ein Deutungsrahmen, aus Verunsicherung ein Feindbild, aus dem Wunsch nach Stärke ein Angebot von Dominanz.</p>
<p>Das macht diese Inhalte so gefährlich. Sie sind nicht deshalb wirksam, weil sie intellektuell besonders überzeugend wären, sondern weil sie psychologisch gut gebaut sind. Sie geben jungen Männern Sprache, Status und Zugehörigkeit in einer Phase, in der demokratische Bildungsräume oft unsicher bleiben. Viele Schulen, Jugendhilfeträger und politische Bildungsformate wissen, dass TikTok, Instagram, YouTube, Gaming-Communities und Messenger-Gruppen zentrale Sozialisationsräume geworden sind. Aber sie behandeln diese Räume noch zu häufig wie ein Außenproblem. Man warnt davor, man kritisiert sie, man möchte sie regulieren. Man versteht sie aber noch zu selten als das, was sie längst sind, nämlich informelle Bildungsorte.</p>
<p>Auch die Plattformen tragen Verantwortung. Algorithmen sind keine neutralen Sortiermaschinen. Sie belohnen Aufmerksamkeit, Zuspitzung, affektive Verdichtung, Konflikt und einfache Erklärungen. Das bedeutet nicht, dass Plattformen Radikalisierung allein erzeugen. Aber sie schaffen Bedingungen, unter denen radikale Angebote leichter andocken, sich wiederholen und normalisieren können. Wer Jugendliche verstehen will, muss deshalb nicht nur auf Inhalte schauen, sondern auf Ausspielungslogiken, Wiederholung, ästhetische Formen und die kleinen Übergänge von Lifestyle zu Ideologie.</p>
<p>Ein wichtiger Punkt war mir dabei die Begriffspolitik. Wenn demokratische Räume Begriffe wie Stärke, Verantwortung oder Männlichkeit nur noch unter Verdacht stellen, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum bleibt nicht leer. Es wird gefüllt von Influencern, autoritären Bewegungen, religiösen Hardlinern, Business-Gurus und Manosphere-Kanälen. Jungen und junge Männer hören nicht auf, nach Männlichkeit zu fragen, nur weil progressive Milieus den Begriff schwierig finden. Dann lernen sie eben anderswo, was angeblich „echte Männer” sind.</p>
<p>Das heißt nicht, alte Rollenbilder zu rehabilitieren. Positive Männlichkeit darf nicht die Rückkehr zum Beschützer, Ernährer oder harten Patriarchen sein. Gemeint ist etwas anderes, nämlich Stärke ohne Dominanz, Verantwortung ohne Besitzanspruch, Selbstachtung ohne Abwertung, Mut ohne Gewalt, Disziplin ohne Härtekult und Beziehungskompetenz ohne Scham. Eine demokratische Auseinandersetzung mit Männlichkeit muss Männern etwas zumuten, aber auch etwas zutrauen.</p>
<p>Besonders wichtig bleibt für mich die Arbeit an der Schnittstelle von digitaler Radikalisierung, Migration, Religion und Zugehörigkeit. In muslimischen und migrantischen Kontexten müssen wir klarer sprechen als bisher. Es wäre falsch, patriarchale Dynamiken zu kulturalisieren, als seien sie einfach „deren” Problem. Genauso falsch wäre es, aus Angst vor Stigmatisierung über religiös legitimierte oder kulturell aufgeladene Männlichkeitsbilder gar nicht mehr zu sprechen. Antirassismus darf nicht bedeuten, patriarchale Dynamiken zu romantisieren. Und Kritik an patriarchalen Dynamiken darf nicht rassistisch werden.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/image-download.jpg" class="img-fluid"></p>
<p>Gerade in diesem Zwischenraum entstehen neue Herausforderungen. Globale Manosphere-Narrative werden lokal übersetzt. Der „Alpha”, der „Provider”, der „Beschützer” erscheint dann in religiöser oder kultureller Verpackung. Kontrolle wird als Verantwortung ausgegeben, Eifersucht als Moral, Dominanz als Schutz. In solchen Fällen hilft es wenig, nur auf die religiöse Oberfläche zu schauen. Oft handelt es sich um Mimikry. Der Kern ist eine moderne, global zirkulierende patriarchale Ideologie, die sich lokal ein passendes Gewand sucht.</p>
<p>Für mich war dieser Tag deshalb mehr als ein Paneltermin. Er hat gezeigt, dass eine nüchterne, nicht moralisierende Sprache über Männlichkeit möglich ist, auch in einem Umfeld, in dem der Begriff schnell Abwehr auslösen kann. Wir müssen destruktive Männlichkeitsnormen klar benennen. Aber wir dürfen jungen Männern nicht nur sagen, was sie nicht sein sollen. Wenn demokratische Räume keine besseren Antworten auf Stärke, Anerkennung, Verletzlichkeit und Zugehörigkeit geben, überlassen sie diese Begriffe den Falschen.</p>
<p>Radikalisierungsprävention beginnt daher nicht erst dort, wo Ideologie offen sichtbar wird. Sie beginnt früher. Sie beginnt bei den Orientierungsangeboten, die Jugendliche attraktiv finden, bei den Plattformlogiken, die diese Angebote verstärken, bei den Bildungskontexten, die digitale Räume noch zu selten verstehen, und bei der Frage, ob demokratische Akteure den Mut haben, auch schwierige Begriffe wie Männlichkeit wieder selbst zu besetzen.</p>
<hr>
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  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html</guid>
  <pubDate>Sat, 30 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Impuls_Berlin_05-20262-teaser.jpeg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Die Komfortzone der Symmetrie</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-komfortzone-der-symmetrie.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/scales-of-justice-with-gavel-and-legal-book-2026-03-19-02-09-43-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Die Komfortzone der Symmetrie"></p>
<section id="wenn-das-zusammendenken-zur-entlastung-wird" class="level2">
<h2 data-anchor-id="wenn-das-zusammendenken-zur-entlastung-wird">Wenn das „Zusammendenken” zur Entlastung wird</h2>
<p>Es gehört inzwischen zum guten Ton der politischen Bildungsarbeit, Antisemitismus und Islam- und Muslimfeindlichkeit „zusammen zu denken”. Das klingt vernünftig, und in einem präzisen Sinn ist es das auch. Beide Phänomene sind real, beide haben seit dem 7. Oktober 2023 messbar zugenommen, beide verdienen eine ernsthafte Auseinandersetzung. Wer Betroffene des einen gegen Betroffene des anderen ausspielt, betreibt Opferkonkurrenz. Diese ist weder analytisch haltbar noch moralisch vertretbar.</p>
<p>Und doch beschleicht mich bei der wachsenden Selbstverständlichkeit dieser Kopplung ein Unbehagen. Nicht, weil die beiden Phänomene nichts miteinander zu tun hätten. Sondern weil die Verknüpfung in der Praxis zwei sehr unterschiedliche, einander spiegelnde Funktionen erfüllt. Beide haben mit aufrichtiger Auseinandersetzung wenig zu tun.</p>
<p>Die erste Funktion ist bekannt und kommt von rechts. Sie lautet sinngemäß: „Über Islamfeindlichkeit reden wir, aber bitte erst, nachdem wir über islamistischen Extremismus geredet haben.” Hier dient die Kopplung dazu, den Diskurs über Islam- und Muslimfeindlichkeit unter einen permanenten Vorbehalt zu stellen, ihn an ein Wohlverhalten zu knüpfen, einen latenten Generalverdacht zu konservieren. Diese Instrumentalisierung ist hinlänglich kritisiert worden, und die Kritik ist berechtigt. Islam- und Muslimfeindlichkeit ist kein Verhandlungsgegenstand, der erst nach erbrachtem Loyalitätsnachweis thematisiert werden darf.</p>
<p>Über die zweite Funktion wird seltener gesprochen, und ich will sie hier benennen, nicht als Außenstehender, sondern als jemand, der zum muslimischen Kulturkreis gehört und seit Jahren über diese Community schreibt. Denn die Kopplung wird nicht nur von rechts missbraucht. Sie wird auch aus der eigenen Community heraus eingefordert. Und dort erfüllt sie eine Aufgabe, die ihrem emanzipatorischen Anspruch genau entgegengesetzt ist. Sie macht den Antisemitismus in den eigenen Reihen unsichtbar, indem sie ihn in einer rhetorischen Balance auflöst.</p>
<p>Ich habe <a href="../../publikationen/posts/antisemitismus-in-muslimischen-bzw-islamistischen-milieus.html">an anderer Stelle dargelegt</a>, dass es einen eigenständigen Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus gibt, nicht bloß als Import westlicher Ideologeme, sondern als ein über transnationale, theologische und nationalistische Kanäle religiös unterfüttertes, eigenständig gewordenes Phänomen. Wer das anerkennt, kann die symmetrisierende Kopplung nicht mehr für eine harmlose Geste halten. Denn sie verlangt, ein Problem, das man hat, nur noch im Doppelpack mit einem Problem zu verhandeln, das man erleidet. Das ist keine Symmetrie. Das ist eine Entlastungsfigur.</p>
<p>In meinen früheren Beiträgen habe ich beschrieben, wie <a href="../../publikationen/posts/die-komfortzone-der-komplexitaet.html">die Flucht ins Globale und der Schutzschild der Vielfalt</a> funktionieren, als Mechanismen, die eine schmerzhafte lokale Verantwortungsdebatte in eine bequeme Abstraktion überführen. Die symmetrisierende Kopplung gehört in dieselbe Familie. Sie ist die jüngste, höflichste und am schwersten zu kritisierende Variante derselben Bewegung. Eine Anatomie in drei Schritten.</p>
</section>
<section id="phänomen-1-die-waagschalen-geste" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-1-die-waagschalen-geste">Phänomen 1: Die Waagschalen-Geste</h2>
<p>Der erste Mechanismus ist das kleine Wort, das alles trägt, das „aber”.</p>
<p>„Wir verurteilen jeden Antisemitismus, <strong>aber</strong> dann muss man auch über Islam- und Muslimfeindlichkeit sprechen.” Der Satz klingt nach Ausgewogenheit. Tatsächlich ist er ein rhetorisches Scharnier. Die Selbstkritik wird ausgesprochen und im selben Atemzug wieder eingeklammert, relativiert, in eine Waagschale gelegt, deren Gegengewicht sofort mitgeliefert wird. Was als doppelte Verurteilung auftritt, ist in Wahrheit eine konditionierte. Der eigene Antisemitismus wird nur unter der Bedingung verhandelbar, dass im gleichen Satz die eigene Opfererfahrung mitverhandelt wird.</p>
<p>Man stelle sich die Geste in einem anderen Kontext vor. Eine Institution, die nach internen Missständen erklärt: „Wir nehmen die Vorwürfe ernst, aber man muss auch sehen, wie unfair über uns berichtet wird.” Niemand würde das für eine ernsthafte Aufarbeitung halten. Man würde es als das erkennen, was es ist, nämlich eine Vorwärtsverteidigung im Gewand der Einsicht.</p>
<p>Die Waagschalen-Geste lebt davon, dass beide Seiten der Waage als gleichgestaltig erscheinen. Genau das sind sie nicht, wozu ich am Ende komme. Zunächst genügt die Feststellung, dass eine Selbstkritik, die nur in der Kopplung mit einer Fremdkritik zu haben ist, keine Selbstkritik ist. Sie ist eine Bedingung, die als Bekenntnis kostümiert wird.</p>
</section>
<section id="phänomen-2-die-opferrolle-als-eintrittskarte" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-2-die-opferrolle-als-eintrittskarte">Phänomen 2: Die Opferrolle als Eintrittskarte</h2>
<p>Der zweite Mechanismus ist subtiler und betrifft die Frage, <em>in welcher Rolle</em> Antisemitismus überhaupt vorkommen darf.</p>
<p>In der symmetrisierenden Rahmung erscheint Antisemitismus fast ausschließlich als etwas, das Muslime trifft, als Schwesterphänomen rassistischer Diskriminierung, als ein „auch wir kennen Ausgrenzung”. Was systematisch unterbelichtet bleibt, ist Antisemitismus als etwas, das in muslimisch geprägten Milieus <em>produziert</em> wird, also in Predigten, in Schulhöfen, auf Demonstrationen, in transnationalen Onlinenetzwerken, in der unkritischen Tradierung antisemitischer „geistiger Führer”.</p>
<p>Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern die eigentliche Pointe der Geste. Die Opferrolle fungiert als Eintrittskarte in den Diskurs. Über Antisemitismus lässt sich reden, solange man dabei selbst auf der Seite der von Diskriminierung Betroffenen sitzt. Sobald man die Täterperspektive einnehmen müsste, also die unbequeme Frage, was in den eigenen Strukturen, der eigenen Theologie-Rezeption, dem eigenen Schweigen geschieht, schließt sich das Fenster.</p>
<p>Es ist exakt das Muster, das ich beim „Schutzschild der Vielfalt” beschrieben habe, nur auf ein neues Feld übertragen. Dort entlastete der Verweis auf innere Pluralität die Verbandsführungen von ihrer Verantwortung. Hier entlastet der Verweis auf die eigene Diskriminierungserfahrung die Community von der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Antisemitismus. Die Selbstthematisierung wird so umgeleitet, dass sie nie beim eigenen Handeln ankommt.</p>
</section>
<section id="wo-man-die-geste-beobachten-kann" class="level2">
<h2 data-anchor-id="wo-man-die-geste-beobachten-kann">Wo man die Geste beobachten kann</h2>
<p>Wer die beiden bisher beschriebenen Mechanismen für analytische Konstruktion hält, kann sie im Protokoll besichtigen. In den vertraulichen Gesprächsrunden der Deutschen Islam Konferenz nach dem 7. Oktober 2023, einer Folge nicht-öffentlicher Treffen im Bundesinnenministerium, deren Verlauf <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/plus252022266/Antisemitismus-unter-Muslimen-Wir-haben-andere-Sorgen.html">WELT AM SONNTAG anhand von Interviews und internen, vom BMI nur eingeschränkt herausgegebenen Dokumenten rekonstruiert hat</a>, zeigte sich die Figur in Reinform. Nahezu alle Vertreter der Islamverbände erklärten, Antisemitismus durch Gemeindemitglieder sei für sie ein zweitrangiges Thema, da Judenhass „in der Regel nicht von Muslimen” ausgehe. Gleichzeitig sei seit dem Hamas-Angriff die Islam- und Muslimfeindlichkeit stark gestiegen. Statt Konzepte gegen Juden- und Israelfeindlichkeit in den eigenen Reihen zu erarbeiten, forderten die Vertreter mehr Würdigung durch die Bundesregierung und verlangten, das Ministerium möge auf die Medienberichterstattung einwirken. Der Vorsitzende des der Millî-Görüş-Bewegung nahestehenden Islamrats nannte eine weitere Veranstaltung zum Thema „unangemessen”, die Community habe „andere Sorgen”, und blieb dem Folgetermin demonstrativ fern.</p>
<p>Was ich oben als analytische Kategorien beschrieben habe, ist hier kein Deutungsangebot mehr, sondern dokumentiertes Verhalten. Bemerkenswert ist der zusätzliche Zug, eine Positionierung gegen Antisemitismus müsse „religiös vertretbar” sein und die Basis „mitnehmen”. Sie wird also unter den Vorbehalt innergemeindlicher Vermittelbarkeit gestellt.</p>
<p>Die Deutsche Islam Konferenz ist hier nicht der Sonderfall, sondern die Stelle, an der eine ohnehin verbreitete Haltung aktenkundig wird, weil sie ausnahmsweise dokumentiert ist. Dieselbe Bewegung, die Bereitschaft, über den eigenen Antisemitismus nur im Doppel mit der eigenen Diskriminierungserfahrung zu sprechen, begegnet mir aus eigener Anschauung regelmäßig auch jenseits dieses Formats, in Gremien, Vorbereitungsrunden und Programmdebatten, in denen über die Verknüpfung beider Themen entschieden wird. Dort ist die Kopplung für Verbandsseite nicht bloß ein hingenommener Rahmen, sondern eine erwünschte Bedingung. Antisemitismus soll, wenn überhaupt, nur gemeinsam mit Islam- und Muslimfeindlichkeit auf die Tagesordnung. Das ist eine Beobachtung als Beteiligter und kein Aktenzitat, aber die WELT-Recherche zeigt, dass diese Wahrnehmung kein Einzeleindruck ist, sondern ein Muster trifft. Genau an diesem Punkt kippt eine legitime Verknüpfung in eine Entlastungsfigur.</p>
</section>
<section id="phänomen-3-die-eingeebnete-asymmetrie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="phänomen-3-die-eingeebnete-asymmetrie">Phänomen 3: Die eingeebnete Asymmetrie</h2>
<p>Der dritte Mechanismus ist der theoretisch anspruchsvollste, und hier liegt zugleich der Punkt, an dem das „Zusammendenken” sich rehabilitieren ließe.</p>
<p>Antisemitismus und Islam- und Muslimfeindlichkeit „zusammen zu denken” unterstellt eine Gleichgestalt, die einer Prüfung nicht standhält. Die beiden Phänomene unterscheiden sich in ihrer Genese, in ihrer Trägerschaft und in ihrer Staatsnähe. Antisemitismus in muslimischen Milieus speist sich aus einem eigenständigen Geflecht theologischer Rückprojektionen, nationalistischer Verschwörungsnarrative und transnational importierter Denkfiguren, getragen auch von Akteuren mit Repräsentationsanspruch und institutioneller Anbindung an Herkunftsstaaten. Auch die Forschung widerspricht der Vorstellung, dieser Antisemitismus sei lediglich eine Reaktion auf Diskriminierungserfahrung oder ein bloßes Spiegelphänomen rassistischer Ausgrenzung. Der <a href="https://mediendienst-integration.de/artikel/antisemitismus-unter-muslimen-und-menschen-mit-migrationshintergrund.html">Forschungsüberblick von Sina Arnold</a> zeichnet ein heterogenes Bedingungsgefüge nach, in dem politische, religiös-ideologische und sozialisatorische Faktoren zusammenwirken. Qualitative Studien wie die von Stefan E. Hößl (<em>Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen</em> , Springer VS 2020) zeigen, dass diese Einstellungen sich nicht umstandslos aus Marginalisierung ableiten lassen, sondern eigene Tradierungswege haben. Islam- und Muslimfeindlichkeit ist demgegenüber ein Ausgrenzungsverhältnis einer Mehrheits- gegenüber einer Minderheitsgesellschaft. Beide sind real, beide sind verwerflich, aber sie haben nicht dieselbe Struktur, nicht dieselben Träger, nicht dieselbe Position im gesellschaftlichen Machtgefüge.</p>
<p>Wer beide unter einer Symmetrie-Rhetorik einebnet, verfehlt beide. Er entschärft den einen, indem er ihn zur bloßen Spiegelung des anderen macht, und er trivialisiert den anderen, indem er ihn an eine Zwangskopplung bindet. „Zusammen denken” darf nicht heißen „gleich behandeln”. Es müsste im Gegenteil bedeuten, beide so präzise zu unterscheiden, dass die jeweils spezifische Verantwortung sichtbar wird, die der Mehrheitsgesellschaft hier, die der muslimischen Zivilgesellschaft dort.</p>
<p>An dieser Stelle ist Redlichkeit über den eigenen Standort geboten. Es gibt, soweit ich sehe, keine etablierte Forschungslinie, die das hier beschriebene Muster ausformuliert, also die symmetrisierende Kopplung als innermuslimische Entlastungsfigur beim Thema Antisemitismus. Die einschlägige Präventions- und Bildungsforschung koppelt die beiden Phänomene durchaus, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Der <a href="https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/afs/DJI_AFS_Antimuslimischer_Rassismus.pdf">Bericht von Langner und Jungmann</a> (Deutsches Jugendinstitut 2024) und die daran anschließende <a href="https://www.ufuq.de/aktuelles/antimuslimischer-rassismus-und-islamistischer-extremismus-wechselwirkungen-und-handlungsempfehlungen-fuer-die-praevention/">Einordnung bei ufuq.de</a> behandeln Islam- und Muslimfeindlichkeit vor allem als Rahmenbedingung und teils als Risikofaktor von Radikalisierung, als „Störfaktor” in Distanzierungsprozessen, an den islamistische Mobilisierung anschließen kann. Diese Perspektive sieht eine reale Instrumentalisierungsrichtung scharf, nämlich die Versicherheitlichung von Muslimen, die Verengung des Themas auf seinen Nutzen für die Extremismusprävention. Diese Sorge teile ich. Aber dieselbe Forschung blendet die hier verhandelte Gegenrichtung weitgehend aus, also die Möglichkeit, dass die Kopplung nicht nur den Rassismusdiskurs versicherheitlicht, sondern auch den Antisemitismusdiskurs entlastet. Mein Beitrag bewegt sich also nicht im Rückenwind eines Forschungskonsenses, sondern adressiert dessen blinden Fleck. Das ist eine Behauptung, die für sich steht und nicht durch geliehene Autorität gestützt werden soll. Ihre Evidenz liegt nicht in der Theorie, sondern in dem oben beschriebenen, dokumentierten wie selbst beobachteten Verhalten.</p>
<p>Genau hier wäre die Kopplung zu retten. Nicht als rhetorische Balance, sondern als doppelte, je eigene Zumutung. Die Mehrheitsgesellschaft muss Islam- und Muslimfeindlichkeit ohne Vorbehalt benennen, ohne sie an einen Extremismusnachweis zu knüpfen. Und die muslimische Zivilgesellschaft muss den Antisemitismus in den eigenen Reihen ohne Vorbehalt benennen, ohne ihn an die eigene Diskriminierungserfahrung zu koppeln. Erst wenn beide Seiten ihre jeweilige Hausaufgabe ohne Verweis auf die andere machen, ist das „Zusammendenken” aufrichtig. Solange die eine Seite nur unter Vorbehalt redet und die andere nur im Doppelpack, verbindet die Kopplung nicht zwei Phänomene, sondern zwei Vermeidungsstrategien.</p>
</section>
<section id="aufrichtigkeit-vor-symmetrie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="aufrichtigkeit-vor-symmetrie">Aufrichtigkeit vor Symmetrie</h2>
<p>Wer das „Zusammendenken” ernst meint, muss bereit sein, den unbequemeren Teil zuerst und ohne Gegenleistung zu erbringen.</p>
<p>Für mich als jemanden aus der muslimischen Community heißt das konkret, dass der Antisemitismus in unseren Milieus kein Verhandlungsposten ist, den man erst dann auf den Tisch legt, wenn die andere Seite ihre Vorleistung erbracht hat. Er ist eine eigene, voraussetzungslose Aufgabe. Ihn nur im Schutz einer Symmetrie zu thematisieren, in der er zur halben Wahrheit eingeklammert wird, ist nicht weniger ein Ausweichmanöver als die Flucht ins Globale oder der Schutzschild der Vielfalt. Es ist nur das höflichere.</p>
<p>Die Komfortzone der Komplexität war die Flucht in eine unverfügbare globale Abstraktion. Die Komfortzone der Symmetrie ist subtiler. Sie flüchtet nicht aus dem Thema, sie umarmt es, so fest, dass das Unbequeme darin erstickt. Beide Bewegungen eint dieselbe Vermeidung der einen Frage, nämlich die nach der Verantwortung für das Zusammenleben hier und jetzt.</p>
<p>Echte moralische Haltung beginnt nicht mit dem ausbalancierten Satz. Sie beginnt mit dem Teil der Wahrheit, den auszusprechen wehtut, bevor man ihn mit dem Teil aufwiegt, der entlastet.</p>
<hr>
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</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/die-komfortzone-der-symmetrie.html</guid>
  <pubDate>Fri, 22 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/scales-of-justice-with-gavel-and-legal-book-2026-03-19-02-09-43-utc-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Wenn Zivilgesellschaft zur Zielscheibe wird</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-zivilgesellschaft-zur-zielscheibe-wird.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/amadeu-antonio-publikation-feindliche-angriffe-scaled.png" class="img-fluid feature-image" alt="Wenn Zivilgesellschaft zur Zielscheibe wird"></p>
<p>Die Amadeu Antonio Stiftung hat den Leitfaden <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/feindliche-angriffe-auf-gemeinwohlorientierte-organisationen/">„Feindliche Angriffe auf gemeinwohlorientierte Organisationen”</a> veröffentlicht. Er behandelt eine Frage, die in vielen Organisationen erst dann ernst genommen wird, wenn es schon brennt: Was passiert, wenn eine Initiative, ein Verein, ein Bildungsprojekt oder eine Beratungsstelle gezielt angegriffen wird?</p>
<p>Die <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/">Stiftung</a> bescheibt Angriffe, die von organisierten Empörungswellen über Desinformation bis zu Einschüchterung und persönlichen Bedrohungen reichen. Betroffen sind längst nicht nur Organisationen, die ausdrücklich gegen Rechtsextremismus arbeiten. Auch Kultur, Gesundheit, Klima, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte geraten ins Visier.</p>
<p>Mich interessiert daran nicht nur die Sicherheitsfrage. Mich interessiert die strukturelle Frage dahinter: Welche Organisationen halten öffentlichen Druck aus, und welche ziehen sich zurück, sobald es konflikthaft wird?</p>
<p>Diese Frage begleitet mich seit Jahren auch mit Blick auf muslimische Verbände. In meinem Beitrag <a href="https://karahan.net/de/blog/repraesentanz-verbandslandschaft">„Repräsentanz und Inhalte in der muslimischen Verbandslandschaft”</a> habe ich 2019 beschrieben, dass Repräsentanz ohne Inhalt nicht trägt. Damals ging es um die Erfahrung, dass Gesprächspartner aus Behörden, Politik und Zivilgesellschaft zwar Vertreter fanden, aber zu oft keinen belastbaren inhaltlichen Beitrag. Später verschob sich das Problem noch weiter: Nicht mehr nur Inhalte fehlten, sondern zunehmend auch Präsenz.</p>
<p>Das ist für die aktuelle Debatte relevant. Denn Rückzug entsteht nicht immer erst durch äußeren Druck. Manchmal zeigt äußerer Druck nur, was intern längst schwach ist: fehlende Zuständigkeiten, ungeklärte Positionen, mangelnde Diskursfähigkeit, Angst vor Verantwortung, dünne Strukturen.</p>
<section id="angriff-trifft-auf-vorhandene-schwächen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="angriff-trifft-auf-vorhandene-schwächen">Angriff trifft auf vorhandene Schwächen</h2>
<p>Wer zivilgesellschaftliche Organisationen angreift, muss sie nicht argumentativ besiegen. Oft reicht es, sie zu beschäftigen. Eine Kampagne kostet Zeit. Eine Drohung verändert Abläufe. Eine Flut aus Mails, Kommentaren und Anrufen bringt Vorstände, Teams und Ehrenamtliche in Rechtfertigung. Währenddessen bleibt Arbeit liegen.</p>
<p>Der Effekt ist politisch. Organisationen sollen vorsichtiger werden. Sie sollen ihre Sichtbarkeit drosseln, Kooperationen prüfen, Veranstaltungen absagen, Sprache entschärfen, Mitarbeitende aus der Schusslinie nehmen. Nicht jeder Angriff erreicht dieses Ziel. Aber viele Organisationen beginnen, sich selbst zu beobachten, bevor sie überhaupt handeln.</p>
<p>Das Problem liegt dann nicht allein bei den Angreifern. Es liegt auch darin, dass viele Träger keine eingeübte Antwort haben. Wer spricht? Wer dokumentiert? Wer entscheidet über rechtliche Schritte? Wer informiert Förderer und Partner? Wer schützt exponierte Mitarbeitende? Wer hält Kontakt zu Presse oder Politik? Solche Fragen wirken trocken, bis sie akut werden. Dann entscheiden sie über Handlungsfähigkeit.</p>
<p>Gerade hier gibt es eine Verbindung zur muslimischen Verbandslandschaft. Viele Organisationen haben lange darauf gesetzt, überhaupt als Ansprechpartner anerkannt zu werden. Das war historisch verständlich. Aber Anerkennung ersetzt keine innere Arbeitsfähigkeit. Wer im öffentlichen Raum Verantwortung beansprucht, muss auch unter Druck sprechen, entscheiden und Inhalte liefern können.</p>
</section>
<section id="präsenz-ohne-inhalt-bleibt-dünn" class="level2">
<h2 data-anchor-id="präsenz-ohne-inhalt-bleibt-dünn">Präsenz ohne Inhalt bleibt dünn</h2>
<p>In der muslimischen Zivilgesellschaft wurde Repräsentanz lange als eigener Wert behandelt. Man saß am Tisch, wurde eingeladen, nahm an Runden teil, erklärte Zuständigkeit. Das war wichtig, weil muslimische Stimmen in vielen institutionellen Räumen tatsächlich fehlten.</p>
<p>Aber aus Präsenz entsteht nicht automatisch Substanz. Wenn Organisationen keine Positionen entwickeln, keine Konflikte austragen, keine fachlichen Beiträge liefern und keinen innermuslimischen Diskurs organisieren, bleibt Repräsentanz eine leere Form. Dann genügt schon mäßiger Druck, um Rückzug plausibel erscheinen zu lassen.</p>
<p>Dieser Zusammenhang wird in allgemeinen Debatten über Zivilgesellschaft selten gesehen. Schutzfähigkeit ist nicht nur eine technische Frage von Krisenkommunikation und IT Sicherheit. Sie hängt auch davon ab, ob eine Organisation weiß, wofür sie steht, wer für sie spricht und welche Verantwortung sie übernehmen will.</p>
<p>Wer keine Inhalte hat, kann schwer verteidigen, warum er sichtbar bleiben muss. Wer keine internen Debatten führt, ist bei äußeren Angriffen schneller gelähmt. Wer Verantwortung immer an Funktionäre, Vorstände oder Dachverbände delegiert, macht die eigene Diskursfähigkeit abhängig von wenigen Personen.</p>
<p>Das ist besonders riskant in Feldern, in denen ohnehin mit Verdächtigungen gearbeitet wird. Muslimische, migrantische und andere minorisierte Organisationen kennen Projektionen, Generalverdacht und politische Instrumentalisierung. Umso wichtiger wäre es, nicht nur empört auf Angriffe zu reagieren, sondern eigene Strukturen so aufzubauen, dass sie nicht bei jeder Eskalation aus dem Takt geraten.</p>
</section>
<section id="schutz-muss-vor-dem-angriff-organisiert-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="schutz-muss-vor-dem-angriff-organisiert-werden">Schutz muss vor dem Angriff organisiert werden</h2>
<p>Der Leitfaden der Amadeu Antonio Stiftung ist deshalb nützlich, weil er den Blick auf Verfahren lenkt. Vorbereitung, Dokumentation, Zuständigkeit, Kommunikation, rechtliche Beratung, digitale Sicherheit, Solidaritätsnetzwerke. Das klingt nach Verwaltungsarbeit. In Wirklichkeit ist es politische Selbstbehauptung.</p>
<p>Viele kleine Initiativen können das nicht nebenbei leisten. Sie arbeiten mit knappen Mitteln, kurzen Projektlaufzeiten, hoher Erwartung und wenig Personal. Wer von ihnen Sichtbarkeit verlangt, muss auch die Kosten dieser Sichtbarkeit mitdenken. Förderpolitik darf nicht nur Programme finanzieren und dann überrascht sein, wenn die Träger unter Druck geraten.</p>
<p>Das betrifft Demokratieprojekte ebenso wie muslimische und migrantische Organisationen. Wenn sie Teilhabe ermöglichen, Präventionsarbeit leisten, Bildungsräume öffnen oder lokale Konflikte moderieren sollen, brauchen sie mehr als Projektmittel für Veranstaltungen. Sie brauchen Beratung, Schutzkonzepte, Rückhalt, Supervision, juristische Ersthilfe und eine Kultur, in der Angriffe nicht jedes Mal als persönliches Scheitern behandelt werden.</p>
<p>Gleichzeitig entbindet äußerer Druck die Organisationen nicht von eigener Arbeit. Wer sich in den öffentlichen Diskurs einbringen will, muss Inhalte entwickeln. Wer für eine Community sprechen will, muss Widerspruch aus dieser Community aushalten. Wer Kooperationen sucht, muss verlässlich erreichbar sein. Wer Verantwortung beansprucht, kann sich nicht dauerhaft hinter Überforderung zurückziehen.</p>
</section>
<section id="sichtbarkeit-braucht-innere-festigkeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="sichtbarkeit-braucht-innere-festigkeit">Sichtbarkeit braucht innere Festigkeit</h2>
<p>Zivilgesellschaft wird nicht dadurch geschützt, dass sie leiser wird. Rückzug macht Räume frei für jene, die demokratische Arbeit ohnehin delegitimieren wollen. Aber Sichtbarkeit ohne innere Festigkeit führt in die Erschöpfung.</p>
<p>Deshalb gehört beides zusammen: Schutz nach außen und Klärung nach innen. Organisationen brauchen Verfahren für Angriffe, aber sie brauchen auch Inhalte, Diskursfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft. Gerade muslimische Verbände und Initiativen sollten diesen Punkt nicht unterschätzen. Die Mauern, die früher den Zugang zur allgemeinen Zivilgesellschaft erschwerten, sind an vielen Stellen niedriger geworden. Umso weniger reicht es, nur anwesend zu sein.</p>
<p>Wer Räume betritt, muss etwas einbringen. Wer unter Druck gerät, muss wissen, was verteidigt werden soll. Und wer demokratische Infrastruktur ernst nimmt, darf ihre Träger nicht auf symbolische Anerkennung reduzieren. Sie müssen arbeitsfähig bleiben, auch wenn es unbequem wird.</p>
<p>Quellen:</p>
<ul>
<li><a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/angriffe-auf-die-zivilgesellschaft-ein-leitfaden-fuer-mehr-sicherheit-und-handlungsfaehigkeit-165775/">Amadeu Antonio Stiftung: „Angriffe auf die Zivilgesellschaft: Ein Leitfaden für mehr Sicherheit und Handlungsfähigkeit”, 18. Mai 2026</a></li>
<li><a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/feindliche-angriffe-auf-gemeinwohlorientierte-organisationen/">Publikation: „Feindliche Angriffe auf gemeinwohlorientierte Organisationen”</a></li>
<li><a href="https://karahan.net/de/blog/repraesentanz-verbandslandschaft">Engin Karahan: „Repräsentanz und Inhalte in der muslimischen Verbandslandschaft”, 31.01.2019</a></li>
</ul>
<hr>
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</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/wenn-zivilgesellschaft-zur-zielscheibe-wird.html</guid>
  <pubDate>Thu, 21 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/amadeu-antonio-publikation-feindliche-angriffe-scaled.png" medium="image" type="image/png" height="69" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/red-pill_and_manospere-2.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger"></p>
<p><strong>Die Manosphere ist nicht deshalb erfolgreich, weil ihre Antworten besonders klug wären. Sie ist erfolgreich, weil sie überhaupt antwortet. Das ist der unangenehme Punkt. Viele junge Männer stellen Fragen, die in pädagogischen, politischen und auch religiösen Räumen nur ungern ausgesprochen werden: Was macht mich als Mann aus? Wie gehe ich mit Zurückweisung um? Warum fühle ich mich überflüssig? Was bedeutet Stärke, wenn alte Rollenbilder brüchig werden und neue kaum erklärt werden? Wie finde ich Anerkennung, ohne mich dauernd beweisen zu müssen?</strong></p>
<p>Auf diese Fragen antworten nicht zuerst Schule, Jugendhilfe, Moscheegemeinde oder politische Bildung. Sehr oft antwortet der Feed. Und der Feed ist voll mit Männern, die aus Kränkung ein Geschäftsmodell machen.</p>
<p>Das Bundesforum Männer hat im Januar ein <a href="https://bundesforum-maenner.de/mitgliederinterview-pathforge/">Interview mit Simon Fokt</a> veröffentlicht, dem Gründer von <a href="https://path-forge.org/">PathForge</a>. Der Ansatz ist interessant, weil er einen Punkt benennt, der in vielen Gleichstellungsdebatten gerne umgangen wird: Wenn Jungen und Männer nur noch als Problemadressaten vorkommen, entsteht ein leerer Raum. In diesen Raum treten dann andere ein. Influencer, Coaches, rechte Kulturkämpfer, religiöse Selbstoptimierer. Sie alle versprechen Orientierung. Nicht kostenlos, nicht harmlos, nicht ohne ideologische Rechnung. Aber sie versprechen etwas.</p>
<p>Das zu beschreiben heißt nicht, antifeministische Männerpolitik zu entschuldigen. Es heißt, nüchtern genug hinzusehen.</p>
<section id="kritik-ist-noch-kein-angebot" class="level2">
<h2 data-anchor-id="kritik-ist-noch-kein-angebot">Kritik ist noch kein Angebot</h2>
<p>Viele progressive Debatten über Männlichkeit sind analytisch stark und praktisch schwach. Sie können präzise erklären, wie patriarchale Strukturen funktionieren, wie Gewalt stabilisiert wird, wie Dominanzverhalten entsteht und wie Misogynie sozial belohnt wird. Diese Analyse ist notwendig. Ohne sie landet man schnell bei einer Männerarbeit, die sich nur noch um männliche Befindlichkeiten dreht und die Machtfrage ausblendet. Sie ersetzt aber keine Orientierung.</p>
<p>Ein junger Mann, der in der Schule scheitert, der keine Anerkennung erfährt, der mit Sexualität, Nähe, Scham, Einsamkeit oder Kränkung ringt, hört aus offiziellen Diskursen oft vor allem Verbote: Sei nicht toxisch. Sei nicht übergriffig. Sei nicht patriarchal. Sei nicht homophob. Sei nicht das Problem.</p>
<p>Die Manosphere macht genau das Gegenteil. Sie sagt: Dein Schmerz ist real. Deine Demütigung hat einen Grund. Die Gesellschaft hat dich betrogen. Frauen manipulieren dich. Feminismus nimmt dir deinen Platz. Komm zu uns, wir zeigen dir, wie du wieder stark wirst.</p>
<p>Das ist eine gefährliche Erzählung. Sie macht aus Unsicherheit Ressentiment. Sie verwandelt Einsamkeit in Verachtung. Aber sie hat einen Vorteil gegenüber vielen demokratischen Gegenangeboten: Der junge Mann kommt in ihr vor.</p>
</section>
<section id="gleichstellung-darf-nicht-nur-als-verlustgeschichte-erzählt-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="gleichstellung-darf-nicht-nur-als-verlustgeschichte-erzählt-werden">Gleichstellung darf nicht nur als Verlustgeschichte erzählt werden</h2>
<p>Der wichtige Gedanke bei PathForge liegt genau hier. Gleichstellung muss jungen Männern nicht als Niederlage ihrer Identität erzählt werden.</p>
<p>Natürlich bedeutet Gleichstellung Machtverlust für diejenigen, die bisher von Ungleichheit profitiert haben. Niemand hat ein Recht darauf, dass andere sich unterordnen. Niemand hat ein Recht auf Gehorsam, sexuelle Verfügbarkeit oder soziale Sonderstellung. Diesen Konflikt darf man nicht weichzeichnen.</p>
<p>Aber wenn Gleichstellung jungen Männern nur als Katalog von Zumutungen begegnet oder als solche geframt wird, wird sie für manche zur Demütigungserzählung. Dann können die falschen Akteure behaupten: Seht ihr, sie wollen euch klein machen.</p>
<p>Eine andere Erzählung müsste an einem anderen Punkt ansetzen. Eine Männlichkeit, die nicht auf Kontrolle beruht, ist kein Abstieg. Sie ist eine Entlastung. Wer nicht ständig Dominanz beweisen muss, kann Beziehungen führen, ohne sie als Rangordnung zu organisieren. Wer Gefühle benennen kann, muss sie nicht in Härte übersetzen. Wer Verantwortung übernimmt, ohne Besitzansprüche daraus abzuleiten, wird nicht schwächer. Er wird verlässlicher.</p>
<p>Gleichwürdigkeit nimmt Männern nicht ihre Identität. Sie nimmt ihnen nur den Anspruch, dass andere kleiner sein müssen, damit sie sich groß fühlen. Das ist der Unterschied zwischen Beschämung und Zumutung. Beschämung sagt: Du bist falsch. Zumutung sagt: Du bist verantwortlich.</p>
<div class="quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="figure">
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Manosphere_Das_Vakuum_der_Orientierung.png" class="img-fluid figure-img"></p>
<figcaption>Schaubild mit Fragen junger Männer links, institutioneller Leerstelle in der Mitte und Manosphere/Influencern rechts als Antwortanbieter.</figcaption>
</figure>
</div>
</section>
<section id="die-religiöse-verpackung-macht-es-nicht-religiöser" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-religiöse-verpackung-macht-es-nicht-religiöser">Die religiöse Verpackung macht es nicht religiöser</h2>
<p>Für muslimische Kontexte ist diese Debatte ebenfalls relevant. Nicht, weil muslimische Jugendliche grundsätzlich anfälliger wären. Sondern weil globale Männlichkeitsnarrative in muslimischen Räumen häufig religiös verkleidet werden.</p>
<p>Ich habe das in meinem Beitrag zu <a href="../../publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html">digitalen Bildungsräumen und Männlichkeitsbildern</a> bereits beschrieben: Manosphere, Red-Pill-Logiken und TradWife-Ästhetiken werden nicht einfach übernommen, sondern nachträglich islamisiert. Aus dem „High Value Man“ wird der fromme Patriarch. Aus Kontrolle wird Schutz. Aus Besitzlogik wird Verantwortung. Aus weiblicher Unterordnung wird angeblich natürliche, gottgegebene Ordnung.</p>
<p>Gerade junge muslimische Männer erleben eine doppelte Zuschreibung. Von außen werden sie schnell als Problemgruppe markiert. Von innen werden ihnen nicht selten starre Erwartungen zugemutet: stark sein, Familie repräsentieren, religiös integer auftreten, ökonomisch liefern, keine Schwäche zeigen, Frauen schützen, Gemeinschaft verteidigen. In digitalen Räumen finden sie dann Akteure, die all diese Erwartungen bündeln und ideologisch aufladen.</p>
<p>Der Fehler wäre, darauf nur mit theologischen Widerlegungen zu antworten. Natürlich braucht es theologische Klarstellungen, wenn religiöse Begriffe missbraucht werden. Aber die Frage ist nicht nur, ob ein Hadith falsch zitiert wurde. Die Frage ist, warum ein junger Mann überhaupt eine Erzählung attraktiv findet, in der seine Würde von Kontrolle, Überlegenheit und Abgrenzung abhängt.</p>
<p>Das ist keine rein religiöse Frage. Es ist eine Frage von Anerkennung, Bildung, sozialer Teilhabe, Geschlechtersozialisation und digitaler Öffentlichkeit.</p>
</section>
<section id="zuhören-ist-keine-kapitulation" class="level2">
<h2 data-anchor-id="zuhören-ist-keine-kapitulation">Zuhören ist keine Kapitulation</h2>
<p>Fokt sagt im Interview sinngemäß: Wenn Männer nicht den Influencern der Manosphere zuhören sollen, müssen andere ihnen ebenfalls zuhören. Der Satz ist riskant. Er kann bequem missverstanden werden.</p>
<p>Zuhören heißt nicht, antifeministische Kränkungen zu bestätigen. Es heißt nicht, Frauenrechte verhandelbar zu machen. Es heißt nicht, patriarchale Macht als bloßes Missverständnis zu behandeln. Zuhören heißt, die Funktion einer Erzählung zu verstehen, bevor man sie bekämpft.</p>
<p>Warum wirkt das Versprechen von Disziplin? Warum zieht die Rede vom „Provider“? Warum werden Queerfeindlichkeit und Antifeminismus als Befreiung erlebt? Warum erscheint Gleichstellung manchen jungen Männern nicht als gerechtere Ordnung, sondern als persönlicher Angriff?</p>
<p>Wer diese Fragen nicht stellt, produziert Gegenrede, die recht hat und trotzdem niemanden erreicht.</p>
<p>Die Manosphere arbeitet nicht nur mit Argumenten. Sie arbeitet mit Zugehörigkeit, Ästhetik, Humor, Status, Körperbildern, Erfolgserzählungen und dem Versprechen, endlich nicht mehr ohnmächtig zu sein. Demokratische und gleichstellungsorientierte Arbeit muss diese Mittel nicht kopieren. Aber sie muss verstehen, dass ein PDF gegen ein Zugehörigkeitsangebot kaum bestehen wird. Das ist keine tiefe Erkenntnis aus dem Silicon Valley. Das ist Alltag auf jedem Schulhof mit WLAN.</p>
<div class="quarto-figure quarto-figure-center">
<figure class="figure">
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Manosphere_Vom_Problem_zur_Alternative.png" class="img-fluid figure-img"></p>
<figcaption>Flussdiagramm mit einem problematischen Pfad von Kränkung zu Ressentiment und Isolation sowie einem alternativen Pfad von Verantwortung zu Gleichwürdigkeit und Teilhabe.</figcaption>
</figure>
</div>
</section>
<section id="positive-narrative-sind-kein-kuschelkurs" class="level2">
<h2 data-anchor-id="positive-narrative-sind-kein-kuschelkurs">Positive Narrative sind kein Kuschelkurs</h2>
<p>Der Begriff „positive Narrative“ klingt schnell nach Coaching-Sprache. Man muss ihn gegen seinen eigenen Wohlfühlton verteidigen.</p>
<p>Ein positiver Gegenentwurf darf jungen Männern nicht einreden, sie seien Opfer einer verweichlichten Moderne. Er darf ihnen nicht bestätigen, dass ihre Unsicherheit durch die Freiheit anderer verursacht werde. Er muss ihnen sagen: Ja, du darfst nach Stärke suchen. Aber Stärke beginnt nicht dort, wo andere sich dir unterordnen. Sie beginnt dort, wo du Verantwortung für dich übernimmst, ohne daraus Herrschaft über andere abzuleiten.</p>
<p>Nicht als Trostpflaster für gekränkte Männlichkeit, sondern als klare Absage an die Idee, aus eigener Unsicherheit Ansprüche auf andere abzuleiten.</p>
<p>Eine solche Arbeit braucht Räume, in denen Männer über Scheitern, Sexualität, Einsamkeit, Gewalt, Vaterschaft, Freundschaft, Religion und Anerkennung sprechen können, ohne sofort in Abwehr oder Selbstmitleid zu fliehen. Sie braucht aber ebenso klare Standards: keine Frauenverachtung, keine Queerfeindlichkeit, keine romantisierte Dominanz, keine religiöse Legitimation von Kontrolle.</p>
<p>Gleichstellung gelingt nicht dadurch, dass Männer verschwinden. Sie gelingt auch nicht dadurch, dass Männer ununterbrochen als pädagogisches Risiko behandelt werden. Sie gelingt, wenn Männer lernen, sich selbst nicht mehr über den Zugriff auf andere zu definieren.</p>
<p>Das wäre ein ernstzunehmender Gegenentwurf zur Manosphere: keine Beschämung, keine Anbiederung, sondern eine anspruchsvolle Einladung. Du kannst stark sein, ohne andere klein zu machen.</p>
<p>Und wer das nicht nur lesen, sondern fachlich weiterdenken will: Das Bundesforum Männer greift die Frage von Gewalt, Macht und Männlichkeiten auch auf seinem Fachtag 2026 auf.<br>
Mehr dazu: <a href="https://bundesforum-maenner.de/veranstaltung/fachtag-gewalt-macht-maenner-2026/" class="uri">https://bundesforum-maenner.de/veranstaltung/fachtag-gewalt-macht-maenner-2026/</a></p>
<p><strong>Quelle:</strong> <a href="https://bundesforum-maenner.de/mitgliederinterview-pathforge/">Bundesforum Männer, „Mit positiven Erzählungen gegen die Manosphere“, Interview mit Simon Fokt / PathForge</a></p>
<hr>
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</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html</guid>
  <pubDate>Tue, 19 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/red-pill_and_manospere-2.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Integration beginnt im Mietvertrag</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/integration-beginnt-im-mietvertrag.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Miete_Migration_Mietvertrag-kl.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Integration beginnt im Mietvertrag"></p>
<p>Deutschland spricht über Integration, als beginne sie im Sprachkurs, im Klassenzimmer, im Betrieb oder im Bekenntnis zur Verfassung. Das alles ist nicht falsch. Aber es setzt etwas voraus, das in der Debatte zu oft wie eine Nebensache behandelt wird: eine Wohnung.</p>
<p>Wer keine Wohnung findet, findet schwerer Arbeit. Wer in einer überbelegten Wohnung lebt, lernt, schläft und arbeitet schlechter. Wer in einem Quartier landet, in dem Armut, schlechte Infrastruktur und überforderte Verwaltung zusammenfallen, erlebt Teilhabe nicht als Versprechen, sondern als Zumutung. Der Mietvertrag ist deshalb kein privates Detail. Er entscheidet darüber, ob Menschen überhaupt einen Ort haben, von dem aus sie ankommen können.</p>
<p>Das <a href="https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/2026/">SVR-Jahresgutachten 2026 „Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“</a> rückt diese Frage an die richtige Stelle. Wohnen ist nicht der sozialpolitische Anhang der Integrationspolitik. Wohnen ist eine ihrer materiellen Grundlagen.</p>
<section id="der-wohnungsmarkt-schützt-vor-allem-die-die-schon-drin-sind" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-wohnungsmarkt-schützt-vor-allem-die-die-schon-drin-sind">Der Wohnungsmarkt schützt vor allem die, die schon drin sind</h2>
<p>Der deutsche Wohnungsmarkt ist ein besonderer Markt. Auf Wohnraum kann man nicht verzichten. Wer steigende Preise bei Konsumgütern erlebt, kann ausweichen, weniger kaufen, verschieben. Bei Wohnraum funktioniert das kaum. Man kann nicht einfach weniger wohnen.</p>
<p>Deutschland ist zudem ein Mieterland. Laut SVR liegt die Wohneigentumsquote nur bei 47 Prozent. Das starke Mietrecht schützt diejenigen, die bereits eine Wohnung haben. Genau darin liegt aber das Problem für alle, die neu in den Markt hinein müssen: Zugewanderte, Umziehende, Geflüchtete, junge Familien, internationale Fachkräfte. Wer schon im System ist, hat Rechte. Wer hinein will, steht vor Türen.</p>
<p>Der SVR beschreibt diesen Mechanismus nüchtern: Regeln, die formal für alle gleich gelten, können praktisch selektiv wirken. Bonitätsnachweise, Sprachkenntnisse, fehlende Netzwerke, Aufenthaltsstatus, Schufa-Historie, befristete Verträge, knappe Angebote und Diskriminierung greifen ineinander. Niemand muss sich offen rassistisch äußern, damit am Ende rassistische Effekte entstehen.</p>
<p>Das ist der unangenehme Punkt. Viele Ausschlüsse funktionieren gerade deshalb so stabil, weil sie sich als normale Verwaltung, normale Vorsicht, normale Marktauswahl tarnen.</p>
</section>
<section id="miete-ist-keine-bloße-wohnform" class="level2">
<h2 data-anchor-id="miete-ist-keine-bloße-wohnform">Miete ist keine bloße Wohnform</h2>
<p>Die Zahlen im Gutachten zeigen, wie stark sich Wohnverhältnisse unterscheiden. Personen ohne Migrationshintergrund lebten 2022 zu 46,2 Prozent in Mieterhaushalten und zu 53,8 Prozent in Eigentümerhaushalten. Bei Menschen mit Migrationshintergrund ist das Verhältnis fast umgekehrt: 68,1 Prozent lebten zur Miete, 31,9 Prozent in Eigentum. Bei Personen mit eigener Migrationserfahrung lag der Mieteranteil bei 72,6 Prozent. Wer weniger als fünf Jahre in Deutschland lebte, wohnte zu 92,6 Prozent zur Miete.</p>
<p>Das ist mehr als eine Immobilienstatistik. Eigentum bedeutet nicht automatisch Wohlstand, aber es bedeutet oft Stabilität, Planbarkeit und Schutz vor Verdrängung. Miete bedeutet nicht automatisch Unsicherheit, aber in einem angespannten Markt verändert sich ihre Bedeutung. Dann wird der Zugang zur Wohnung zur Machtfrage.</p>
<p>Auch bei der Mietbelastung wird der Unterschied sichtbar. Als Faustregel gilt eine Bruttokaltmiete von maximal 30 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens. Bei Haushalten, in denen kein Mitglied einen Migrationshintergrund hatte, lag die Mietbelastungsquote 2022 laut SVR bei 27,6 Prozent. Bei Haushalten, deren Mitglieder alle einen Migrationshintergrund hatten, lag sie bei 30,1 Prozent. Das klingt nach wenig. Aber genau an dieser Schwelle kippt Wohnen vom Grundbedarf zum dauerhaften Druck.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/photo_2026-05-17_22-50-57.jpg" class="img-fluid"></p>
</section>
<section id="die-stadt-verspricht-chancen-und-organisiert-knappheit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-stadt-verspricht-chancen-und-organisiert-knappheit">Die Stadt verspricht Chancen und organisiert Knappheit</h2>
<p>Menschen mit Migrationshintergrund leben überdurchschnittlich häufig in Städten. Laut SVR lebten 2024 58,8 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in städtischen Regionen. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund waren es 43,0 Prozent. Das ist plausibel: Städte bieten Arbeit, Ausbildung, Hochschulen, Verwaltungen, Netzwerke, religiöse Infrastruktur, Beratungsstellen, Vereine und soziale Mobilität.</p>
<p>Aber ausgerechnet dort ist Wohnraum besonders knapp.</p>
<p>Hier liegt ein integrationspolitischer Widerspruch. Die Stadt ist Ankunftsort und Engpass zugleich. Sie verspricht Teilhabe und sortiert zugleich über Mieten, Wohnlagen, Kontakte und Auswahlverfahren. Wer Integration dann nur über Sprache, Werte und Arbeitsmarkt diskutiert, blendet den Boden aus, auf dem all das stattfinden soll.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/photo_2026-05-17_22-50-52.jpg" class="img-fluid"></p>
</section>
<section id="diskriminierung-ist-nicht-erst-dann-real-wenn-sie-plump-wird" class="level2">
<h2 data-anchor-id="diskriminierung-ist-nicht-erst-dann-real-wenn-sie-plump-wird">Diskriminierung ist nicht erst dann real, wenn sie plump wird</h2>
<p>Der SVR verweist auch auf Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Zugewanderte und ihre Nachkommen, ebenso Menschen, denen ein Migrationshintergrund zugeschrieben wird, werden auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt. Das betrifft nicht nur einkommensschwache Haushalte. Auch internationale Fachkräfte erleben diese Hürden. Laut SVR berichtet in einer OECD-Befragung gut jede zweite zugewanderte Fachkraft, also 52 Prozent, von Diskriminierungserfahrungen bei der Wohnungssuche.</p>
<p>Das sollte die Fachkräftedebatte ernüchtern. Deutschland diskutiert gern über Visa, Anerkennung, Bürokratie und Willkommenskultur. Aber wer Menschen anwerben will, muss ihnen auch ermöglichen, zu wohnen. Ein Arbeitsvertrag ersetzt keine Wohnung. Eine Einwanderungsstrategie, die Wohnraum nicht mitdenkt, lädt Menschen ein und lässt sie dann auf dem Flur stehen.</p>
<p>Man kann das moralisch empörend finden. Man kann es aber auch ganz nüchtern sagen: Es ist schlechte Politik.</p>
</section>
<section id="was-muslimische-und-migrantische-zivilgesellschaft-damit-zu-tun-hat" class="level2">
<h2 data-anchor-id="was-muslimische-und-migrantische-zivilgesellschaft-damit-zu-tun-hat">Was muslimische und migrantische Zivilgesellschaft damit zu tun hat</h2>
<p>Für muslimische Organisationen, Migrantenselbstorganisationen und integrationspolitische Akteure ist die Wohnungsfrage kein fremdes Thema. Viele Konflikte, die später als Bildungsproblem, Jugendproblem, Quartiersproblem oder Integrationsproblem verhandelt werden, beginnen in räumlicher Enge, schlechter Infrastruktur und sozialer Entmischung.</p>
<p>Wer über Radikalisierungsprävention spricht, muss Wohnquartiere betrachten. Wer über Bildungschancen spricht, darf überbelegte Wohnungen nicht ausblenden. Wer über gesellschaftlichen Zusammenhalt spricht, muss Verdrängung, Diskriminierung und soziale Segregation am Wohnungsmarkt ernst nehmen.</p>
<p>Das bedeutet nicht, dass jede wohnungspolitische Maßnahme automatisch Integrationspolitik ist. Aber Integrationspolitik ohne Wohnungspolitik bleibt unvollständig. Sie spricht über Zugehörigkeit, ohne die Bedingungen von Zugehörigkeit zu organisieren.</p>
<p>In meinem Beitrag über <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">migrantisches und muslimisches Engagement in der Zivilgesellschaft</a> ging es um die Frage, ob Muslime und Menschen mit Migrationsgeschichte nur Adressaten von Hilfe bleiben oder selbst Strukturen mitgestalten. Die Wohnungsfrage verschärft genau diese Frage. Wer keinen stabilen Ort hat, wer ständig gedrängt, verschoben oder überlastet wird, soll trotzdem partizipieren, sich engagieren, Verantwortung übernehmen. Das ist möglich. Aber es ist nicht voraussetzungslos.</p>
</section>
<section id="die-unbequeme-konsequenz" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-unbequeme-konsequenz">Die unbequeme Konsequenz</h2>
<p>Das SVR-Gutachten holt Integration aus der Rhetorik heraus. Es reicht nicht, Zugehörigkeit zu beschwören. Sie braucht Wohnungen, Verwaltungen, Schulen, Kitas, Verkehrswege, Beratungsstellen, Antidiskriminierungsstrukturen und kommunale Planung, die nicht erst reagiert, wenn der Konflikt schon im Quartier angekommen ist.</p>
<p>Das ist weniger elegant als eine Sonntagsrede über Zusammenhalt. Es ist auch weniger bequem. Aber genau daran entscheidet sich, ob Integration politisch ernst gemeint ist.</p>
<p>Der Mietvertrag ist keine Randnotiz. Er ist eine Eintrittskarte in die Gesellschaft.</p>
</section>
<section id="quellen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="quellen">Quellen</h2>
<p>Sachverständigenrat für Integration und Migration: <a href="https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/2026/">Jahresgutachten 2026 „Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“</a></p>
<p>SVR: <a href="https://www.svr-migration.de/presse/jahresgutachten-2026/">Presseinformation zum Jahresgutachten 2026 „Wohnen im Einwanderungsland: Mehr als ein Dach über dem Kopf“</a></p>
<p>SVR: <a href="images/SVR-Jahresgutachten-2026.pdf">PDF des Jahresgutachtens 2026</a></p>
<p><a href="images/SVR-Jahresgutachten-2026.pdf">SVR-Jahresgutachten-2026</a><a href="images/SVR-Jahresgutachten-2026.pdf">Herunterladen</a></p>
<p>Engin Karahan: <a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen? Die Unterrepräsentation von migrantischem und muslimischem Engagement in der Zivilgesellschaft</a></p>
<hr>
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</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/integration-beginnt-im-mietvertrag.html</guid>
  <pubDate>Mon, 18 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Miete_Migration_Mietvertrag-kl.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Nicht was Ankara will, was wir längst hätten wissen müssen</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/nicht-was-ankara-will-was-wir-laengst-haetten-wissen-muessen.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/17790008817471.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Nicht was Ankara will, was wir längst hätten wissen müssen"></p>
<p>Murat Kayman hat auf seinem Blog ein Dokument aufgegriffen, das in der deutschen Debatte wahrscheinlich nur deshalb nicht sofort eingeschlagen ist, weil es auf Türkisch vorliegt: das Protokoll einer Sitzung des Außenpolitikausschusses der Großen Nationalversammlung der Türkei vom 2. April 2026. Thema war die Auslandsarbeit der Diyanet (Murat Kayman: „<a href="https://murat-kayman.de/2026/05/17/was-ankara-wirklich-will-ein-parlamentsprotokoll-und-was-es-fuer-die-deutsche-religionspolitik-bedeutet/">Was Ankara wirklich will: Ein Parlamentsprotokoll und was es für die deutsche Religionspolitik bedeutet</a>“, 17.05.2026). Kaymans Analyse ist deshalb wichtig, weil sie nicht mit Mutmaßungen arbeitet. Sie nimmt die türkische Selbstbeschreibung ernst. Nicht das, was DITIB und ihr Umfeld in Deutschland zur Beruhigung politischer Gesprächspartner sagen, sondern das, was türkische Abgeordnete und Diyanet-Funktionäre im eigenen Parlament sagen, wenn sie über ihre Arbeit in Europa sprechen.</p>
<p>Die Pointe ist nicht, dass dieses Protokoll einen geheimen Plan enthüllt. Gerade das tut es nicht. Es zeigt etwas Nüchterneres und deshalb Schwerwiegenderes: Die religiöse Arbeit im Ausland wird von Ankara nicht primär als Seelsorge verstanden, sondern als nationale Aufgabe. Moscheen, Religionsbeauftragte, Ausbildungsprogramme, Kulturreisen, Familienarbeit — all das wird in einem Rahmen beschrieben, dessen Zweck Bindung, Identitätssicherung und Assimilationsabwehr ist. Kayman übersetzt das in den entscheidenden Satz: Es geht darum, die Türken in Deutschland türkisch zu halten.</p>
<p>Damit bestätigt das Protokoll eine Entwicklung, die sich seit Jahren beobachten lässt. Die muslimische Institutionalisierung in Deutschland ist historisch nicht als Import aus den Herkunftsländern entstanden. Die ersten Moscheeräume der Arbeitsmigration waren Provisorien, dann Trägervereine, später dauerhafte Gemeindestrukturen. Diese europäische Moscheegemeinde war zunächst eine Form der Beheimatung im Hier. Gerade deshalb ist die spätere Vereinnahmung durch Herkunftsstaaten so folgenreich. Nicht Ankara hat diese Strukturen geschaffen. Aber Ankara hat gelernt, sie zu nutzen (vgl. „<a href="../../publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html">Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen</a>“).</p>
<p>Das ist der Punkt, an dem die deutsche Religionspolitik bis heute ausweicht. Sie behandelt DITIB und verwandte Strukturen so, als handele es sich um unfertige Religionsgemeinschaften, die man durch Kooperation, Verträge, Imamausbildung und freundliche Erwartungshaltung irgendwann in die hiesige Ordnung hineinmoderieren könne. Aber was ist, wenn das Problem nicht Unreife ist, sondern Zweckbindung? Was ist, wenn diese Strukturen nicht auf dem Weg zu einer Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes sind, sondern in eine andere Richtung gebaut wurden?</p>
<p>Kaymans Bezug auf Oğuz Üçüncü ist hier zentral. Üçüncü war zwölf Jahre Generalsekretär der IGMG, also nicht irgendein türkischer Abgeordneter mit Auslandsthema. Er war eine prägende Figur jener Organisation, die in Deutschland seit Jahrzehnten Anerkennung als Religionsgemeinschaft beansprucht. Tragisch ist dabei, dass Üçüncü sich in seiner Zeit in Deutschland eigentlich stets gegen genau diese Einflussnahme und Rahmung aus der Türkei gewehrt hat. Gerade deshalb sind seine heutigen Einlassungen im türkischen Parlament so erstaunlich. Wenn er dort die religiösen Strukturen in Europa als Schutzwall gegen Assimilation beschreibt, spricht nicht ein Außenstehender über die Verbände. Es spricht eine ihrer zentralen Stimmen, nur inzwischen aus Ankara.</p>
<p>Das passt zu dem, was auch innerhalb der IGMG seit Jahren sichtbar ist. Reformorientierte, hier sozialisierte, auf Öffnung drängende Akteure wurden nicht zur prägenden Kraft. Stattdessen sehen wir Machtkonzentration, Rückzug aus deutschsprachigen Diskursen, personelle Verhärtung und eine erneute Herkunftslandorientierung. Die jüngste Satzungskrise der IGMG mit dem auf Kemal Ergün zugeschnittenen Mütevelli-System ist kein Nebenschauplatz. Sie zeigt, wie wenig belastbar interne Kontrolle, Transparenz und Rechenschaft geworden sind. Eine Organisation, die nach innen kaum Rechenschaft organisiert, wird nach außen schwerlich glaubhaft als verlässliche Religionsgemeinschaft auftreten können (vgl. „<a href="../../publikationen/posts/systemwandel-in-der-igmg.html">Systemwandel in der IGMG?</a>“).</p>
<p>Ähnlich verhält es sich bei der DITIB. Die Vereinbarung zur Imamausbildung in Deutschland wurde politisch als Meilenstein verkauft. Aber organisatorische Reform ist noch keine strukturelle Entkopplung. Wenn die Auswahl, Prägung und theologische Linie weiterhin im Diyanet-System verankert bleiben, dann wird nicht Unabhängigkeit geschaffen, sondern Abhängigkeit modernisiert. Deutschsprachige Imame lösen kein Strukturproblem, wenn ihr institutioneller Kompass weiterhin nach Ankara zeigt (vgl. „<a href="https://karahan.net/de/blog/replik-rashid-ditib">Die DITIB zwischen Reformversprechen und realer Kontrolle</a>“).</p>
<p>Das Protokoll liefert zudem eine Brücke zu einem weiteren Problemfeld: der Anschlussfähigkeit radikalisierender Narrative. Wenn europäische Religionsfreiheit als getarnter Assimilationsdruck beschrieben wird, wenn der deutsche Staat als Instanz erscheint, die Muslime zum Aufgeben ihrer Identität bringen wolle, dann liegt diese Erzählung gefährlich nahe an den Botschaften islamistischer Online-Milieus. Sie ist nicht identisch mit ihnen. Aber sie schafft den Resonanzraum, in dem aus politischer Entfremdung religiös aufgeladene Abwehr wird.</p>
<p>Die übliche Gegenrede lautet dann: Die muslimische Landschaft sei vielfältiger. Das stimmt. Aber das Vielfaltsargument wird zu oft als Schutzschild benutzt, um die großen Verbände aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Natürlich gibt es Muslime, Initiativen und Gemeinden jenseits von DITIB und IGMG. Gerade deshalb ist es politisch so problematisch, wenn ausgerechnet jene Strukturen privilegiert werden, die diese Vielfalt nicht sichtbar machen, sondern durch ihren Repräsentationsanspruch überdecken (vgl. „<a href="../../publikationen/posts/die-komfortzone-der-komplexitaet.html">Die Komfortzone der Komplexität</a>“).</p>
<p>Hinzu kommt die identitätspolitische Rahmung des Diaspora-Begriffs. Wenn die Verortung im Hier immer wieder durch die Vorstellung einer türkischen Diaspora überlagert wird, entsteht kein selbstbewusstes Ankommen, sondern ein mentales Gefängnis. Der Rückbezug auf die Türkei wird dann nicht biografische Erinnerung, sondern politisches Ordnungsprinzip (vgl. „<a href="https://karahan.net/de/blog/gurbet-tuerkische-diaspora">Eingesperrt in der türkischen Diaspora</a>“).</p>
<p>Die Konsequenz kann nicht sein, muslimische Religionsausübung unter Generalverdacht zu stellen. Sie muss vielmehr lauten, endlich präzise zu unterscheiden: zwischen Moscheegemeinden und Dachverbänden, zwischen Religionsausübung und fremder Staatstätigkeit, zwischen religiöser Bindung und politischer Loyalitätspflege. Religionsfreiheit schützt Muslime. Sie verpflichtet den deutschen Staat aber nicht, Organisationen als Religionsgemeinschaften zu behandeln, deren strategische Orientierung im Parlament eines anderen Staates beschrieben wird.</p>
<p>Wer Kaymans Text liest, kann sich nicht mehr darauf zurückziehen, man wisse zu wenig. Das Protokoll sagt nicht alles. Aber es sagt genug. Die deutsche Religionspolitik muss entscheiden, ob sie weiter ein Gespräch führt, von dem sie glaubt, dass es um Integration geht, während die andere Seite es als Instrument der Bindung an Ankara versteht. Oder ob sie endlich diejenigen stärkt, die in Deutschland nicht betreut, verwaltet oder vor Assimilation geschützt werden wollen, sondern als deutsche Muslime eigene Religionsgemeinschaften aufbauen möchten.</p>
<p>Das wäre kein Bruch mit der Religionsfreiheit. Es wäre ihr Ernstfall.</p>
<hr>
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 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/nicht-was-ankara-will-was-wir-laengst-haetten-wissen-muessen.html</guid>
  <pubDate>Sun, 17 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/17790008817471.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Wessen Religion, wessen Gemeinschaft? – Vortrag beim FES-Seminar in Bonn</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/islamverbaende-und-deutsche-religionspolitik-fes-seminar-bonn.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/nadeloehr-verbaende-scaled.png" class="img-fluid feature-image" alt="Wessen Religion, wessen Gemeinschaft? – Vortrag beim FES-Seminar in Bonn"></p>
<p>Am 17. Mai 2026 war ich im <strong>Gustav-Stresemann-Institut in Bonn-Bad Godesberg</strong> zu Gast beim Seminar der <strong>Friedrich-Ebert-Stiftung Nordrhein-Westfalen</strong> (Landesbüro) für <strong>ehrenamtliche Helferinnen und Helfer für Geflüchtete</strong>. Das Seminar stand unter dem Thema „Die Bedeutung der mitgebrachten Religion im Ankommensprozess”. Mein Beitrag galt einem Ausschnitt daraus, der im ehrenamtlichen Alltag schnell relevant wird: „Die Positionierung und Arbeit der islamischen Verbände in Deutschland und der Umgang der deutschen Politik mit den Islamverbänden”. Auf den Informationsinput folgte eine ausführliche Diskussion mit der Seminargruppe.</p>
<section id="eine-klarstellung-vorab" class="level2">
<h2 data-anchor-id="eine-klarstellung-vorab">Eine Klarstellung vorab</h2>
<p>Ich spreche nicht als externer Beobachter, sondern als jemand, der über zwei Jahrzehnte ehren- und hauptamtlich in muslimischen Verbandsstrukturen gearbeitet hat. Mein Ausgangspunkt war daher bewusst gesetzt: Es geht <strong>nicht</strong> um pauschale Islamkritik oder Muslimfeindlichkeit und nicht um die schlechten Absichten einzelner Personen, sondern um eine <strong>institutionelle Logik</strong>. In diesen Strukturen gibt es viele aufrichtige Menschen, die sich wünschen, dass ihre Gemeinden Teil dieser Gesellschaft werden – sie können sich gegen die institutionellen Logiken aber nicht durchsetzen. Die zentrale Unterscheidung des ganzen Vortrags lautet deshalb: <strong>Absicht vs.&nbsp;Struktur</strong>. Wer auf Personen zeigt, verfehlt das Problem; wer auf die Struktur zeigt, trifft es.</p>
</section>
<section id="worum-es-ging" class="level2">
<h2 data-anchor-id="worum-es-ging">Worum es ging</h2>
<p>Von dort aus bin ich den roten Faden entlanggegangen – von der Geschichte über die Strukturanalyse zu einem konkreten Dokument und schließlich zum verfassungsrechtlichen Kern:</p>
<ul>
<li><strong>Geschichte:</strong> Die europäische Moscheegemeinde ist keine importierte Form, sondern eine spezifisch europäische Erfindung der Arbeitsmigration – aus Provisorien wurden dauerhafte Strukturen, die später von den Herkunftsstaaten, allen voran der Türkei, für eigene Zwecke vereinnahmt wurden.</li>
<li><strong>Zäsur 2015:</strong> Mit rund 1,1 Millionen Geflüchteten wird die muslimische Bevölkerung deutlich pluraler und jünger, während die Verbandsstrukturen nicht folgen. Es entsteht eine <strong>Repräsentationslücke</strong>: Spricht die Religionspolitik weiter primär mit DITIB und IGMG, spricht sie mit Strukturen, die einen schrumpfenden Anteil der Muslime vertreten – gerade für die Geflüchtetenarbeit ein zentraler Punkt.</li>
<li><strong>Strukturanalyse:</strong> DITIB-Imame sind entsandte türkische Staatsbeamte; Lehrinhalte und strategische Ausrichtung kommen aus Ankara. DITIB und IGMG haben sich inhaltlich so stark angenähert, dass kaum noch Unterschiede erkennbar sind.</li>
<li><strong>Das TBMM-Protokoll vom 2. April 2026:</strong> Im türkischen Parlament beschreibt die Diyanet ihre Auslandsarbeit offen als nationale Aufgabe und „Kampf gegen Assimilation” – nicht als Enthüllung eines Geheimplans, sondern als routinemäßige Selbstbeschreibung. Genau das ist das Problem.</li>
<li><strong>Verfassungsrechtlicher Kern:</strong> Art. 140 GG verlangt die Selbstständigkeit religiöser Angelegenheiten und <strong>keine Weisungsbindung gegenüber einem fremden Staat</strong>. Warum Vergleiche mit dem Vatikan oder der anglikanischen Staatskirche hier nicht tragen, habe ich eigens ausgeführt.</li>
</ul>
<p>Die Diagnose dahinter: Die deutsche Religionspolitik und die türkische Seite führen <strong>zwei verschiedene Gespräche, als wäre es dasselbe</strong>. Was als Lösung gilt – etwa die Imamausbildung-Vereinbarung von 2023/24 – wird in Ankara nicht als Loslösung gelesen, sondern als Modernisierung des Abhängigkeitsverhältnisses. Mein Schluss war kein Plädoyer für Ausgrenzung, sondern für <strong>Klarheit</strong>: über den Begriff der Religionsgemeinschaft, über bestehende Kooperationsverträge – und für die Stärkung jener Muslime, die sich als Teil dieser Gesellschaft begreifen und durch die gegenwärtige Religionspolitik eher geschwächt als gestärkt werden.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html">Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/nicht-was-ankara-will-was-wir-laengst-haetten-wissen-muessen.html">Nicht was Ankara will, was wir längst hätten wissen müssen</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/systemwandel-in-der-igmg.html">Systemwandel in der IGMG?</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder eine Moderation zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/islamverbaende-und-deutsche-religionspolitik-fes-seminar-bonn.html</guid>
  <pubDate>Sun, 17 May 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/nadeloehr-verbaende-scaled.png" medium="image" type="image/png" height="122" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Arbeitsmarktintegration im öffentlichen Dienst – Impulsvortrag in Bergisch Gladbach</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/arbeitsmarktintegration-oeffentlicher-dienst-iwgr-bergisch-gladbach.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/group-of-students-with-female-teacher-in-school-co-2026-03-13-05-52-47-utc-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Arbeitsmarktintegration im öffentlichen Dienst – Impulsvortrag in Bergisch Gladbach"></p>
<p>Im Rahmen der <strong>Internationalen Wochen gegen Rassismus</strong> (16.–29. März 2026) in Bergisch Gladbach habe ich am 17. März 2026 in der VHS Bergisch Gladbach einen <strong>Impulsvortrag mit anschließender Diskussion</strong> gehalten. Eingeladen hatte <strong>SoNett e.V.</strong> Mein Beitrag „Perspektiven der Arbeitsmarktintegration im öffentlichen Dienst” eröffnete eine Runde, in der danach Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung und Praxis über diskriminierungssensible Personalpolitik sprachen.</p>
<section id="worum-es-ging" class="level2">
<h2 data-anchor-id="worum-es-ging">Worum es ging</h2>
<p>Mein Ausgangspunkt war bewusst nicht moralisch, sondern <strong>funktional</strong>: Der öffentliche Dienst muss funktionieren – Rechtsstaatlichkeit, Daseinsvorsorge, Sicherheit. Wenn die Personaldecke fehlt, funktioniert nichts. Vor diesem Maßstab stellt sich die Frage: Woher kommt das Personal von morgen?</p>
<ul>
<li><strong>Der Pool hat sich verschoben.</strong> Rund 29,7 % der Menschen in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte, in NRW haben 44,3 % der Schülerinnen und Schüler eine Migrationsgeschichte – das sind die Fachkräfte von morgen. In Bergisch Gladbach ist der Anteil von 25,8 % (2021) auf 29,2 % (2025) gestiegen, während die Gruppe ohne Migrationsgeschichte schrumpft.</li>
<li><strong>Unterrepräsentation als Risiko.</strong> Nur etwa 11 % der Menschen mit Einwanderungsgeschichte arbeiten im öffentlichen Dienst – bei rund 30 % Bevölkerungsanteil. Selbst die Bundesverwaltung erreicht mit 16,2 % nur die Hälfte des Potenzials. Diskriminierungserfahrungen am Arbeitsplatz (23,9 % gegenüber 15,6 %) führen dazu, dass gute Kräfte seltener bleiben – ein Effizienz-, kein bloßes Fairnessproblem.</li>
<li><strong>Barrieren sind oft strukturell, nicht böswillig:</strong> traditionelle Rekrutierungswege, unausgesprochene kulturelle Codes, übersehene Kompetenz und Aufstiegsbarrieren für „kulturell Passende”.</li>
<li><strong>Auch das Ehrenamt ist betroffen.</strong> Feuerwehr, THW und Katastrophenschutz leben von Freiwilligen; die Engagementlücke (44,4 % gegenüber 27,0 %) trifft den Staat doppelt – im Haupt- und im Ehrenamt.</li>
</ul>
<p>Meine Schlussfolgerung: Öffnung sichert Funktionsfähigkeit – aus Eigeninteresse, nicht aus Diversitäts-Lyrik. Konkret heißt das, Rekrutierung über bisherige Kanäle hinaus zu erweitern, unbeabsichtigte Barrieren systematisch zu prüfen, Kompetenz konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, Ziele zu messen und Beschwerdestellen zu stärken. Zugleich entstehen in den Communities neue, fachspezifische und pragmatische Netzwerke – genau die Multiplikatoren, mit denen Institutionen kooperieren sollten, statt nur klassische Stellenanzeigen zu schalten.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/funktionserhalt-statt-diversitaets-lyrik-2.html">Wer rückt in zehn Jahren noch aus?</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/mitgestalten-statt-umworben-werden.html">Mitgestalten statt umworben werden</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html">Versäumte Chancen?</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder eine Beratung zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/arbeitsmarktintegration-oeffentlicher-dienst-iwgr-bergisch-gladbach.html</guid>
  <pubDate>Tue, 17 Mar 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
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</item>
<item>
  <title>Antisemitismus und Rassismus – Vortrag und Abschlusspanel in Loccum</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/antisemitismus-und-rassismus-loccum-vortrag-und-abschlusspanel.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/be1e1bc50f8930266d6b87804e0430d11c61f18a-muslimischer-antisemitismus2x.png" class="img-fluid feature-image" alt="Antisemitismus und Rassismus – Vortrag und Abschlusspanel in Loccum"></p>
<p>Vom 9. bis 11. Februar 2026 hat die <strong>Evangelische Akademie Loccum</strong> zur Tagung „Antisemitismus und Rassismus – Verstehen, ins Gespräch bringen und gemeinsam begegnen” geladen. Ihr Anliegen: zwei meist getrennt verhandelte Diskursarenen zusammenzubringen und zu klären, warum Antisemitismus nicht in Rassismus „aufgeht” – und warum es trotzdem nötig ist, beide gemeinsam anzugehen. Ich war an zwei Stellen beteiligt: als <strong>Referent</strong> mit einem Vortrag am Dienstag und als <strong>Diskutant</strong> im <strong>Abschlusspanel</strong> am Mittwoch.</p>
<section id="der-vortrag-antisemitismus-in-muslimischen-milieus" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-vortrag-antisemitismus-in-muslimischen-milieus">Der Vortrag: Antisemitismus in muslimischen Milieus</h2>
<p>Im Mittelpunkt stand die Frage, ob hohe Zustimmungswerte zu (sekundär-)antisemitischen Aussagen Folge einer theologischen Essenz sind – oder einer sozialen Funktion. Mein Zugang war ausdrücklich keine Apologie, sondern eine <strong>Binnen-Analyse der Mechanismen</strong>:</p>
<ul>
<li><strong>Politisierung statt Tradition:</strong> Moderne Identitätskonflikte werden nachträglich „islamisiert” – Theologie wird zur Legitimation nationalistischer Ideologien funktionalisiert. Aus der vormodernen <em>theologischen</em> Kategorie wird eine moderne <em>politische</em>.</li>
<li><strong>Zwei Fallbeispiele:</strong> der „Garkad-Baum”, der von einem eschatologischen Narrativ über die Hamas-Charta zum mobilisierenden Social-Media-Meme wird; und transhistorische Mythen, die osmanische Folklore mit modernen Verschwörungstheorien (bis zur Epstein-Affäre) verknüpfen und ein „ewiges, unveränderliches Wesen des Juden” konstruieren.</li>
<li><strong>Narrative der Ferne:</strong> Im institutionellen Vakuum werden Diskriminierungs- und Ohnmachtserfahrungen über importierte Konflikte externalisiert; der Nahostkonflikt dient als Projektionsfläche.</li>
<li><strong>Das Schweigen der Mitte:</strong> Nach dem 7. Oktober reagieren große Verbände mit „organisierter Ambivalenz” – Rhetorik der „Eskalation” statt klarer Benennung, Fokus auf die eigene Opferrolle. Die Folge ist ein Verlust der Deutungshoheit bei der Jugend und das Überlassen des Feldes an radikale Social-Media-Akteure.</li>
</ul>
<p>Mein Fazit: Antisemitismus ist real – <strong>unabhängig von der eigenen Rassismuserfahrung</strong>. Es braucht eine selbstkritische, kontextualisierte Lesart der Quellen und Verbände, die ihren Vertretungsanspruch auch in Krisen einlösen, statt sich zurückzuziehen.</p>
</section>
<section id="das-abschlusspanel-muslimfeindlichkeit-vom-dokumentieren-zum-handeln" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-abschlusspanel-muslimfeindlichkeit-vom-dokumentieren-zum-handeln">Das Abschlusspanel: Muslimfeindlichkeit – vom Dokumentieren zum Handeln</h2>
<p>Am Schlusstag habe ich im Panel „Wie verschaffen wir zwei zentralen Anliegen mehr Platz?” den Blick nach außen gewendet. Wenn ich tags zuvor den Finger in die eigene Wunde gelegt hatte, ging es nun um Muslimfeindlichkeit als tägliche Realität – den Neurologen, dessen Kompetenz im Krankenhaus infrage gestellt wird, die Studentin mit Bestnoten ohne Stelle, den jungen Mann, der im Zug immer der Einzige ist, der kontrolliert wird.</p>
<p>Meine provokante Frage an die Runde: <strong>Verwalten wir den Rassismus eher, als die Menschen zu befähigen, sich gegen ihn zu wehren?</strong> Wir haben gute Strukturen zum Melden und Zählen – aber wenn der Meldung keine Konsequenz folgt, produzieren wir eine „Erfahrung von organisierter Ohnmacht”. Dazu kommt die Frage nach den richtigen Verbündeten: Politik und Zivilgesellschaft schauen reflexhaft auf die Moscheegemeinden, doch ein Imam ist Seelsorger und Theologe, kein Antidiskriminierungsjurist.</p>
<p>Mein Plädoyer: vom „Sprechen über Leid” zum „Durchsetzen von Recht”. Statt nur „Safer Spaces” zum Luftholen brauchen wir auch <strong>„Brave Spaces”</strong> und professionelle Strukturen, die Betroffene befähigen, das AGG zu nutzen, zu klagen, ihr Recht durchzusetzen. Resilienz entsteht nicht aus Mitleid, sondern aus <strong>Selbstwirksamkeit</strong> – und das ist zugleich die beste Prävention gegen Rückzug und Radikalisierung.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/antisemitismus-in-muslimischen-bzw-islamistischen-milieus.html">Antisemitismus in muslimischen bzw. islamistischen Milieus</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/die-komfortzone-der-symmetrie.html">Die Komfortzone der Symmetrie</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/nahost-debatte-aufrichtigkeit-vor-theorie.html">Nahost-Debatte: Aufrichtigkeit vor Theorie</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder eine Moderation zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/antisemitismus-und-rassismus-loccum-vortrag-und-abschlusspanel.html</guid>
  <pubDate>Tue, 10 Feb 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/be1e1bc50f8930266d6b87804e0430d11c61f18a-muslimischer-antisemitismus2x.png" medium="image" type="image/png" height="43" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Versäumte Chancen?</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Versäumte Chancen?"></p>
<section id="die-unterrepräsentation-von-migrantischem-und-muslimischem-engagement-in-der-zivilgesellschaft" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-unterrepräsentation-von-migrantischem-und-muslimischem-engagement-in-der-zivilgesellschaft">Die Unterrepräsentation von migrantischem und muslimischem Engagement in der Zivilgesellschaft</h2>
<p><a href="images/ethos-polis-impulspapier-01-2026-versaeumte-chancen-1.pdf"><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/ethos-polis-impulspapier-01-2026-versaeumte-chancen-1-scaled.png" class="img-fluid"></a></p>
<p>01/2026 | Engin Karahan. 12 Seiten.</p>
<p><a href="images/ethos-polis-impulspapier-01-2026-versaeumte-chancen-1.pdf">Impulspapier als PDF herunterladen</a></p>
<p>Deutschland ist nicht nur im Wandel, es hat sich bereits tiefgreifend verändert. Doch während wir in Talkshows oft noch über das „Ob“ der Migration streiten, hat die Realität diese Debatte längst überholt. So haben laut Bevölkerungsstatistik (Destatis via Statista, Stand 2023/2024) <strong>29,7 %</strong> der Menschen in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte. Ein Blick in die Schulstatistik offenbart die Zukunft weitaus präziser als jede demografische Hochrechnung für die Gesamtbevölkerung: In Nordrhein-Westfalen haben bereits über <strong>44 %</strong> der Schülerinnen und Schüler eine Migrationsgeschichte (vgl. MSB NRW 2024, S. 167). In den urbanen Zentren liegt dieser Anteil noch deutlich höher.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-einwanderung-output-1.png" class="img-fluid" alt="Säulendiagramm zur Entwicklung des Bevölkerungsanteils mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland von 2005 bis 2024. Der Anteil steigt von 16% auf 25,7%.">Abb. 1: Bevölkerungsanteil mit Einwanderungsgeschichte in % (2005–2024). Eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Bundesamtes.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-schueler-gesamt-output-1-1.png" class="img-fluid" alt="Donut-Diagramm der Schüler in NRW: 44,3% mit Zuwanderungsgeschichte, 55,7% ohne Zuwanderungsgeschichte.">Abb. 2: Fast die Hälfte der Schülerschaft in NRW (<strong>44,3 %)</strong> hat eine Zuwanderungsgeschichte. Eigene Darstellung.</p>
<p>Unabhängig von tagespolitischen Erregungskurven zeigt dies eines ganz deutlich. Die Zusammensetzung der Gesellschaft nicht erst von morgen sondern bereits schon heute unterscheidet sich fundamental von so manchen institutionellen oder staatlichen Gesellschaftsprojektionen. Diese Entwicklung ist weder Bedrohung noch Utopie, sondern eine soziologische Tatsache, die wir anerkennen müssen. Sie birgt jedoch Chancen und Herausforderungen zugleich. Die Vitalisierung unserer Zivilgesellschaft durch eine junge, diverse Bevölkerungsgruppe kann neue Impulse gegen die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft setzen. Das funktioniert jedoch nur, wenn Institutionen nicht in ihrer bisherigen Rekrutierungsperspektive mit schwindendem Zugriff auf eine immer weiter schrumpfende Bewerberauswahl beharren.</p>
<p>Institutionen – seien es staatliche Behörden, Wirtschaftsunternehmen oder zivilgesellschaftliche Träger – werden ihren Nachwuchs künftig aus einem deutlich diverseren Pool rekrutieren müssen. Wer diese Entwicklung ignoriert, riskiert nicht nur einen Mangel an „Buntheit“, sondern das schlichte funktionale „Ausbluten“ zentraler gesellschaftlicher Säulen.</p>
<p>Dabei spielt die migrantische und muslimische Community eine relevante Rolle. Auch wenn exakte Zahlen fehlen, die migrantisch-muslimische Bevölkerung ist unbestritten jung. Ein signifikanter Teil gehört zur Generation der Schüler und jungen Erwachsenen. Damit wächst ihre Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit des Landes zwangsläufig – völlig unabhängig davon, wie religiös diese jungen Menschen ihren Alltag gestalten. Die Diskussion muss sich daher verschieben, Weg von der Frage nach der Integration, hin zu der Frage, wie diese Community als tragender Teil der Gesellschaft aktiv in die Verantwortung genommen werden kann. Es geht nicht mehr um Teilhabe, sondern um Mitgestaltung.</p>
<section id="funktionserhalt-statt-diversitäts-lyrik-die-materielle-basis-der-institutionen" class="level3">
<h3 data-anchor-id="funktionserhalt-statt-diversitäts-lyrik-die-materielle-basis-der-institutionen"><strong>Funktionserhalt statt Diversitäts-Lyrik: Die materielle Basis der Institutionen</strong></h3>
<p>Wir müssen aufhören, über Diversität als ein politisches „Nice-to-have“ oder ein Projekt der kulturellen Repräsentanz zu sprechen. Diese Lesart verkennt den Ernst der Lage. Bei der Öffnung von Institutionen geht es nicht um das Abbilden von Proporz oder um moralische Gerechtigkeit, sondern schlicht um die Aufrechterhaltung der operativen Handlungsfähigkeit in der Daseinsvorsorge. Während sich 44,4 % der Menschen ohne Migrationshintergrund ehrenamtlich engagieren, liegt die Quote bei Menschen mit Migrationshintergrund lediglich bei 27,0 % (vgl. Simonson et al.&nbsp;2021, S. 18).</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-engagement-fws-output-1.png" class="img-fluid" alt="Freiwilliges Engagement im Zeitvergleich (2014 vs.&nbsp;2019)">Abb. 3: Stagnation der Engagement-Quoten. Die Daten des Freiwilligensurveys (FWS) zeigen eine signifikante Differenz: Während fast 45 % der Menschen ohne Migrationshintergrund ehrenamtlich aktiv sind, liegt die Quote bei Menschen mit Migrationshintergrund seit Jahren konstant bei nur ca. 27 %. Quelle: Eigene Darstellung nach Simonson et al.&nbsp;(2021) / BMFSFJ.</p>
<p>Soziale Strukturen, so auch unsere Institutionen der Gefahrenabwehr oder der Pflege, sind emergente Phänomene. Sie existieren nicht losgelöst im luftleeren Raum, sondern entstehen aus der Interaktion realer Individuen und sind geprägt durch historische und organisatorische Entwicklungen. Ihre materielle Basis ist jedoch in erster Linie die Bevölkerung, aus der sich das Personal rekrutiert. Wenn diese Basis sich fundamental wandelt, die Institution aber an Rekrutierungsmechanismen festhält, die auf einer vergangenen Bevölkerungsstruktur basieren, steuert sie auf einen funktionalen Kollaps zu.</p>
<p>Die Institutionen operieren oft noch mit einer internen Selbstbeschreibung, die eine homogene Bewerberstruktur voraussetzt, während das tatsächliche gesellschaftliche Realität längst eine völlig andere Zusammensetzung aufweist. Wer diese Realität leugnet, betreibt keine Traditionspflege, sondern schneidet sich selbst von den notwendigen Ressourcen ab.</p>
<p>Der „Pool“, aus dem Feuerwehr, Rettungsdienste, Wohlfahrtsverbände, gerade auch die Bundeswehr ihren Nachwuchs schöpfen, hat sich faktisch bereits verändert. Wir brauchen physisch anwesende Menschen, um Schläuche zu rollen, Patienten zu pflegen oder Jugendarbeit zu leisten. Wenn der traditionelle Rekrutierungspool (die „biodeutsche“ Mittelschicht) demografisch schrumpft, die Institutionen aber ihre kulturellen Zugangscodes (ihren institutionellen Habitus) nicht anpassen, schließen sie sich selbst vom Zugang zum einzigen noch wachsenden Ressourcenpool aus.</p>
<p>Es geht also nicht darum, ob eine Feuerwehr „bunter“ sein möchte, sondern ob sie in zehn Jahren noch ausrücken kann. Eine Institution, die ihre Handlungs- und Denkweisen nicht so weit öffnet, dass sie für die Generation der heutigen Schüler (die in NRW zu fast 50 % eine Migrationsgeschichte haben) anschlussfähig wird, wählt den Weg in die Bedeutungslosigkeit. Sie verliert ihre Einsatzfähigkeit. Die Anpassung der Rekrutierungsstrategien an die muslimische und migrantische Community ist daher kein Akt der Gnade oder der Inklusion, sondern eine harte Notwendigkeit des institutionellen Selbsterhalts.</p>
</section>
<section id="die-gespaltene-realität-systemrelevant-aber-unsichtbar" class="level3">
<h3 data-anchor-id="die-gespaltene-realität-systemrelevant-aber-unsichtbar"><strong>Die gespaltene Realität: Systemrelevant, aber unsichtbar</strong></h3>
<p>Der Status quo ist paradox. In bestimmten Sektoren ist die migrantische und muslimische Community längst eine tragende Säule. Im Gesundheitswesen und in der Pflege sind Menschen mit Migrationshintergrund an der Basis nicht mehr wegzudenken; ohne sie würden viele Einrichtungen kollabieren (vgl. SVR 2022). Auch das Unternehmertum wandelt sich. Es entsteht eine Generation von Gründern, die wirtschaftlichen Erfolg unabhängig von ihrer Herkunft oder kulturellem Hintergrund realisieren kann und selbstbewusst auftritt, fernab von Opferrollen.</p>
<p>Doch sobald der Blick von der reinen Arbeitskraft hin zu Entscheidungsmacht und klassischem Ehrenamt wandert, werden die Risse sichtbar. In der Pflege etwa endet die Karriere oft vor der Stationsleitung. Kompetenz übersetzt sich zu selten in Führungsverantwortung, was nicht nur frustriert, sondern den Institutionen wertvolle Perspektiven raubt.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-feuerwehr-nidda-output-1.png" class="img-fluid" alt="Donut-Diagramm zur Herkunft der Feuerwehrleute in Nidda: 96 Prozent ohne Migrationshintergrund, 4 Prozent mit Migrationshintergrund.">Abb. 4: Homogenität im Ehrenamt. Am Beispiel der Feuerwehr Nidda wird die Kluft deutlich: Während die Gesellschaft diverser wird, haben 96 % der Einsatzkräfte keine Migrationsgeschichte. Nur 0,5 % (1 von 203) sind selbst zugewandert. Quelle: Eigene Darstellung nach Winter (FAZ 2025).</p>
<p>Noch dramatischer ist die Situation im klassischen Ehrenamt wie der Freiwilligen Feuerwehr oder dem Katastrophenschutz (vgl. Winter 2025). Hier zeigt sich die Diskrepanz besonders deutlich (siehe Abb.4). Die Barrieren sind hier vielschichtig und oft subtil. Kulturelle Codes in Traditionsvereinen, in denen Geselligkeit eng mit Alkoholkonsum verknüpft ist, wirken ausschließend, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Das fundamentale Hindernis sind jedoch oft nicht einfach nur Barrieren oder Ängste, sondern oft eine strukturelle Divergenz im Staatsverständnis. In vielen Herkunftsländern dieser migrantisch-muslimischen Akteure existiert das Modell der ‚ehrenamtlichen Gefahrenabwehr‘ schlichtweg nicht.</p>
<p>Dort gilt eine strikte Arbeitsteilung. Sicherheit und Versorgung sind exklusive Aufgaben des Staates. Dass Bürger in ihrer Freizeit staatliche Kernaufgaben übernehmen, ist in diesem Erfahrungshorizont nicht vorgesehen. Mehr noch, in autoritär geprägten Kontexten wird eine starke, organisierte Zivilgesellschaft oft nicht als Ressource, sondern als Bedrohung der staatlichen Hegemonie wahrgenommen (vgl. STGM 2024, S. 10). Unabhängige Organisationen gelten als potenzielle Keimzellen des Widerstands.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/fig-stgm-zivilgesellschaft-output-1.png" class="img-fluid" alt="Balkendiagramm: 77,2% (rot markiert) der Befragten in der STGM-Studie haben keine Beziehung zu ZGO. Nur 7,7% sind Mitglieder oder Freiwillige.">Abb. 5: Distanz zur organisierten Zivilgesellschaft in der Türkei (ZGO). Laut STGM (2024) haben 77,2 % der Befragten keine Berührungspunkte mit ZGO. Nur 7,7 % sind als Mitglieder oder Freiwillige aktiv (Mitgliedschaftsquote: 4,1 %). Die lose Einbindung (insg. 15 %) erfolgt meist über Spenden (8,4 %) oder Hilfsleistungen. Quelle: Eigene Darstellung nach STGM (2024).</p>
<p>Wer mit dieser Vorstellung von Staat und Bürger sozialisiert wurde, für den ist das deutsche Modell der Freiwilligen Feuerwehr oder des THW zunächst ein kulturelles Rätsel. Es fehlt nicht unbedingt am Willen zum Engagement, sondern an der kulturell-historischen, generationellen Erfahrung für diese spezifische Form der Vergesellschaftung. Die Erwartungshaltung ist: „Wenn es brennt, kommt der Staat – warum soll ich das tun?” Dies ist keine Faulheit, sondern das Resultat einer völlig anderen sozial-historischen Prägung. Wenn wir diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen ignorieren und nur ‚Mangel an Integration‘ diagnostizieren, verfehlen wir das Problem.</p>
</section>
<section id="der-trugschluss-des-muslimischen-wohlfahrtsverbands-warum-wir-alte-strukturen-nicht-künstlich-beatmen-sollten" class="level3">
<h3 data-anchor-id="der-trugschluss-des-muslimischen-wohlfahrtsverbands-warum-wir-alte-strukturen-nicht-künstlich-beatmen-sollten"><strong>Der Trugschluss des „Muslimischen Wohlfahrtsverbands“: Warum wir alte Strukturen nicht künstlich beatmen sollten</strong></h3>
<p>In der Debatte um die Institutionalisierung des Islam wird reflexartig der Ruf nach einem „Muslimischen Wohlfahrtsverband“ laut. Die Logik scheint bestechend. Eine organisatorische Gleichstellung mit Caritas oder Diakonie würde Ressourcen freisetzen und muslimische Belange auf Augenhöhe professionalisieren. Doch diese Forderung verkennt die interne Verfasstheit der muslimischen Verbandslandschaft und ignoriert empirische Befunde der jüngsten Vergangenheit. Es ist an der Zeit, eine Position zu revidieren, die ich selbst vor über einem Jahrzehnt noch in meinem Beitrag „<a href="../../publikationen/posts/von-provisorien-zu-dauerhaften-strukturen.html">Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen</a>“ vertreten habe.</p>
<p>Die Annahme, die bestehenden Dachverbände könnten bruchlos in die Rolle eines Wohlfahrtsverbandes schlüpfen, wurde während der Flüchtlingskrise einem harten Realitätscheck unterzogen – und scheiterte. Obwohl staatliche Förderprogramme bereitstanden, um das enorme ehrenamtliche Engagement der Basis zu professionalisieren, wurden die Gelder kaum abgerufen.</p>
<p>Die Ursache lag nicht an der Basis, sondern in der Architektur der Verbände selbst. Die Zentralen erwiesen sich als administrative „Nadelöhre“. Sie waren strukturell nicht in der Lage, die komplexen Bedarfe ihrer Gemeinden in tragfähige, bürokratisch korrekte Anträge zu übersetzen oder die Mittel effizient weiterzuleiten. Wer heute den Aufbau eines Wohlfahrtsverbandes auf dem Fundament dieser Dachverbände fordert, ignoriert dieses institutionelle Versagen und riskiert, Ineffizienz staatlich zu alimentieren.</p>
<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/nadeloehr-verbaende-scaled.png" class="img-fluid" alt="Nadelöhr und Brain Drain muslimische Wohlfahrt">Abb. 6: Das strukturelle Nadelöhr: Administrative Hürden und konservative Vorstände blockieren Ressourcen, was zur Abwanderung professioneller Akteure in neue Fachvereine führt.</p>
<p>Noch schwerwiegender ist jedoch eine soziologische Verschiebung, die von der Politik oft übersehen wird. Der „Brain Drain“ innerhalb der organisierten Muslimschaft ist bereits in vollem Gange. Die dynamischsten Akteure, die über die notwendige Professionalität für soziale Arbeit verfügen, haben sich innerlich oft schon von den starren Verbandsstrukturen verabschiedet oder begeben sich erst gar nicht in die muslimischen Verbandsstrukturen. Sie sind es leid, für selbstverständliche soziale Initiativen bei konservativen Moscheevorständen um Erlaubnis „betteln“ zu müssen, deren Zielvorstellungen noch immer stark von der reinen Bewahrung eines als religiös-kulturell wahrgenommenen Herkunftsidentität geprägt sind .</p>
<p>Diese Akteure gründen neue, fachspezifische Vereine – für Bildung, Pflege oder Jugendarbeit –, die zwar religiös motiviert sein können, aber bewusst keine Religionsgemeinschaften sein wollen (für eine detaillierte Aufstellung unterschiedlicher Akteure vgl. Mediendienst Integration 2019, S. 2ff.). Die Moscheegemeinden und -verbände selbst bluten dadurch personell und intellektuell aus; der „Sozialraum Moschee“ droht auf die Funktion eines reinen Gebetsraums mit angeschlossenem Spendenempfangsbüro zu schrumpfen.</p>
<p>Ein „Muslimischer Wohlfahrtsverband“, der sich exklusiv auf die alten Säulen der Verbände stützt, wäre daher eine Hülle ohne Substanz. Er würde an den eigentlichen Leistungsträgern der Community vorbeigehen, die sich längst in neuen, hybriden Formen organisieren. Anstatt mühsam Parallelstrukturen zu simulieren, die an ihren eigenen Hierarchien scheitern, wäre es zielführender, diese neuen, unabhängigen Akteure direkt in die bestehende Wohlfahrtslandschaft einzubinden und die etablierten Träger für ihre Expertise zu öffnen.</p>
</section>
<section id="die-holschuld-der-community-und-das-versagen-der-verbände" class="level3">
<h3 data-anchor-id="die-holschuld-der-community-und-das-versagen-der-verbände"><strong>Die Holschuld der Community und das Versagen der Verbände</strong></h3>
<p>Es reicht jedoch nicht, nur auf die Barrieren der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen. Integration in die Zivilgesellschaft ist keine Einbahnstraße, sondern auch eine Holschuld der muslimischen Community.</p>
<p>Die großen Moscheeverbände, die eigentlich als Brückenbauer fungieren müssten, haben in den letzten Jahren versagt. Anstatt sich zu öffnen, ist eine Tendenz zum Rückzug und zur Pflege identitärer Enklaven zu beobachten. Wie ich bereits an anderer Stelle analysiert habe (siehe: <a href="../../publikationen/posts/wer-stehen-bleibt-kommt-nicht-voran.html">Wer stehen bleibt, kommt nicht voran</a>), fehlt es oft an einer ehrlichen Bestandsaufnahme und der Bereitschaft zur Selbstkritik. In diesen mentalen Enklaven wird suggeriert, dass wahres Engagement nur innerhalb der eigenen religiösen Grenzen zählt. Dies hemmt junge Muslime aktiv daran, sich in der allgemeinen Zivilgesellschaft einzubringen.</p>
<p>Verändern könnte sich dies, wenn Moscheegemeinden auch den Wert von Engagement vermitteln, das nicht direkt der eigenen Gruppe dient. Ein muslimischer Jugendlicher, der bei der Tafel hilft, leistet einen islamisch wertvolleren Beitrag als jemand, der sich nur um die Belange der eigenen Moschee kümmert. Moscheen müssen Kooperationen suchen, die über den symbolischen „Tag der offenen Moschee“ hinausgehen.</p>
<p>Gleichzeitig müssen wir Strategien entwickeln, um Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Das bedeutet aufsuchende Arbeit in Schulen und Jugendzentren und die Nutzung von Multiplikatoren.</p>
<p>Aber Partizipation darf nicht am Fuß der Pyramide enden. Wahre Teilhabe entscheidet sich an den Schalthebeln der Macht. Solange Muslime primär als Adressaten von Hilfe, aber selten als Gestalter von Strukturen auftreten, bleibt das Verhältnis asymmetrisch. Dabei geht es nicht um Quoten oder eine künstliche Bevorzugung, sondern um knallharte Professionalität. Organisationen müssen lernen, ihre eigenen kulturellen Blindstellen zu erkennen. Oft wird Kompetenz übersehen, nur weil sie nicht im gewohnten Habitus der Mehrheitsgesellschaft auftritt. Ziel muss eine Normalität sein, in der die Herkunft oder Religion bei der Besetzung von Führungspositionen schlichtweg irrelevant wird – weil allein die fachliche Eignung zählt und strukturelle Hürden, die diese Eignung unsichtbar machen, abgebaut wurden.</p>
</section>
<section id="fazit-von-der-integration-zur-gemeinsamen-verantwortung" class="level3">
<h3 data-anchor-id="fazit-von-der-integration-zur-gemeinsamen-verantwortung"><strong>Fazit: Von der Integration zur gemeinsamen Verantwortung</strong></h3>
<p>Wir stehen an einem entscheidenden Punkt. Die demografischen Fakten lassen keinen Raum mehr für ideologische Grabenkämpfe. Die Zukunft unserer gesellschaftlichen Strukturen – von der Feuerwehr bis zum Sportverein – hängt davon ab, ob es uns gelingt, die wachsende migrantische und muslimische Community in die aktive Mitgestaltung einzubinden.</p>
<p>Dabei geht es nicht mehr um Integration als einseitige Anpassungsleistung, sondern um die pragmatische Sicherung unserer Zivilgesellschaft. Dies erfordert ein neues Verständnis von <strong>gemeinsamer Verantwortung</strong> : Die migrantische und muslimische Community muss den Mut aufbringen, ihre mentalen Enklaven zu verlassen und sich als selbstverständlicher Teil des Ganzen zu begreifen. Die etablierten Institutionen müssen im Gegenzug ihre Strukturen kritisch hinterfragen, kulturelle Hürden abbauen und Diversität als Überlebensnotwendigkeit erkennen.</p>
<p>Nur wenn wir diesen Schritt wagen, kann eine Normalität entstehen, in der die Herkunft oder Religion in den Hintergrund tritt und allein der Beitrag zählt, den der Einzelne für das gemeinsame Wir leistet. Es geht nicht um große Theorien, sondern um das konkrete Tun vor Ort.</p>
</section>
<section id="literatur" class="level3">
<h3 data-anchor-id="literatur"><strong>Literatur:</strong></h3>
<p>Abay, Tezcan Eralp, Hakan Ataman and M. Murat Özçelebi. 2024. Türkiye’de sivil toplum algısı. Ankara: Sivil Toplum Geliştirme Merkezi (STGM). <a href="https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf" class="uri">https://www.stgm.org.tr/sites/default/files/2024-11/sivil-toplum-algisi-raporu-2024-dijital.pdf</a> (accessed: 10. January 2026).</p>
<p>Mediendienst Integration. 2019. Muslimische zivilgesellschaft in deutschland: Informationen und ansprechpartner. Berlin. <a href="https://mediendienst-integration.de/artikel/infopapier-muslimische-zivilgesellschaft.html" class="uri">https://mediendienst-integration.de/artikel/infopapier-muslimische-zivilgesellschaft.html</a> (accessed: 8. January 2026).</p>
<p>Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. 2024. Das bildungswesen in nordrhein-westfalen 2023/2024: Statistik kompakt. Düsseldorf.</p>
<p>Sachverständigenrat für Integration und Migration. 2022. Systemrelevant: Der beitrag von zugewanderten im gesundheitswesen: Zahlen und fakten zum SVR-jahresgutachten 2022. Berlin. <a href="https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2022/10/SVR_Factsheet_Jahresgutachten_2022.pdf" class="uri">https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2022/10/SVR_Factsheet_Jahresgutachten_2022.pdf</a> (accessed: 8. January 2026).</p>
<p>Simonson, Julia, N. Kelle, C. Kausmann, N. Karnick, C. Arriagada, C. Hagen, N. Hameister, O. Huxhold and C. Tesch-Römer. 2021. Freiwilliges engagement in deutschland: Zentrale ergebnisse des fünften deutschen freiwilligensurveys (FWS 2019). Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).</p>
<p>Statistisches Bundesamt. 2025. Anteil der bevölkerung mit einwanderungsgeschichte an der gesamtbevölkerung in deutschland von 2005 bis 2024. Statista. <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1488136/umfrage/entwicklung-des-bevoelkerungsanteils-mit-einwanderungsgeschichte-in-deutschland/" class="uri">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1488136/umfrage/entwicklung-des-bevoelkerungsanteils-mit-einwanderungsgeschichte-in-deutschland/</a> (accessed: 9. January 2026).</p>
<p>Winter, Thorsten. 2025. Warum es freiwilligen feuerwehren an vielfalt mangelt. <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ.NET)</em> (23. July). <a href="https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/warum-es-freiwilligen-feuerwehren-an-vielfalt-mangelt-110604455.html" class="uri">https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/warum-es-freiwilligen-feuerwehren-an-vielfalt-mangelt-110604455.html</a> (accessed: 5. January 2026).</p>
<hr>
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</section>

 ]]></description>
  <category>Soziale-Arbeit</category>
  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/muslimische-zivilgesellschaft-ehrenamt.html</guid>
  <pubDate>Tue, 13 Jan 2026 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/muslimische_zivilgesellschaft-kl.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Patientenverfügung für Musliminnen und Muslime: Ein Werkzeug der Selbstbestimmung an den Grenzen des Lebens</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-ein-werkzeug-der-selbstbestimmung-an-den-grenzen-des-lebens.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/patientenverfuegung.png" class="img-fluid feature-image" alt="Patientenverfügung für Musliminnen und Muslime: Ein Werkzeug der Selbstbestimmung an den Grenzen des Lebens"></p>
<p>Die Frage, wie wir sterben wollen, stellen wir uns eher als eine zutiefst private und weniger als eine politische vor. Aber nicht einmal der eigene Tod ist etwas vollkommen Privates. Sie berührt vielmehr das Verhältnis zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zwischen religiösen Überzeugungen und rechtlichen Strukturen. Eine neue Handreichung der Eugen-Biser-Stiftung wirft ein Licht auf diese Schnittstelle.</p>
<p>In deutschen Kliniken und Pflegeeinrichtungen existierten bislang Patientenverfügungen aus staatlicher, christlicher und humanistischer Perspektive - jedoch keine, die den spezifischen ethisch-theologischen Rahmen islamischer Glaubensüberzeugungen berücksichtigen. Auch in der muslimischen Organisationslandschaft ist das Thema bisher kaum aufgegriffen worden. Das Problem: Wer als Muslimin oder Muslim in eine palliative Behandlungssituation gerät, steht vor der Herausforderung, religiöse Wertvorstellungen in einem System zu artikulieren, das diese nicht systematisch vorsieht.</p>
<p>Die vorliegende <a href="https://www.eugen-biser-stiftung.de/publikation/handreichung-zur-erstellung-einer-patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-in-deutschland/">Handreichung</a> soll diese Lücke schließen, so der Anspruch der Autoren.</p>
<section id="zwischen-normativer-offenheit-und-strukturierter-entscheidungsfindung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="zwischen-normativer-offenheit-und-strukturierter-entscheidungsfindung">Zwischen normativer Offenheit und strukturierter Entscheidungsfindung</h2>
<p>Was die Handreichung auszeichnet, ist ihre bewusste Zurückhaltung gegenüber eindeutigen Vorgaben. Sie versteht sich ausdrücklich nicht als Fatwa, nicht als verbindliche religiöse Stellungnahme. Stattdessen legt sie das Spektrum islamisch-theologischer Positionen zu medizinischen Grenzfragen offen – von der Schmerzbehandlung über künstliche Ernährung bis zur Frage des Hirntods.</p>
<p>Die Publikation gliedert sich in vier Hauptkapitel, die jeweils unterschiedliche Wissensordnungen adressieren:</p>
<ol type="1">
<li><strong>Theologische Grundlegung</strong> : Was bedeutet Krankheit, Leiden und Tod aus islamischer Perspektive? Welche Rolle spielt die Vorstellung von der „Rückkehr zu Gott”?</li>
<li><strong>Rechtliche Rahmenbedingungen</strong> : Welche Formen der Sterbehilfe sind in Deutschland legal? Was unterscheidet passive von aktiver Sterbehilfe, was bedeutet der assistierte Suizid nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von 2017?</li>
<li><strong>Medizinische Handlungsoptionen</strong> : Von der Dialyse bis zur Sedierung werden einzelne Behandlungsformen erläutert – jeweils mit medizinischen Fakten und islamisch-theologischen Einordnungen.</li>
<li><strong>Wertvorstellungen und Bestattung</strong> : Anleitende Fragen zur Formulierung persönlicher Überzeugungen und Hinweise zu rituellen Wünschen im Sterbeprozess.</li>
</ol>
</section>
<section id="drei-zentrale-islamisch-theologische-spannungsfelder" class="level2">
<h2 data-anchor-id="drei-zentrale-islamisch-theologische-spannungsfelder">Drei zentrale islamisch-theologische Spannungsfelder</h2>
<p>Die Handreichung macht deutlich, dass es in zentralen Fragen kein einheitliches „islamisches” Urteil gibt. Stattdessen dokumentiert sie Meinungsverschiedenheiten unter Rechtsgelehrten:</p>
<p><strong>Behandlungsverzicht bei aussichtsloser Prognose</strong> : Die Mehrheit der konsultierten Quellen erlaubt den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen, wenn mehrere erfahrene Mediziner die Aussichtslosigkeit bestätigen. Das Argument: Medizinische Behandlung ist nicht in jedem Fall verpflichtend (wāǧib), sondern kann – je nach Erfolgsaussicht – auch nur erlaubt (mubāḥ) oder sogar verpönt (makrūh) sein.</p>
<p><strong>Sedierung und Bewusstseinsverlust</strong> : Hier zeigt sich ein genuines Spannungsfeld. Einerseits gilt die Linderung von Leiden als religiös erwünscht. Andererseits hat Bewusstsein im islamischen Verständnis einen besonderen Stellenwert – nicht zuletzt wegen der Empfehlung, im Sterben das Glaubensbekenntnis auszusprechen. Die Handreichung dokumentiert beide Positionen, ohne zu entscheiden.</p>
<p><strong>Hirntod und Organspende</strong> : Die Frage, ob der Hirntod als vollständiger Tod zu werten ist, bleibt in der islamischen Gelehrsamkeit umstritten. Die Handreichung referiert die Positionen verschiedener Fiqh-Gremien, von der IIFA bis zum Europäischen Rat für Fatwa, ohne eine Position zu privilegieren.</p>
<p>Die Handreichung versteht sich bei all dem nicht als Vorlage zum Ausfüllen von Formularen. Sie ist keine Fatwa. Sie ist keine Stellungnahme einer bestimmten Rechtsschule oder eines Verbandes. Sie ersetzt weder das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten noch die Konsultation von Personen des religiösen Vertrauens.</p>
<p>Sie ist ein Informationsinstrument – nicht mehr, aber auch nicht weniger..</p>
</section>
<section id="die-gesellschaftspolitische-dimension" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-gesellschaftspolitische-dimension">Die gesellschaftspolitische Dimension</h2>
<p>Die Publikation ist auch ein Dokument der Teilhabefrage. Ihre Entstehung verdankt sich dem Umstand, dass die sogenannte „Gastarbeitergeneration” in Deutschland alt geworden ist – oft in körperlich fordernden Berufen, mit entsprechenden Pflegebedarfen im Alter. Die Frage, wie das Gesundheitssystem mit religiöser Pluralität umgeht, ist keine Frage der Toleranz, sondern der strukturellen Inklusion.</p>
<p>Dass es diese Handreichung nun gibt, zeigt, was möglich wird, wenn zivilgesellschaftliche Akteure – hier die Eugen-Biser-Stiftung, das FAU EZIRE und die Robert Bosch Stiftung – Leerstellen identifizieren und mit Sachverstand füllen.</p>
</section>
<section id="verfügbarkeit" class="level2">
<h2 data-anchor-id="verfügbarkeit">Verfügbarkeit</h2>
<p>Die Handreichung ist über die <a href="https://www.eugen-biser-stiftung.de/publikation/handreichung-zur-erstellung-einer-patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-in-deutschland/">Eugen-Biser-Stiftung</a> und die <a href="https://www.islamberatung-bayern.de/infomaterial">Islamberatung in Bayern</a> kostenfrei erhältlich.</p>
<hr>
<p><em>Dieser Beitrag informiert über eine aktuelle Publikation im Schnittfeld von Gesundheitssystem, Religionspraxis und Rechtsstaat. Er stellt keine eigene Positionierung dar, sondern dokumentiert die Struktur und Argumentation der besprochenen Handreichung.</em></p>
<hr>
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 ]]></description>
  <category>Soziale-Arbeit</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/patientenverfuegung-fuer-musliminnen-und-muslime-ein-werkzeug-der-selbstbestimmung-an-den-grenzen-des-lebens.html</guid>
  <pubDate>Sun, 28 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/patientenverfuegung.png" medium="image" type="image/png" height="48" width="144"/>
</item>
<item>
  <title>Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/59c4a9c46012ad03d26bdcb67902ece1d75dbe63-maennlichkeit2x.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder"></p>
<section id="risiken-und-potenziale-für-bildungschancen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="risiken-und-potenziale-für-bildungschancen">Risiken und Potenziale für Bildungschancen</h2>
<p><strong>Die Schule hat schon lange kein Monopol mehr auf Sozialisation und Bildung. Wer verstehen will, wie sich junge Männer heute identitär verorten, muss in ihre digitalen Lebenswelten blicken. Dort wird nicht nur unterhalten, sondern ein normatives Weltbild geformt, das Bildungschancen massiv gefährdet.</strong></p>
<p>Wenn wir in Deutschland über „Bildung“ sprechen, denken wir reflexartig an Schulen, Lehrpläne und das Klassenzimmer. Wir debattieren über Ausstattung, Lehrermangel und PISA-Ergebnisse. Doch wenn es um die existenziellen Fragen junger Männer geht – „Wer bin ich?“, „Wie werde ich attraktiv?“, „Wie verdiene ich Respekt?“ – ist die Schule als Institution zunehmend irrelevant geworden. Wir beobachten einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Die wirkmächtigste Sozialisation findet heute nicht mehr in formalen Bildungseinrichtungen statt, sondern in den hochgradig professionalisierten Ökosystemen von TikTok, Instagram und YouTube.</p>
<p>Zu verstehen, wie diese digitalen Lernräume funktionieren, ist kein Nebenprojekt einer „zeitgemäßen Pädagogik“, sondern Voraussetzung, um bestimmte Jugendliche überhaupt noch zu erreichen.<br>
Diese Plattformen fungieren längst als primäre Bildungsakteure für normative Fragen. Wer diesen Raum ignoriert oder als bloße Unterhaltung abtut, überlässt die Deutungshoheit Akteuren, die oft gezielt antidemokratische und anti-emanzipatorische Ziele verfolgen.</p>
</section>
<section id="der-digitale-lehrplan-männlichkeit-als-inszenierung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="der-digitale-lehrplan-männlichkeit-als-inszenierung">Der digitale Lehrplan: Männlichkeit als Inszenierung</h2>
<p>Doch was genau steht auf diesem neuen Lehrplan? Unter anderem finden wir dort auch Konstruktionen einer spezifischen Männlichkeit, die als Antwort auf die Orientierungslosigkeit vieler junger Männer angeboten wird. Social Media fungiert hierbei als ein kuratierter Raum für Identität und Gemeinschaft. Die Vermittlung dieser Inhalte erfolgt jedoch selten über diskursive Auseinandersetzung oder rationale Argumente, wie wir es aus klassischen Bildungskontexten kennen. Vermittelt wird nicht über Argumente, sondern primär über Bilder, Stil und Atmosphäre.</p>
<p>In hochglanzpolierten Bildern wird eine Welt inszeniert, die einfache Lösungen verspricht: Physische Dominanz, zur Schau gestellter Luxus und eine bedingungslose, maskuline „Brüderlichkeit“ dienen als visuelle Chiffren für Erfolg. Diese Inszenierung wird mit dem Versprechen des „Self-Improvement“ verknüpft. Die Botschaft ist so simpel wie verfänglich: „Folge diesem Pfad der Härte und Disziplin, und du wirst den Respekt erhalten, der dir im echten Leben verwehrt bleibt.“ Diese emotionale Ansprache wirkt häufig stärker als Unterricht, Präventionsprojekte oder Beratungsangebote, weil sie die Komplexität moderner Lebensrealitäten radikal reduziert und damit ein Gefühl von Klarheit und Ordnung verspricht.</p>
<p>Analysiert man die Inhalte, die auf diesem „digitalen Lehrplan“ stehen, offenbart sich ein zutiefst toxisches Weltbild. Im Zentrum steht eine hegemoniale Männlichkeit, die Dominanz, emotionale Abstumpfung und Kontrolle als einzig valide Form von Stärke definiert - getreu dem Motto „Real men lead“. Flankiert wird dies von einem strikten Antipluralismus, der eine klare „Wir-gegen-Sie“-Rahmung etabliert. Vielfalt, etwa in Form von Feminismus oder LGBTQ+-Rechten, wird nicht als gesellschaftliche Realität, sondern als existenzielle Bedrohung der eigenen Identität inszeniert. Besonders problematisch ist, wie sehr dieses Weltbild in die Isolation führt: Einwände seitens der Schule, der Eltern oder der Mehrheitsgesellschaft werden in diesem geschlossenen Weltbild nicht als Anlass zur Reflexion, sondern als Beweis für die Richtigkeit des eigenen Weges gewertet. Wer kritisiert, ist Teil der „Matrix“, die den Mann schwächen will.</p>
</section>
<section id="das-chamäleon-wie-westliche-mythen-muslimisch-werden" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-chamäleon-wie-westliche-mythen-muslimisch-werden">Das Chamäleon: Wie westliche Mythen „muslimisch“ werden</h2>
<p>Diese Inhalte erzeugen auch bei muslimischen Jugendlichen in einer überraschenden Form Resonanz: Die Inhalte des toxisch-männlichen Spektrums sind extrem wandelbar und anpassungsfähig. Sie stellen perfekte Anschauungsmaterialien dafür dar, wie globale Narrative lokal adaptiert werden können. Was in der pädagogischen Praxis oft vorschnell als „islamisch“ oder „traditionell“ gellabelt werden dürfte, ist bei genauerer Betrachtung oft gar kein theologisches Phänomen, sondern ein soziologisches Mimikry.</p>
<p>Wir können hier beobachten, wie ein ursprünglich westlicher Mythos – die Narrative der „Manosphere“, der „Red Pill“-Foren oder der Incel-Szene – in muslimische Kontexte einsickert und dort plötzlich als vermeintlich eigener, „authentischer“ Diskurs auftritt. Muslimische Influencer in der sogenannten „Akhi-Sphere“ kopieren Figuren wie Andrew Tate, setzen sich aber eine Kufiyya auf und zitieren einen Hadith dazu. So verwandelt sich der säkulare „High Value Man“ in den frommen Patriarchen, und das romantisierte Bild der westlichen <em>TradWife</em> wird zur <em>TradMuslimah</em>. Durch diese Camouflage erscheint die Ideologie nicht als importierter Antifeminismus, sondern als Verteidigung der eigenen, vermeintlich authentischen Identität gegen den „Westen“. Der Glaube wird hier zum bloßen Vehikel für eine patriarchale Ideologie degradiert, die einen konstruierten Neo-Traditionalismus als antimodernistische Rebellion in Stellung bringt.</p>
<p>In der Praxis führt diese „Islamisierung“ globaler Trends zu perfiden Umdeutungen. Die Rolle des „Providers“ wird auf die des materiellen Versorgers reduziert, was klare, autoritäre Hierarchien schafft („Wer zahlt, bestimmt“) und religiös legitimiert wird. Noch gefährlicher ist die Umdeutung emotionaler Konzepte: Die „Ghirah“ (eine Art schützende Eifersucht) wird von einer Tugend der Fürsorge zu einem Instrument der Überwachung umfunktioniert. Die Botschaft lautet: Wenn du deine Frau nicht kontrollierst, liebst du sie nicht und hast keine Ehre – du bist ein „Dayyuth“. Ähnlich verhält es sich mit der religiösen Aufforderung, den Blick zu senken („Lower the Gaze“). Ursprünglich ein Gebot der männlichen Bescheidenheit und Selbstkontrolle, wird es zur Waffe gegen Frauen umgedreht („Ich senke meinen Blick und hole mir damit die Macht über dich zurück!“) und betreibt so ein religiös verbrämtes Victim Blaming.</p>
</section>
<section id="die-querfront-nationalismus-und-identitäre-allianzen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-querfront-nationalismus-und-identitäre-allianzen">Die Querfront: Nationalismus und identitäre Allianzen</h2>
<p>Neben dieser religiösen Aufladung beobachten wir ein zweites, nicht minder brisantes Phänomen: das Erstarken ultranationalistischer Strömungen und das Entstehen neuer identitärer Allianzen. Männlichkeit wird hier nicht nur theologisch, sondern ethnisch essentialisiert – etwa als spezifisch „türkisch“ – und mythisch mit Attributen wie Mut und unbarmherziger Härte aufgeladen.</p>
<p>Hier entsteht eine beunruhigende Querfront der Ausgrenzung. Galten rechtsextreme deutsche Identitäre und türkische Ultranationalisten (wie die Grauen Wölfe) früher als verfeindet, eint sie heute zunehmend ein gemeinsames Feindbild: Queer, Trans und der Feminismus. Das verbindende Narrativ lautet: „Wir echten Männer – egal ob Deutscher oder Türke – gegen die verweichlichte, bunte Moderne.“</p>
<p>Die Ablehnung von Queerness liefert das verbindende Brückennarrativ, das aus Gegnern Verbündete macht. Der Begriff der Ehre dient dabei als Waffe zur Hierarchisierung und zur Abwertung anderer Lebensentwürfe, wodurch eine Allianz entsteht, die sich nicht mehr primär über Herkunft, sondern über den gemeinsamen Hass auf die offene Gesellschaft definiert.</p>
</section>
<section id="konsequenzen-für-die-bildungsbiografie" class="level2">
<h2 data-anchor-id="konsequenzen-für-die-bildungsbiografie">Konsequenzen für die Bildungsbiografie</h2>
<p>Das bleibt für die Bildungs- und Berufschancen junger Männer nicht folgenlos. Das ständige Konsumieren des „Wir-gegen-Sie“-Narrativs fördert die soziale Isolation und den Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft. Noch schwerer wiegt die gezielte Abwertung von Schule, Ausbildung und Studium. Wenn Online-Akteure das Narrativ verbreiten, das staatliche System wolle Männer „verweichlichen“ oder ihnen die Wahrheit vorenthalten, verliert die Schule ihre Autorität als Ort des Wissenserwerbs. Zudem führt das propagierte rigide Männerbild in eine berufliche Sackgasse. In der Arbeitswelt von heute reichen Härte und Konkurrenzdenken nicht aus: Gefragt sind Teamfähigkeit, Empathie und die Fähigkeit, Konflikte auszutragen, ohne Beziehungen zu zerstören. Wer jedoch lernt, dass Dominanz die einzige Währung von Relevanz ist, wird im Arbeitsmarkt scheitern. Die digitale Radikalisierung verbaut somit auch analoge Zukunftschancen.</p>
</section>
<section id="das-vakuum-füllen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-vakuum-füllen">Das Vakuum füllen</h2>
<p>Es greift zu kurz, das Problem bei den jungen Männern zu suchen, die nach Orientierung streben. Das eigentliche Problem ist das Vakuum, das wir ihnen hinterlassen haben. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, müssen wir verstehen, wie soziale Medien wirken – und warum sie für viele Jugendliche attraktiver sind als jedes schulische Angebot. Nicht, um sie gutzuheißen, sondern um anzuerkennen, dass wir die Verantwortung für diesen Raum nicht einfach abgeben können.</p>
<p>Es reicht nicht, diese Räume zu kritisieren; sie müssen mit anderen Geschichten von Männlichkeit und Religiosität gefüllt werden. Gefragt sind Formate, die in Qualität und Tempo mit den gängigen Feeds mithalten: keine PDFs, sondern kurze, visuell überzeugende Clips, die in der Bildsprache der Plattformen sprechen. Und wir brauchen das Angebot einer Neudefinition von Stärke: Stärke als Verantwortung, Empathie und Gerechtigkeit (<em>Adl</em>). Es gilt, religiöse Argumentationsmuster nicht den Extremisten zu überlassen, sondern progressive, theologisch fundierte Lesarten sichtbar zu machen. Damit einhergehen muss jedoch auch eine bewusste Ent-Islamisierung des Diskurses. Wir neigen dazu, bei Menschen mit einem muslimischen religiösen oder kulturellen Hintergrund jedes Problem reflexartig religiös zu deuten. Wir müssen lernen, Fragen wie Diskriminierung oder Identität auch säkular und bürgerrechtlich zu beantworten, statt sie stets zu theologisieren.</p>
<p>Gleichzeitig darf die Antwort nicht rein digital bleiben. Die digitale Radikalisierung erfordert authentische, analoge Ankerpunkte. Entscheidend sind überschaubare, peer-getragene Kontexte: Sportgruppen, Jugendtreffs, Gaming-Communities, in denen junge Männer Erfahrungen von Zugehörigkeit und Halt machen, ohne rigiden Hierarchien ausgeliefert zu sein. Nur wenn wir verstehen, dass Social Media heute ein zentraler Bildungsort ist, und wir bereit sind, dieses Vakuum online wie offline mit Angeboten zu füllen, die Jugendliche ernst nehmen und ihnen tragfähige andere Deutungen von Männlichkeit eröffnen, können wir verhindern, dass eine Generation junger Männer in eine digitale Parallelwelt abdriftet, die ihnen Souveränität verspricht, aber nur Isolation bietet.</p>
<hr>
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</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html</guid>
  <pubDate>Tue, 02 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/59c4a9c46012ad03d26bdcb67902ece1d75dbe63-maennlichkeit2x.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung – Lehrerfortbildung in Berlin</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/maennlichkeitsbilder-tradition-radikalisierung-lehrerfortbildung-berlin.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Banner_Engin_Karahan-Maennlichkeitsbilder-scaled.jpg" class="img-fluid feature-image" alt="Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung – Lehrerfortbildung in Berlin"></p>
<p>Am 2. Dezember 2025 habe ich beim <strong>Berliner Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung an Schulen (BLiQ)</strong> der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie eine <strong>Lehrerfortbildung</strong> zum Thema „Männlichkeitsbilder zwischen Tradition und Radikalisierung” gehalten. Adressiert waren Lehrkräfte, die in ihrem Schulalltag täglich mit den Sozialisationsräumen junger Männer konfrontiert sind – und die selten Gelegenheit haben, diese Räume systematisch in den Blick zu nehmen.</p>
<section id="worum-es-ging" class="level2">
<h2 data-anchor-id="worum-es-ging">Worum es ging</h2>
<p>Der Vortrag ist drei Leitfragen nachgegangen: Wie instrumentalisieren extremistische Akteure Männlichkeit? Welche Online-Narrative prägen Jugendliche? Und gibt es tragfähige Gegenentwürfe?</p>
<p>Ein zentraler Befund: Viele der vermeintlich „traditionellen” Geschlechterbilder sind gar nicht originär religiös, sondern eine <strong>Islamisierung globaler Manosphere- und Red-Pill-Muster</strong>. Begriffe wie „High Value Man” oder „Hypergamie” werden aus westlichen Incel- und TradWife-Kontexten übernommen und nachträglich mit selektiven Versen oder Hadithen legitimiert – als konstruierter Neo-Traditionalismus, der sich als Rebellion gegen Feminismus und Gleichstellung inszeniert. An konkreten TikTok- und Instagram-Beispielen (etwa „Masculine Muslim”, „The Sunnah Guy”, „Deenathletic”) habe ich gezeigt, wie Disziplinierung von Frauen, ein rigides Männerideal, Queerfeindlichkeit als Brückennarrativ und eine Ästhetik der Brüderlichkeit ineinandergreifen – psychologisch gut gebaut, algorithmisch belohnt, anschlussfähig bis in jihadistische Ränder.</p>
<p>Den größeren Teil habe ich der <strong>Prävention</strong> gewidmet: agile, eigenständige Online-Formate statt reiner Gemeindestrukturen, eine doppelte Antwort (theologisch fundiert <em>und</em> säkular-bürgerrechtlich) und eine Ent-Ideologisierung des Diskurses – nicht jede Frage junger Männer ist religiös zu lösen. Und ein positiver Gegenentwurf zu „starker” Männlichkeit: Stärke als Verantwortung, Empathie, Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit – mit konkreten Skills wie Emotionen benennen, Grenzen wahren, Konflikte fair lösen. Für die Schule heißt das: Schul-AGs, Präventionsfachkräfte und mobile Formate mit Social-Clip-Anbindung sind oft wirksamer als der erhobene Zeigefinger.</p>
</section>
<section id="weiterlesen" class="level2">
<h2 data-anchor-id="weiterlesen">Weiterlesen</h2>
<ul>
<li><a href="../../publikationen/posts/echte-maenner-warum-maennlichkeitsbilder-fuer-die-radikalisierungspraevention-zentral-sind.html">Echte Männer? Warum Männlichkeitsbilder für die Radikalisierungsprävention zentral sind</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/digitale-bildungsraeume-und-maennlichkeitsbilder.html">Digitale Bildungsräume und Männlichkeitsbilder</a></li>
<li><a href="../../publikationen/posts/gegen-die-manosphere-reicht-kein-erhobener-zeigefinger.html">Gegen die Manosphere reicht kein erhobener Zeigefinger</a></li>
</ul>
<p>Wenn Sie eine Fortbildung, einen Vortrag oder einen Workshop zu diesen Themen planen, erreichen Sie mich über die <a href="../../kontakt.html">Kontaktseite</a>.</p>


</section>

 ]]></description>
  <category>Praevention-Resilienz</category>
  <category>Veranstaltung</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/maennlichkeitsbilder-tradition-radikalisierung-lehrerfortbildung-berlin.html</guid>
  <pubDate>Tue, 02 Dec 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
  <media:content url="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/Banner_Engin_Karahan-Maennlichkeitsbilder-scaled.jpg" medium="image" type="image/jpeg"/>
</item>
<item>
  <title>Protest ohne Gesicht</title>
  <dc:creator>Engin Karahan</dc:creator>
  <link>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/protest-ohne-gesicht.html</link>
  <description><![CDATA[ 






<p><img src="https://ethos-polis.info/publikationen/posts/images/5446c8bb3269df5d0735274142a1d59c6586433e-stadtbild2x-1.png" class="img-fluid feature-image" alt="Protest ohne Gesicht"></p>
<section id="wenn-die-elite-den-diskurs-verweigert" class="level2">
<h2 data-anchor-id="wenn-die-elite-den-diskurs-verweigert">Wenn die „Elite” den Diskurs verweigert</h2>
<p><strong>Der stille Protest der Stipendiaten der Deutschlandstiftung Integration gegen Kanzler Friedrich Merz war eindrucksvoll. Doch das Schweigen danach offenbart ein problematisches Verständnis von Verantwortung bei denen, die eigentlich die Zukunft mitgestalten wollen.</strong></p>
<p>Als ich das Video von dem stillen Protest der Stipendiaten der Deutschlandstiftung Integration sah, war ich zunächst beeindruckt. Ein Freund hatte mir den Clip zugespielt. Der Anlass war die Verleihung des „Talisman“-Preises der Stiftung am 19. November 2025 in Berlin. Während der Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz erhoben sich Dutzende junge Menschen und verließen schweigend den Saal.</p>
<p>Der Auslöser war nicht etwa eine erneute Entgleisung in seiner aktuellen Rede. Vielmehr war es die Präsenz des Kanzlers selbst und die Erinnerung an seine frühere Aussage über das „Stadtbild“. Eine Chiffre, die bei den Anwesenden einen wunden Punkt trifft. Denn diese jungen Menschen wissen aus Erfahrung: Wenn über das „Stadtbild“ gesprochen wird, das sich verändert habe, sind meist sie gemeint. Nicht wegen ihres Verhaltens, sondern wegen ihres Aussehens, der Herkunft ihrer Eltern oder ihrer religiösen Sichtbarkeit. Es ist das Potential in dieser früheren Aussage, den Migrationshintergrund <em>an sich</em> zum Problem zu erklären, das diesen Protest motivierte.</p>
<p>Mich beeindruckte die Form: Kein Geschrei, kein Tumult, der die eigentliche Botschaft überdeckt hätte. Es war eine würdevolle, fast choreografierte Stille. Die Protestierenden trugen Aufkleber mit der Aufschrift „Wir sind das Stadtbild“. Sie hatten das Momentum auf ihrer Seite. Sie hatten die Aufmerksamkeit des Kanzlers und des Saals.</p>
<p>Und dann? Dann kam nichts.</p>
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<section id="die-flucht-in-die-anonymität" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-flucht-in-die-anonymität">Die Flucht in die Anonymität</h2>
<p>Die Öffentlichkeit und die Presse erfuhren über Social Media von dem Vorfall. Doch als das Thema viral ging und Journalisten nachfragten, um die Motive zu verstehen und einzuordnen, stießen sie auf eine Mauer des Schweigens. Wie unter anderem <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_101009310/merz-protest-von-integrations-stipendiaten-warum-sie-nicht-reden-wollen.html">t-online berichtete</a>, verweigerten die Stipendiaten kollektiv die Aussage. Man wolle nicht mit der Presse reden, hieß es. Die Angst, dass dies der eigenen Karriere schaden könnte, dass man als „schwierig“ abgestempelt würde, schien größer zu sein als das Anliegen selbst. Man verschwand in der Anonymität der Gruppe.</p>
<p>Hier kippt meine Bewunderung in Unverständnis. Wer auf einer solchen Bühne gegen den Regierungschef protestiert, der fordert den Diskurs heraus. Wer „Wir sind das Stadtbild“ auf der Brust trägt, aber dann bei Nachfragen abtaucht, sendet ein zutiefst widersprüchliches Signal.</p>
<p>Es wirkt, als wolle man zwar den moralischen Applaus für den Widerstand, aber nicht die Verantwortung für die eigene Haltung übernehmen. Es offenbart sich hier ein Akteurstypus, der mir zunehmend Sorgen bereitet: Eine Generation von „High Potentials“, die den Anspruch erhebt, die Elite von morgen zu sein, aber die Mechanismen des öffentlichen Diskurses nur selektiv bedienen will.</p>
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<section id="strategischer-skandal-statt-aufrichtiger-diskurs" class="level2">
<h2 data-anchor-id="strategischer-skandal-statt-aufrichtiger-diskurs">Strategischer Skandal statt aufrichtiger Diskurs</h2>
<p>Dieses Verhalten erinnert mich an eine Episode aus meiner ehrenamtlichen Arbeit bei der <a href="https://alhambra-gesellschaft.de/">Alhambra Gesellschaft e.V.</a>. Vor einigen Jahren, kurz nach der Gründung des Vereins, trat eine renommierte Wissenschaftlerin an uns heran. Sie präsentierte uns eine „Strategie“, wie wir den Diskurs zu „unseren“ Gunsten - also ihrer Vorstellung nach im Sinne der postmigrantischen Gesellschaft - verschieben könnten. Ihr Vorschlag: Wir sollten gezielt provokante Thesen aufstellen, ja sogar Skandale inszenieren, um die Grenzen des Sagbaren zu weiten. Sie würde dann von der Seitenlinie aus, in ihrer Rolle als Wissenschaftlerin, das Ganze einordnen und kontextualisieren.</p>
<p>Wir waren damals schockiert. Unser Ansatz war immer der des Brückenbauens, der aufrichtigen Auseinandersetzung und des gesitteten, konstruktiven Streits, nicht der manipulativen Inszenierung. Da wir uns für ihre Zwecke nicht instrumentalisieren ließen, bezeichnete sie uns später einmal pikiert als „volatil“ – wir waren für sie schlicht nicht berechenbar und steuerbar.</p>
<p>Diesen Begriff würde ich heute gerne zurückgeben. Denn was ist <em>volatiler</em> als eine Haltung, die mal den radikalen Protest sucht und im nächsten Moment aus Karriereangst verstummt? Es ist eine Form des <a href="https://karahan.net/de/blog/zynischer-pragmatismus">zynischen Pragmatismus</a>: Man nutzt die Werkzeuge des Systems (hier: die mediale Aufmerksamkeit), verweigert aber die moralische Verpflichtung, die damit einhergeht - nämlich Rede und Antwort zu stehen.</p>
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<section id="die-drei-typen-der-auseinandersetzung" class="level2">
<h2 data-anchor-id="die-drei-typen-der-auseinandersetzung">Die drei Typen der Auseinandersetzung</h2>
<p>Wenn ich auf meine eigene Jugend und die Entwicklung der muslimischen und migrantischen Community zurückblicke, lassen sich - grob vereinfacht - drei Typen der Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft erkennen. Diese Typologie ist sicher nicht wissenschaftlich erschöpfend, aber sie hilft, das aktuelle Dilemma zu verstehen:</p>
<ol type="1">
<li><strong>Der Rückzug (Isolation):</strong> Jene, die die „Welt da draußen“ primär als Zumutung empfanden. Sie zogen sich in die eigene In-Group zurück - in die Moschee, den Kulturverein, die Teestube. Ihr Ziel war es, möglichst unsichtbar zu bleiben, keine Ansprüche zu stellen und im Gegenzug in Ruhe gelassen zu werden.</li>
<li><strong>Der Brückenbau (Partizipation):</strong> Diejenigen, die verstanden, dass ein getrenntes Leben eine Illusion ist. Sie gingen in den Konflikt, in den Dialog, in die Parteien, Vereine und Moscheen. Sie verstanden sich als Übersetzer und Streiter in beiden Welten. Sie machten sich verwundbar, weil sie Gesicht zeigten - und dafür oft von beiden Seiten Prügel bezogen.</li>
<li><strong>Die Flucht (Assimilation):</strong> Diejenigen, die mit ihrer „Herkunftsgruppe“ eigentlich nichts zu tun haben wollten. Sie schämten sich oft für das „Andere“, das Unperfekte ihrer Eltern, ihre Herkunftskultur, Sprache und Religion. Ihr Ziel war das nahtlose Aufgehen in der Mehrheitsgesellschaft, fixiert auf individuellen Erfolg und Karriere. Das Motto war: Bloß nicht als „der Migrant“ auffallen, solange es nicht dem eigenen Interesse dient.</li>
</ol>
<p>Mit den Typen 1 und 3 konnte ich mich nie identifizieren. Doch was wir heute erleben, scheint mir eine seltsame Mutation des Typus 3 zu sein.</p>
<p>Viele der heutigen Akteure, die oft als <a href="https://karahan.net/de/blog/innermuslimischer-diskurs-auf-abwegen">privilegierte Stimmen</a> auftreten, scheinen ihr halbes Leben im Modus der Anpassung verbracht zu haben. Nun, da Identitätspolitik eine Währung geworden ist, entdecken sie den Protest. Doch sie agieren dabei aus einer Position der Überkompensation heraus. Sie wollen den „Widerstand“, aber bitte ohne das Risiko, das der „Brückenbauer“ (Typus 2) tagtäglich trägt.</p>
</section>
<section id="das-falsche-signal-an-die-eigene-und-nächste-generation" class="level2">
<h2 data-anchor-id="das-falsche-signal-an-die-eigene-und-nächste-generation">Das falsche Signal an die eigene und nächste Generation</h2>
<p>Das eigentliche Problem an der Aktion der Stipendiaten ist nicht der Protest gegen Merz - dieser war in der Form legitim und verständlich. Das Problem ist die Botschaft, die durch das anschließende Schweigen an die eigene und die nächste Generation gesendet wird.</p>
<p>Wenn die „Elite“ der jungen Migranten - jene, die Stipendien erhalten, die Zugang zu Kanzlern haben oder gar einen Lehrstuhl besetzen - signalisiert, dass man seine Meinung nur anonym und im Schutz der Masse äußern kann, weil man sonst vernichtet wird: Was sagt das dem Jugendlichen in Neukölln oder Marxloh?</p>
<p>Es vermittelt Fatalismus. Es lehrt, dass echte, aufrechte Partizipation unmöglich oder zu gefährlich ist. Es fördert eine Haltung, die sich in performativen Gesten erschöpft, anstatt die mühsame Arbeit der Veränderung durch Argument und Auseinandersetzung zu leisten.</p>
<p>Wer das „Stadtbild“ sein will, muss sich auch trauen, in diesem Bild sichtbar zu bleiben, wenn die Kameras laufen und die Fragen unangenehm werden. Alles andere ist kein politischer Protest, sondern ein Flashmob mit Karrierevorbehalt.</p>
<p>Wer glaubwürdig für eine offene Gesellschaft streiten will, muss bereit sein, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen - auch wenn es ungemütlich wird. Das ist der Preis der Freiheit. Ihn nicht zahlen zu wollen, aber die Dividende einzustreichen, ist zu wenig.</p>
<hr>
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  <category>Gesellschaft-Politik</category>
  <guid>https://ethos-polis.info/publikationen/posts/protest-ohne-gesicht.html</guid>
  <pubDate>Mon, 24 Nov 2025 00:00:00 GMT</pubDate>
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